Ingeborg Bachmann - Kriegstagebuch - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 08.06.2010


Ingeborg Bachmann - Kriegstagebuch
Claudia Amsler

"Und auf einmal war alles ganz anders." Es war nicht "nur" das Kriegsende, welches eine Veränderung in Ingeborg Bachmanns Leben einläutete, sondern insbesondere eine Begegnung. 1945 lernt die ...




...18-jährige Inge den jüdischen Soldaten Jack Hamesh der 8. Britischen Armee kennen. Der als "klein und eher hässlich" beschriebene Jack beschert Ingeborg den "schönsten Sommer" ihres Lebens.


"Die Tage sind so sonnig. Ich habe einen Sessel in den Garten gestellt und lese." Diese Situation impliziert schon fast ein wenig Romantik: ein Sessel im Garten und auf ihm eine junge lesende Frau, welche im goldenen Sonnenlicht schwelgt. Doch dieser Schein trügt, denn Ingeborg Bachmann beschreibt mit diesen Zeilen in ihrem Tagebuch die letzten Monate des Krieges und der NS-Herrschaft in Klagenfurt. Insbesondere erfährt frau aus ihren Tagebuchauszügen die ersten Anzeichen der Sehnsucht nach Grenzüberschreitung - das Aufbrechen der vorgegebenen Grenzen.

Denn die junge Frau im Stuhl liest Baudelaire, Thomas Mann und jegliche Literatur, die vom Nazi Regime verboten wurde und dies demonstriert sie draußen auf ihrem Sessel: "Ich habe mir fest vorgenommen, weiterzulesen, wenn die Bomben kommen."

Mit diesem Akt - dem Weg ins Freie - entzieht sich die junge Bachmann der NS-Kriegsgesellschaft und ihrer terroristischen Erziehungsdiktatur, denn ".., mit den Erwachsenen kann man nicht mehr reden."

Doch das Kriegstagebuch liefert nicht "nur" ein historisch subjektives Zeugnis vom Krieg und dessen Ende, sondern erzählt die Geschichte eines besonderen Zusammentreffens: Das mit dem 25-jährigen jüdischen Soldaten Jack Hamesh. Mit ihm kann die angehende Schriftstellerin zum ersten Mal über Bücher sprechen - über die verbotenen Bücher. Durch das gemeinsame Lesen beginnt sich allmählich eine unvergessliche Liebe zu entwickeln.

"Wir haben bis zum Abend geredet, und er hat mir die Hand geküsst, bevor er gegangen ist. Noch nie hat mir jemand die Hand geküsst. Ich bin so verdreht und glücklich, und wie er fort war, bin ich auf den Wallischbaum gestiegen und mir gedacht, ich möchte mir nie mehr die Hand waschen."

Das Kriegstagebuch stellt jedoch nicht ein wirkliches Tagebuch dar, denn es sind nur gerade mal vierundzwanzig Seiten, welche die Stimme der jungen Bachmann erklingen lassen, auf den folgenden fünfzig Seiten werden die Briefe von dem nach Palästina ausgewanderten Jack Hamesh an seine geliebte Inge aufgeführt.

Es sind Briefe, welche berühren, denn sie erzählen von dem universellen Gefühl der Einsamkeit, der Existenzangst und der Problematik der "Heimat" und dessen Verlust - der absoluten Entwurzelung und der immer wiederkehrenden Frage des Wiedersehens.

"..., doch diese Sorgen die Dich drücken, kennt unsereiner hier nicht. Was mich niederdrückt ist allein das Verlassensein, die Einsamkeit, die Sehnsucht nach all meinen lieben Freunden die ich so plötzlich verlassen musste."

Ein sehr essentieller Teil des Kriegstagebuches nimmt das Nachwort ein, denn erst durch dieses wird auch "nicht gelehrten Ingeborg Bachmann-KennerInnen" die Tiefe und Wichtigkeit dieser Briefe und Inhalte für das spätere Leben und Schaffen der Autorin deutlich.

Zudem wird um so mehr klar, dass frau ein einmaliges historisches Zeugnis in der Hand hält und Einsicht in die persönlichsten Zeugnisse zweier Verliebter erhält. Diese privaten und sehr intimen Briefe sind das einzige, was von Jack Hamesh übrig blieb, denn nicht nur die Briefe von Ingeborg an ihn sind bis heute verschollen, sondern auch er selbst.

AVIVA-Tipp: Das Kriegstagebuch von Ingeborg Bachmann ist "ein Beweis, dass trotz allem was auch über unseren beiden Völkern hereinbrach noch ein Weg gibt - den der Liebe und des Verständnisses." So überliefert die Zusammenstellung beinahe ein Exempel für eine unakzeptierte Liebe, welche getrennt wurde und dennoch nie entzwei geteilt werden kann. Zudem zeigt es die Notwendigkeit des Schreibens auf, denn wie es scheint, ist Druckerschwärze dicker als Blut.

Zur Autorin: Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 als erstes von drei Kindern des Volksschullehrers Matthias Bachmann (1895-1973) und seiner Frau Olga (geb. Haas, 1901-1998) in Klagenfurt (Österreich) geboren. Ihre Mutter stammt aus dem an "Böhmen" und Ungarn grenzenden Niederösterreich, ihr Vater aus Obervellach bei Hermagor im Kärntner Gailtal, wo die Familie in Ingeborg Bachmanns Kindheit oft Ferien verbrachte. Dieser Kärntner Grenzraum im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien repräsentiert für die Autorin später "ein Stück wenig realisiertes Österreich (...), eine Welt, in der viele Sprachen gesprochen werden und viele Grenzen verlaufen". (Quelle Verlagsinformation)
Mehr Infos: www.suhrkamp.de

Ingeborg Bachmann
Kriegstagebuch

Herausgegeben und kommentiert von Hans Höller
Suhrkamp Verlag Berlin, erschienen 19. April 2010
ISBN 978-3-518-42145-1
107 Seiten, gebunden
15,80 Euro


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