Anne Philipe - Nur einen Seufzer lang. Le Temps d´un soupir - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 18.03.2018


Anne Philipe - Nur einen Seufzer lang. Le Temps d´un soupir
Tina Schreck

Ohne den Tod zu romantisieren, beschreibt dieses Werk den Verlust eines geliebten Menschen auf wunderbar ehrliche Weise. Für ihre literarische Traueraufarbeitung erhielt die 1917 geborene, belgisch-französische Schriftstellerin, Journalistin und Ethnografin 1964 den renommierten "Prix de l´Unanimité" der Jury des französischen SchriftstellerInnenverbandes.




Es ist wie ein Tagebuch des Schmerzes. Ein lyrisches Denkmal an den verlorenen Geliebten. An all die schönen und schmerzlichen Erinnerungen mit ihm, die loszulassen unvorstellbar erscheinen, weil sie alles sind, was bleibt.

"Muss ich eine Zukunft hinnehmen, in der du fehlst?"

Eine Frage, so ehrlich wie Anne Philipes Vorstellungen vom Tod selbst. Sie glaubt nicht an ein Leben danach, an eine Seele, die nach dem körperlichen Sterben unter uns weilt und uns begleitet. "Ich hing der Vorstellung von der Zersetzung deines Körpers nach", schreibt sie. Der chemische Prozess des Zerfalls macht ihr Angst und doch fungiert er als Anker zur Realität, um sich von illusorischen Hoffnungen zu befreien. Die einstige Anmut ihres Mannes ist zu etwas Abstoßendem geworden. Er ist tot, er kommt nicht wieder. Nie wieder. "Das Ende der Welt: dein Tod."

Der ewige Kreislauf

Doch auch Vergänglichkeit kann mit dem Leben verbunden werden. So werden aus dem Toten Bäume oder Blumen. Die Bienen sammeln Honig darin, den wir dann essen und so fängt alles wieder von vorne an. Das ist Anne Philipes wunderschöne, aufrichtige Erklärung an ihre trauernden Kinder, die ihrerseits den Verlust zu begreifen versuchen. "Weil er so schön war, müssen auch schöne Blumen aus ihm geworden sein," sagt das eine Kind. "Wenn wir Honig essen, essen wir also ein bisschen Mensch," sagt das andere. Es ist nicht nur der eigene Schmerz, der brennt. Trotzdem funktionieren, Verantwortung übernehmen, das stellt wohl die größte Herausforderung dar: "Wie würde ich wohl den Anblick der Kinder ertragen? Seit drei Tagen hatte ich nicht mehr an sie gedacht." Die ehrlichen Worte einer Mutter, die sich ihrer Schwäche bewusst ist und dadurch Trost spendet. Die Akzeptanz der Endlichkeit des menschlichen Daseins ist ein schrittweiser Prozess, den zu bewältigen von großer Stärke zeugt.

À la mémoire de Gérard Philipe

Anne Philipes unvergängliches Buch über Liebe ist ihrem 1959 an Leberkrebs verstorbenen Mann, dem französischen Film- und Theaterschauspieler Gérard Philipe gewidmet, das sie vier Jahre nach seinem Tod veröffentlichte. Nicht zuletzt aufgrund des biografischen Hintergrundes liegt so viel Wahrheit in ihren Worten. Wie fühlt es sich an, einen geliebten Menschen sterben zu sehen, ihn gehen zu lassen? Und kann mensch danach weiterleben? Anne Philipe hat sich dafür entschieden und lässt uns an ihrem Schmerz und ihren unverhüllten Gedanken teilhaben. "Du warst für immer still, ich blieb noch eine Weile in Bewegung. Der Tod trennte uns für alle Ewigkeit."

AVIVA-Tipp: "Nur einen Seufzer lang" ist das Zeugnis einer unsterblichen Liebe, das Mut macht, sich jedem Schicksal zu stellen. Mit schönen Worten beschreibt die Ausnahmeschriftstellerin das Unvorstellbare, wodurch das Buch zu einem poetischen Meisterwerk arriviert und einen wichtigen Beitrag zur modernen, französischen Literatur darstellt.

Zur Autorin: Anne Philipe wurde am 20. Juni 1917 in Brüssel geboren. Nach ihrem Philosophiestudium, das sie in ihrer Heimatstadt absolvierte, zog sie nach Frankreich, wo sie auch ihren ersten Mann, den Sinologen François Fourcade kennenlernte. Mit ihm verbrachte sie einige Jahre in China und Indien. Als erste Frau durchquerte die Autorin die Taklamakan-Wüste in Südostasien. In ihrem Erzählband "Caravanes d´Asie" schildert sie ihre Reise auf der Seidenstraße bis nach Kaschmir. Nach ihrer Scheidung und Rückkehr nach Frankreich heiratete sie im Jahr 1951 den Film- und Theaterschauspieler Gérard Philipe. Aus der Ehe entstanden die beiden Kinder Anne-Marie und Olivier. Das Paar lebte abwechselnd in Paris und der Provence. Ihr Mann, der als einer der populärsten, französischen Akteure seiner Zeit galt, erlag 1959 nach kurzer, schwerer Krankheit mit kaum 37 Jahren einem Leberkrebsleiden. 1963 veröffentlichte Anne Philipe ihr Buch "Nur einen Seufzer lang", in dem sie den Verlust literarisch verarbeitete. Ihr Gesamtwerk umfassen zahlreiche Erzählungen, Reiseberichte, Reportagen, Dokumentarfilme und Romane, von denen einige ins Deutsche übersetzt wurden. Als sie sich 1984 mit "Je l´écoute respirer" den Tod ihrer Mutter von der Seele schrieb, gelang ihr ein weiterer internationaler Bestseller. Am 16. April 1990 starb die Schriftstellerin im Alter von 72 Jahren in Paris und wurde neben ihrem Mann in Ramatuelle begraben.

(Quelle: Verlagsinformation)

Weitere Informationen zu Anne Philipe unter: www.ebersbach-simon.de

Anne Philipe
Nur einen Seufzer lang
Originaltitel: Le Temps d´un soupir
Übersetzerin: Margarete Bormann
ebersbach & simon, erschienen am 21. August 2017
140 Seiten, Halbleinen, Fadenbindung
ISBN 978-3-86915-153-3
18,00 Euro
www.ebersbach-simon.de

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Literatur

Beitrag vom 18.03.2018

Tina Schreck 






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