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AVIVA-BERLIN.de im September 2022 - Beitrag vom 20.04.2022


Catherine Hall - Rückblende
Katharina Pewny

Liebe, Drama, Krieg – die britische Autorin Catherine Hall hat einen spannend erzählten Roman über zwei Frauen unterschiedlicher Generationen geschrieben, der zeigt, was Frauenleben über ein Jahrhundert hinweg verbindet und was sie unterscheidet …




Rückblende ist der erste von Catherine Halls drei Romanen, der in deutscher Sprache erschienen ist. Der Originaltitel The Repercussions bedeutet Nachhall, Widerhall, Echo und auch Erschütterung, er transportiert für mich genau die Nachwirkungen der Kriegsgewalt, die im Buch wiederholt Thema sind – und zwar generations- und zeitübergreifend. Die britische Autorin engagiert sich neben ihrer Arbeit als freie Schriftstellerin in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit. Sie verwebt in Rückblende zwei Erzählstränge: einmal die rezenten Erfahrungen der britischen Kriegsfotografin Josephine Sinclair, die eben aus Afghanistan nach Brighton zurückkehrt. In der Wohnung ihrer jüngst verstorbenen Großtante findet Jo, wie Josephine sich nennt, das Tagebuch ihrer Urgroßmutter Elizabeth, die im Ersten Weltkrieg als Krankenschwester in der britischen Stadt Bath tätig war. Die beiden fiktiven Frauenleben sind am Beginn des 20. und des 21. Jahrhunderts angesiedelt, durch beide ziehen sich traditionelle Geschlechterrollen und Aufbegehren dagegen, Kriegsgewalt, Verzweiflung, Tod und männliche Dominanz, erotisches Begehren, Zwangsheterosexualisierung, lesbische und schwule Liebe.

Die Rückblende in der Rückblende

Seit der Erstveröffentlichung sind acht Jahre vergangen. Nun lese ich Rückblende und habe das Gefühl, in einer sich endlos wiederholenden Gewaltschleife gegen Frauen steckengeblieben zu sein. Wenn ich an 2014, das Jahr der Erstveröffentlichung des Originals in englischer Sprache bei Alma House zurückdenke, dann erinnere ich Berichte über die gewaltvollen Einschränkungen von Frauenleben. Auch davon handelt Rückblende, denn die Kriegsfotografin Josephine Sinclair dokumentiert das Leben von Frauen in Afghanistan im Jahr 2011. So lese ich von ihrer afghanischen Assistentin Rashida, die ebenfalls Journalistin werden möchte, deren Brüder ihrem Einsatz jedoch kritisch gegenüberstehen, und davon, dass Jo ihre lesbische Identität verborgen halten muss, da Rashida sonst nie die Erlaubnis ihrer männlichen Verwandten erhielte, ihr bei den Recherchen zu helfen. Jos Afghanistan-Erlebnisse sind eine Rückblende in der Rückblende, denn ihre Berichte sind an eine abwesende Geliebte namens Suzie gerichtet. Dieser Erzählstrang springt zwischen den Schilderungen aus dem Kriegsgebiet und ihrem mühsamen Weg der Eingewöhnung in Brighton hin und her: Jo wird als schwer traumatisiert beschrieben, sie erschrickt häufig, hat Beklemmungen und andere Symptome, deren Ursachen erst im Laufe des Buches deutlich werden.

Was aber hat es nun mit der Rückblende in den ersten Weltkrieg, zu den Berichten von Jos Urgroßmutter, auf sich?
Elizabeth Willoughbys Tagebuchaufzeichnungen reichen vom 1.12.1915 bis zum 14.7.1915. Diese Kapitel führen die Leserin in die Beobachtungen und Erlebnisse einer behüteten britischen jungen Dame, deren Verlobter Robert im Kriegseinsatz ist. Als Krankenschwester ("Queen´s Nurse") setzt sie sich im Pavillon Hospital für die Genesung Verwundeter ein, wobei die körperliche Pflege der Männer ihr aus Gründen der Schicklichkeit untersagt bleibt. Dort pflegt sie Soldaten, die aus der damaligen britischen Kolonie Indien nach Europa kamen, um für das britische Königreich im ersten Weltkrieg zu kämpfen. Als Gründe für deren Einsätze werden Armut und Pflicht- und Ehrgefühl genannt. Immer wieder schildert Hall auch den offensichtlichen Rassismus der weißen Befehlshaber den indischen Ärzten und Soldaten gegenüber. So gerät Elizabeth auch durch ihre Freundschaft zu dem indischen Arzt Hari Mitra unter sozialen Druck. Zwischen den beiden entsteht eine lebhafte Kommunikation, während Elizabeths Verlobter Robert aufgrund der Kriegstraumatisierungen zunehmend verstummt und sich emotional verhärtet, bis zur seelischen Grausamkeit und Vergewaltigung seiner Verlobten. Im Laufe des Romans tun sich einige vorhersehbare und einige überraschende Parallelen zwischen den beiden Frauenleben auf – in welcher Hinsicht, sei hier nicht verraten – es bleibt spannend!

Frauenleben und/im Krieg

Die Leserin, die eine leidenschaftliche oder romantische lesbische Liebesgeschichte erwartet, wird ihre Lektüre anderen Orts suchen müssen, denn die zarten Bande, die sich im Laufe des Buches von Jo zu der Ärztin Florence entwickeln, verfestigen sich erst gegen Ende des Buchs. Für mich kam diese Bindung überraschend, weil Jo vorher als emotional sehr beschrieben wird.
Wer jedoch Schilderungen historischer und gegenwärtiger Frauenleben in England und Afghanistan, von den Wunden, die historische und gegenwärtige Kriege reißen, von der Ökonomie und dem Alltag des Kriegsjournalismus, von der Landschaft Afghanistans und der Atmosphäre Kabuls nach der Jahrtausendwende lesen möchte, wird hier fündig.

Ein sehr gelungener Bildungsroman

Rückblende ist ein historischer Roman, der sehr sorgfältig recherchiert wurde und reich an Fakten und Wissen ist. Insofern erlebe ich das Buch eher als friedenspolitisch wertvollen Bildungsroman denn als Liebesgeschichte, die meine Gefühle anspricht. Ich habe Einiges über die weiße Vorherrschaft im kolonialen England und die spezifische Unterdrückung indischer Männer, über die Verschränkung von weißer Herrschaft und Zwangsheterosexualität gelernt. So empfinde ich den Stil als beschreibend-äußerlich, zwar lese ich die Geschichten gespannt, weil ihre Inhalte dramatisch sind, emotional werde ich jedoch nicht mitgerissen. Innere Prozesse, emotionale Entwicklungen oder Widersprüche bleiben mir verborgen – gerade so, als ob die sehr gegenwärtige Traumatisierung auch eine Abschottung im Schreibstil bewirken würde. Ob dies Absicht ist oder nicht, erschließt sich mir als Leserin nicht, jedoch bleibe ich seltsam unberührt zurück. Vielleicht ist meine Reaktion auf das Leseerlebnis auch individuell? Rezensentinnen des englischsprachigen Originals schreiben mit überbordender Begeisterung über ihre Lektüreerlebnisse.

AVIVA-Tipp: Die Veröffentlichung von Rückblende in deutscher Sprache ist dem Verlag Krug & Schadenberg und besonders Andrea Krug als Übersetzerin hoch anzurechnen. Der Roman macht herstory in der tradierten history sichtbar, und der Leserin, die sich ein anschauliches Bild über Frauenleben im Krieg machen möchte, sei Rückblende ausdrücklich empfohlen.

Zur Autorin: Catherine Hall, geboren 1973, aufgewachsen auf einer entlegenen Schafsfarm im englischen Lake District, engagiert sich neben ihrer Arbeit als freie Schriftstellerin seit vielen Jahren in den Bereichen Friedensarbeit und Menschenrechte. Rückblende ist der erste ihrer drei Romane, der auf Deutsch vorliegt.

Catherine Hall
Rückblende

Originaltitel: The Repercussions
Aus dem Englischen von Andrea Krug
328 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
€ 22,00
ISBN: 9783959170208
Mehr Infos zum Buch (auch zum E-BOOK) und Bestellungen unter: www.krugschadenberg.de

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Literatur

Beitrag vom 20.04.2022

AVIVA-Redaktion