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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.05.2010

Aharon Appelfeld - Katerina
Adriana Stern

Der Autor erz├Ąhlt die au├čergew├Âhnliche, ergreifende Geschichte der nichtj├╝dischen achtzigj├Ąhrigen Katerina, die zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Ukraine aufgewachsen ist und sich an die ...



... langen Jahre des Antisemitismus und der unz├Ąhligen Pogrome ihrer Landsleute gegen Juden erinnert. Sie ist eine der Wenigen, die anders ist und die wahrscheinlich deshalb lebenslang niemals wirklich zu jemandem geh├Ârte.

Katerina w├Ąchst in einem kleinen unbedeutenden Dorf in der Ukraine auf. Sie wei├č nichts vom Leben in der Stadt, von all den Gefahren, denen eine Frau dort ausgesetzt ist. Nur den Antisemitismus, den lernt sie auch hier schon von fr├╝hester Kindheit an kennen. F├╝r sie ist es normal, Angst vor Juden zu haben, ihnen nicht zu trauen, sich von ihnen fernzuhalten, so wie es alle im Dorf tun, wenn sie nicht gerade auf die Idee kommen, welche von ihnen zu t├Âten. Eine Tat, die weniger Entscheidung bedarf als die, was es zum Abendbrot geben soll.
Katerina verl├Ąsst ihr Dorf nach dem Tod der Mutter und einer versuchten Vergewaltigung durch den Vater. Ihr Weg f├╝hrt sie in die n├Ąchstgr├Â├čere Stadt Strasow. Sie ist den Begierden der M├Ąnner hilflos ausgeliefert, bis eine J├╝din sie in ihr Haus aufnimmt und Katerina f├╝r sie und ihre Familie zu arbeiten beginnt.

Der Antisemitismus, den sie in sich aufgenommen hat wie die Worte der Sprache, die sie in ihrer Kindheit lernte, spukt ihr Tag und Nacht im Kopf herum. Sie f├╝rchtet sich vor ihrem Arbeitgeber und h├Ąlt sich von der Familie fern. Doch langsam, ganz langsam beginnt sie zu verstehen, zu differenzieren, die jiddische Sprache zu lieben und mehr und mehr Gefallen an der Kultur, den Traditionen und dem Alltag dieses Volkes zu finden.
Viele Jahre lebt sie zerrissen zwischen zwei Kulturen. Katerina verliert im Laufe der Zeit die Angst vor Juden im gleichen Ausma├č, wie sie Angst vor der Kultur ihrer Landsleute entwickelt, die zuerst den Hausherren, dann die Hausherrin t├Âten. Katerina k├╝mmert sich um die beiden Jungen, will sie vor dem Tod bewahren und nimmt sie mit aufs Land.

Eine j├╝dischen Mutter kann sie den Kindern niemals werden, allein der Gedanke daran ist viel zu verr├╝ckt. Und die Kinder j├╝disch zu erziehen, das steht ihr einfach nicht zu! Das denken die Leute im Dorf und das Gleiche denken auch die j├╝dischen Verwandten der beiden Kinder.
Doch dann lernt sie den Juden Sami kennen und wird schwanger. Gegen den Willen des alkoholkranken und gewaltt├Ątigen Sami, von dem sie sich trennt, bekommt sie einen Sohn, den sie Benjamin nennt und j├╝disch erzieht. Doch eine alleinerziehende Mutter, die Nichtj├╝din ist und ihr Kind j├╝disch erzieht, ist der Willk├╝r der Bev├Âlkerung hilflos ausgeliefert und ihr Leben und das ihres Sohnes sind t├Ąglich bedroht. Als ein Mann aus ihrem Heimatdorf ihr in der Stadt auflauert, sieht Katerina nur noch einen einzigen Ausweg...

Katerina spricht von der ersten Seite an direkt das tiefe Empfinden, die Seele an und l├Ąsst die Leserin auf den folgenden 253 Seiten nicht mehr los! Es ist unm├Âglich, nicht in diese Geschichte einzutauchen, nicht traurig zu werden, schockiert zu sein, wachger├╝ttelt zu werden, atemlos Katerinas Weg zu folgen, zwischen Hoffen und Bangen schwankend wie die Protagonistin selbst. Es ist unm├Âglich, diese Frau nicht vor sich zu sehen und sie auf ihrem Weg begleiten zu wollen. Um sie zu sch├╝tzen, zu tr├Âsten, sie zu warnen, mit ihr zu k├Ąmpfen, ihr Mut zu machen und... mit ihr zu weinen.

AVIVA-Tipp: Achtzehn Jahre nach der Ver├Âffentlichung dieser ergreifenden, traurig melancholisch und gleichsam k├Ąmpferischen Romans in Israel hat der Rowohlt Verlag entschieden, es in deutscher ├ťbersetzung herauszubringen. Eine gute, eine sehr gute Entscheidung! Keine anderen Worte als: Die Geschichte zieht die Leserin von der ersten Seite an in ihren Bann k├Ânnten f├╝r diesen Roman treffender sein. Ein gro├čer, ein gro├čartiger Roman, der keine bessere ├ťbersetzerin als Mirjam Pressler h├Ątte finden k├Ânnen!

Zum Autor: Aharon Appelfeld wurde 1932 in Czernowitz geboren. Nach Verfolgung und Krieg, die er im Ghetto, im Lager, dann in den ukrainischen W├Ąldern und als K├╝chenjunge der Roten Armee ├╝berlebte, kam er 1946 nach Pal├Ąstina. In Israel wurde er sp├Ąter Professor f├╝r Literatur. Seine hochgelobten Romane und Erinnerungen sind in vielen Sprachen erschienen, auf Deutsch zuletzt "Bis der Tag anbricht", "Elternland" und "Blumen der Finsternis". Aharon Appelfeld, unter anderem Tr├Ąger des Prix M├ędicis und des Nelly-Sachs-Preises, lebt in Jerusalem.

Zur ├ťbersetzerin: Mirjam Pressler geboren 1940 in Darmstadt, wuchs bei Pflegeeltern auf. Sie studierte an der Akademie f├╝r Bildende K├╝nste in Frankfurt und Sprachen in M├╝nchen und lebte f├╝r ein Jahr in einem Kibbuz in Israel. Zur├╝ck in Deutschland arbeitete sie in verschiedenen Jobs, unter anderem f├╝hrte sie einen eigenen Jeansladen. Sie hat drei inzwischen erwachsene T├Âchter, die sie nach der Scheidung von ihrem ersten Mann allein gro├čgezogen hat. Heute lebt sie als freie Autorin und ├ťbersetzerin bei M├╝nchen. (Quelle Autorenhomepage von Mirjam Pressler: www.mirjampressler.de)

Aharon Appelfeld
Katerina

Rowohlt Verlag Berlin, erschienen: 12.03.2010
Originalausgabe: Katerina im Verlag Keter Jerusalem 1992
├ťbersetzung aus dem Hebr├Ąischen: Mirjam Pressler
Hardcover, 254 Seiten
ISBN: 978-3871346804
19,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die Geschichte meines Lebens" von Aharon Appelfeld

"Blumen der Finsternis" von Aharon Appelfeld
"Gr├╝├če und K├╝sse an alle - Anne Franks Familiengeschichte in Briefen" von Mirjam Pressler
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Literatur Beitrag vom 25.05.2010 AVIVA-Redaktion 





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