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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.07.2016

Without Restraint. Werke mexikanischer K√ľnstlerinnen aus der Daros Latinamerica Collection. Herausgegeben von Valentina Locatelli. Ausstellung vom 3. Juni ‚Äď 23. Oktober 2016 im Kunstmuseum Bern
Laura Seibert

Der ausf√ľhrliche, kritische Band zur zeitgen√∂ssischen Kunstwelt Mexikos zeigt die politisch anspruchsvollen Arbeiten der national und international bekannten Frauen. 64 Abbildungen, Biographisches, Interviews und Statements f√ľgen sich zu einem ...



... fundierten Band √ľber feministische Kunst in Mittelamerika zusammen.

Mit Werken von Ximena Cuevas, Claudia Fernández, Teresa Margolles, Betsabeé Romero, Maruch Sántiz Gómez, Teresa Serrano, Melanie Smith.

"Without Restraint" vereint ausgew√§hlte Arbeiten von sieben konzeptualistischen K√ľnstlerinnen, die in Mexiko t√§tig sind. Die Fotografien, Videos, Objekte und Installationen aus dem Bestand der Daros Latinamerica Collection in Z√ľrich werfen einen Blick auf die nationale Identit√§t Mexikos, die sogenannte Mexicanidad.

Allen K√ľnstlerinnen ist dabei die Auseinandersetzung mit weiblicher Freiheit gemeinsam: Soziale R√§ume und Beziehungen, die Frauen noch nicht offen stehen, geschlechtliche Hierarchien, Femizide, das Leben als K√ľnstlerin und andere, politische und gesellschaftliche Brennpunkte ziehen sich wie ein roter Faden durch die ausgestellten Werke.
√Ėffentliche Sichtbarkeit will "Without Restraint" f√ľr mexikanische K√ľnstlerinnen schaffen, denn Ausstellungen und besonders Einzelausstellungen, Kritiken sowie Medienresonanz bleiben in Mexiko nach wie vor Privilegien m√§nnlicher K√ľnstler.

Die K√ľnstlerinnen:

Von der K√ľnstlerin Teresa Serrano, 1936 in Mexiko-Stadt geboren, wo sie nach Jahrzehnten in New York wieder lebt und arbeitet, sind in der Ausstellung u.a. drei Ein-Kanal-Videos zu sehen: "La pi√Īata" (2003), "Restraint" (2006) und "Boca de tabla" (2007). Ciudad Ju√°rez, in den Medien bekannt durch die brutalen Femizide, denen vor allem Frauen zum Opfer fallen, die ihren Lebensunterhalt in den "maquiladoras" (sweatshops) verdienen, fehlt in ihrer k√ľnstlerischen Auseinandersetzung mit den dringendsten gesellschaftlichen Problemen nicht: "In "La pi√Īata" ersetzt die K√ľnstlerin den ausgebeuteten K√∂rper dieser Frauen mit einer Papiermach√©-Figur, die wie die Arbeiterin einer "maquiladora" gekleidet ist. Der fr√∂hliche, religi√∂s begr√ľndete Volksbrauch, mit einem Stock ein buntes, mit Schleifen verziertes Gef√§ss ‚Äď eine "pi√Īata" ‚Äď voll Bonbons und S√ľssigkeiten zu zerschlagen, wird hier zu einer gewaltt√§tigen Demonstration von Misogynie verkehrt, bei der im Video ein Schauspieler einen herrischen Protagonisten gibt." Im Ausstellungsband findet sich zudem ein Interview mit der K√ľnstlerin, welches Valentina Locatelli, die Kuratorin der Ausstellung, mit ihr per E-Mail f√ľhrte.
Die K√ľnstlerin Teresa Serrano im Netz: www.teresaserrano.com

Ximena Cuevas, 1963 in Mexiko-Stadt geboren, lebt und arbeitet ebenda. Seit 1990, dem Jahr, in dem sie ihre erste Videokamera kaufte, dreht sie experimentelle Filme und Videos, nachdem sie in den 80er Jahren beim Nationalen Filmarchiv daf√ľr angestellt war, "sittenwidrige" Szenen herauszuschneiden. Diesem tradierten Denken diametral entgegengesetzt, besch√§ftigt sie sich in ihren k√ľnstlerischen Arbeiten mit der Dekonstruktion nationaler Identit√§t, von Geschlechterbildern und heteronormativer Sexualit√§t. In der Ausstellung "Without Restraint" ist ihre Videoarbeit "El diablo en la piel" zu sehen: W√§hrend sie die Protagonistin wiederholt Wick VapoRub und Chilis in die Augen reibt, so dass diese tr√§nen, legt sich ein weiteres Paar Augen dar√ľber. Es ist ein Fragment des abwesenden K√∂rpers einer anderen Frau, der Geliebten, nach der die Protagonistin verlangt, die sie aber nicht erreichen kann, nicht mal mit Hilfe der Technik."
Ximena Cuevas im Netz: www.daros-latinamerica.net
"El diablo en la piel" (Devil In The Flesh) auf youtube: www.youtube.com

Autos und vor allem Reifen durchziehen Betsabe√© Romeros Werke. In Mexiko-Stadt, wo die 1963 geborene K√ľnstlerin lebt und arbeitet, sind kaputte, stehengelassene Autos keine Seltenheit. Mithilfe recycelter Autoteile reflektiert sie traditionelle Symbole der Macht, kritisiert Umweltzerst√∂rung, eine menschenfeindliche Verkehrspolitik, und m√§nnliche Macht. In Form partizipatorischer Performances, die sie fotografisch festh√§lt, eignet sie sich √∂ffentliche R√§ume an und bezieht lokale Gemeinschaften mit ein. Im vorliegenden Band sind von ihr "Ayate Car" (1977),"Aliento para rodar" (1997), "Pan es destino" (1999), "Taxi verdor" (2001) "Autoconstruido" (2000) und viele weitere Fotografien ihrer Auto-inspirierten Werke zu sehen. Valentina Locatelli f√ľhrte auch mit Betsabe√© Romero ein Interview per E-Mail, in dem die K√ľnstlerin ihre Arbeit mit Auto(teilen) reflektiert: "Autos werden bei jedem Stau zu station√§ren Objekten, sie werden in Gro√üst√§dten aus Platzmangel zu einem Haus oder einer Erweiterung des Hauses und wegen ihrer relativen Gebrauchsdauer zu station√§rem M√ľll. "Immobile Mobilit√§t" nenne ich das."
Betsabeé Romero im Netz: www.betsabeeromero.com

Teresa Margolles, 1963 in Culiac√°n geboren, arbeitet zum Thema Tod und bringt idadurch hre Ausstellungsbesucher_innen und sich selbst an ihre Grenzen. Die Ausgangspunkte der k√ľnstlerischen Arbeiten der Rechtsmedizinerin sind das Leichenschauhaus von Mexiko-Stadt sowie die mexikanische Grenzstadt Ciudad Ju√°rez. Mit ihrer Arbeit prangert sie Ausbeutung, Marginalisierung, Femizide an. In dem Band "Without Restraint" ist sie mit der Fotografie einer Soundinstallation aus dem MigrosMuseum f√ľr Gegenwartskunst in Z√ľrich vertreten: "La b√ļsqueda" (Die Suche). Der Sound einer Eisenbahn, die Ciudad Ju√°rez durchquert, und in tiefe Frequenzen umgewandelt wurde, ist auf Glasplatten √ľbertragen von den Besucher_innen im Museum h√∂rbar gewesen.
Die feministische K√ľnstlerin will die Grausamkeit aufzeigen, die den gesch√§ndeten K√∂rpern toter, verarmter Kinder und Jugendlicher eingeschrieben ist, welche durch Gewalttaten, Drogenkonsum oder Verkehrsunf√§lle ums Leben kamen. √úberreste von den Leichen aus dem Sektionssaal werden Teil ihrer Installationen. Die Botschaft ihrer zutiefst kritischen Kunst formuliert die K√ľnstlerin mit folgenden Worten: "Mein Vorwurf richtet sich an eine Gesellschaft, in der Gewalt fast eine Gewohnheit und Allegorie ist und in der die Schmerzunempfindlichkeit, der Mangel an Solidarit√§t und das Einzelk√§mpfertum immer mehr zunehmen."
Teresa Margolles im Netz: www.daros-latinamerica.net

Die K√ľnstlerin Claudia Fern√°ndez, 1965 in Mexiko-Stadt geboren, begann ihre Arbeit mit den Medien Malerei, Skulptur und Installation, und wandte sich dann Fotografie, Video und partizipativen Kunstformaten zu. In der Ausstellung sind von ihr zwei Videos der Reihe "Animales vitales" (Lebendige Tiere) zu sehen: "Sustituto" (Ersatz, 2002) und "Limpia" (Reinigung, 2003). In ihnen spielen anonyme, identit√§tslose Frauen die Hauptrollen, gefangen in den absurden Rollen ihrer gesellschaftlich zugedachten Biographien: Die eine Frau arbeitet als Reinigungskraft, die andere Frau, verm√∂gender, langweilt sich. Fern√°ndez wirft einen kritisch-ironischen Blick auf die restriktiven R√§ume und Strukturen innerhalb der mexikanischen Gesellschaft, dabei spielt sie mit Abstraktion und √§sthetischen Figuren.
Die K√ľnstlerin Claudia Fern√°ndez im Netz: www.daros-latinamerica.net

Die in Poole, Gro√übritannien, geborene K√ľnstlerin Melanie Smith entschied sich 1989, nach Mexiko zu gehen. Seitdem arbeitet sie in Mexiko-Stadt und wird als mexikanische K√ľnstlerin wahrgenommen ‚Äď 2011 vertrat sie das Land auf der 54. Biennale in Venedig. In der Ausstellung sind Fotografien des Projekts "Spiral City" zu sehen, Aufnahmen, die Mexiko-Stadt aus der Luft portr√§tieren. Durch die Distanz entsteht eine Perspektive auf die Megalopole, die durch Abstraktion und Strukturen gepr√§gt ist. Die Hauptstadt wird zu einem dystopischen, menschenabweisenden Ort, Stra√üenz√ľge vom Rei√übrett formen ein homogenes, anonymes Netz.
Melanie Smith im Netz: www.melaniesmith.net

Maruch S√°ntiz G√≥mez, 1975 in Cruzton, einem indigenen Dorf im mexikanischen Bundesstaat Chiapas geboren, arbeitet vor allem mit den Medien Fotografie und Sprache im nahegelegenen San Crist√≥bal de las Casas. Zu sehen sind sowohl in der Ausstellung als auch im Kunstband Werke aus ihrem Langzeit-Fotoprojekt "Creencias". Sinnspr√ľche auf ihrer Muttersprache Totzil werden durch Schwarz-Wei√ü Fotografien illustriert. Totzil geh√∂rt zu den gef√§hrdeten Sprachen, die vom Spanischen verdr√§ngt werden. F√ľr die K√ľnstlerin gilt es, diese lebendig zu bewahren: "S√°ntiz G√≥mez¬ī Werk ist ein modernes Memento mori und erinnert uns an die prek√§re Situation jeder kulturellen Minorit√§t." Valentina Locatelli interviewte auch sie per E-Mail zu ihrer Arbeit und ihrem Werdegang als K√ľnstlerin.
Die K√ľnstlerin Maruch S√°ntiz G√≥mez im Netz: www.daros-latinamerica.net

Zur Kuratorin: Valentina Locatelli, geboren 1979 in Bergamo, arbeitet seit 2013 im Kunstmuseum Bern als Projektleiterin f√ľr den Sammlungskatalog "Kunstmuseum Bern: Die Meisterwerke" sowie als Kuratorin. Sie studierte englische und deutsche Literatur, promovierte √ľber Giovanni Morelli und absolvierte einen Master in Museologie. Zuvor war sie als Publikationsassistentin bei der Fondation Beyeler t√§tig.

AVIVA-Tipp: "Without Restraint" zeigt ausgew√§hlte, zeitgen√∂ssische Arbeiten hochpolitischer K√ľnstlerinnen der mexikanischen Konzeptkunst. Jede setzt sich in ihren Werken auf unterschiedliche Weise mit dem Land auseinander, in dem sie lebt. Was es bedeutet, gerade in Mexiko als Frau k√ľnstlerisch zu arbeiten, bildet den gemeinsamen Mittelpunkt der Werke. Mit Hintergrundinformationen, Interviews und Statements bietet der Katalog einen umfassenden √úberblick nicht nur zu den K√ľnstlerinnen, aber auch zur gesellschaftlichen Lage der Frauen in Mexiko.

Without Restraint. Werke mexikanischer K√ľnstlerinnen aus der Daros Latinamerica Collection
Herausgegeben von Valentina Locatelli
Deutsch, Englisch
Hatje Cantz Verlag, erschienen 2016
176 Seiten, 64 Abbildungen
ISBN 978-3-7757-4104-0
Circa 35 Euro
www.hatjecantz.de

Without Restraint. Werke mexikanischer K√ľnstlerinnen aus der Daros Latinamerica Collection
Zu sehen sind die Arbeiten vom 3. Juni ‚Äď23. Oktober 2016 im Kunstmuseum Bern.

Mehr Infos zur Ausstellung im Kunstmuseum Bern unter:
www.kunstmuseumbern.ch

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Literatur Beitrag vom 15.07.2016 AVIVA-Redaktion 





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