Francesca Yardenit Albertini - Die Vision eines anderen Judentums. Ausgew├Ąhlte Schriften, herausgegeben von Claus-Steffen Mahnkopf - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 06.07.2015

Francesca Yardenit Albertini - Die Vision eines anderen Judentums. Ausgew├Ąhlte Schriften, herausgegeben von Claus-Steffen Mahnkopf
Lisa Sophie K├Ąmmer

Die j├╝dische Religionsphilosophin ruft zu einer offenen Kritik an ├╝berlebten Denkmustern auf. Ihre einseitigen Schuldzuweisungen an Israel folgen jedoch einer bekannten, fragw├╝rdigen ...



... Argumentation, die keine konstruktive Kritik f├╝r die Zukunft bereith├Ąlt.


Nachdem im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin im Fr├╝hjahr 2014 das Buch von Rabbinerin Elisa Klapheck ├╝ber das Leben und Wirken der j├╝dischen Philosophin Margarete Susman (1872-1966) erschienen ist, widmet sich der Berliner Verlag mit seinem vielseitigen Programm zur j├╝dischen Kultur und Zeitgeschichte nun einer j├╝dischen Denkerin unserer Zeit. Francesca Yardenit Albertini, die im Fr├╝hjahr 2011 im Alter von nur 36 Jahren verstorben ist, hinterl├Ąsst ein umfangreiches ┼ĺuvre. Dank den Bem├╝hungen ihres Mannes ist es der Leserin nun m├Âglich, Einblick in die Gedankenwelt einer vielseitig begabten und polarisierenden jungen Wissenschaftlerin zu nehmen.
Die zw├Âlf von Mahnkopf zusammengestellten Texte seiner verstorbenen Frau, niedergeschrieben in den Jahren 2004 bis 2010, folgen dabei dem Titel des Buches, wonach sie die Visionen Albertinis von einem "anderen Judentum" darzulegen beabsichtigen. Albertini, 1974 in Rom geboren und in einer assimilierten, religi├Âs-indifferenten j├╝dischen Familie aufgewachsen, wurde sich ihrer eigenen Herkunft erst im Rahmen des Philosophiestudiums bewusst. Fasziniert von den universellen ethischen Werten des Judentums und der Gelehrsamkeit seiner Rabbinen nimmt sie in der Folge den hebr├Ąischen Vornamen Yardenit an und widmet sich mit gro├čer Hingabe vor allem dem Studium mittelalterlicher Quellen sowie der j├╝dischen Philosophie des 20. Jahrhunderts.

Verfechterin eines liberalen Judentums

Sie selbst beginnt sich fr├╝hzeitig, in der Tradition des liberalen Judentums zu sehen, dessen Kritik an ├╝berlebten Lehrmeinungen und Riten ÔÇô im Gegensatz zur Orthodoxie ÔÇô sie f├╝r grundlegend erachtet. Neben einem Aufsatz ├╝ber den liberalen Rabbiner Max Dienemann (1875-1939), dessen progressiv-reformerische Haltung Albertini bewundert, behandelt sie an anderer Stelle das J├╝disch-Theologische Seminar in Breslau, das von 1854 bis 1938 bestand und gleichsam ihre eigene Auffassung widerzuspiegeln scheint. Demnach war auch Albertini von der Notwendigkeit einer Wissenschaft des Judentums ├╝berzeugt, durch die die Wechselwirkungen zwischen j├╝discher und nicht-j├╝discher Kultur systematisch ergr├╝ndet und die sittlichen Ideale des Judentums f├╝r die gesamte Menschheit herausgestellt werden sollten.

Religi├Âse Elemente in Star Trek

Weitere Aufs├Ątze des Sammelwerkes widmen sich dem j├╝dischen Toleranzgedanken in Antike und Mittelalter sowie den philosophischen Ber├╝hrungspunkten j├╝discher und islamischer Gelehrter. Albertini nimmt dabei auch aktuelle Entwicklungen und Debatten in den Blick. So diskutiert sie ausgehend von den religionsgesetzlichen ├ťberlieferungen des rabbinischen Judentums unter anderem, wie die Sterbehilfe aus j├╝discher Perspektive zu bewerten ist oder wie sich Religion und Religiosit├Ąt in der US-Fernsehserie Star Trek manifestieren.

Fragw├╝rdige, ahistorische Vergleiche: Albertinis Diffamierung Israels

Die Vision eines anderen Judentums gr├╝ndete f├╝r Albertini in der F├Ąhigkeit zum Dialog sowie zur Eigenkritik, die es im Geiste des liberalen Judentums voranzubringen galt. Nur so k├Ânne die j├╝dische Ethik den Anspruch erheben, das Wohl der Menschen durch ihre Werte zu f├Ârdern. Albertinis ├ťberzeugung von der besonderen Rolle des Judentums, an der sie zeitlebens festhielt, sah sie durch ihren Forschungsaufenthalt in Jerusalem 2002-2004 pers├Ânlich ersch├╝ttert. Ihre ablehnende Haltung dem Staat Israel gegen├╝ber manifestiert sich dabei in dem Aufsatz "Ist der Antisemitismus am Anfang des 21. Jahrhunderts eine L├╝ge?" Die Argumentation Albertinis, die darin behauptet, der Antisemitismus sei eine "gigantische L├╝ge" israelischer Medien und Politiker_innen, mittels derer letztere vor allem ihr Unrecht an den Pal├Ąstinensern rechtfertigen wollten, zeugt dabei von einer erstaunlichen Einseitigkeit, wie auch die Struktur des Textes neben dem Inhalt problematisch ist. So beinhaltet dieser, der ein ausschlie├člich negatives Bild von der israelischen Gesellschaft zeichnet, laut Anmerkungen des Herausgebers fiktive Passagen, die als solche jedoch nicht kenntlich gemacht werden. Wenn Albertini also unter anderem bemerkt, j├╝dische Kollegen h├Ątten eine "Endl├Âsung der Pal├Ąstinenser" gefordert, so ist nicht klar, ob diese und weitere ├äu├čerungen tats├Ąchlich gefallen sind. Als eine Grenzg├Ąngerin, die sich ├╝ber bestehende Denkmuster hinwegsetzt ÔÇô wie Mahnkopf seine Frau zu portr├Ątieren beabsichtigt ÔÇô erscheint Albertini jedenfalls nicht. Ihre Beschreibung der israelischen Gesellschaft, die sie als "faschistisch" einstuft, folgt der Argumentation linker Israel-Kritiker_innen.

Eine fehlende kritische Ann├Ąherung

In diesem Sinne w├Ąre es w├╝nschenswert gewesen, den emotionalen, pers├Ânlichen Aufsatz Albertinis mit Blick auf die Sozialisation und politische Haltung der Autorin n├Ąher einzuordnen. Stattdessen scheint das Anliegen des datenreichen Nachwortes darin zu bestehen, die "Hochbegabung" und "beispiellose Karriere" Albertinis herauszustellen, ohne ihre teils fragw├╝rdige Argumentationsweise kritisch zu interpretieren. Dass sie eine begabte, hingebungsvolle Wissenschaftlerin war, die bereits in jungen Jahren auf eine beachtliche Laufbahn zur├╝ckblicken konnte, die auf je tragische Weise beendet wurde, soll hierdurch keineswegs in Abrede gestellt werden. Dennoch scheint es, als habe Mahnkopf ein Bild von seiner Frau gezeichnet, das sich in seiner idealisierten, unantastbaren Darstellung jeglicher Kritik zu entziehen versucht.

Zur Autorin: Francesca Yardenit Albertini wurde 1974 in Rom geboren und wuchs in einer s├Ąkular-assimilierten, j├╝dischen Familie auf. Von 1993 bis 1997 studierte sie Philosophie, Kunstgeschichte und Orientalistik mit Schwerpunkt J├╝dische Philosophie, ├ägyptologie und Judaistik an der r├Âmischen Universit├Ąt La Sapienza. Von 1999 bis 2002 promovierte sie an der Universit├Ąt Freiburg in den F├Ąchern Philosophie und Katholische Theologie. 2007 folgte die Habilitation in Philosophie an der Universit├Ąt Frankfurt a.M. zur Konzeption des Messias bei Moses Maimonides (1135/1138-1204), einem der bedeutendsten j├╝dischen Schriftgelehrten. W├Ąhrend des Studiums verfasste Albertini erste wissenschaftliche Abhandlungen und ├╝bersetzte Texte des Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) ins Italienische. Ab 2002 nahm sie mehrere Lehrauftr├Ąge u.a. an der Universit├Ąt in Freiburg, der Goethe-Universit├Ąt in Frankfurt, der J├╝dischen Hochschule in Heidelberg sowie der Universit├Ąt Potsdam wahr, wo sie von 2007 bis 2011 Professorin f├╝r J├╝dische Religionsphilosophie war. Neben dieser weitreichenden Lehrt├Ątigkeit war sie von 2002 bis 2004 im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Israel und nahm an verschiedenen internationalen Konferenzen, v.a. in den USA, teil. Im Zuge ihrer wissenschaftlichen Karriere hielt sie diverse Vortr├Ąge im In- und Ausland und gab mehr als 60 Lehrveranstaltungen. Zum Gedenken an ihr Wirken findet seit 2013 j├Ąhrlich eine "Francesca Yardenit Albertini-Vorlesung" an der Freien Universit├Ąt Berlin statt, die als Ort des wissenschaftlichen Dialogs konzipiert ist.

Zum Herausgeber: Claus-Steffen Mahnkopf wurde 1962 in Mannheim geboren und studierte Komposition, Musikwissenschaften, Philosophie und Soziologie, unter anderem bei J├╝rgen Habermas. Seit 2005 ist er Professor f├╝r Komposition an der Hochschule f├╝r Musik und Theater in Leipzig. Mahnkopf war seit 1999 mit Francesca Yardenit Albertini verheiratet.

AVIVA-Fazit: Die Schriftensammlung bietet einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt der Religionsphilosophin Francesca Yardenit Albertini, deren Forschungsinteressen sich durch ein weitgef├Ąchertes Spektrum auszeichnen. Angespornt durch einen ausgepr├Ągten, transdisziplin├Ąren Wissensdurst wirft Albertini so teilweise neue Fragen auf und markiert einzelne L├╝cken, die es von der Forschung k├╝nftig zu f├╝llen gilt. Dank des pers├Ânlichen Engagements von Verlegerin Dr. Nora Pester, die sich nach dem tragischen Tod von Albertini dazu entschloss, ihre wissenschaftlichen Verdienste in Erinnerung zu rufen und ihre streitbaren Gedanken ├Âffentlich zur Diskussion zu stellen, liegen der Leserin so anregende Abhandlungen zu verschiedenen Aspekten des j├╝dischen Geisteslebens sowohl aus historischer Perspektive als auch in Form aktueller Debatten vor. Albertinis Texte, die insgesamt anschaulich und leicht verst├Ąndlich sind, eignen sich dabei auch f├╝r Leserinnen, die bislang ├╝ber keine Kenntnisse der j├╝dischen Philosophie verf├╝gen. Inwiefern sie als eine Grenzg├Ąngerin betrachtet werden kann, bleibt allerdings ÔÇô zumindest im Rahmen der hier ausgew├Ąhlten Texte ÔÇô offen. So gr├╝ndet vor allem ihr Aufsatz ├╝ber Israel, dessen Gesellschaft sie nach antizionistischem Muster der T├Ąter-Opfer-Umkehrung des Faschismus bezichtigt, auf einer bedenklichen Argumentationsweise, die einer kritischen Kommentierung bedurft h├Ątte.

Francesca Yardenit Albertini, Claus-Steffen Mahnkopf (Hg.)
Die Vision eines anderen Judentums. Ausgew├Ąhlte Schriften

Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, erschienen im August 2014
Hardcover, 244 Seiten
ISBN 978-3-95565-056-8
24,90 Euro
www.hentrichhentrich.de


Weitere Infos unter:

www.geschkult.fu-berlin.de Die "Francesca Yardenit Albertini-Vorlesung" 2015

www.muslim-markt.de, Interview mit Francesca Yardenit Albertini vom 27.01.2006 auf den Seiten des Internetportals "Muslim-Markt"


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Rabbinische Weisheiten

Die Anderen und das Judentum, Rabbinerin Elisa Klapheck

Die Mischna - Festzeiten Seder Mo┬┤ed und Einf├╝hrung in die Mischna



Literatur Beitrag vom 06.07.2015 Lisa Sophie K├Ąmmer 





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