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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.01.2010

Juden in Charlottenburg. Ein Gedenkbuch. Herausgegeben vom Verein zur F├Ârderung des Gedenkbuches f├╝r die Charlottenburger Juden
Judith Kessler

Der im Herbst 2009 erschienene Band widmet sich einem "Aderlass", von dem "sich Deutschland bis heute nicht erholt" hat, wie die AutorInnen schreiben. Gemeint ist die fast vollst├Ąndige Ermordung...



... und Vertreibung der J├╝dinnen und Juden - in diesem Fall akribisch recherchiert am Beispiel Charlottenburg.

Ich bin, vor jenen "tausend Jahren", / Viel in der Welt herumgefahren. / Sch├Ân war die Fremde, doch Ersatz. / Mein Heimweh hie├č Savignyplatz. (Mascha Kaleko)

In den 1920er Jahren waren Charlottenburg und Wilmersdorf die Berliner Bezirke mit den meisten j├╝dischen BewohnerInnen. Auch wenn sie dies (auch dank der hier konzentrierten j├╝dischen Infrastruktur von Gemeindehaus ├╝ber Synagogen und Seniorenzentrum bis hin zur Heinz-Galinski-Schule) heute wieder sind - vergleichbar mit der Situation vor 1933 ist dies nicht, weder quantitativ noch qualitativ.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die k├Ânigliche Residenzstadt Ausflugsgebiet f├╝r die BerlinerInnen, zog aber bereits Industriebetriebe wie Siemens an, was der Stadt ein rasantes Wachstum bescherte. 1893 hatte Charlottenburg erstmals ├╝ber 100.000 EinwohnerInnen, 1910 waren es bereits dreimal soviel. Unter den Neub├╝rgerInnen waren auch viele aufstrebende j├╝dische Familien.

Die ber├╝hmtesten Schilderungen des zunehmend mond├Ąnen und selbstbewussten Charlottenburger Milieus stammen von j├╝dischen Autoren, von Georg Hermann in "Jettchen Gebert" und von Walter Benjamin, der am Savignyplatz zur Schule ging, in "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert". Der erste wurde vergast, der zweite brachte sich auf der Flucht vor den Nazischergen um, bevor man ihn umbringen konnte - so wie die ├╝ber 6000 anderen CharlottenburgerInnen, die mit ihren Lebensdaten und letzten Adressen fast 200 Seiten des Gedenkbuches f├╝llen.

Das Buch gibt aber nicht nur Opfern ihren Namen zur├╝ck. Es vermittelt aus verschiedenen Perspektiven auch viel von der Atmosph├Ąre des Ortes, der seinen kometenhaften Aufstieg zur City West (1920 wurde die Stadt administrativ in das neue Gro├č-Berlin eingegliedert) wesentlich seinen j├╝dischen B├╝rgerInnen zu verdanken hat.

Ausdruck des Wunsches nach Gleichberechtigung war beispielsweise der Drang des jungen b├╝rgerlichen Judentums zur Freimaurerbewegung. Ein Kapitel widmet sich der 1895 gegr├╝ndeten Loge "Zu den drei Sternen" (sp├Ąter "Zum Spiegel der Wahrheit"), deren Logenlokal sich bis 1913 in der Joachimstaler Stra├če 13 befand, dort, wo bis 2006 die Verwaltung der J├╝dischen Gemeinde sa├č. Gleich um die Ecke, am Kurf├╝rstendamm, verlief die Lebensader des neuen Zentrums. Der Anteil j├╝discher BewohnerInnen war hier mit 25 Prozent (1910) besonders hoch. 1907 errichtete Emil Jandorf hier sein Kaufhaus des Westens, das sp├Ąter in den Besitz des zweiten gro├čen j├╝dischen Kaufhausimperiums von Hermann Tietz (Hertie) ├╝berging, und 1912 wurde die Synagoge in der Fasanenstra├če er├Âffnet.

Ein anderer spektakul├Ąrer "Hingucker" entstand in den 1920ern am heutigen Ku┬┤damm-Eck, als das W├Ąschehaus Gr├╝nfeld sich nach einer kleinen Filiale (mit kostenlosem Pendelverkehr zum Haupthaus in der Leipziger Stra├če) einen hypermodernen, lichtdurchfluteten Konsumtempel mit nie da gewesener, kreisrunder Innentreppe und gl├Ąserner Fahrstuhlr├Âhre leistete. Die "Gr├╝nfeld-Ecke" mit ihrer horizontal dreigeteilten Glasfassade und den auff├Ąlligen senkrechten Neonleuchten war schon von Weitem ein Blickfang und fortan der ideale Treffpunkt der BerlinerInnen f├╝r einen Ku┬┤dammbummel. Doch 1938 begann das Kesseltreiben gegen die erfolgreiche Firma, gegen Angestellte, KundInnen, ZulieferInnen, KreditgeberInnen und sogar gegen Zeitungen, die Anzeigen des W├Ąschehauses druckten.

Den Gr├╝nfelds blieb nichts ├╝brig als weit unter Wert zu verkaufen - an die Firma Max K├╝hl (die fortan mit "Gr├╝nfeld in deutschem Besitz!" warb). Doch selbst dieser Verkaufserl├Âs wurde den Gr├╝nfelds vom NS-Staat wieder abgenommen, als sie bald darauf nach Pal├Ąstina auswanderten. Die Firma Max K├╝hl (in deren Geschichtsschreibung die Arisierung nicht vorkommt) ├╝berlebte den Krieg bestens, betrieb danach wieder ein Gesch├Ąft am Ku┬┤damm, Ecke Fasanenstra├če und er├Âffnete erst im April 2009 Ecke Grolmannstra├če eine Filiale.

Die kulturelle und intellektuelle Avantgarde von Else Lasker-Sch├╝ler bis Martin Buber hatte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg am Ku┬┤damm zusammengefunden, im Caf├ę des Westens, genannt "Caf├ę Gr├Â├čenwahn" (Hausnummer 18/19), sp├Ąter dann im Romanischen Caf├ę. In "Mampes Guter Stube" (Nr. 14/15) sa├č Joseph Roth und schrieb am "Radetzkymarsch", in Nummer 206 betrieb Max Reinhardt die "Kom├Âdie"

Kein anderer Berliner Bezirk kann (konnte) mit einer solchen F├╝lle klangvoller, in aller Welt bekannter Namen aufwarten. Hier wohnte der Soziologe Simmel, der Sexualwissenschaftler Hirschfeld, die Kunsth├Ąndler Cassirer, die (sp├Ąteren Hollywood-)Schauspieler Bois und Lorre, die Komponisten Sch├Ânberg und Weill, die SchriftstellerInnen Else Ury ("Nesth├Ąkchen") und Erich M├╝hsam, der schon 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde.

Das Buch widmet sich aber auch all den "kleinen" Leuten, die in Vergessenheit geraten sind. Ein Kapitel dreht sich um die j├╝dischen Anw├Ąlte im Bezirk, ein anderes um getaufte Juden oder um Kinder: das j├╝ngste Charlottenburger Opfer war Zilla Schlesinger, geboren am 8. Februar 1943, deportiert am 4. M├Ąrz, nach Auschwitz. Eine Zeittafel mit Gesetzen, Verordnungen und Geschehnissen, vom Anp├Âbeln j├╝discher PassantInnen auf dem Ku┬┤damm (12.9.1931) bis zur letzten Deportation (27.3.1945) und ein Kapitel mit j├╝dischen Orten im Bezirk erg├Ąnzen das Buch. Hier finden sich Angaben zu den vielen j├╝dischen Hilfsvereinen, Religionsschulen, rituellen Speiseh├Ąusern oder zum legend├Ąren Pal├Ąstina-Amt in der Meinekestra├če.

Zusammengetragen wurden auch Erinnerungen ehemaliger CharlottenburgerInnen. G├╝nther Fontheim beschreibt seine Jugend am Westend und die Olympiade 1936, die im Charlottenburger Olympiastadion stattfand, wo der 14-j├Ąhrige mit seiner sportbegeisterten Mutter das Fu├čballendspiel sah. Ein Foto der nach Kolumbien ausgewanderten Familie Cohn zeigt ihr Haus in der Windscheidstra├če im Jahre 1936: jeder Balkon ist mit der Hakenkreuzfahne beflaggt, bis auf ihr eigener. In dieser Stra├če enden auch die Erinnerungen von Peter Reiche: Er, aufgewachsen gegen├╝ber dem Amtsgericht Charlottenburg und gerettet dank Kindertransport nach England, berichtet ├╝ber seinen Vater, den Arzt Dr. Paul Reiche, der, nachdem er Theresienstadt ├╝berlebt hat, bis zu seinem Tod 1953 "teilweise mit den selben treugebliebenen Patienten" in der Windscheidstra├če weiter praktizierte.

Erhalten gebliebene Briefwechsel zwischen Emigrierten und ihren in Berlin gefangenen Angeh├Ârigen sind selten. Im Fall der abgedruckten Korrespondenz der Familie des Fabrikbesitzers Max Rychwalski, Kurf├╝rstendamm 96, l├Ąsst sich die Perfidie der "Judenpolitik" und ihre Auswirkungen bis in die allt├Ąglichen Details verfolgen. Von den Mitgliedern der gro├čen Familie, die hier ihre Pl├Ąne, Hoffnungen und ├ängste miteinander teilen, wurden zwei Drittel ermordet.

Erinnert wird aber auch an uneigenn├╝tzige "stille Helden", an Klara Gr├╝ger, eine "unpolitische" couragierte B├Ąckersfrau, die Juden geholfen hat, mit Brot, Unterkunft, gef├Ąlschten Unterschriften und - menschlichem Verhalten, genau wie die Schwestern des Ordens "Unserer lieben Frau", die in ihrem Sch├╝lerinnenheim in der Ahornallee unter Einsatz ihres Lebens unz├Ąhlige von der Deportation bedrohte Kinder und Erwachsene versteckten.

Dieser Artikel von Judith Kessler ist unter selbigem Titel in der Zeitschrift J├╝disches Berlin Nr.120/2010 im Januar 2010 erschienen und wurde AVIVA-Berlin von der Autorin freundlicherweise zur Verf├╝gung gestellt.


Juden in Charlottenburg. Ein Gedenkbuch
Herausgegeben von dem Verein zur F├Ârderung des Gedenkbuches f├╝r die Charlottenburger Juden

text.verlag, erschienen Herbst 2009
Broschiert, 456 Seiten
ISBN: 978-3-938414-50-7
20,00 Euro


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Literatur Beitrag vom 04.01.2010 AVIVA-Redaktion 





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