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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.06.2010

Azar Nafisi - Die sch├Ânen L├╝gen meiner Mutter. Erinnerungen an meine iranische Familie
Christina Boge

Wie ein modernes M├Ąrchen mutet die Erz├Ąhlung Azar Nafisis an. Jedoch sind es ihre wahren Erinnerungen an eine aufw├╝hlende Familiengeschichte vor dem Hintergrund der politischen Umbr├╝che im...



...Iran, die die Autorin hier verarbeitet.

Dieser Seelenstriptease d├╝rfte der in Teheran geborenen Schriftstellerin nicht leicht gefallen sein. Ohnehin ist es in islamischen L├Ąndern nicht ├╝blich, ungeniert biographische Intimit├Ąten preiszugeben. Die Geschichte, die sie erz├Ąhlt, oder vielmehr die einzelnen Episoden, die sich schlie├člich zu ihrer eigenen Lebensgeschichte zusammensetzen, sind streckenweise sehr bedr├╝ckend.

Bereits zu Beginn wird deutlich, dass Azar Nafisi aus einer zerrissenen Familie stammt ÔÇô und die Schuld daf├╝r bei ihrer Mutter sucht. Diese ebenso sch├Âne wie unnahbare Frau scheint in einer Parallelwelt zu leben, biegt sich die Wirklichkeit so zurecht wie sie ihr konveniert, dabei verst├Ârt und schikaniert sie mit L├╝genkonstrukten ├╝ber ihr Leben die ganze Familie. Obwohl die Autorin von klein auf nach m├╝tterlicher Zuneigung und Anerkennung strebt, erf├Ąhrt sie nur Missachtung. Mit klarsichtiger Traurigkeit beschreibt Nafisi das schwierige Verh├Ąltnis zur Mutter, das sie bis zu deren Tod nicht ├╝berwinden kann.

Diese schwierige Kindheit und Jugendzeit ist zugleich jedoch auch gepr├Ągt vom liebevollen Vater, den sie stets als Verb├╝ndeten gegen die tyrannische Mutter auf ihrer Seite wei├č. Mit gemeinsamen Ritualen wie einer Geheimsprache versuchen die beiden der Realit├Ąt im Haus zu entfliehen.

Von dem Vater lernt Nafisi die bedeutendsten Lektionen f├╝r┬┤s Leben: Der intelligente und belesene Mann vermittelt seinem Kind durch Vergleiche und Geschichten aus der alten iranischen Literatur Lebensregeln und -Weisheiten. Von ihm erbt sie so auch ihr Interesse f├╝r Literatur ÔÇô und f├╝r Politik, denn jeden Freitag finden in der Familienwohnung politische Diskussionen und Debatten mit der intellektuellen Oberschicht Teherans statt.

Nafisi flicht in ihre Erz├Ąhlung so auch einen Teil der ersch├╝tternden iranischen Geschichte ein, den sie selbst erlebt hat. Wenn die Autorin die Aufst├Ąnde gegen das Schah-Regime nachempfindet und von den Gr├Ąueltaten Ajatollah Khomeinis vor dem Hintergrund der Islamischen Revolution berichtet, k├Ânnen die LeserInnen das Ansteigen der gespannten Atmosph├Ąre im Haus der Familie sowie im ganzen Land f├Ârmlich sp├╝ren.

Sp├Ątestens als ihr Vater, der mittlerweile zu einer wichtigen politischen Pers├Ânlichkeit in der Hauptstadt aufgestiegen ist, im Zuge der Islamischen Revolution verhaftet wird und ihre Mutter als Parlamentsabgeordnete kandidiert, wird die gef├Ąhrliche politische Situation im Land Realit├Ąt f├╝r die junge Nafisi. Sie beginnt, sich in StudentInnenorganisationen zu engagieren und wird politisch aktiv.

Neben der Politik ist es vor allem die Literatur, der die junge Frau ihr Herzblut widmet. Zun├Ąchst erm├Âglichen B├╝cher ihr die Flucht in eine heile Welt. Sp├Ąter hofft sie auf ein erf├╝lltes Leben durch Heirat. Sie nimmt ├╝berst├╝rzt den Antrag eines Mannes an, den sie nicht liebt. Nafisis Schilderung ├╝ber die darauf folgenden verzweifelten N├Ąchte mit dem Mann ber├╝hren die LeserInnen besonders ÔÇô bereits als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs, wei├č die frisch Verm├Ąhlte nicht mit k├Ârperlicher N├Ąhe umzugehen und leidet weiter.

Auf Rat ihres Vaters befreit sich Nafisi aus der freudlosen Bindung und gr├╝ndet eine eigene Familie mit ihrer gro├čen Liebe. Hat sie nun also endlich ihr Lebensgl├╝ck gefunden? Nicht ganz. Denn obwohl Nafisis Herz an ihrer Heimat h├Ąngt, kann sie es schlie├člich nicht mehr mit ihrer Auffassung von Freiheit und Gerechtigkeit vereinbaren, weiter in dem Land zu leben. Um ihren Kindern ein besseres Leben zu erm├Âglichen, entschlie├čt sie sich, mit ihrer Familie den Iran und damit ihre Eltern zu verlassen. Es dauert noch viele Jahre, bis Nafisi fern der Heimat erkennt, dass sowohl die Mutter als auch der Vater ihr durch ihre unterschiedlichen Geschichten eine "transportable Heimat" geschenkt haben, die die Erinnerung h├╝tet und ihr f├╝r immer ein Ort der Zuflucht ist.

AVIVA-Tipp: Nach "Lolita lesen in Teheran" (2005) brilliert Azar Nafisi mit einem neuen Werk, das ebenfalls das Zeug zum Bestseller hat. Leidenschaftlich und mitrei├čend gew├Ąhrt die Autorin spannende Einblicke in ihr Privatleben. Besonders pers├Ânlich wird ihr Bericht auch durch Aufnahmen von Familien und Bekannten, die Nafisi selektiv auf einigen Seiten exponiert hat. Wer in eine dramatische Familiengeschichte eintauchen will und sich gleichzeitig f├╝r die politische Entwicklung des Iran zwischen den 1950er und 1980er Jahren interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Zur Autorin: Azar Nafisi ist Professorin und Direktorin des Dialogue Project am Institut f├╝r Au├čenpolitik an der John Hopkins University. Zuvor unterrichtete sie im Iran an verschiedenen Universit├Ąten Literatur. Weil sie sich weigerte, den Schleier zu tragen, erhielt Nafisi 1981 Lehrverbot an der Universit├Ąt von Teheran. 1997 verlie├č sie den Iran und wanderte in die USA aus. Azar Nafisi lebt heute mit ihrer Familie in Washington D.C. Weitere Informationen und Kontakt: www.azarnafisi.com (Verlagsinformation)

Azar Nafisi
Die sch├Ânen L├╝gen meiner Mutter. Erinnerungen an meine iranische Familie

Deutsche Verlags-Anstalt, erschienen Mai 2010
Gebunden, 392 Seiten
ISBN 978-3-421-04428-0
22,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Women without Men, ein Film von Shirin Neshat.

Interview mit Shirin Neshat

Bitterer Fr├╝hling - Meine Jugend im Iran der Revolutionszeit von Roya Hakakian.

"Mein Iran" von Shirin Ebadi.

Die Stellung der Frau im Gottesstaat Iran von Nasrin Amirsedghi.







Literatur Beitrag vom 10.06.2010 AVIVA-Redaktion 





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