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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.11.2016

Sarah Moss - Zwischen den Meeren
Helga Egetenmeier

F√ľr das viktorianische Zeitalter sind Ally, die Akademikerin, und Tom, der Ingenieur, ein ungew√∂hnliches Ehepaar. Sie k√§mpft als erste englische √Ąrztin um einen Arbeitsplatz in einer Nervenheilanstalt f√ľr Frauen, w√§hrend er ...



... beruflich nach Japan reist. Sarah Moss entwirft zwei sympathische und aufmerksame Figuren, mit denen die Leserin eine Zeit des persönlichen, wie auch gesellschaftlichen Umbruchs erlebt.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert trennt sich das frisch verheiratete Ehepaar Moberley Cavendish f√ľr ein halbes Jahr und macht sich auf in unbekannte Welten. Sie versucht in der f√ľr √Ąrztinnen noch weitgehend verschlossenen englischen Arbeitswelt Fu√ü zu fassen, w√§hrend er in Japan im Auftrag eines Kunstsammlers kostbare Kulturg√ľter erwirbt.

"Ich habe von Ihnen geh√∂rt. Damen als √Ąrzte, ich wei√ü nicht." Mit diesem Satz begr√ľ√üt eine Anstaltsbesch√§ftigte Ally an ihrem unbezahlten Arbeitsplatz. Moss l√§sst ihren Roman in jener Zeit spielen, als Frauen langsam in die m√§nnlich beherrschte Medizin vordringen, kurz nachdem 1869 die "Edinburgh Seven" als erste Frauen in England begannen, Medizin zu studieren und dabei zahlreichen Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt waren.

Bereits in ihren vorherigen B√ľchern setzt sich Sarah Moss mit offensichtlichen wie subtilen Identit√§tsanforderungen und deren Verbindung zu den √∂konomischen Verh√§ltnissen auseinander. In "Schlaflos" ist es die Mutterrolle einer um Zeit k√§mpfenden Doktorandin und in "Sommerhelle N√§chte", einem Island-Reisebuch, sind es die Reflexionen kultureller Zuschreibungen mit Blick auf die vergangene Finanzkrise. Den steinigen Weg der Ally Moberley von ihrer Kindheit bis zur Ausbildung als √Ąrztin beschreibt sie im ebenfalls sehr lesenswerten Vorg√§ngerroman "Wo Licht ist".

Sarah Moss ProtagonistInnen eint auch in "Zwischen den Meeren" die Unteilbarkeit von pers√∂nlichen Erfahrungen. So zeigt sie an Ally und Tom, wie auch an den Insassinnen der "Irrenanstalt" und dem japanischen Touristenf√ľhrer, dass Sprache allein nicht ausreicht, um individuell erfahrene psychische und k√∂rperliche Erlebnisse zu vermitteln.

Kapitelweise zwischen ihren zwei ProtagonistInnen wechselnd, √ľberkreuzt sie bei ihnen auch die √ľblichen Geschlechterzuschreibungen. Die Frau repr√§sentiert die m√§nnlich besetzte Arbeitswelt und der Mann die weiblich belegte Kultur. Gleichzeitig verringert Moss durch korrespondierende Themen die √∂rtliche Distanz zwischen dem Paar. So philosophiert Tom √ľber den japanischen Irrgarten, der den Arbeitsplatz von Ally auf ungew√∂hnliche Weise und dennoch √ľberaus treffend, reflektiert.

AVIVA-Tipp: Sarah Moss taucht erneut mit leichter Feder tief ein in die Feinheiten der Kultur- und Geschlechtergeschichte. Einf√ľhlsam beschreibt sie die Lebensziele und Gef√ľhlswelten zweier couragierter Menschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, deren pers√∂nliche Identit√§tsvorstellungen die aufkommenden gesellschaftlichen Ver√§nderungen spiegeln. Kunstvoll verflicht sie dies mit den unter den gegebenen Umst√§nden m√∂glichen Freiheiten der Einzelnen und ihren Umgang mit den dabei entstehenden Unsicherheiten.

Zur Autorin: Sarah Moss, 1975 in Glasgow geboren, wuchs in Manchester auf und studierte und promovierte an der Oxford University in Englischer Literatur. Sie arbeitete f√ľnf Jahre an der University of Kent, unterrichtete ein Jahr an der University of Iceland und ist heute als Professorin f√ľr Kreatives Schreiben an der University of Warwick. Folgende ihrer B√ľcher sind bisher auf Deutsch erschienen: "Schlaflos" (2013), "Sommerhelle N√§chte" (2014) und "Wo Licht ist" (2015). Ihr j√ľngstes Buch "The Tidal Zone", √ľber eine Familie im heutigen Mittelengland und deren Bez√ľge zur√ľck in die Zeit des 2. Weltkrieges, kam im Juli 2016 in Gro√übritannien auf den Markt.
Quelle: Verlagsinfo und Webseite der Autorin
Die Autorin im Netz: www.sarahmoss.org

Zur √úbersetzerin: Nicole Seifert, geboren 1972, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und Amerikanistik in Berlin und lebt heute als freie Lektorin und √úbersetzerin in Hamburg. Sie √ľbersetzte bereits die drei vorherigen auf Deutsch erschienen B√ľcher von Sarah Moss.

Sarah Moss
Zwischen den Meeren

Originaltitel: Signs for Lost Children
√úbersetzerin: Nicole Seifert
Verlag mare, erschienen im August 2016, als eBook ab September 2016
Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 410 Seiten
ISBN-13: 978-3866482579
22,00 Euro
www.mare.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lou Andreas-Salom√©. Kinostart 30. Juni 2016. Cordula Kablitz-Post bringt mit ihrem Spielfilmdeb√ľt die Biographie der unangepassten Psychoanalytikerin auf die Leinwand, authentisch gespielt von Katharina Lorenz, Nicole Heesters und Liv Lisa Fries. (2016)

Sarah Moss - Wo Licht ist. Als die Suffragetten in England den Kampf um Gleichberechtigung aufnahmen, hatten mutige Frauen den Weg f√ľr Ver√§nderungen bereits vorbereitet. Um den Beginn der Frauenbewegung im viktorianischen Zeitalter kreiert Sarah Moss ihre Coming-of-age-Geschichte der sp√§teren Dr. Ally Moberley, die von ihrer sich in Frauenh√§usern engagierenden Mutter als eine der ersten Frauen bis zum Studium der Medizin gef√ľhrt wird. (2016)

Ich hiess Sabina Spielrein - Ein Film von Elisabeth M√°rton. Lange vor David Cronenbergs Spielfilm "Eine dunkle Begierde" und Sabine Richeb√§chers wegweisender Biografie "Sabina Spielrein. Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft", portr√§tierte die schwedische Regisseurin Elisabeth M√°rton in ihrem Dokumentarfilm die russisch-j√ľdische √Ąrztin und Analytikerin Sabina Spielrein. (2011)

Literatur Beitrag vom 14.11.2016 Helga Egetenmeier 





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