Annegret Erhard - Anita Rée. Der Zeit voraus. Eine Hamburger Künstlerin der 20er Jahre - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 29.12.2014


Annegret Erhard - Anita Rée. Der Zeit voraus. Eine Hamburger Künstlerin der 20er Jahre
Dorothee Robrecht

Die Biographie der Kultur- und Kunstmarktjournalistin rekonstruiert Leben und Werk der Malerin Anita Rée (1885 - 1933), einer wichtigen Protagonistin der Avantgarde in der Weimarer Republik.




Anita Rée war eine Malerin der Neuen Sachlichkeit, die ihre größten Erfolge in den 20er Jahren hatte und dann - wie es gern heißt - "in Vergessenheit geriet". Im Fall der Anita Rée ist das ein starker Euphemismus: Rée war Jüdin, und Nationalsozialisten sorgten dafür, dass ihre Kunst, "dieser vollendete Krampf", aus Museen verschwand. Viele ihrer Bilder sind bis heute verschollen, einige wenige sind in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Dass Rée eine Künstlerin war, deren Wiederentdeckung lohnt, macht die in der Edition Braus erschienene Biographie schon in ihrer Aufmachung klar. Es ist ein außergewöhnlich elegantes und schönes Buch, reich illustriert mit Werken der Rée. Verfasserin ist die Kunstjournalistin Annegret Erhard, und schon auf den ersten Seiten stellt sie klar, dass sie eins nicht möchte: eine "vulgärfeministische Deutung" dieses Künstlerinnenschicksals.

Naheliegen würde sie durchaus, denn natürlich hatte Anita Rée unter einem Sexismus zu leiden, der zu ihren Lebzeiten noch völlig ungebrochen war. Rée wird 1885 geboren, als jüngere von zwei Töchtern eines reichen Hamburger Privatiers. Früh schon weiß sie, dass sie Künstlerin werden will, doch der Besuch einer Kunsthochschule ist Frauen verboten. "Malweibern", so eine zeitgenössische Publikation, droht "Krankhaftigkeit und Hypertrophie des Geschlechtsgefühls, mit Perversion oder Impotenz (sic)". Ermutigt worden ist Anita Rée wahrlich nicht, und dass das ursächlich war für die Selbstzweifel, die sie zeitlebens quälten, konzediert auch ihre Biographin. Aber, so Erhard, dieser Sexismus war normal, er traf alle Künstlerinnen, nicht nur Anita Rée. Entscheidend sei doch, wie Rée ihm begegnet ist.

Rée, schreibt Erhard, hat nie rebelliert. Sie war eine höhere Tochter, und sie hat ihre Privilegien klug genutzt: Nicht nur, dass sie sich von Max Liebermann höchstpersönlich Talent bescheinigen ließ - sie finanzierte mit dem Geld ihrer Eltern sowohl ihr Atelier als auch einen Aufenthalt in Paris, wo sie sich an den Bildern von Cézanne, Matisse, Picasso schulte und Unterricht nahm bei Fernand Léger. Gleichzeitig aber schien sie sich zu schämen - dafür dass das, was sie tat, nicht der Norm entsprach. Ihre Bilder jedenfalls versteckte sie eher als dass sie sie präsentierte.

"In ihrer Nervosität und Empfindlichkeit", so Erhard, "glich sie ganz der Malerin Paula Modersohn-Becker." Anders als Modersohn-Becker allerdings, die von ihrem Mann unterstützt wurde, war Rée allein, und dieses Alleinsein zieht sich wie ein Leitmotiv durch ihr Leben. Rée war eine Schönheit, und glaubt man ihren Selbstbildnissen, war sie sich ihrer Attraktivität auch durchaus bewusst. Und doch ist sie fast 40, als sie ihre erste glückliche Liebe lebt. Lang dauert sie nicht. Was Beziehungen angeht, "klappt nichts oder nicht viel", mit Männern nicht und auch mit Frauen nicht. Kurz vor ihrem Selbstmord hat Rée eine Beziehung zu einer Frau, die sie Fridjof nennt, doch "auch diese Beziehung war von einer unbestimmbaren Trauer überschattet. Unerfüllt. Maßlos."

Erhard schont Rée nicht: Rée sei fordernd und anstrengend gewesen, berichtet sie, auch geklagt habe sie immer viel - darüber, wie einsam sie sei und wie arm. Letzteres zumindest stimmte nicht: Rée hatte geerbt, und sie verdiente nicht schlecht. 1913 war sie aus Paris zurückgekommen und hatte sich in Hamburg etabliert. Gefragt war sie besonders als Porträtmalerin. Rée war ein gerngesehener Gast in den großbürgerlichen Salons der Stadt, sie "charmierte einflussreiche Leute, deren Porträt sie machen wollte und hatte durchaus Erfolg mit dieser Strategie." Und als sie 1926 eine Ausstellung hat, die KritikerInnen begeistert, verbessert das die Auftragslage noch einmal ganz enorm. Gegönnt aber, so Erhard, hat sie sich nichts: "Sie lebte ärmlich, weil sie nicht arm werden wollte."

Obwohl sie sich Besseres hätte leisten können, zog Rée 1932 in eine unbeheizbare Kate auf Sylt - eine Flucht vor den Nazis und, so die Vermutung ihrer Biographin, auch aus einem Leben, das ihr so wie es war nicht mehr gefiel: "ohne Familie, ohne irgendeinen Menschen". Ein Jahr hielt Rée es aus in ihrer Kate. 1933, im Alter von 48 Jahren, setzte sie ihrem Leben ein Ende.

Erhard erzählt das ohne jedes Pathos, ihr Ton bleibt durchweg kühl, hemdsärmelig fast: "Nun muss man sich", so etwa heißt es an einer Stelle, "Anita Rée sicher nicht als trostlos deprimierte Person vorstellen. Sie war temperamentvoll, witzig, gebildet und intelligent, dabei neugierig und aufgeschlossen. Doch bei aller Begabung zum Glücklichsein verstand sie es meisterhaft, sich das Leben schwer zu machen." Eine Unsentimentalität, die wohl auch damit zu tun hat, dass Erhard als Kunstexpertin und nicht als Feministin schreibt. Was sie interessiert, ist nicht die Frau, sondern die Künstlerin. Und was Anita Rée angeht, ist das auch gut so.

AVIVA-Tipp: Lesenswert, vor allem aufgrund der Schreibweise - keine Betroffenheitslyrik, wie so oft bei "zu Unrecht vergessenen Frauen", sondern Tacheles. Interessant ist die Biographie als Versuch, Anita Rée wieder "einzuschreiben" - nicht nur in die Kunstgeschichte, sondern auch in den Kunstmarkt. Auktionsergebnisse zu Werken Anita Rées finden sich unter artnet.de.

Zur Autorin: Annegret Erhard ist Kultur- und Kunstmarktjournalistin, war Chefredakteurin der Fachzeitschrift Kunst und Auktionen, beobachtet und analysiert heute für Die Zeit, Handelsblatt, Weltkunst den internationalen Auktions-, Kunsthandels- und Messebetrieb, berichtet über Ausstellungen, stellt Sammlungen und Sammler vor. (Quelle fembooks).

Annegret Erhard
Anita Rée. Der Zeit voraus. Eine Hamburger Künstlerin der 20er Jahre

Flexocover mit Prägung und Lesebändchen, 110 Seiten, 30 Abbildungen
Edition Braus, Berlin 2013
ISBN 978-3-86228-071-1
24.95 Euro
www.editionbraus.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ida Gerhardi. Deutsche Künstlerinnen in Paris um 1900

"Paris bezauberte mich". Käthe Kollwitz und die französische Moderne von Hannelore Fischer und Alexandra von dem Knesebeck (Hrsg.)

"Die Malweiber" 42 Malerinnen-Portraits von Katja Behling und Anke Manigold

"Und ob es sie gab - Impressionistinnen"

"Paula Modersohn–Becker"

"Max Liebermann erzählt aus seinem Leben" von Regina Scheer



Literatur

Beitrag vom 29.12.2014

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