Hilde Domin – Die Liebe im Exil - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 10.09.2009


Hilde Domin – Die Liebe im Exil
Daniela Besser

Hilde Domin ist als Lyrikerin berühmt geworden. Nun kann eine neue Seite von ihr entdeckt werden: Hilde Domin als passionierte Briefschreiberin. Die vorliegende Auswahl gibt erstaunliche Einblicke.




Das Buch versammelt eine Auswahl von Briefen, die Hilde Domin ihrem Mann Erwin Walter Palm in den Jahren 1931-1959 geschrieben hat. (Die Nachlässe von Domin und Palm befinden sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach, wo allein für diesen Zeitraum von 28 Jahren, 844 Briefe, Postkarten und Telegramme von Domin an ihren Mann zu finden sind. Die vorliegende Edition präsentiert also nur etwa ein Zehntel der vorhandenen Dokumente!) Ausgewählt wurden die Briefe – von Jan Bürger und Frank Druffner – nach der Wichtigkeit der Ereignisse für Domins Leben.

Hilde Domin und Erwin Walter Palm lernen sich 1931 an der Universität in Heidelberg kennen. Beide gehen 1932 zu einem Studienaufenthalt nach Italien, allerdings fahren sie getrennt nach Rom. Domin war damals krank und bat Palm auf sie mit der Abreise zu warten – sie reiste dann allein, vier Tage später als er. Ihre Entscheidung, mit Palm nach Italien zu gehen, scheint sie bewusst gegen die Vorbehalte ihrer Familie, die Eltern Domins waren nicht sehr begeistert von der Verbindung ihrer Tochter zu Palm, und für eine Zukunft mit ihrer ersten großen Liebe, getroffen zu haben.)

Durch die Machtübernahme Hitlers wird Italien 1933 zur ersten Exil-Station für Domin und Palm. Zunächst besteht für sie kein Anlass Italien zu verlassen, im Gegenteil, beide setzen ihre Studien fort. Domin sorgt daneben durch Sprachunterricht für den Lebensunterhalt und unterstützt ihren Geliebten zudem intensiv bei dessen Forschungen durch Recherchetätigkeiten. 1935 beendet Domin ihr Studium mit einer politikwissenschaftlichen Untersuchung. Am 30. Oktober 1936 heiraten Domin und Palm auf dem Kapitol in Rom.

1939 verlässt das Ehepaar Palm Italien und wandert über Paris nach England aus. Erst wohnen sie bei Domins Eltern in London, dann ziehen sie nach Minehead, wo Domin eine Stelle als Sprachlehrerin am St. Aldwyn´s College bekommt. 1940 verlassen sie England, über Kanada und Jamaica erreichen sie nach sechs Wochen ihr drittes Exil, die Dominikanische Republik, wo sie bis 1954 bleiben.

Die meisten Briefe der vorliegenden Edition stammen dann auch aus dieser Zeit. Palm ist als Archäologe und Kunsthistoriker ab 1945 viel unterwegs. Domin gibt zwar 1947 Deutsch- und Kunstkurse an der Universität von Santo Domingo, kümmert sich aber immer noch aufopferungsvoll um die Belange ihres Mannes, der zudem auch literarische Ambitionen hat. Zudem ist sie lebenslänglich für alles Praktische des alltäglichen Lebens verantwortlich. Neben gesundheitlichen Problemen und dem Alleinsein macht ihr auch eine Affäre ihres Mannes das Leben schwer.

Als 1951 Domins Mutter in Karlsruhe stirbt, findet sie bei ihrem Mann keine Unterstützung, in dieser für sie schwierigen Zeit. Eine schwere Ehekrise folgt. Domin leidet sehr unter dem Verhalten ihres Mannes und hat Selbstmordgedanken. Zu schaffen macht ihr auch, dass sie sich ein Kind von Palm wünscht, der aber keins von ihr will. (1940 Abtreibung eines gemeinsamen Kindes, 1952 erleidet Domin eine Fehlgeburt.)

Hilde Domin schreibt ihre ersten Gedichte. Ab 1954 veröffentlicht sie diese in wichtigen Literaturzeitschriften. Palm ist über die wachsende Bekanntheit seiner Frau nicht sehr erfreut. Für Domin wird die eigene literarische Arbeit zum Halt. 1959 veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze", dessen Titel auch in den Briefen besprochen wird und womit die Auswahl der Briefe dann auch endet.


Zur Autorin: Hilde Domin wird am 27. Juli 1909 als Hildegard Dina Löwenstein in Köln geboren. Domin studiert Jura und Nationalökonomie, belegt aber auch eine Soziologie- und einige Philosophie-Veranstaltungen. Sie geht 1932 nach Italien und promoviert 1935 in Florenz. 1936 heiratet sie Erwin Walter Palm. Italien wird zu ihrem ersten Exilland, es folgen England und von 1940 bis 1954 die Dominikanische Republik. Domin ist als Lehrerin und Universitätsdozentin sowie als Übersetzerin und Fotografin tätig. 1951 hat sie eine schwere Lebenskrise und beginnt ihre ersten Gedichte zu schreiben. 1954 kehrte sie zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland zurück – die endgültige Übersiedlung erfolgt 1961. 1959 erscheint Domins erster Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze", mit dem sie ihren Durchbruch als Lyrikerin hat. Sie erhält zahlreiche Literaturpreise, ihre Gedichte werden in 22 Sprachen übersetzt. Hilde Domin stirbt am 22. Februar 2006 in Heidelberg.

AVIVA-Tipp: Durch die ausgewählten Briefe erhält frau/man den Eindruck, dass Hilde Domin Erwin Walter Palm sehr geliebt haben muss. Wie sehr sie Palm liebte, und dass sie ihre eigenen Bedürfnisse für ihn hintenanstellte, wird im Laufe der Zeit immer deutlicher. Immer wieder wünscht sie sich briefliche Nachricht von Palm, der auf seinen vielen Reisen unterwegs ist. (Es gibt auch Antwort-Briefe von Palm – leider sind diese aber nicht in der Auswahl enthalten. Schade!) So verstärkt sich der Eindruck einer einseitigen Liebe. Oft ist in diesen Briefen ihre Verlassenheit, ihre Traurigkeit und Verzweiflung zu spüren. Und dennoch ist da scheinbar eine unerschütterliche Liebe am Werke, von der diese Briefe ein beredtes Zeugnis ablegen. Aber nicht nur davon, denn es gibt noch vieles mehr in ihnen zu entdecken – u. a. Domins Befreiung zur eigenen literarischen Existenz!

Hilde Domin
Die Liebe im Exil – Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959

Herausgegeben von Jan Bürger und Frank Druffner,
unter Mitarbeit von Melanie Reinhold
S. Fischer Verlag, erschienen: Juni 2009
Gebunden, 379 Seiten
ISBN: 978-3-10-015342-5
19,90 Euro

Weiterlesen/-sehen/-hören:

"Ich will Dich. Begegnungen mit Hilde Domin"

"Ilka Scheidgen, Hilde Domin. Dichterin des Dennoch"

"Hilde Domin - Die Insel, der Kater und der Mond auf dem Rücken"


Literatur

Beitrag vom 10.09.2009

AVIVA-Redaktion 






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