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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.11.2016

Nele Pollatschek - Das Ungl├╝ck anderer Leute
Romina Wiegemann

Die 1988 in Ost-Berlin geborene Autorin stellt dysfunktionale famili├Ąre Beziehungen in den Fokus ihres tragisch-komischen Deb├╝tromans. Insbesondere das Verh├Ąltnis zwischen der Mittzwanzigerin Thene und ihrer narzisstischen Mutter Astrid, die ...



... die emotionalen Grenzlinien ihrer Kinder pausenlos ├╝berschreitet, steht im Vordergrund einer Handlung, die einen ├╝beraus ├╝berraschenden Verlauf nimmt.

Gleichzeitig beschreibt die junge Autorin das Lebensgef├╝hl ihrer Generation, welches sie im Vergleich zu der Unbefangenheit der Eltern eher vom Ringen nach Stabilit├Ąt und Sicherheit gepr├Ągt sieht.

"Ich hasse sie, ich hasse sie, ich hasse sie", lautet der erste Satz des Romans. Er entstammt der Kehle der Ich-Erz├Ąhlerin Thene. Ausgerechnet mit ihrer Gro├čmutter, Astrids Mutter, ist sie sich einig: Astrid ist nicht zu ertragen. Getrieben von der Lust aufzufallen, macht sie ihrer Familie das Leben zur H├Âlle. Dabei hat Thene l├Ąngst verstanden, dass sie im Leben ihrer Mutter nicht an oberster Stelle steht und sich, auf bemerkenswert abgekl├Ąrte Weise, damit arrangiert. Sie kann Astrids (zweifelhaften) Weltrettungsall├╝ren, die ├╝ber allem, jeder und jedem stehen, sogar etwas abgewinnen. Schwer zu ertragen ist es f├╝r Thene dann, wenn die emotionale ├ťbergriffigkeit und die Manipulationen durch ihre Mutter ├╝berhand nehmen und Astrid wie ein Bulldozer in ihre m├╝hevoll geschaffenen Schutzr├Ąume einf├Ąllt. Diese bestehen nicht nur kognitiv, wie in Thenes auff├Ąlligem Hang zu philosophischer Kontextualisierung ihres emotionalen Erlebens, sondern sind auch ganz real: Ihr Leben zwischen ihrem Studienort, Oxford, und dem Odenwald, wo sie mit ihrem Freund Paul (meistens) unbehelligt den einfachen Freuden des Lebens fr├Ânen kann.

Paul ist in Thenes Augen nicht nur erfrischend "normal", sondern besitzt die an Magie grenzende Eigenschaft, jegliche Form von ├ärger und Entt├Ąuschung in Luft aufzul├Âsen. Er ist der sichere Ort, den Thene selbst f├╝r ihren f├╝nfzehnj├Ąhrigen Halbbruder Eli darstellt. Und den braucht Eli, angehender Zauberk├╝nstler, mehr als alles andere. Denn sein gr├Â├čtes Zauberst├╝ck, n├Ąmlich die Abgrenzung von seiner "terroristischen" Mutter, ist ihm noch nicht gegl├╝ckt. Sein Vater Ralf, seit seiner Hinwendung zum orthodoxen Judentum nur noch Menachem genannt, gl├Ąnzt entweder durch Abwesenheit oder aggressive E-Mails aus dem Off, und ist somit mehr Last als St├╝tze.

Als Astrid bei einem Unfall ums Leben kommt, ist es nicht der Schmerz, der Thene vereinnahmt, sondern die restliche Familie, die sich im Angesicht des Ungl├╝cks bem├╝├čigt f├╝hlt, zusammen zu kommen. Thene weigert sich, bei dieser Inszenierung mitzumachen. Das Trauerspiel widert sie an, sie wehrt sich gegen eine Aufwertung von Menschen "qua Tod", selbst oder vielleicht gerade dann, wenn es sich um ihre Mutter handelt. Schlie├člich hatte keine/r der Anwesenden viel f├╝r Astrid zu ihren Lebzeiten ├╝brig gehabt.

Zur betr├╝bten Gesellschaft geh├Ârt auch Georg, Thenes Vater, der seit seinem Coming Out mit Christoff zusammenlebt. Seine Trauer ├╝ber Astrids Tod scheint schier endlos. Thene ist dar├╝ber sehr ver├Ąrgert, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre "Vaterwunde", ein Relikt aus der Zeit, in der Georg die Familie verlassen hatte, neu aufbricht.

W├Ąhrend Thene sich mit Begr├Ąbnisvorbereitungen und Astrids hinterlassenem Schuldenberg herumschl├Ągt, hat sie damit zu tun, Eli auch vor den Ann├Ąherungsversuchen seines Vaters Menachem zu sch├╝tzen, der sich, begleitet von salbungsvollen Worten und einer Sch├╝ssel Eintopf, wieder Zutritt in dessen Leben verschaffen willÔÇŽ
Was am Ende des Romans passiert, wird hier nicht verraten, aber so viel sei gesagt: Mit Logik und Rationalit├Ąt wird auf ironische Weise aufger├Ąumt...

AVIVA-Tipp: Es ist ein au├čergew├Âhnliches und mit Tabubr├╝chen nicht geizendes Debut, das die Autorin hier vorlegt. ├ťberzeugend ist einerseits die moralische Konsistenz der Protagonistin, andererseits die Schonungslosigkeit ihrer Ansichten. Nele Pollatschek greift dabei insbesondere ein aktuell diskutiertes Thema auf, wie zum Beispiel die Frage, ob jede Mutter in dieser Rolle "aufgehen" muss. Der Beschreibung ihrer eigenen Generation, die sie als verunsichert und eskapistisch betrachtet, kann man/frau teilweise zustimmen, bei der Darstellung der aus ihrer Sicht vergleichsweise "freien" Elterngeneration greift die Analyse - gerade in Bezug auf eine j├╝dische Familienbiographie wie sie auch hier vorliegt - etwas zu kurz. Obwohl der Roman ein paar L├Ąngen hat, die akademischen Exkurse zu Wahrscheinlichkeiten und Logik stellenweise erm├╝den, ├Ąndert das nichts daran, dass Nele Pollatschek etwas zu sagen hat und wir darauf hoffen d├╝rfen, in Zukunft noch mehr davon zu lesen.

Zur Autorin: Nele Pollatschek, geboren 1988 in Ostberlin, hat Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford studiert. Sie arbeitet als Dozentin und promoviert gerade ├╝ber das Problem des B├Âsen in der Literatur.
Mehr Infos unter: twitter.com/NRPollatschek
(Quelle: Verlagsinformationen)

Nele Pollatschek
Das Ungl├╝ck anderer Leute

Galiani Berlin bei Kiepenheuer&Witsch, erschienen am 11.08.2016
224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86971-137-9
18,99 Euro
www.kiwi-verlag.de

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Literatur Beitrag vom 01.11.2016 Romina Wiegemann 





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