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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.12.2014

Annegret Erhard - Anita R√©e. Der Zeit voraus. Eine Hamburger K√ľnstlerin der 20er Jahre
Dorothee Robrecht

Die Biographie der Kultur- und Kunstmarktjournalistin rekonstruiert Leben und Werk der Malerin Anita Rée (1885 - 1933), einer wichtigen Protagonistin der Avantgarde in der Weimarer Republik.



Anita R√©e war eine Malerin der Neuen Sachlichkeit, die ihre gr√∂√üten Erfolge in den 20er Jahren hatte und dann - wie es gern hei√üt - "in Vergessenheit geriet". Im Fall der Anita R√©e ist das ein starker Euphemismus: R√©e war J√ľdin, und Nationalsozialisten sorgten daf√ľr, dass ihre Kunst, "dieser vollendete Krampf", aus Museen verschwand. Viele ihrer Bilder sind bis heute verschollen, einige wenige sind in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Dass R√©e eine K√ľnstlerin war, deren Wiederentdeckung lohnt, macht die in der Edition Braus erschienene Biographie schon in ihrer Aufmachung klar. Es ist ein au√üergew√∂hnlich elegantes und sch√∂nes Buch, reich illustriert mit Werken der R√©e. Verfasserin ist die Kunstjournalistin Annegret Erhard, und schon auf den ersten Seiten stellt sie klar, dass sie eins nicht m√∂chte: eine "vulg√§rfeministische Deutung" dieses K√ľnstlerinnenschicksals.

Naheliegen w√ľrde sie durchaus, denn nat√ľrlich hatte Anita R√©e unter einem Sexismus zu leiden, der zu ihren Lebzeiten noch v√∂llig ungebrochen war. R√©e wird 1885 geboren, als j√ľngere von zwei T√∂chtern eines reichen Hamburger Privatiers. Fr√ľh schon wei√ü sie, dass sie K√ľnstlerin werden will, doch der Besuch einer Kunsthochschule ist Frauen verboten. "Malweibern", so eine zeitgen√∂ssische Publikation, droht "Krankhaftigkeit und Hypertrophie des Geschlechtsgef√ľhls, mit Perversion oder Impotenz (sic)". Ermutigt worden ist Anita R√©e wahrlich nicht, und dass das urs√§chlich war f√ľr die Selbstzweifel, die sie zeitlebens qu√§lten, konzediert auch ihre Biographin. Aber, so Erhard, dieser Sexismus war normal, er traf alle K√ľnstlerinnen, nicht nur Anita R√©e. Entscheidend sei doch, wie R√©e ihm begegnet ist.

R√©e, schreibt Erhard, hat nie rebelliert. Sie war eine h√∂here Tochter, und sie hat ihre Privilegien klug genutzt: Nicht nur, dass sie sich von Max Liebermann h√∂chstpers√∂nlich Talent bescheinigen lie√ü - sie finanzierte mit dem Geld ihrer Eltern sowohl ihr Atelier als auch einen Aufenthalt in Paris, wo sie sich an den Bildern von C√©zanne, Matisse, Picasso schulte und Unterricht nahm bei Fernand L√©ger. Gleichzeitig aber schien sie sich zu sch√§men - daf√ľr dass das, was sie tat, nicht der Norm entsprach. Ihre Bilder jedenfalls versteckte sie eher als dass sie sie pr√§sentierte.

"In ihrer Nervosit√§t und Empfindlichkeit", so Erhard, "glich sie ganz der Malerin Paula Modersohn-Becker." Anders als Modersohn-Becker allerdings, die von ihrem Mann unterst√ľtzt wurde, war R√©e allein, und dieses Alleinsein zieht sich wie ein Leitmotiv durch ihr Leben. R√©e war eine Sch√∂nheit, und glaubt man ihren Selbstbildnissen, war sie sich ihrer Attraktivit√§t auch durchaus bewusst. Und doch ist sie fast 40, als sie ihre erste gl√ľckliche Liebe lebt. Lang dauert sie nicht. Was Beziehungen angeht, "klappt nichts oder nicht viel", mit M√§nnern nicht und auch mit Frauen nicht. Kurz vor ihrem Selbstmord hat R√©e eine Beziehung zu einer Frau, die sie Fridjof nennt, doch "auch diese Beziehung war von einer unbestimmbaren Trauer √ľberschattet. Unerf√ľllt. Ma√ülos."

Erhard schont R√©e nicht: R√©e sei fordernd und anstrengend gewesen, berichtet sie, auch geklagt habe sie immer viel - dar√ľber, wie einsam sie sei und wie arm. Letzteres zumindest stimmte nicht: R√©e hatte geerbt, und sie verdiente nicht schlecht. 1913 war sie aus Paris zur√ľckgekommen und hatte sich in Hamburg etabliert. Gefragt war sie besonders als Portr√§tmalerin. R√©e war ein gerngesehener Gast in den gro√üb√ľrgerlichen Salons der Stadt, sie "charmierte einflussreiche Leute, deren Portr√§t sie machen wollte und hatte durchaus Erfolg mit dieser Strategie." Und als sie 1926 eine Ausstellung hat, die KritikerInnen begeistert, verbessert das die Auftragslage noch einmal ganz enorm. Geg√∂nnt aber, so Erhard, hat sie sich nichts: "Sie lebte √§rmlich, weil sie nicht arm werden wollte."

Obwohl sie sich Besseres hätte leisten können, zog Rée 1932 in eine unbeheizbare Kate auf Sylt - eine Flucht vor den Nazis und, so die Vermutung ihrer Biographin, auch aus einem Leben, das ihr so wie es war nicht mehr gefiel: "ohne Familie, ohne irgendeinen Menschen". Ein Jahr hielt Rée es aus in ihrer Kate. 1933, im Alter von 48 Jahren, setzte sie ihrem Leben ein Ende.

Erhard erz√§hlt das ohne jedes Pathos, ihr Ton bleibt durchweg k√ľhl, hemds√§rmelig fast: "Nun muss man sich", so etwa hei√üt es an einer Stelle, "Anita R√©e sicher nicht als trostlos deprimierte Person vorstellen. Sie war temperamentvoll, witzig, gebildet und intelligent, dabei neugierig und aufgeschlossen. Doch bei aller Begabung zum Gl√ľcklichsein verstand sie es meisterhaft, sich das Leben schwer zu machen." Eine Unsentimentalit√§t, die wohl auch damit zu tun hat, dass Erhard als Kunstexpertin und nicht als Feministin schreibt. Was sie interessiert, ist nicht die Frau, sondern die K√ľnstlerin. Und was Anita R√©e angeht, ist das auch gut so.

AVIVA-Tipp: Lesenswert, vor allem aufgrund der Schreibweise - keine Betroffenheitslyrik, wie so oft bei "zu Unrecht vergessenen Frauen", sondern Tacheles. Interessant ist die Biographie als Versuch, Anita Rée wieder "einzuschreiben" - nicht nur in die Kunstgeschichte, sondern auch in den Kunstmarkt. Auktionsergebnisse zu Werken Anita Rées finden sich unter artnet.de.

Zur Autorin: Annegret Erhard ist Kultur- und Kunstmarktjournalistin, war Chefredakteurin der Fachzeitschrift Kunst und Auktionen, beobachtet und analysiert heute f√ľr Die Zeit, Handelsblatt, Weltkunst den internationalen Auktions-, Kunsthandels- und Messebetrieb, berichtet √ľber Ausstellungen, stellt Sammlungen und Sammler vor. (Quelle fembooks).

Annegret Erhard
Anita R√©e. Der Zeit voraus. Eine Hamburger K√ľnstlerin der 20er Jahre

Flexocover mit Prägung und Lesebändchen, 110 Seiten, 30 Abbildungen
Edition Braus, Berlin 2013
ISBN 978-3-86228-071-1
24.95 Euro
www.editionbraus.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ida Gerhardi. Deutsche K√ľnstlerinnen in Paris um 1900

"Paris bezauberte mich". Käthe Kollwitz und die französische Moderne von Hannelore Fischer und Alexandra von dem Knesebeck (Hrsg.)

"Die Malweiber" 42 Malerinnen-Portraits von Katja Behling und Anke Manigold

"Und ob es sie gab - Impressionistinnen"

"Paula Modersohn‚ÄďBecker"

"Max Liebermann erzählt aus seinem Leben" von Regina Scheer


Literatur Beitrag vom 29.12.2014 AVIVA-Redaktion 





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