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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.12.2016

Francine Prose - Die Liebenden im ChamÀleon Club
Ahima Beerlage

Was bringt eine Frau in den 1930er Jahren dazu, mit den Nazis zu kollaborieren? Die amerikanische Autorin Francine Prose spĂŒrt in ihrem Roman der Lebensgeschichte von Violetta Morris nach. Die französische Sportlerin und Rennfahrerin hatte fĂŒr die Gestapo Landsleute...



... gefoltert, um Informationen zu bekommen, und wurde von der französischen Résistance erschossen.

Kopfverletzung und Klosterleben

Im Roman erhĂ€lt Morris den Namen Louisianne Villars, genannt Lou. Lou wĂ€chst in einer gutbĂŒrgerlichen Familie auf. Ihr Ă€lterer Bruder Robert verhĂ€lt sich seltsam. Heute wĂŒrde bei ihm eine Störung aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert werden. Als die Geschwister miteinander spielen, stĂ¶ĂŸt er Lous Schaukel so heftig an, dass die Schwester abstĂŒrzt und sich heftig am Kopf verletzt. Ob diese Verletzung Einfluss auf ihre Entwicklung hatte, bleibt als offene Frage stehen. Kurz nach dem Unfall wird Lou von ihren Eltern in eine Klosterschule englischer Nonnen geschickt. Eine Schwester entdeckt ihr Bewegungstalent und beginnt, Lou gezielt sportlich zu fördern. Bald lĂ€sst sie alle MitschĂŒlerinnen hinter sich. Der Bruder der Nonne, ein Arzt und Forscher, nimmt Lou unter seine Fittiche, um der Welt zu beweisen, dass auch Frauen zu sportlichen Höchstleistungen fĂ€hig sind. Er entwickelt ein Trainingsprogramm fĂŒr sie, das er persönlich ĂŒberwacht... Die Nonne der Arzt und Lou reisen durch Frankreich und Lou fĂŒhrt ihre außergewöhnlichen sportlichen Leistungen einem interessierten Publikum vor, um weitere MĂ€dchen und Frauen fĂŒr Sport zu begeistern.

Rennen und Romantik

Sie zieht nach Paris und arbeitet im ÂŽChamĂ€leon ClubÂŽ, einem Lokal, in dem alle Geschlechter und sexuellen Neigungen willkommen sind. Lou trĂ€gt nur AnzĂŒge und verliebt sich in Frauen. Ihre sportliche Konstitution verhilft Lou schließlich zu einem außergewöhnlichen Angebot. Sie soll in einem internationalen Wettkampf als Rennfahrerin eine berĂŒhmte französische Automarke und ihr Land Frankreich vertreten. Die Automarke gehört unter anderem einer Baronin, die Lou unter ihre Fittiche nimmt. WĂ€hrend Lous FahrkĂŒnste sich vielversprechend entwickeln, sorgt der Polizeichef der Region, der mit Lous ehemalige Liebhaberin zusammen ist, aus Eifersucht dafĂŒr, dass ihr die Fahrerinnenlizens wegen Unsittlichkeit entzogen wird. Der Stein des Anstoßes: Lou trage zu mĂ€nnliche Kleidung und sei damit kein Vorbild fĂŒr junge Französinnen. Lou verliert ihren Job als Rennfahrerin und verdient ihren Lebensunterhalt als Automechanikerin mit einer eigenen Werkstatt. Zu diesem Zeitpunkt ist Lou bereits in eine deutsche Rennfahrerin verliebt, die dafĂŒr sorgt, dass Lou von Hitler zur Olympiade 1936 als Zuschauerin nach Berlin eingeladen wird.

Verrat und Folter

Lou begeistert sich fĂŒr die Nazi-Ideologie und schließt sich bei ihrer RĂŒckkehr nach Frankreich der Gestapo an. Sie spioniert und verrĂ€t der Wehrmacht militĂ€rische Geheimnisse, die sie bei ihren VortrĂ€gen als ehemalige Sportlerin und ihren Liebschaften den Ehefrauen der MilitĂ€rs entlockt. Durch ihren Verrat gelingt es der Wehrmacht, die Maginot-Linie, das französische Verteidigungssystem, zu durchbrechen. Lou geht sogar so weit, dass sie sich an Folterungen ihrer Landsleute beteiligt, um Informationen aus den Opfern herauszupressen. Ihre Leben wird durch die RĂ©sistance beendet, die sie auf einer Reise aus dem Hinterhalt erschießt.

Verschenkt

Doch diese Geschichte wird nicht durchgehend erzĂ€hlt. Die fiktive Biografie wird aus fĂŒnf Perspektiven geschildert. In Briefen oder Biografien schildern die ZeitgenossInnen ihre Sichtweise auf die Ära und die Hauptfigur Lou sowie ihre eigenen Befindlichkeiten und LebensumstĂ€nde. In all diesen ErzĂ€hlperspektiven- und -formen verlieren sich Autorin und LeserIn. Dabei bleibt die Motivation und Psychologie der androgynen Lou, die sich in ihrer Faszination fĂŒr die Faschisten zunehmend in Gewalt und Verrat verliert, auf der Strecke.

AVIVA-Fazit: Der Roman zerfasert in zu viele Perspektiven. Dabei gerĂ€t auch die Bewertung der Hauptakteurin Lou gefĂ€hrlich unscharf. WĂ€hrend ihre Charakterentwicklung sich oft mit der chronologischen Abfolge der Ereignisse, die ihr widerfahren, zufriedengibt, wird ihre Faszination fĂŒr die faschistische Inszenierung der Olympiade 1936 in schillernden Farben widergegeben. Ein Zeichen fĂŒr den unreflektierten Umgang mit Sprache und Faschismus: FĂŒr die Novemberpogrome 1938 wĂ€hlt die Autorin oder ihre Übersetzerin den verfĂ€lschenden Begriff "Reichskristallnacht". AusfĂŒhrlich schildert die Autorin die Faszination und Verbundenheit, die Lou vorgeblich bei der Folterung ihrer Opfer empfunden hat. Wie uneins die Autorin mit ihrem eigenen Werk offensichtlich war, bemerkt frau an ihrem erklĂ€renden Nachwort, das wie ein Nachklapp auf die SchwĂ€chen des Buches wirkt.

Zur Autorin: Francine Prose, geboren 1947, hat zahlreiche preisgekrönte Romane und SachbĂŒcher veröffentlicht. Sie war fĂŒr den National Book Award nominiert und ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Zuletzt erschien auf Deutsch der Roman LĂŒgen auf Albanisch. Die Autorin lebt in New York. (Quelle: www.randomhouse.de)
Die Autorin im Netz:
www.openroadmedia.com, www.facebook.com/FrancineProseAuthor und twitter.com/francineprose

Francine Prose
Die Liebenden im ChamÀleon Club

Originaltitel: Lovers at the Chameleon Club
Aus dem Amerikanischen von Susanne Aeckerle
Gebunden mit Schutzumschlag, 544 Seiten
C.Bertelsmann Verlag, MĂŒnchen, erschienen 21.03.2016
ISBN: 978-3-570-10229-9
22,99 Euro
www.randomhouse.de

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Stella Goldschlag - Das blonde Gift
Sie war eine "Greiferin", eine jĂŒdische Informantin, die fĂŒr die Gestapo arbeitete. Sie schloss einen "Pakt mit dem Teufel", um zu ĂŒberleben und der Deportation nach Auschwitz zu entkommen, und sie verriet zahllose JĂŒdinnen und Juden, die im Untergrund lebten. Stella war auch als das "blonde Gift" bekannt, sie hatte zahlreiche Liebhaber und ein skandalöses Liebesleben. Ihre Schönheit war jedoch sowohl ein Segen, als auch ein Fluch. (2013)

Literatur Beitrag vom 14.12.2016 Ahima Beerlage 





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