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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.12.2013

Juli Zeh - Good Morning, Boys and Girls. Theaterst├╝cke
Julia Lorenz

Die "Spieltrieb"-Autorin und Politaktivistin durchleuchtet in vier be├Ąngstigend aktuellen B├╝hnenwerken die Paranoia des Rechtsstaats 2.0 und das Individuum in Zeiten maximaler Effizienzsteigerung.



"Ich denke, wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren", befand Juli Zeh k├╝rzlich im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Die Autorin bezieht sich dabei auf NSA-Aff├Ąre. Und vor allem auf jene Stimmen, die behaupten, wer nichts zu verbergen habe, habe auch nichts zu bef├╝rchten. Ein Standpunkt, den Juli Zeh nicht erst seit Bekanntwerden der US-Spionageaktivit├Ąten im Fr├╝hsommer diesen Jahres vertritt: Bereits 2009 ver├Âffentlichte sie mit Ilija Trojanow das Buch "Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, ├ťberwachungsstaat und der Abbau b├╝rgerlicher Rechte", das die Privatsph├Ąreverletzungen des Staats im Zuge der Terrorpr├Ąvention kritisiert. Im selben Jahr brachte ihr St├╝ck "Der Kaktus" die Problematik auf die B├╝hne des M├╝nchner Volkstheaters: Eine Topfpflanze, die als Terrorverd├Ąchtiger verh├Ârt wird, macht Bekanntschaft mit der paranoiden H├Ąrte der ausf├╝hrenden Staatsgewalt.

Juli Zeh, promovierte Juristin und Bestsellerautorin, hat keine Angst vor den gro├čen Themen der Postmoderne: V├Âlkerrechtliche Verwicklungen auf dem Balkan standen im Mittelpunkt ihres literarischen Debuts "Adler und Engel" aus dem Jahr 2001, moralische Grenz├╝berschreitungen an einem b├╝rgerlichen Gymnasium thematisierte ihr k├╝rzlich verfilmter Erfolgsroman "Spieltrieb", der - ebenso wie ihr Werk "Schilf" - f├╝r die B├╝hne adaptiert wurde.

Der Band "Good Morning, Boys and Girls" versammelt nun neben "Der Kaktus" drei weitere Theaterst├╝cke, die zwischen 2009 und 2012 uraufgef├╝hrt wurden. Die B├╝hnenwerke "203", "Yellow Line" und das titelgebende "Good Morning, Boys and Girls" stellen Juli Zehs Talent unter Beweis, aktuelle Diskurse kompromisslos zu sezieren und in grotesken Szenarien ad absurdum zu f├╝hren: Ein Workaholic findet sich in einer Psychiatriezelle mit seiner angeblichen Familie wieder, ein jugendlicher Amokl├Ąufer namens "Cold" interviewt seine Eltern zu seiner Bluttat und ein nordafrikanischer Fischer, dessen Boot von einer vom Himmel fallenden Kuh versenkt wurde, wird vom EU-Grenzschutz verhaftet. Zehs Inszenierungen sch├Âpfen ihr beklemmendes Potential vor allem aus ihrer Ambivalenz: Die Autorin verweigert eindeutige Interpretationen. Wo soll das objektiv "Gute" schlie├člich verortet werden, wenn moralische Richtwerte durch die Aufl├Âsung tradierter Werte obsolet geworden sind?

Doch so grandios verst├Ârend Juli Zehs St├╝cke daherkommen, so anstrengend sind sie bisweilen - denn die vier Werke offenbaren neben ihrem inszenatorischen Geschick auch ihre Tendenz zur allzu gro├čen Geste. Nicht selten wirkt die Autorin wie die Klassenbeste im Literaturkurs, die ihre politischen und philosophischen Referenzen ein wenig zu verschwenderisch streut, um dem Verdacht der Effekthascherei zu entgehen. Kaum eine Sequenz m├Âchte weniger als die volle Breitseite an Gesellschaftskritik, kaum eine aktuelle Kontroverse findet keine dramaturgische Verwendung: Zeh l├Ąsst eine Jungkommissarin so idealistisch wie hysterisch gegen das Patriarchat in Gestalt ihres Vorgesetzten k├Ąmpfen, w├Ąhrend ihr t├╝rkischst├Ąmmiger Kollege in einem islamophob motivierten Verh├Âr mit Slang und Street Credibility f├╝r Lacher sorgen darf. Stereotype werden offensichtlich gern bedient - selbstverst├Ąndlich nur, um mittels ├ťberzeichnung ihre L├Ącherlichkeit zu offenbaren. Dennoch ist fraglich, ob eine so kluge Beobachterin wie Juli Zeh derartige Holzhammer-Verweise n├Âtig hat.

"Good Morning, Boys and Girls" verst├Ąrkt den Eindruck, den bereits die bisherigen Werke der Autorin vermittelt haben: Juli Zeh meint es ernst. So ernst, dass ihre B├╝hnenst├╝cke an einigen St├╝cken ├╝ber ihr hehres Ziel hinausschie├čen und den Nachgeschmack von intellektuellem Imponiergehabe hinterlassen. Aber eben diese Ernsthaftigkeit ist gleichzeitig eine wohltuende Abwechslung zum Gros der anderen Wortf├╝hrerInnen im Literaturbetrieb, die passiven Weltekel zur ├ťberlegenheitsgeste erh├Âhen. In den besten Momenten sind Juli Zehs Theaterst├╝cke wunderbar sarkastisch, anregend und aufregend - und aufregen darf Theater. Viel zu verlieren gibt es schlie├člich auch f├╝r den ├╝berwachten Menschen.

AVIVA-Tipp: Von wegen Katharsis: Juli Zeh liefert keine Wohlf├╝hlinszenierungen, nach denen die ZuschauerInnen den Saal mit dem guten Gef├╝hl verlassen k├Ânnen, die Probleme der Zeit endlich so richtig durchschaut zu haben. Analyse und Kritik werden in den vier B├╝hnenst├╝cken in "Good Morning, Boys and Girls" schwer verdaulich serviert und verunsichern nachhaltig. Trotzdem - oder gerade deshalb? - sollte mensch sich darauf einlassen.

Zur Autorin: Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren und studierte Jura in Passau und Leipzig. Zus├Ątzlich begann sie 1996 ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben ihrem Erfolg als B├╝hnen- und Romanautorin (zuletzt u.a. mit "Nullzeit", 2012) engagiert sie sich stark im politischen Bereich: So unterzeichnete sie im Bundestagswahlkampf 2005 einen Aufruf zur Unterst├╝tzung einer rot-gr├╝nen Koalition, legte 2008 beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde gegen die Einf├╝hrung des biometrischen Reisepasses ein und ist eine Kritikerin der Vorratsdatenspeicherung. 2013 war sie als Gastdozentin f├╝r Poetik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universit├Ąt in Frankfurt am Main t├Ątig.
Weitere Infos zur Autorin auf ihrer Website: www.juli-zeh.de und auf Facebook

Juli Zeh
Good Morning, Boys and Girls. Theaterst├╝cke

Verlag Sch├Âffling & Co, Frankfurt am Main, erschienen 2013
320 Seiten, Klappbroschur
19,95 Euro
ISBN 978-3-89561-438-5

Weitere Infos unter www.schoeffling.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Juli Zeh - Nullzeit (2012)

Juli Zeh - Spieltrieb (2006)

Spieltrieb - ein Film von Gregor Schnitzler. Nach einer Romanvorlage von Juli Zeh (2013)

Juli Zeh - Alles auf dem Rasen (2006)

Juli Zeh - Adler und Engel (2004)


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Literatur Beitrag vom 04.12.2013 Julia Lorenz 





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