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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 29.11.2014


Dorota Danielewicz - Auf der Suche nach der Seele Berlins
Claire Horst

45.000 BerlinerInnen haben die polnische Staatsangehörigkeit. Aus Polen stammt auch Dorota Danielewicz, und obwohl sie seit Jahrzehnten in Berlin lebt, hat sie sich den neugierigen Blick von...




... außen bewahrt.

"Die Zeit ist reif, Geschichten zu erzählen", mit diesen Worten beginnt ihre Sammlung von Kolumnen, Tagträumen und reportageähnlichen Kurztexten. Danielewicz` Berlin ist eine "gebeutelte Stadt, in der einst so viel Böses geschehen ist, sodass sie in zwei Teile zerbrach gleich einem Porzellanteller, der während eines Streits auf dem Küchenboden landet. Die Zeit ist reif, Geschichten über eine freundliche Stadt zu erzählen".

Freundlich ist das Berlin, von dem sie erzählt, an vielen Stellen. Und das ist ein Wunder, denn "Immer, wenn ältere Berliner hören, dass ich aus Polen stamme, fangen sie an, mir vom Krieg zu erzählen, Die jüngeren dagegen ziehen es vor, mir von ihren polnischen Putzfrauen in höchsten Tönen vorzuschwärmen. Sowohl das eine wie das andere bringt mich stets in leichte Verlegenheit." Trotzdem hat Danielewicz gelernt, die Stadt zu lieben. Von ihren Begegnungen und Streifzügen erzählt sie mit Humor und Nachdenklichkeit.

Ihre eigene Geschichte steht in einigen der Texte im Mittelpunkt, etwa, wenn sie von ihrer unfreiwilligen Migration erzählt. 16 Jahre alt war sie, als ihre Eltern 1981 mit ihr aus Posen kamen, wo die Jugendliche viel lieber geblieben wäre. Mit ihrer neuen Heimatstadt freundet sich das Mädchen, "Dorotusch", wie ihre FreundInnen sie nennen, erst ganz allmählich an. Die Menschen und Orte, die sie ins Herz geschlossen hat, stellt die Autorin in ihren Texten vor. Da ist der Bärenmann, ein vielleicht wohnsitzloser, vielleicht auch nur eigenwilliger Mann, der mit seinem Plüschbären auf Bänken herumsitzt, da sind aber auch die Engel, die sich in Berlin herumtreiben und von denen Wim Wenders in "Stadt der Engel" erzählt.

Aber auch für die weniger sympathischen Seiten Berlins hat Danielewicz ein Gespür: Gern vergessen wird zum Beispiel die koloniale Phase Preußens, in der Berlin keine geringe Rolle spielte – immerhin fand hier 1884 die Afrikakonferenz statt. Der Essay "Pariliarumaniralauqsimanngittunga – Ich habe niemals behauptet, dass ich nach Paris fahren will" berichtet von einem Ausflug in den Berliner Zoo. Danielewicz erzählt darin von einer Liebe irgendwann in den Achtzigern, mit der sie die Tiere besuchte, von Knut und seinen unzähligen VerehrerInnen – und schließlich von den Völkerschauen, an die heute kein einziges Schild im Zoo erinnert. Abraham Ulrikab, so schreibt sie, war ein Inuit, der mit seiner Familie hier ausgestellt wurde und aus dessen Tagebuch der Titel des Essays stammt. Er war nur einer von unzähligen Menschen, die hier wie Bestien präsentiert wurden: "Den Einwohnern aus Feuerland warf man zu festen Zeiten rohes Fleisch in das Gehege. Sie wurden als `echte Kannibalen` in Berlin dargeboten."

Spannend sind solche Abschnitte besonders, weil die Autorin wichtige Verbindungen herstellt. Dass etwa Rudolf Virchow Schädelvermessungen an den Inuit und SudanesInnen vornahm, die im Zoo ausgestellt wurden, sowie auch, dass die Nazis diese später nutzten, weiß kaum jemand.

Einer der Texte heißt "Stolpersteine" und erzählt nicht nur von einer Gruppe muslimischer Mädchen, die diese Mahnmale polieren, sondern auch von zwei älteren Damen, die der Autorin vorwarfen, "ich solle mein Kind nicht mit solch schrecklichen Geschichten belasten. `Aber seine Vorfahren sind auch in Auschwitz umgekommen`, antwortete ich auf deren Zurückweisung. Ohne ein weiteres Wort drehten sich die Damen ab und gingen schnellen Schrittes davon."

AVIVA-Tipp: Die kurzen Texte lassen sich gut auch einzeln lesen und sogar als Reiseführer nutzen. So kann die Leserin sich zum Beispiel in Pankow oder Friedrichshagen auf die Spur von SchriftstellerInnen begeben, am Kudamm nach dem alten Westberlin suchen oder das jüdische Leben der 20er Jahre wiederentdecken.

Zur Autorin: Dorota Danielewicz wurde 1964 im polnischen Posen geboren. Sie studierte an der Freien Universität Berlin und an der Ludwig-Maximilian-Universität zu München. Sie arbeitete für die Vereinten Nationen in New York, ist Rundfunkjournalistin beim RBB gewesen und Berlin-Korrespondentin von Radio France International. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. (Verlagsinformationen)

Dorota Danielewicz
Auf der Suche nach der Seele Berlins

Originaltitel: Berlin. Przewodnik po duszy miasta
Aus dem Polnischen von Arkadiusz Szczepánski
Europa Verlag Berlin, erschienen im September 2014
Geb. mit Schutzumschlag, 272 Seiten
ISBN 978-3-944305-21-9
18,99 Euro
www.europa-verlag.com/Verlag.html

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sarah Khan - Die Gespenster von Berlin

Tanja Dückers - Hausers Zimmer

Agata Bara - Der Garten

Berlin. Polnische Perspektiven, herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski und Maciej Górny



Literatur

Beitrag vom 29.11.2014

Claire Horst 






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