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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.01.2013

Duki Dror - Erich Mendelsohn. Visionen f├╝r die Ewigkeit
Susann S. Reck

Der Dokumentarfilm des israelischen Filmemachers erz├Ąhlt die Lebensgeschichte des f├╝r die Moderne des 20. Jahrhunderts wegweisenden Architekten anhand von pers├Ânlichen Briefen mit seiner Frau Luise



Amsterdam und die Bombe

Nach seiner Motivation befragt, erw├Ąhnt Duki Dror in einem im Interview von zwei Schl├╝sselmomenten, die ihn veranlasst haben einen Film ├╝ber den Architekten Erich Mendelsohn zu machen.
Bei dem ersten handelt es sich um eine Episode, die sich 1933 am Bahnhof von Amsterdam zugetragen hat. Nachdem Erich Mendelsohn als Jude aus der deutschen Architektenkammer ausgeschlossen worden war, bestieg er noch am selben Abend mit seiner Frau Luise den Nachtzug von Berlin nach Amsterdam. Dort stie├č er am n├Ąchsten Morgen auf einen Bekannten.
"Erich, was machst Du denn hier"?, fragte er.
Mendelsohn zog einen Stift aus seiner Jackentasche und antwortete:
"Ich habe soeben mein B├╝ro verlegt".

F├╝r Duki Dror spiegelt diese Episode, neben Erichs Weitblick, einen Menschen, der an seinen Visionen festhielt und daf├╝r bereit war, Risiken auf sich zu nehmen. Die Mendelsohns kehrten nie wieder nach Deutschland zur├╝ck.
Das zweite Moment ist ├Ąhnlich schicksalhaft wie das erste. Kurz vor dem Beitritt der Amerikaner in den 2. Weltkrieg (1941), erreichen die Mendelsohns die USA.
"Mein Volk wird geschlachtet", schreibt Erich an einen Freund. "Ich muss der Regierung meine Dienste anbieten.

Tats├Ąchlich geht das amerikanische Milit├Ąr darauf ein. Es kann mit Hilfe des Architekten, der genauen Aufschluss dar├╝ber gibt, wie und womit in Deutschland gebaut wurde, die Durchschlagskraft der Bomben erheblich verbessern, die seine St├Ądte zerst├Âren und schlie├člich mit zum Waffenstillstand beitragen werden.

Wer aber war dieser Mendelsohn, der vision├Ąr das moderne Bauen des 20. Jahrhunderts in Deutschland vorw├Ąrts getrieben und entscheidend gepr├Ągt hat, und der nach dem 2. Weltkrieg nichts mehr mit Deutschland zu tun haben wollte?

Einsteinturm

1887 im ostpreu├čischen Allenstein (heute Olsztyn in Polen) als Sohn eines Kaufmanns geboren, lernt Mendelsohn fr├╝h seine sp├Ątere Frau Luise, eine begabte Cellistin kennen. Sie ist aus reichem Haus und fasziniert von seinen ungew├Âhnlichen Entw├╝rfen als Architekt. Luise tr├Ągt entscheidend zu seinem Erfolg bei. Nach dem ersten Weltkrieg etwa, macht Erich durch sie die Bekanntschaft mit Albert Einstein, der zu diesem Zeitpunkt fast auf dem H├Âhepunkt seiner Karriere als Physiker ist und seine Pl├Ąne f├╝r ein Forschungslabor der Relativit├Ątstheorie favorisiert. In einer bislang unbekannten Formensprache, in der Eisen und Beton als elastisches Material unter Beweis gestellt werden soll, w├Ąre der Bau von Mendelsohns Vorschlag zudem ein expressionistisches Experiment. Tats├Ąchlich erh├Ąlt er 1920 den Zuschlag, und als ein Jahr nach der Enth├╝llung seines spektakul├Ąren Deb├╝ts, dem Einsteinturm in Potsdam, der Physiker den Nobelpreis erh├Ąlt, ist es auch f├╝r Mendelsohn der Durchbruch.

Funktionelle Dynamik und Machtergreifung

Innerhalb k├╝rzester Zeit wird Erich Mendelsohn zum meist besch├Ąftigten Architekten Berlins. Sein B├╝ro geh├Ârt zu den gr├Â├čten Europas.
Mit der Mitgestaltung des Potsdamer Platzes, dem Bau von Kaufh├Ąusern f├╝r den Industriellen Schocken und des Woga-Komplexes, zu dem das einstmals modernste Kino der Welt, das Universum am Kurf├╝rstendamm (heute die Schaub├╝hne) geh├Ârte, um nur einige Bauten zu nennen, bewegte sich Mendelsohn mit seinem Konzept einer funktionellen Dynamik auch weiterhin jenseits des Mainstreams. Mit dem Ausschluss aus der Architektenkammer, findet diese Werkphase Erich Mendelsohns jedoch ein j├Ąhes Ende.

Duki Dror erz├Ąhlt in seinem chronologisch aufgebauten Dokumentarfilm die Auswirkungen von Terror und Krieg auf die Geb├Ąude stets mit. So wird erw├Ąhnt, dass der j├╝dische Industrielle Schocken enteignet und seine Kaufh├Ąuser zweckentfremdet wurden, dass durch die Bombenangriffe der Alliierten vom Potsdamer Platz nichts ├╝brig blieb und dass der Einsteinturm nur dank seiner innovativen Form den sp├Ąteren Druckwellen der Bomben standhielt.
Unmerklich bereitet der Filmemacher vor, was weder die Zuschauerin, geschweige denn Mendelsohn selbst zu diesem Zeitpunkt seines Lebens ahnen konnte, dass der Erbauer zum Mitzerst├Ârer seines eigenen Werkes werden sollte.

Exil

Amsterdam, London, Jerusalem, San Francisco. Mit der Flucht vor den Nationalsozialisten kommen auf Erich Mendelsohn Bauaufgaben in neuen Kulturen und unter anderen Lebensumst├Ąnden zu. Aber auch jetzt scheinen die richtigen Kontakte ├╝ber den Schock der Dem├╝tigung hinweg zu helfen, deutet alles auf einen Neuanfang in Pal├Ąstina hin. Dann aber landen die ersten deutschen Truppen in dem von Italien kontrollierten Libyen und die Mendelsohns packen erneut ihre Koffer. Diesmal ist ihr Ziel New York. Dort verfolgen die Mendelsohns die Auswirkungen nationalsozialistischer Politik in Europa. "Die Deutschen", erkl├Ąrte Luise bereits in Jerusalem, "haben uns Juden allesamt verraten".

The German Village

Wer konnte besser Auskunft dar├╝ber geben, wie in Deutschland gebaut und wo sich kriegsrelevante Geb├Ąude befanden, als ein Architekt aus Deutschland? S├╝dwestlich von Salt Lake City in der W├╝ste von Utah, innerhalb der bis heute gr├Â├čten milit├Ąrischen Sperrzone der USA wurden w├Ąhrend des 2. Weltkriegs H├Ąuser nach deutschen Bauprinzipien gebaut, die zu Testzwecken bombardiert wurden.
"For me, it┬┤s the most interesting dramatic point because you see an artist who had to collaborate in some way with a war machine and sell his soul, so to speak, and he would be condemned if he did, condemned if he didn┬┤t. I don┬┤t know what I would do if I were him and I hope that everybody who watches the film will feel the same, will put himself or herself in this position." so Duki Dror im Interview.
Ein Gewissenskonflikt dieser Tragweite ist ein phantastischer H├Âhepunkt f├╝r einen Film.
Wie Erich Mendelsohn selbst damit zurrecht kam, scheint jedoch nicht schriftlich festgehalten worden zu sein. Es gibt im Film zumindest keinen Hinweis darauf. Allerdings ist bekannt, dass er nach dem Krieg nicht wissen wollte, welche seiner Bauten zerst├Ârt worden waren.
Auch schlug er alle Einladung nach Deutschland aus.
"Ich bin verloren in einer Welt, die sich selbst verloren hat", zitiert Dror Mendelsohn.

Golden Gate

In Duki Drors Dokumentarfilm verschwindet Erich Mendelsohn gleichsam aus dem Film. Er ist pl├Âtzlich weg. ├ťber seine letzte Werkphase in den USA erfahren die ZuschauerInnen so gut wie nichts. Sein Tod kommt ├╝berraschend. Laut einer Enkelin ist die Asche des Gro├čvaters im Jahr 1953 von einem Windsurfer unter der Golden Gate Bridge in San Francisco ausgestreut worden. Ist es eine Legende oder nicht?
Der Film kl├Ąrt es nicht auf.
Duki Drors Dokumentarfilm suggeriert, dass mit dem german village Mendelsohns Leben an einem Endpunkt angekommen ist. Im Sinne einer fiktionalen Filmerz├Ąhlung mag das stimmen, aber ist auch nach dokumentarischen Gesichtspunkten legitim?
Auch Luise Mendelsohns Spuren verlieren sich. Sie musste nach Erichs Tod eine Arbeit annehmen, sie verwaltete sein Erbe. Aber wie kam sie in den USA zurecht? Wann starb sie?
Auch dar├╝ber gibt der Film, den sie als Erz├Ąhlerin ├╝ber weite Strecken getragen hat, am Ende keine Auskunft.

Von Allenstein/Ostpreu├čen bis St. Louis/Missouri

Erich Mendelsohns Entwurf f├╝r das Riverside Park Holocaust Memorial in New York wurde nie verwirklicht. Es ist m├╝├čig sich zu fragen warum, aber ist es auch ├╝berfl├╝ssig zu erz├Ąhlen, dass Mendelsohn zwischen 1946 und 1952 fast ausschlie├člich Synagogen baute? Ist es vielleicht zu sentimental um Raum zu finden? Immerhin geh├Ârt die B┬┤nai Amoona Synagogue in St. Louis zu den Innovativsten, die je verwirklicht wurden. Auch begann Mendelsohn seine Laufbahn als Architekt mit einem Haus der rituellen Reinigung, das kurz nach seinem Studium neben dem j├╝dischen Friedhof in seinem Heimatort Allenstein (Olsztyn) entstand. War die Geb├Ąudewahl ein Zufall? Wie wichtig war Erich Mendelsohn die spirituelle Seite des Judentums?
In Duki Drors Dokumentarfilm bleibt vieles in der Schwebe. In der Werkschau wird die letzte Phase ausgespart, auch die Liebesgeschichte zwischen Erich und Luise wird nicht zu Ende erz├Ąhlt.

AVIVA-Tipp: "Wir brauchen keine Einkaufszentren sondern Geb├Ąude die uns intelligenter machen", hei├čt es an einer Stelle im Film. Genau dieses Bewusstsein aber macht ihn aus. Er zeigt einen von Visionen besessenen Architekten, der es vermochte, der experimentellen Lust an Dynamik, Material, Licht und Perspektiven freien Lauf zu lassen, ohne je die Funktionalit├Ąt eines Geb├Ąudes au├čer acht zu lassen. Auch zeigt er einen Menschen, der fr├╝h die Gefahren des Hitler-Regimes erkannte und es vermochte, so gut wie m├Âglich darauf zu reagieren.

Zum Filmemacher: Duki Dror, 1963 in Tel Aviv, Israel geboren hat Duki Dror bereits ├╝ber zehn Filme gemacht. Seine Themen kreisen vor allem um Migration, Entfremdung und Identit├Ąt. Zu den Bekanntesten geh├Âren:
Cafe Noah
The journey of Vaan Nguyen
Side Walk
Red Vibes
My fantasia
Weitere Informationen: www.dukidror.com

Erich Mendelsohn. Visionen f├╝r die Ewigkeit

FILAF d┬┤Or, Festival International du Livre d┬┤Art et du Film Perpignan 2012
Besondere Erw├Ąhnung der Jury, Jerusalem International Film Festival 2011


Erich Mendelsohn. Visionen f├╝r die Ewigkeit.
Originaltitel: Mendelsohn┬┤s Incessant Visions
Israel 2011
Regie: Duki Dror
Drehbuch: Galia Engelmayer-Dror, Duki Dror
Produktion: Zygote Films
Kamera: Philippe Bellaiche
Schnitt: Duki Dror
Musik:Frank Ilfman
Sound Design: Itzik Cohen
DarstellerInnen Ita Heitze Greenberg, Jeremy Hoffman, Alan Haydon, L├Ąnge: 70 Minuten

Sprache: Deutsche Fassung, englische OF
Untertitel Deutsch, Englisch, Franz├Âsisch, Polnisch
Bestell-Nr. D284
Edition Salzgeber. V├ľ 12.11.2012
EAN 4040592004785
UVP 19,90 Euro
Extras Kinotrailer, Features: Mendelsohn in San Francisco, Briefe von Unterwegs, Haifa, Der "Synagogen-Architekt"
DVD bestellen unter: gayclassics.tv

Kinostart: 22. November 2012, Ab 13.Januar 2013 im Xenon, Berlin www.xenon-kino.de

Weitere Informationen:

Mendelsohn┬┤s Incessant Visions: www.architectmovie.com
Trailer www.youtube.com

Aus Anlass des 125. Geburtstages von Erich Mendelsohn (1887-1953) gaben die Erich-Mendelsohn-Stiftung und die Kunstbibliothek Berlin am 21. M├Ąrz 2012 eine bislang unver├Âffentlichte Aphorismen-Sammlung heraus, die 1961 von Mendelsohns Witwe Louise und seinem Biografen Oskar Beyer zusammengestellt wurde. Bereichert durch eine Auswahl seiner legend├Ąren Zeichnungen, wird hier die besondere St├Ąrke Mendelsohns deutlich, die im spontanen Gedankenk├╝rzel wie in der schnellen, hingeworfenen Skizze immer bereits das Ganze erfasst. Befreit von allem ├ťberfl├╝ssigen, ist es die Konzentration auf das Wesentliche, die diese Text- und Bild-"Formeln" so eing├Ąngig machen. Die gestalterische Bearbeitung der Publikation hat die Urenkelin Erich Mendelsohns, Alexis Petty, K├╝nstlerin und Grafikdesignerin in San Francisco, ├╝bernommen.
Erich Mendelsohn: Mensch und Form
Aus dem Nachlass des Architekten
Ausgew├Ąhlt und eingeleitet von Oskar Beyer
Mit einem Nachwort von Ita Heinze-Greenberg
112 Seiten, Broschur, 33 Abbildungen
ISBN: 978-3-942271-61-5, EUR 17,90
Ita Heinze-Greenberg: Erich Mendelsohn
"Bauen ist Gl├╝ckseligkeit"
88 Seiten, Broschur, 21 Abbildungen
ISBN: 978-3-942271-34-9, EUR 8,90
J├╝dische Miniaturen, Bd. 116
Hentrich & Hentrich Verlag Berlin
www.hentrichhentrich.de

Luise und Erich Mendelsohn
Eine Partnerschaft f├╝r die Kunst

Hrsg. Ita Heinze-Greenberg, Regina Stephan, Texte von Oskar Beyer, Ilse Goldenzweig, Walther Harich, Ita Heinze-Greenberg, Richard Hunter, Luise Maas, Erich Mendelsohn, Luise Mendelsohn, Hans Schiller, Regina Stephan
Reihe: Materialien zur Moderne
Erschienen im Hatje Cantz Verlag

Erich Mendelsohn: Bauen f├╝r ein neues Land auf haGalil.com

"Die Frau hinter... Erich Mendelsohn", ein Artikel von Susanne Kippenberger im Tagesspiegel (2004)

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Deutsche j├╝dische Architekten vor und nach 1933, von Myra Warhaftig

"J├╝disches im Gr├╝nen. Ausflugsziele im Berliner Umland" von Judith Kessler und Lara D├Ąmmig
(mit Hinweis auf Erich Mendelsohns ber├╝hmte Luckenwalder Hutfabrik)

"Wie w├╝rde ich ohne B├╝cher nur leben und arbeiten k├Ânnen? Privatbibliotheken j├╝discher Intellektueller im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Ines Sonder, Karin B├╝rger, Ursula Wallmeier
(In dem Sammelband finden sich Texte auch zu den Bibliotheken von Erich Mendelsohn)



Kultur Beitrag vom 13.01.2013 Susann S. Reck 





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