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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.06.2014

Andréa del Fuego - Geschwister des Wassers
Helga Egetenmeier

Jenseits von Favelas und Fußball zeichnet die Autorin ein Bild des lĂ€ndlichen Brasilien, das in seiner IntensitĂ€t die unĂŒberbrĂŒckbar erscheinende Kluft zwischen Arm und Reich...



... des fĂŒnftgrĂ¶ĂŸten Staats der Erde widerspiegelt.

In ihrem ersten ins Deutsche ĂŒbersetzten Roman, fĂŒr den sie im Jahr 2011 als zweite Frau den renommierten portugiesischen Literaturpreis "PrĂ©mio JosĂ© Saramago" erhielt, nimmt sich del Fuego der facettenreichen Entwicklung Brasiliens an. Mit der Widmung "FĂŒr die Figuren der Geschichte" umarmt sie ihre drei verwaisten ProtagonistInnen, die Teil ihres siebenjĂ€hrigen Schaffensprozesses und auch ihrer Familiengeschichte sind.

Durch einen Blitz, der die Eltern Nachts zuhause im Bett tötet, verĂ€ndert sich schlagartig das Leben der Geschwister Malaquias. RĂŒcksichtslos verfrachtet der mĂ€chtige Großgrundbesitzer Passos die vierjĂ€hrige JĂșlia und den sechsjĂ€hrigen AntĂŽnio in das Waisenhaus französischer Missionsschwestern in der nahegelegenen Stadt. Den neunjĂ€hrigen Nico behĂ€lt er als billige Arbeitskraft auf seiner Kaffeeplantage und eignet sich zudem ganz selbstverstĂ€ndlich das kleine Erbe der drei Kinder an.

FĂŒr den zwergwĂŒchsigen AntĂŽnio finden die Jesuitenschwestern keine Adoptivfamilie, doch die Ablehnung durch die "Großen" lĂ€sst ihm den Freiraum, eine nicht nur mĂ€nnlich konnotierte EigenstĂ€ndigkeit zu entwickeln. FĂŒr JĂșlia interessiert sich eine reiche Matriarchin, die ihre zukĂŒnftige Adoptivtochter, "Ihre Manieren, das Äußere, das Rohmaterial." genau begutachtet, bevor sie sie der Missionsschule als billige Haushaltshilfe abnimmt.

Als JĂșlia, die bisher nur zu KirchgĂ€ngen das Haus verlassen durfte, gegen den Willen ihrer Adoptivmutter heimlich verschwindet, um zur Hochzeit ihres Bruders Nico zu fahren, bei dem sich nun auch AntĂŽnio aufhĂ€lt, wird sie verstoßen. Doch JĂșlia gelingt es nicht, die Stadt zu verlassen, um ihre beiden BrĂŒder und das renovierte kleine Elternhaus wiederzusehen. Sie scheitert mehrfach und schlĂ€gt sich schließlich als Toilettenfrau und Schneiderin innerhalb des Ortes durch.

Weder den StĂ€dterInnen noch den LandbewohnerInnen fĂ€llt es in del Fuegos Roman leicht, ihren Ort zu verlassen, alle haben sich in ihrer Welt eingerichtet. Nur der Bau eines Staudammes vertreibt die meisten Menschen, arm wie reich, vom ĂŒberschwemmten Land in die Stadt. Der Großgrundbesitzer stellt sich in den Dienst des Stauseeprojektes und bleibt auch hier der Gewinner, denn "Geraldo erhielt eine Provision fĂŒr jede Familie, die er ĂŒberzeugte. Er beabsichtigte, ein GeschĂ€ft in der Stadt zu eröffnen und von dem neuen Wohlstand, der sich abzeichnete, zu profitieren".

"Abgesehen von den Malaquias waren die Leute dort dunkel wie wild lebende SĂ€ugetiere." Genauer bestimmt die Autorin weder die Zeit noch den Ort des Geschehens, sondern verweist auf die hellhĂ€utigen portugiesischen Vorfahren der drei Waisenkinder, die damit eine Ausnahme an ihrem Geburtsort sind. In einem 3sat-Interview auf der Frankfurter Buchmesse 2013 mit Ariane Binder macht sie als möglichen Ort ihres Romans auf den durch seinen Bergbau bekannten Bundesstaat Minas Gerais aufmerksam. Die die Geschichte strukturierende Rolle des Staudamms erinnert jedoch auch an das seit vierzig Jahren umstrittene Wasserkraft-Megaprojekt Belo Monte, das große Teile des Amazonasrandgebietes unter Wasser setzen soll.

In der Geschichte der "Os Malaquias", so der Originaltitel, ziehen die BrĂŒder auf der Suche nach ihrer Schwester weiter, als der Stausee sich in sein ursprĂŒngliches Bett zurĂŒckzieht. Mit solch phantastischen Momenten, unterstĂŒtzt durch den Perspektivenwechsel bei jedem der dreiundsiebzig kurzen Kapitel, gewinnt die Geschichte an Fahrt, folgt den reduzierten Emotionen der Menschen und vermeidet dabei konsequent jede offensichtlich körperliche BrutalitĂ€t.

AndrĂ©a del Fuego war eine der zweiundzwanzig weiblichen Schriftstellerinnen auf der Frankfurter Buchmesse 2013, die zu den siebzig geladenen AutorInnen des Ehrengastes Brasilien gehörte. Zu wĂŒnschen ist, dass diese Aufmerksamkeit und die anstehende Fußballweltmeisterschaft samt Olympiade 2016 eine grĂ¶ĂŸere Auswahl an Übersetzungen brasilianischer AutorInnen bringt, die den LeserInnen die Vielfalt brasilianischer Literatur jenseits des Sensationsjournalismus erfahren lĂ€sst.

AVIVA-Tipp: Mit feinen Gesten und klaren SÀtzen zeichnet Andréa del Fuego ein literarisches Gesellschaftsbild Brasiliens, das die Weite des Landes jenseits von Sao Paulo und Rio de Janeiro erfasst. Historisch unbestimmt baut sie gekonnt Facetten der brasilianischen VerhÀltnisse in eine tragische Familiengeschichte, die durchaus parallel zu den LebensumstÀnden in der weltbekannten "City of God" existiert. Wer mehr von Brasilien verstehen will, der oder dem bietet dieser Roman eine kurzweilige Gelegenheit, die sich beim zweiten Lesen noch vertieft.

Die Autorin: AndrĂ©a del Fuego, geboren 1975 als AndrĂ©a FĂĄtima dos Santos in Sao Paulo, nahm das Pseudonym "del Fuego" am Anfang ihrer Karriere an, als sie 1988 fĂŒr die Zeitschrift eines Radiosenders von Sao Paulo Glossen verfasste und LeserInnenfragen zu Sex-Themen beantwortete. Sie studierte Journalismus und betĂ€tigt sich seit dem Jahr 2000 als literarische Bloggerin. Dazu veröffentlichte sie in zahlreichen Anthologien, ist Autorin von Kurzgeschichten und BĂŒchern fĂŒr Kinder und Jugendliche.

Die Autorin im Netz: Blog (pt) andreadelfuego.wordpress.com

Die Übersetzerin: Marianne Gareis, geboren 1975, studierte Lateinamerikanistik, Anglistik und Ethnologie. Mit langen Reisen durch Lateinamerika, Brasilien und mehreren Jahren in Portugal vertiefte sie ihre Sprach- und Literaturkenntnisse und ĂŒbersetzte u.a. auch JosĂ© Saramago.
Die Übersetzerin im Netz: www.marianne-gareis.de

Andréa del Fuego
Geschwister des Wassers

Originaltitel: Os Malaquias
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Carl Hanser Verlag, erschienen im Juli 2013
Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, 208 Seiten
ISBN-13: 978-3-446-24331-6
17,90 Euro
www.hanser-literaturverlage.de

Weitere Infos unter:

Brasilianische SchriftstellerInnen auf der Frankfurter Buchmesse 2013

3sat-GesprÀch auf der Frankfurter Buchmesse: www.3sat.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

City of God - Film

Paulista - Geschichten aus Sao Paulo

Rainhas do Norte - brasilianische Trommelmusik, ohne Samba und Federbikini

Sandra Boccia, brasilianische Marie Claire-Redakteurin, zu Besuch bei AVIVA-Berlin




Literatur Beitrag vom 05.06.2014 Helga Egetenmeier 





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