Anna Mitgutsch - Die Welt, die R├Ątsel bleibt - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.04.2014

Anna Mitgutsch - Die Welt, die R├Ątsel bleibt
Ahima Beerlage

Literatur ist die Sehnsucht, dem Unaussprechlichen doch noch einen sprachlichen Ausdruck zu geben. In siebzehn Essays begibt sich die Literaturwissenschaftlerin Anna Mitgutsch auf Spurensuche.



"Alles sch├Âpferische Denken beginnt mit der Sprachlosigkeit, mit der Erkenntnis unserer inad├Ąquaten Mittel, das Unsagbare zu benennen" schreibt Anna Mitgutsch in ihrem Kapitel zur Literatur. Die gr├Â├čten Dichterinnen und Dichter haben dennoch immer wieder versucht, sich diesem Horizont des Begreifbaren zu n├Ąhern.

Anna Mitgutsch geht in direkte Ber├╝hrung mit den Schaffenden in ihren Portraits und Essays ├╝ber Sylvia Plath, Rainer Maria Rilke, Herman Melville, Elias Canetti, Amos Oz, Marlen Haushofer, Paul Celan, Emily Dickinson, Franz Kafka, Imre Kert├ęsz, Franz Rieger und der Kunstsammlerin Isabella Stewart Garner ,u.v.a.. In ihren nachgetragenen Briefen wendet sie sich unter anderem eindringlich mit Fragen an die durch ihre Interpretationen fast bis zur Unkenntlichkeit interpretierten Dichterin Sylvia Plath. Ihre Auseinandersetzung mit den Schreibenden ist immer auch eine pers├Ânliche und damit auch mitrei├čend. Ob Melvilles Kampf gegen die Untiefen, Canettis Auseinandersetzung mit dem Tod, Amos Oz Suche nach Heimat in der Utopie - allen Schaffenden liegt die Sehnsucht im Blut, sich dem Unsagbaren anzun├Ąhern.

In ihren Betrachtungen zur Literatur widmet sie sich den Methoden dieser Ann├Ąherung. Sie wirft die Frage auf "Welches Ich ist es, das im literarischen Text "Ich" sagt?. Die Erinnerung wird dabei als tr├╝gerisch empfunden, wird fragmentiert durch Wertung der Wahrnehmung. Diese Fragmente m├╝ssen erst wieder zu einer neuen Realit├Ąt geformt werden. Die hohe Kunst dabei, so Mitgutsch, ist es, damit eine neue, ber├╝hrende Wirklichkeit zu erschaffen. Dabei geht es aber nicht um den subjektiven Schaffensprozess allein.

Die Grenzen der Integrit├Ąt hinterfragt die Rolle der Schriftstellerinnen und Schriftsteller in totalit├Ąren Regimen. Viele, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland publizierten, beriefen sich darauf, in die innere Emigration gegangen zu sein. Mitgutsch sieht kaum M├Âglichkeiten, sich den Verformungen der Sprache, dem Pathos der Diktatur zu entziehen. Innere Emigration ist ein nachgereichter Begriff, eine literarische Entnazifizierung, mit der manche im Dritten Reich recht erfolgreiche Autoren, ..., ihr Gesicht zu wahren suchten. Als Gegenbeispiel nennt sie Imre Kert├ęsz, der sich in zwei Diktaturen radikal jeder Heimat verweigerte und damit die Korrumpierung seiner Sprache verhindern konnte. Ihr nachdenkliches Fazit: "Vielleicht liegen die Grenzen der k├╝nstlerischen Integrit├Ąt dort, wo die Literatur ihre Sprache der Manipulation durch die politische Macht ├╝berl├Ą├čt."

In der heutigen Zeit sieht Anna Mitgutsch die Probleme f├╝r die AutorInnen auf anderen Gebieten. Trotz einer durch Medien suggerierten gl├╝cklichen neuen Konsumwelt steigt eine diffuse Angst in den Menschen immer weiter an. An die Stelle des Transzendenten und der sozialen Utopien ist ein durch Medien gepr├Ągtes fragmentiertes Weltbild und die schnelle Konsumbefriedigung getreten. Diesem Zeitgeist steht der Kreativit├Ąt, die die Welt nicht ausbeuten, sondern bestaunen will, entgegen.

Doch allem Schreiben liegt die Frage zugrunde "Kann ich mit Sprache das Unsagbare benennen?" Es ist die Frage nach der Fassbarkeit des Transzendenten. Auch in einer Zeit, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Horizont durch Forschung immer weiter zu fassen, bleibt die Sehnsucht des Menschen nach dem Unfassbaren. Anna Mitgutsch ist ├╝berzeugt, dass dem Menschen die Sehnsucht nach dem Unfassbaren und Unbeweisbaren nicht auszutreiben ist und im Weltinnenraum liegt.

Im letzten Themenkomplex widmet sie sich dem Fremdsein. Ausgehend von der Fremdheit, die jede/r individuell in sich tr├Ągt, sieht Anna Mitgutsch auch, dass sich die Spielregeln der postmodernen Gesellschaft immer schneller ├Ąndern. Immer neue Ausgrenzungsmechanismen schlie├čen Menschen ein oder aus. Der kreative Prozess wird zur Gradwanderung. Es braucht Distanz im Fremdsein, um etwas Neues hervorzubringen, jedoch auch Einf├╝hlungsverm├Âgen, um die eigenen Grenzen zu erkennen und zu reflektieren. Ohne eine Konstante im Wertsystem wird das immer schwieriger.

Selbst Gott ist ein Fremder leitet sie aus der Geschichte des Volkes Israel ab. Er hat Abraham aus der Heimat in die Fremde gef├╝hrt und im Laufe der Geschichte mit seinem Volk sich immer weiter in die Transzendenz zur├╝ckgezogen. Ber├╝hrung ist nur dann m├Âglich, wenn wir diese Transzendenz als Mysterium hinnehmen und uns von ihr ber├╝hren lassen.

Anna Mitgutsch w├Ąhlt mit Bedacht das Thema "├ťbersetzung" als letztes Kapitel, ist ├ťbersetzung doch immer auch ein Deutungsversuch. Und so kann das Buch auch als ein solcher verstanden werden. Nicht immer ist ein Zugang auf Anhieb m├Âglich. Doch die genaue und poetische Sprache fesselt. Sie liefert keine L├Âsungen, sondern wirft vielmehr weitere Fragen auf. Manches bleibt auch sperrig oder setzt genauere Kenntnis der Thora voraus. Da bleibt der Titel Programm. "Die Welt, die R├Ątsel bliebt." Anna Mitgutsch wirft in jedem Fall neue spannende Fragen auf.

AVIVA-Tipp: "Die Welt, die R├Ątsel bleibt" ist in jeder Hinsicht eine Herausforderung. Anna Mitgutsch n├Ąhert sich Autorinnen und Autoren, deren Werke vermeintlich ausdiskutiert sind, in neuen Formen, und erm├Âglicht den Leserinnen und Lesern damit einen Perspektivwechsel. Die Schriftstellerin Mitgutsch bedient sich dabei einer starken und einf├╝hlsamen Sprache. Doch nicht immer erschlie├čen sich ihre Gedankeng├Ąnge auf den ersten Blick. Eine Herausforderung, die sich gerade dann lohnt, wenn sie sich dem Begriff der inneren Emigration in der Literatur w├Ąhrend der Diktatur oder dem Thema Fremdheit und Transzendenz widmet.

Zur Autorin: Anna Mitgutsch, geboren 1948 in Linz. Studium der Germanistik und Anglistik an der Universit├Ąt Salzburg, Dr.Phil. 1974. Assistentin an der Amerikanistik der Universit├Ąt Innsbruck, Lehrt├Ątigkeit an britischen Universit├Ąten (Hull University, University of East Anglia) und in Seoul, S├╝dkorea. In den Siebziger/ Achtziger Jahren Assistant Professor an amerikanischen Universit├Ąten und Colleges in New York (Sarah Lawrence College) und in Massachusetts (Amherst College, Tufts University, Simmons College, Emmanuel College). In den Neunziger Jahren writer-in-residence an verschiedenen amerikanischen Universit├Ąten (Oberlin College, Allegheny College, Lafayette College) und Lehrauftr├Ąge an ├Âsterreichischen Universit├Ąten (Salzburg, Graz und Innsbruck). Lebte drei├čig Jahre abwechselnd in Linz und Boston. Seit 1985 freischaffende Schriftstellerin und Essayistin.
(Quelle: Website der Autorin)
Weitere Infos unter: www.anna-mitgutsch.at

Anna Mitgutsch
Die Welt, die R├Ątsel bleibt

Luchterhand Literaturverlag, M├╝nchen, erschienen: 28. Oktober 2013
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 416 Seiten
ISBN: 978-3-630-87418-0
19,99 Euro (D), 20,60 (A), 28,50 (CHF)

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sylvia Plath - Der Koloss. Gedichte, englisch und deutsch

"Herzanker. Dichterinnen und die Liebe" von Gertrud Lehnert

"Unter Freunden" von Amos Oz

Das Weiterleben der Ruth Kl├╝ger . Ein Film von Renata Schmidtkunz

Elfi Hartenstein - J├╝dische Frauen im New Yorker Exil

Edda Ziegler - Verboten - Verfemt - Vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Sonja Hilzinger - Elisabeth Langg├Ąsser

Wie w├╝rde ich ohne B├╝cher nur leben und arbeiten k├Ânnen


Literatur Beitrag vom 27.04.2014 Ahima Beerlage 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken