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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.04.2013

Stra├čen und Gesichter. Berlin 1918-1933 ÔÇô herausgegeben von der Berlinischen Galerie
Sabine Reichelt

Zwischen Tram und Tanzlokal bewegen sich die Arbeiten im Ausstellungskatalog und zeichnen damit ein Bild der Gro├čstadt in der Weimarer Republik, gepr├Ągt von kultureller Bl├╝te und sozialen...



... Ungerechtigkeiten.

Berlin in den 1920er Jahren. Stra├čenleben. FabrikarbeiterInnen kommen von der Schicht nach Hause, Frauen mit Hut und M├Ąnner im Anzug eilen zwischen Pferdewagen und Automobilen die Yorckstra├če entlang, werden optisch beinahe erdr├╝ckt von der H├Ąuserfront in Schwarz-Wei├č, die hier als Kulisse dient. Menschen stehen oder sitzen dicht beieinander, allzu dicht, und scheinen doch ganz einsam, voneinander abgeschnitten. Wie die drei (klein-)b├╝rgerlichen Frauen auf der Tuschezeichnung "In der Stra├čenbahn" von Jeanne Mammen. Prall und in sich versunken sind sie wohl auf dem Weg zum Friedhof, Kranz und Blumenstrau├č auf dem Scho├č haltend. Doch w├Ąhrend sie beinahe zufrieden wirken, vielleicht zu den Gewinnerinnen des urbanen Lebens z├Ąhlen, stehen zwei Prostituierte auf einer anderen Zeichnung Mammens dicht beieinander und sind umgeben von Schw├Ąrze, Dunkelheit. Hier herrscht Hoffnungslosigkeit.

Der Bildband "Stra├čen und Gesichter. Berlin 1918-1933", der begleitend zur gleichnamigen Ausstellung der Berlinischen Galerie erschien, versammelt 65 Zeichnungen und Grafiken aus der Sammlung der Galerie, alle in der Weimarer Republik entstanden und von bekannten und weniger bekannten VertreterInnen der Neuen Sachlichkeit erstellt. Zu ihnen z├Ąhlen George Grosz, Otto Dix, Jeanne Mammen oder Rudolf Schlichter.
Es ist eine Zeit des kulturellen Aufbruchs und der Bl├╝te, aber auch wirtschaftlicher und politischer Krisen. Bilder, die Berlin in den "Goldenen Zwanzigern" zeigen, als Hauptstadt der Kunst und des Vergn├╝gens, Grafiken in Bunt und Schwarz-Wei├č, wechseln sich ab mit Szenen des Leids arbeitsloser DemonstrantInnen oder allein gelassener S├╝chtiger. So unterschiedlich wie die dargestellten Motive sind auch die Stile der K├╝nstlerInnen: knapp und karikaturenhaft die Portraits ber├╝hmter ZeitgenossInnen von Dolbin, gedrungen und energisch die Alltagsszenen Michel Fingestens, geradlinig und ausdrucksstark die Frauenportraits Gertrude Sandmanns.

Treffend arrangiert sind auch die verschiedenen Perspektiven der K├╝nstlerInnen im Bildband. So scheint es, als w├╝rde mensch von den vor Gesichtern ├╝berquellenden Zeichnungen Chas-Labordes, die Szenen in Lokalen oder am Potsdamer Platz zeigen und in Pastellt├Ânen getuscht sind, auf den n├Ąchsten Seiten beim Betrachten der Werke Sandmanns an eben diese Gesichter heranzoomen. Besonders einpr├Ągsam ist ihre junge "Frau mit rotem Hut", deren Gesichtskonturen ganz deutlich sind ÔÇô Kontraste aus Licht und Schatten, Rot und Schwarz ÔÇô und die unglaublich z├Ąrtlich blickt, deren Oberk├Ârper sich dann aber im Hintergrund des wei├čen Blattes aufl├Âst. Gertrude Sandmann war Sch├╝lerin und Freundin K├Ąthe Kollwitz┬┤ und Zeit ihres Lebens in der Frauen- und Lesbenbewegung aktiv, informiert ein Begleittext neben ihren Bildern.

Erg├Ąnzt wird der Katalog au├čerdem durch Aufs├Ątze in Englisch und Deutsch, die Einzelph├Ąnomene genauer beleuchten und die K├╝nstlerInnen und ihre Werke in die gesellschaftlichen Verh├Ąltnisse einordnen. Ein Text widmet sich dabei jenen jungen Frauen, die in der Gro├čstadt der Weimarer Republik zu den Gewinnerinnen z├Ąhlen. Sie kommen vom Land oder aus kleineren St├Ądten und emanzipieren sich nun von ihren Familien, arbeiten tags├╝ber als Verk├Ąuferin oder Sekret├Ąrin und erkunden sp├Ąter das pulsierende Berliner Nachtleben. Als "Neue Frauen" werden sie bezeichnet und ihr Ideal wird in Modekatalogen durch K├╝nstlerInnen wie Lieselotte Friedl├Ąnder, die auch als Gebrauchsgrafikerin arbeitete, vorgezeichnet. So wird auch aus kritischen und emanzipatorischen Potentialen im Sinne des Kapitalismus Profit geschlagen.

Ein weiteres Verdienst des Bandes besteht darin, auch vergessenen K├╝nstlerInnen eine Plattform zu bieten. Zu ihnen z├Ąhlt Ines Wetzel, die in den 1920er Jahren Teil des Berliner Kunstlebens war und sp├Ąter von den NationalsozialistInnen in Dachau ermordet wurde. Der Bildband zeigt sie auf einem Selbstbildnis mit Bubikopf, einem weiteren Erkennungsmerkmal der "Neuen Frau".

AVIVA-Tipp: Die St├Ąrke des Katalogs liegt in der Zusammenstellung sowohl stilistisch als auch motivisch ganz unterschiedlicher Arbeiten, vom schnell gezeichneten Portrait Marlene Dietrichs zur Szene des proletarischen Lebens, und in deren geschickter Anordnung nach relevanten Themen wie "B├╝hne und Bar" oder "Stra├čenleben". Ausgesprochen informativ sind au├čerdem die kleinen Beitexte zu einzelnen Werken und K├╝nstlerInnen sowie die ausf├╝hrlicheren Aufs├Ątze, die das Bild einer Zeit zwischen Aufbruch und Depression erg├Ąnzen.

Stra├čen und Gesichter. Berlin 1918-1933
Herausgegeben von der Berlinischen Galerie
Landesmuseum f├╝r Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Kerber Verlag, erschienen 2012
128 Seiten, 84 farbige Abbildungen, deutsch und englisch
ISBN: 978-3-86678-786-5
Museumsausgabe 19,80 Euro
Buchhandelsausgabe 24,95 Euro
www.kerberverlag.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Glamour. Das Girl wird feine Dame ÔÇô Frauendarstellung in der sp├Ąten Weimarer Republik

Noch bis zum 12. August 2013 zeigt die Berlinische Galerie die Ausstellung Aus der Sammlung: Kunst in Berlin 1933-1938. Verfemt. Verfolgt. Verboten.. Dort zu sehen sind auch Werke von Otto Dix, Jeanne Mammen und anderen K├╝nstlerInnen der Weimarer Republik.

Siegfried Kracauer - Stra├čen in Berlin und anderswo



Literatur Beitrag vom 08.04.2013 Sabine Reichelt 





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