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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.03.2016

Thea Dorn - Die Ungl├╝ckseligen
Annika H├╝ttmann

Unsterblichkeit. Molekularbiologie, Romantik und der Teufel. Liebe. Was ist Wissenschaft, was nicht? Thea Dorn wagt in ihrem umfangreichen neuen Roman eine moderne Bearbeitung des Fauststoffes.



Thea Dorn ist Philosophin, Krimi- und Sachbuchautorin und untersuchte in ihrem letzten Buch Die deutsche Seele die Urspr├╝nge der Gegenwart in diesem Land. Dieses vielseitige Schaffen vereint sie nun in Die Ungl├╝ckseligen, eine Wissenschafts- und Liebesgeschichte, die es schafft, spannend, desillusioniert und sentimental, philosophisch und humorvoll zugleich zu sein.

Was, wenn mensch das biologische Altern aufhalten k├Ânnte? Johanna Mawet, deutsche Molekularbiologin, ist davon ├╝berzeugt, dass die Sterblichkeit des Menschen heutzutage v├Âllig ├╝berholt sei und arbeitet daran, diese abzuschaffen. In der Hoffnung, endlich den entscheidenden Durchbruch durch gentechnische Ver├Ąnderungen zu erlangen, befindet sie sich auf einem Forschungsaufenthalt an der amerikanischen Ostk├╝ste. Doch dort geschieht schon am Tag ihrer Ankunft etwas, womit sie nie gerechnet h├Ątte.

In einem Supermarkt trifft sie zuf├Ąllig auf einen seltsamen Mann namens John, dessen Aussehen und unbestimmbares Alter sie verwirren. John im Gegenzug ger├Ąt beim Anblick von Johanna in Panik, er vermutet in ihr den Teufel, und flieht. Wenig sp├Ąter kreuzen sich die Wege der beiden jedoch zuf├Ąllig wieder und eine Bekanntschaft, die langsam das Weltbild beider ProtagonistInnen durcheinander bringen wird, nimmt ihren Lauf.

John behauptet, eigentlich Johann Wilhelm Ritter zu sein, ein 1776 geborener Naturwissenschaftler. Erst als Johanna Augenzeugin der unglaublichen regenerativen F├Ąhigkeiten von Ritters K├Ârper wird beginnt sie, ihm zu glauben und hofft, in seinem Genom endlich den Schl├╝ssel zur Unsterblichkeit zu finden. Aber l├Ąsst sich das ewige Leben wirklich mithilfe der Molekularbiologie finden? Liegt die Antwort stattdessen in den galvanistischen Selbstexperimenten, die Ritter zur Zeit der Romantik durchf├╝hrte? Oder hat letztendlich der Teufel seine Finger im Spiel?

Den Teufel gibt es tats├Ąchlich in Thea Dorns Roman. Immer wieder schaltet er sich kommentierend ein. Er kann nicht eingreifen, er ist nicht im klassischen Sinne b├Âse und er hat eigentlich ausgedient. Aber er wei├č Dinge, die Mawet, Ritter und wohl auch die Leser_innen nie erfahren werden. Neben der Stimme des Teufels enth├Ąlt der Roman noch viele weitere erz├Ąhlerische sowie graphische Einsch├╝be. So finden sich Briefe, Comicsprechblasen, DNA Codes und die Geschichte einer kleinen Fledermaus. Diese Vielfalt braucht der so schon sehr komplexe Roman eigentlich nicht, stellenweise l├Ąuft er so Gefahr, etwas ├╝berladen zu sein.

Dorn hat mit Die Ungl├╝ckseligen ein gewagtes Monumentalwerk geschaffen. Sie l├Ąsst die deutsche Romantik und modernste Genforschung aufeinander treffen und miteinander in den Dialog treten. Der Roman ist, mit seinen unterschiedlichen Dialekten und Sprachstufen zugleich, eine Verbeugung vor der deutschen Sprache. Und ein Ausdruck des Unbehagens an der Gegenwart. Es scheint nicht zuf├Ąllig, dass die Autorin gerade jetzt einen modernen Faust geschrieben hat, denn die ├ťberforderung mit dem wissenschaftlichen Fortschritt ist heute mindestens so gro├č wie sie es um 1800 war, zu Beginn der Industrialisierung, als unter anderem Goethe und Lenau sich mit diesem Stoff auseinander setzten.

Am Ende bleibt die Verunsicherung. Weder moderne Wissenschaft noch Okkultismus noch wissenschaftliche Ans├Ątze der Romantik bieten eine letztendliche Antwort auf die vielen im Roman gestellten Fragen. Wird am Ende doch alles von einem allm├Ąchtigen Gott gesteuert? Mensch wei├č es nicht. Zwischen den Zeilen scheint Dorns Roman jedoch ein Pl├Ądoyer daf├╝r zu sein, wieder das gro├če Ganze zu betrachten, wie es der Wissenschaftler Ritter tat. Zwar sind beide ProtagonistInnen keineswegs durchweg sympathisch, aber immer wieder hat das Buch eine Tendenz, sich eher Ritters Sehnsucht danach, alle Zusammenh├Ąnge zu verstehen, zuzuneigen anstatt sich wie Mawet auf eine in h├Âchstem Ma├če ausdifferenzierte Wissenschaft zu st├╝tzen.

AVIVA-Tipp: Ob Unsterblichkeit tats├Ąchlich erstrebenswert ist, muss jede_r f├╝r sich selbst beantworten. Thea Dorn liefert mit diesem Roman eine F├╝lle an Ans├Ątzen, um ├╝ber Leben und Tod, Liebe und Wissenschaft, Geschichte und die Menschheit im allgemeinen nachzudenken. Eine gro├če, mutige und anregende Erz├Ąhlung.

Zur Autorin: Thea Dorn, geboren 1970, eigentlich Christiane Scherer, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Ihren K├╝nstlerinnennamen w├Ąhlte sie in Anspielung auf den von ihr nicht sehr gesch├Ątzten Philosophen Theodor W. Adorno. 1994 erschien ihr erster Roman, "Berliner Aufkl├Ąrung", der gro├čes Aufsehen erregte und f├╝r den sie den Marlowe-Preis erhielt. Sie schrieb eine Reihe preisgekr├Ânter Romane und Bestseller (u.a. "Die Hirnk├Ânigin"), Theaterst├╝cke, Drehb├╝cher und Essays (u.a. "Die neue F-Klasse ÔÇô Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird") und zuletzt mit Richard Wagner den Sachbuch-Bestseller "Die deutsche Seele". Sie moderierte die Sendung "Literatur im Foyer" im SWR-Fernsehen und kuratierte unter dem Motto "Hinaus ins Ungewisse!" das "forum:autoren" beim Literaturfest M├╝nchen 2012. Der Film "M├Ąnnertreu", zu dem sie das Drehbuch geschrieben hat, wurde 2014 mit dem "Deutschen Fernsehpreis" als bester Fernsehfilm des Jahres und 2015 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Thea Dorn lebt in Berlin. (Verlagsinformationen)

Thea Dorn
Die Ungl├╝ckseligen

Knaus Verlag, erschienen 26.02.2016
Gebunden mit Schutzumschlag, 552 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0598-6
24,99 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Thea Dorn und Richard Wagner - Die deutsche Seele (2012)

Thea Dorn - Ach, Harmonistan (2010)

Thea Dorn ÔÇô M├Ądchenm├Ârder (2008)

Thea Dorn - Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird (2006)

Thea Dorn - Die Brut (2004)




Literatur Beitrag vom 23.03.2016 Annika H├╝ttmann 





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