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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.09.2010

Kirsten Heisig - Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter
Evelyn Gaida

Cover und Titel erinnern an die Titelseiten von Boulevardbl√§ttern. Das Buch enth√§lt dagegen keine aufr√ľhrerischen Schlagw√∂rter, sondern differenziert und sachkundig vorgetragene ...



... Erfahrungsberichte, Analysen und dringende Handlungsempfehlungen einer engagierten Jugendrichterin zum Thema Jugendkriminalit√§t. Ihr Anliegen macht sie unmissverst√§ndlich klar: "Wir m√ľssen handeln. Jetzt."

Probleme dort lösen, wo sie entstehen

Heisigs pers√∂nlicher Einsatz ging √ľber das `Verrichten¬ī ihres beruflichen Pensums sehr weit hinaus: "Sie ist nach harten Arbeitstagen zu uns gekommen. Sie hat den Eltern gesagt, dass ihre Kinder kriminell werden, wenn sie nicht aufpassen. Hat ihnen gesagt, wie wichtig die deutsche Sprache ist", erinnert sich Kazim Erdogan, der t√ľrkische und arabische Eltern als Psychologe betreut, gegen√ľber dem "Tagesspiegel". Ihrem Schlagzeilenimage der "Richterin Gnadenlos" kommt Kirsten Heisig in ihren Ausf√ľhrungen nicht nach. Gerade das "Abstrafen" h√§lt sie f√ľr sinnlos. Dementsprechend spricht sie sich gegen eine Versch√§rfung von Strafen oder Senkung des Strafm√ľndigkeitsalters aus. Auch dem Vorwurf eines zu laxen Umgangs mit jugendlichen Straft√§terInnen widerspricht sie. Angemessene Gesetze seien vorhanden, ihnen m√ľsste jedoch Geltung verschafft werden. Die richtige Grundidee ist ihrer Meinung nach, "dass die Probleme dort zu l√∂sen sind, wo sie entstehen, und nicht weitergereicht werden sollen." Derzeit st√ľnden die RichterInnen jedoch am Ende einer "Kette von Fehlentwicklungen" und k√∂nnten nur noch als erfolgloser "Reparaturbetrieb" agieren, wenn es l√§ngst zu sp√§t sei. Heisigs Buch beinhalte die "Berliner Perspektive" und "meine Sicht der Dinge". Ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen seien vermutlich jedoch auch auf andere Gro√üst√§dte √ľbertragbar.

Andere Strategien notwendig


Das "Gef√ľhl sp√§t dran zu sein" durchzieht qu√§lend das Buch. Aufgestaute Ohnmacht dringt durch den juristisch beh√∂rdlichen Sprachgebrauch, Fragen werden immer wieder gestellt - "Warum kann nicht ...?", "Warum wird nicht ...?" Oft ist auch von Fassungslosigkeit und Entsetzen die Rede. Im Vorwort hei√üt es: "Ich √ľbe meinen Beruf nach wie vor mit √úberzeugung aus und m√∂chte sinnvolle Entscheidungen treffen, die einerseits zur Reduzierung der Jugendkriminalit√§t beitragen und andererseits dem Menschen, der sich vor Gericht zu verantworten hat, die Chance er√∂ffnen, ein Leben ohne Straftaten zu f√ľhren. Seit l√§ngerer Zeit habe ich nicht mehr den Eindruck, beiden Zielen gerecht werden zu k√∂nnen." Angesichts einer zunehmenden Brutalisierung von Jugendlichen und der verheerenden Situation sozialer Brennpunkte sei es unbedingt notwendig "auf mehreren Ebenen andere als die bisher angewandten Mechanismen zu entwickeln." Heisig schildert Beispiele typischer Lebensumst√§nde und Delikte jugendlicher Gewaltt√§terInnen. Obwohl sie absichtlich nicht die schlimmsten F√§lle ausgew√§hlt habe, lassen sie erahnen, mit welcher Realit√§t sich JugendrichterInnen tagt√§glich konfrontiert sehen.

Jahrzehntelange Unbeweglichkeit

Der Geduldsfaden ist Kirsten Heisig nicht in Bezug auf ihren erzieherischen Auftrag als Jugendrichterin gerissen, so wird schnell deutlich. Sie ging jedem Fall aktiv bis ins Detail nach und √ľber die Grenzen ihres B√ľros st√§ndig hinaus, holte Erkundigungen ein, besuchte, fragte nach, mit einem hohen Anspruch an sich selbst: "Der Richter sollte sich ein umfassendes Bild von der aktuellen Lage der Verurteilten machen k√∂nnen." Das Ende ihrer Geduld erreichte sie angesichts jahrzehntelanger Unbeweglichkeit auf institutioneller Ebene ‚Äď und setzte mit unerm√ľdlicher √úberzeugungsarbeit das Neuk√∂llner Modell um. Zuerst wurde es in ihrem Bezirk angewendet, dem Rollbergviertel in Nord-Neuk√∂lln und Problemkiez schlechthin, mittlerweile in ganz Berlin. Durch ein gezieltes Ineinandergreifen von Polizei, Schule, Jugendamt, Staatsanwaltschaft und RichterIn erm√∂glicht dieses Modell ein beschleunigtes Jugendverfahren und somit schnelles Reagieren auf Straftaten. Die Angeklagten sollen sich vor Gericht noch daran erinnern, um welche Tat es geht(!), und das Urteil als direkte Konsequenz ihres Handelns begreifen k√∂nnen. Heisig sieht darin ein "Element zur Verhinderung von Intensivt√§terkarrieren".

Schule als "entscheidende Stellschraube"

Durch system√ľbergreifendes Zusammenarbeiten wollte Heisig auch der erheblichen Zunahme von Gewaltbereitschaft und -delikten unter arabisch- und t√ľrkischst√§mmigen Jugendlichen m√∂glichst vorbeugend entgegenwirken. Sie bezeichnete die Schule als "entscheidende Stellschraube, einen Lebenslauf positiv zu beeinflussen". Umgekehrt seien nahezu alle (angehenden) Mehrfacht√§ter auch Schulverweigerer. Diese w√ľrden der Richterin zufolge im Schulsystem weitergereicht "wie hei√üe Kartoffeln" bis sie schlie√ülich ganz ausscheiden, w√§hrend Schule und Jugendamt jeweils an ihre Grenzen sto√üen und sich den Handlungsbedarf gegenseitig zuweisen.

Prävention statt Kriminalität

Um es zu einer solchen Laufbahn nicht kommen zu lassen setzte Heisig auf Pr√§vention: Der Staat d√ľrfe jahrelangem Schuleschw√§nzen nicht als "zahnloser Tiger" zusehen und sich l√§cherlich machen, sondern m√ľsse Vorschriften auch durchsetzen. Bei kontinuierlicher "Schuldistanz" seien Bu√ügelder notwendig, die jedoch erst durch gestraffte Abl√§ufe Wirksamkeit erreichen k√∂nnten. Schulen m√ľssten gest√§rkt und eng mit dem Jugendamt verkn√ľpft werden, auch der Austausch mit der Polizei sei in zugespitzten Lagen unabdingbar, was in den Niederlanden beispielsweise bereits praktiziert werde. Heisig m√∂chte kriminellen Entwicklungen rechtzeitig etwas entgegensetzen, solange es Entwicklungsspielraum noch gibt. Damit sie bestenfalls erst gar nicht als Richterin ihres Amtes walten muss, ging Heisig auf die BewohnerInnen im Kiez zu, organisierte unabl√§ssig Elternabende, arbeitete mit t√ľrkischen und arabischen Zentren zusammen und besuchte zust√§ndige SozialarbeiterInnnen in Anti-Gewalt-Projekten.

Gesprächsrunde zum Gedenken an Kirsten Heisig am 13.09. 2010

Ende Juni 2010 nahm Kirsten Heisig sich v√∂llig unerwartet das Leben. Kurz zuvor hatte sie dem Herder Verlag telefonisch noch letzte √Ąnderungen an ihrem Buchmanuskript durchgegeben.

Am 13. September 2010 kamen im Theatersaal des Heimathafens Neuk√∂lln zahlreiche KollegInnen, FreundInnen und B√ľrgerInnen zusammen, um der Jugendrichterin in einer Gespr√§chsrunde zu gedenken. Die TeilnehmerInnen des Gespr√§chs, das von Tagesspiegel-Redakteurin Tissy Bruns moderiert wurde, waren Heinz Buschkowsky (Bezirksb√ľrgermeister Neuk√∂lln), Monika Maron (Schriftstellerin), Dr. Andreas Behm (Leitender Oberstaatsanwalt), G√ľnter R√§cke (Jugendrichter) und H√ľseyin Ekici (Schauspieler).

Gesprächsrunde zum Gedenken an Kirsten Heisig am 13.09. 2010 im Theatersaal des Heimathafens Neukölln © Evelyn Gaida


Lebensbejahend, dynamisch und sympathisch sei sie gewesen, sagte Buschkowsky, aber nicht bequem. Die Welt einer Jugendrichterin sei nicht die heile Welt, in Neuk√∂lln gebe es Verh√§ltnisse, die den kriminellen Lebensweg vieler Jugendlicher zwangsl√§ufig vorzeichneten. Heisig h√§tte bei besser gestellten B√ľrgerInnen und sich selbst eine Verantwortung zum Handeln gesehen und gesagt "lasst es uns probieren, alles andere haben wir schon probiert." Gegen das Neuk√∂llner Modell habe es anfangs Widerst√§nde gegeben, berichtete Heisigs ehemaliger Kollege R√§cke. Heisig und er h√§tten es jedoch nicht bei einem Lamento und "Sprechtabu" belassen wollen und seien "von unten nach oben vorgegangen." Buschkowsky f√ľhrte an, er sei es m√ľde, von anderen Leuten zu h√∂ren, "dass es die Probleme, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, dass es die gar nicht gibt." Entscheidendes Problem sei auch "die Vers√§ulung der Beh√∂rden": "Jeder achtet darauf, dass ihm keiner in die Suppe spuckt und an den Wagen fahren kann."

Die Sicht eines ehemals straff√§lligen Jugendlichen steuerte der 19-j√§hrige Schauspieler H√ľseyin Ekici bei, der Heisig einst als Angeklagter im Gerichtssaal gegen√ľbergestanden hatte. Die Gesellschaft habe ihm das Gef√ľhl gegeben "ein Nichts zu sein", fast √ľberall sei er ausgeschlossen gewesen und berichtet von Erfahrungen mit Rassismus ("Schei√ü Kanake"). Schuleschw√§nzen sei einfach √ľblich gewesen. Den Ausschlag zur Kurs√§nderung habe schlie√ülich seine alleinerziehende Mutter gegeben: "Wenn ich von Hartz IV lebe, schmei√üt sie mich aus der Wohnung." F√ľr seine Tr√§ume m√ľsse man auch (gewaltlos) k√§mpfen, meinte er.

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der an den Problemen bewusst vorbeigeschaut wird" schreibt Kirsten Heisig in ihrem Buch. Was sie sich w√ľnsche, sei eine "ehrliche Debatte jenseits von Ideologien." An anderer Stelle hei√üt es: "Und umso wichtiger ist die Aufgabe, generell und massiv dem Rassismus entgegenzuwirken."

AVIVA-Tipp: Ein mutiges und ungemein wichtiges Buch, das die Thematisierung des schwelenden Problems der Jugendkriminalit√§t nicht verantwortungslosen PopulistInnen und "ProvokateurInnen" mitsamt den Niederungen ihrer Denk- und Sprachmuster √ľberl√§sst. Jugendrichterin Kirsten Heisig entwickelte stattdessen direkt aus der Praxiserfahrung und dem menschlichen Bezug heraus differenzierte L√∂sungsvorschl√§ge und Denkanst√∂√üe, angesichts von unhaltbaren Missst√§nden einen umfassenden Ma√ünahmenkatalog. Vom Erziehungsgedanken des Jugendgerichtsgesetzes beseelt, entwarf Heisig Strategien mit dem Ziel, Bildung und Aufkl√§rung konsequent als Bollwerk gegen Kriminalit√§t fr√ľhzeitig in die Tat umzusetzen, wo dies hartn√§ckig vers√§umt wird.

Zur Autorin: Kirsten Heisig, geb. 1961, starb Ende Juni 2010 in Berlin. Sie war Jugendrichterin, das von ihr wesentlich initiierte sogenannte "Neuköllner Modell" zeichnet sich vor allem aus durch Prävention, Abschreckung, Konsequenz und Schnelligkeit.

Kirsten Heisig
Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter

Herder Verlag, 2. Auflage 2010
Flexcover, 205 Seiten
ISBN 978-3-451-30204-6
14, 95 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.herder.de

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Literatur Beitrag vom 15.09.2010 Evelyn Gaida 





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