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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.04.2015

Niels Lehmann, Christoph Rauhut (Hg.) - Fragments of Metropolis. Berlin
Teresa Lunz

Um 1920 sollte in Berlin der neue Mittelpunkt Europas entstehen. Dazu war eine zukunftsweisende Architektur gefragt, wobei dem Expressionismus eine heute h├Ąufig marginalisierte Schl├╝sselrolle...



... zufiel. Die Herausgeber dieses Fotobandes begeben sich auf Spurensuche durch die heutige Metropole.

Was ist Expressionismus, was wollte, was konnte er in der kriegsgesch├Ądigten Weimarer Republik leisten? Und was bewirkt eine expressionistische Vision gerade beim Geb├Ąudebau?

In einem einleitenden Essay wird eben diesen Fragen nachgegangen, Expressionismus auch als inzwischen medial ├╝berstrapazierter Begriff vorgestellt, den sich der Kapitalismus angeeignet hat. 1920 war das anders, wie das Vorwort "Expressionismus heute?" betont:

"Der architektonische Expressionismus wollte unbedingt Kunst sein und sei es um den Preis des Architektonischen."

Der Expressionismus wurde als Mittel zur Abgrenzung und Innovation kreiert, als Weg zur Utopie. Ein Aufsatz des Herausgebers Christoph Rauhut kn├╝pft mit einem historischen Portr├Ąt Berlins an: Nach 1918 beginnt die biedere, vor allem militaristisch gepr├Ągte Kaiserstadt, sich als Weltmetropole zu erfinden: K├╝nstlerische Offenheit und Experimentierfreudigkeit sind allgegenw├Ąrtig, es geht um die Schaffung neuer, zeitgem├Ą├čer Strukturen gerade im Bereich st├Ądtischer Bauma├čnahmen. Der Expressionismus formiert sich gegen├╝ber der Neuen Sachlichkeit, die vor allem das Bauhaus verk├Ârpert, wobei viele K├╝nstler_innen schulen├╝bergreifend t├Ątig sind. Hauptaufgaben sind die Erarbeitung moderner Erscheinungsformen von Sakralbauten und die L├Âsung der Wohnungsfrage. St├Ąndig steigender Bedarf an Wohnraum besteht neben dem Drang, sich vom kaiserzeitlichen Modell der Mietskaserne zu l├Âsen ÔÇô das Enge, bescheidene Hygieneverh├Ąltnisse und D├╝sternis nach sich zieht. Diese Forderungen m├╝ndeten in die Entstehung von Gro├čsiedlungen wie Britz oder die Wohnstadt Carl Liengen.

Freie Gestaltungsm├Âglichkeiten in den neuen Bezirken

Der expressionistische Baustil entwickelte sich vor allem in den frisch eingemeindeten Au├čenbezirken, wo der h├Âchste Bedarf an neuen Geb├Ąudetypen wie Autogaragen, Funk- und Kaufh├Ąusern bestand, im Vergleich gewann Mitte eher musealen Wert. Immer war diese Bauweise mit dem Wunsch verbunden, eine "Stadtkrone" zu schaffen, ein weltliches Geb├Ąude, das alle ├╝brigen um sich schart und die Rolle des "Zentrums" einnimmt ÔÇô zumindest auf die architektonische Substanz bezogen. Ein noch erhaltenes Beispiel ist die Buchdruckerei des Ullstein-Verlages am Mariendorfer Damm. Heute wird der expressionistische Wirkungsraum aufgrund der hohen Pr├Ąsenz des Bauhauses h├Ąufig ├╝bersehen, doch war er, wie uns die Autoren durch Text und Bild erl├Ąutern, in den 1920ern eine essentielle Inspirationsquelle.

Umfangreiche Fotodokumentation mit Leerfl├Ąchen

Ankn├╝pfend an die theoretische Einf├╝hrung werden Bauwerke ins Blickfeld der Betrachter_innen ger├╝ckt ÔÇô im bunten Stadtbild Berlins leicht zu ├╝bersehen, sind ihnen hier imposante gro├čformatige Fotografien gewidmet (alle zwischen 2010 und 2014 entstanden), jeweils mit der Angabe versehen, welche_r Architekt_in sie wann schuf: Das Gleichrichterwerk Zehlendorf in der Machnower Stra├če, 1928 von Heinrich M├╝ller entworfen, oder die Rundkirche am Tempelhofer Feld, 1927 nach Skizzen Fritz Br├Ąunings erbautÔÇŽ Neben dem unmittelbaren Stadtgebiet werden auch der Spreewald und Potsdam, insgesamt die Mark Brandburg, fokussiert. Au├čer zahlreichen ├Âffentlichen Institutionen sind Privath├Ąuser wie das "Beamtenwohnhaus" am Zoologischen Garten aus dem Jahre 1929 abgelichtet. Die Betrachtung der Fotos sensibilisiert f├╝r die Erkennung der damaligen Anspr├╝che und Zielsetzung. So wird beispielsweise anschaulich klar, welch gro├če Rolle die hanseatische Bautradition auf Basis von Backsteinen spielte.

Leider sind die Fotos nach einer eher knapp bemessenen insgesamt 12seitigen Einf├╝hrung ohne weitere Unterteilungen oder besonders f├╝r Lai_innen hilfreiche Anmerkungen aneinandergereiht. Weitere Orientierungspunkte, zumindest in Form einer geographischen Gliederung, w├Ąren w├╝nschenswert gewesen. So bleiben die Betrachter_innen durchwegs auf die eigene Analysef├Ąhigkeit angewiesen. Ein gro├čes Vers├Ąumnis der Herausgeber ist die Ausblendung wichtiger historischer Fakten wie die hohe und bedeutende Pr├Ąsenz j├╝discher Architekt_innen im Berlin vor 1933. Diese bleiben komplett unerw├Ąhnt, obwohl der Band (unkommentiert) drei Bauwerke von Erich Mendelsohn auff├╝hrt.
Dennoch liefert er einen wertvollen Ansto├č dazu, Berlin als "expressionistische Stadt" wiederzuentdecken. Routen durch eben dieses "expressionistische Berlin" lassen sich mit seiner Hilfe leicht erstellen, denn alle erw├Ąhnten Geb├Ąude sind in den Stadtkarten im Anhang verzeichnet.

Das Buch ist zweisprachig abgefasst, auf deutsche Passagen folgt die englische ├ťbersetzung.

Zu den Herausgebern: Niels Lehmann und Christoph Rauhut sind Architekten und leben in Z├╝rich. Gemeinsam haben sie im Hirmerverlag bereits den Fotoband "Modernism London Style. The Heritage of Art D├ęco" herausgegeben, zus├Ątzlich lieferte Rauhut Beitr├Ąge zu "Bautechnik des Historismus". Rauhut studierte 2003ÔÇô2009 Architektur an der RWTH Aachen und ETH Z├╝rich und wurde 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f├╝r Denkmalpflege und Bauforschung der ETH Z├╝rich. Seit 2011 ist er Mitglied der Arbeitsgruppe Denkmalpflege, Stadtentwicklung, Umwelt des Deutschen Nationalkomitees f├╝r Denkmalpflege, seit 2013 au├čerdem im Vorstand der Gesellschaft f├╝r Bautechnikgeschichte. Forschungsschwerpunkte sind Konstruktionswissen zu historischen Baukonstruktionen, die Verwissenschaftlichung des Bauwissens im 19./20. Jahrhundert und die Baugeschichte des fr├╝hen 20. Jahrhunderts. Seine Dissertation schrieb er zum Thema Die Praxis der Baustelle um 1900: Das Z├╝rcher Stadthaus Fraum├╝nsteramt. (Quellen: Verlagsinformation, Website des IDB Z├╝rich)

AVIVA-Tipp: "Fragments of Metropolis. Berlin" ist als akribische Fotorecherche in und um Berlin zu verstehen. Es deckt somit eine Nische in den Publikationen ├╝ber die Baugeschichte der Zwischenkriegszeit ab. Wer allgemein Kenntnisse zum Expressionismus und seinen Ideen ÔÇô etwa die Vorstellung von einer durch den Menschen erschaffbaren "Metropolis" ÔÇô vertiefen will, sollte weitere Fachliteratur hinzuziehen. Die Neuerscheinung von Lehmann und Rauhut ├╝bergeht jedoch leider grunds├Ątzlich relevante Informationen wie die Bedeutung j├╝discher Architekt_innen vor der nationalsozialistischen Macht├╝bernahme.

Nils Lehmann, Christoph Rauhut (Hg.)
Fragments of Metropolis. Berlin

Hirmerverlag, erschienen im April 2015
Hardcover, 256 Seiten, 140 Abbildungen in Farbe,
55 Planzeichnungen und Kartenmaterial, zweisprachig
ISBN 9-783777-422909
24,90 Euro
www.hirmerverlag.de


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Literatur Beitrag vom 25.04.2015 Teresa Lunz 





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