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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.09.2013

Spieltrieb. Nach der Romanvorlage von Juli Zeh. Kinostart: 10. Oktober 2013
Julia Lorenz

Eine "fr├╝hreife" Ausnahmesch├╝lerin, ein diabolischer "Agent Provokateur" und ihr unbedarfter Lehrer - aus dem brisanten Dreiecksverh├Ąltnis des Erfolgsromans von Juli Zeh entwickelt sich unter ...



...der Regie Gregor Schnitzlers das Portrait einer modernen "Jugend ohne Gott".

"Ich bin ein Spieler, Kleines", l├Ąsst Alev Ada wissen.
"Spielst Du mit mir oder gegen mich? "
"Wirkliche Liebespaare sollten miteinander spielen."

Ada (Michelle Barthel) und Alev (Jannik Sch├╝mann) spielen also. Und zwar im Gegensatz zu den meisten F├╝nfzehnj├Ąhrigen nicht mit dem Risiko, beim illegalen Alkoholkauf erwischt zu werden, sondern mit dem Schicksal eines Menschen: Ihrem Lehrer Szymon Smutek (Maximilian Br├╝ckner).

Ada, intelligent und gelangweilt von der intellektuellen Mittelm├Ą├čigkeit ihres Umfelds, ist eine klassische Au├čenseiterin: "Seit Ada im Alter von zw├Âlf Jahren auf den Gedanken verfallen war, dass Sinnsuche nichts als ein Abfallprodukt der menschlichen Denkf├Ąhigkeit sei, galt sie als hochbegabt und schwer erziehbar", hei├čt es im Roman. Als Alev El Qamar - "Hobbys: Nachdenken, Atheismus, leichte Drogen" - zu Beginn des neuen Schuljahres in ihr Leben tritt, entwickelt sich eine Beziehung, die die beiden zun├Ąchst als klaren Gegenentwurf zu den jugendlichen Liebeleien ihrer KlassenkameradInnen verstehen: "Wir w├Ąren ein tolles Paar, wenn wir an die Liebe glauben w├╝rden", befindet Alev. Statt an profane Romantik glaubt er an die Grunds├Ątze der Spieltheorie - und macht Ada zu seiner Komplizin im Spiel mit Smutek, das die Machtverh├Ąltnisse zwischen Sch├╝lerInnen und LehrerInnen neu ordnet.

Juli Zeh, bekannt geworden durch ihr Debut "Adler und Engel", l├Âste 2004 mit "Spieltrieb" leidenschaftliche Debatten im Feuilleton aus: Von Lobeshymnen auf ihren Bruch mit der "braven Deutschleistungsprosa" (ZEIT) des hiesigen Literaturbetriebs bis hin zu Kritik an der "pr├Ątenti├Âsen Geschw├Ątzigkeit" der Charaktere (Frankfurter Allgemeine Zeitung) reichten die Bewertungen - nur ignorieren konnte den Roman ├╝ber das perfide Experiment zweier Jugendlicher am gutb├╝rgerlichen Ernst-Bloch-Gymnasium niemand: Zu erbarmungslos steuerte die Handlung auf die Trag├Âdie zu, zu ungef├Ąllig brach die Abgr├╝ndigkeit der jungen ProtagonistInnen mit den Erwartungen an Adoleszenz-Romane.
Der konsequente Nihilismus, den Juli Zeh ihren Figuren andichtet, begr├╝ndet dabei einerseits den Reiz der Geschichte, andererseits ├╝berschreiten die philosophischen Exkurse der jungen AkteurInnen oft die Grenzen des Ertragbaren: Die Tatsache, dass Ada und Alev selten ├╝ber etwas anderes als ethische Grundfragen diskutieren d├╝rfen, handelt dem Roman ein Glaubw├╝rdigkeitsproblem ein.

Umso verbl├╝ffender, wenn im Kino pl├Âtzlich eine geradezu nahbare Ada die Leinwand betritt und menschliche Gef├╝hle f├╝r ihren M├Âchtegern-Intellektuellen mit Dandyfrisur, Anzug und Gottkomplex hegt. Regisseur Gregor Schnitzler verwandelt das Ernst-Bloch-Gymnasium von einem Hort der Anti-Moral, der ausschlie├člich von fr├╝hpubert├Ąren ExistenzialistInnen bev├Âlkert zu sein scheint, in eine (fast) normale Schule. Mehr noch: Er deutet das Verh├Ąltnis der Hauptcharaktere nicht als asexuelle KomplizInnenschaft, sondern r├╝ckt Adas zunehmenden Wunsch nach k├Ârperlicher Liebe in den Fokus. Eine Interpretation, die der Geschichte eine v├Âllig neue Dynamik verleiht: Folgt Ada Alevs Spiel aus eigener ├ťberzeugung oder ist sie ihm schlichtweg verfallen?

├ťberhaupt hat sich Gregor Schnitzler f├╝r einen anderen Zugang entschieden, als die Romanvorlage vermuten lassen w├╝rde: Partyszenen, Popmusik (u.a. von Veronica Falls) und dramaturgische Vereinfachungen nehmen der Adaption die Schwere, ohne die moralische Grundfrage aus den Augen zu verlieren. Gegen Ende verl├Ąsst ihn leider trotzdem der Mut zum kontroversen Finale, die ZuschauerInnen d├╝rfen den Saal mit einem wohligen Happy-End-Gef├╝hl verlassen.

Das Ergebnis ist eine leichter zug├Ąngliche Version von Juli Zehs Werk: Weniger komplex, weniger d├╝ster, aber auch weniger konstruiert. Ob das ein Verlust oder ein Zugest├Ąndnis an die Lebensrealit├Ąt der portraitierten Generation ist, steht sicherlich zur Debatte. Legitim ist es allemal: Regisseur Gregor Schnitzler beweist mit "Spieltrieb", dass eine Romanverfilmung nicht die bebilderte Version seiner literarischen Vorlage sein muss - sondern als Interpretation f├╝r sich stehen darf.

AVIVA-Tipp: Juli Zehs "Spieltrieb" wurde an anderer Stelle bereits als postideologisches ├äquivalent zu ├ľd├Ân von Horv├íths "Jugend ohne Gott" bezeichnet. Darf ein/e RegisseurIn diesen Roman als Coming-of-Age-Story inszenieren?
Darf er. Mit ihrer narzisstischen "Wir-gegen-den-Rest-der-Welt"-Attit├╝de sind Gregor Schnitzlers ProtagonistInnen sicherlich keine Sympathietr├ĄgerInnen, bleiben aber dennoch nicht v├Âllig unnahbar. In der Kritik wurde der Versuch, den philosophischen Anspruch des Stoffs spielfilmtauglich umzusetzen, bisher positiv aufgenommen: Die Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW w├╝rdigte "Spieltrieb" zu Recht mit dem Pr├Ądikat "besonders wertvoll".

Zum Regisseur: Gregor Schnitzler, geboren 1964 in Berlin, begann nach dem Studium der Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule der K├╝nste in Berlin seine Karriere - zun├Ąchst als Regisseur von Werbespots und Musikvideos. Auf sein Kinodebut "Was tun, wenn┬┤s brennt?" (2002) folgten u.a. "Soloalbum" (2003), die Verfilmung eines Romans von Benjamin von Stuckrad-Barre, sowie "Die Wolke" (2006), eine weitere Literaturadaption, f├╝r die er mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.
Weitere Infos: www.imdb.com

Zur Hauptdarstellerin: Michelle Barthel, geboren 1993, wirkte bereits 2003 in J├Ârg Gr├╝nlers Kinderfilm "Der zehnte Sommer" mit, bevor sie f├╝r ihre Rolle in Aelrun Goettes TV-Drama "Keine Angst" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Nach Auftritten in einigen "Tatort"-Folgen und Fernsehproduktionen ├╝bernimmt sie in "Spieltrieb" ihre erste Hauptrolle in einem Kinofilm.
Weitere Infos: www.imdb.com

Spieltrieb
Deutschland 2012
Filml├Ąnge: 102 Minuten
Regie: Gregor Schnitzler
DarstellerInnen: Michelle Barthel, Maximilian Br├╝ckner, Jannik Sch├╝mann, Richy M├╝ller, Ulrike Folkerts, Sophie von Kessel
Drehbuch: Kathrin Richter und J├╝rgen Schlagenhof, basierend auf einem Roman von Juli Zeh
Produzent: Markus Zimmer
Ausf├╝hrender Produzent: Herbert G. Kloiber
Kamera: Andreas Berger
Schnitt: Georg S├Âring
Szenenbild: Angelica Boehm
Kost├╝me: Caroline Sattler
Musik: Gerd Baumann
Verleih: Concorde Filmverleih

Kinostart: 10. Oktober 2013

Der Film im Netz: www.spieltrieb-derfilm.de und www.facebook.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Spieltrieb - ein Buch von Juli Zeh

Nullzeit - ein Buch von Juli Zeh

Alles auf dem Rasen - ein Buch von Juli Zeh

Die Wolke - ein Film von Gregor Schnitzler

Soloalbum - ein Film von Gregor Schnitzler


Kultur Beitrag vom 24.09.2013 Julia Lorenz 





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