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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.03.2011

Julie Orringer - Die unsichtbare Br├╝cke
Ricarda Ameling

In ihrem mitrei├čenden Deb├╝troman erz├Ąhlt die US-amerikanische Schriftstellerin von Andras L├ęvi, der im Jahr 1937 in Paris sein Architekturstudium beginnt. Schnell verliebt er sich nicht nur in ...



... die Stadt, sondern auch in eine Frau. Doch Europa ist kein sicherer Platz mehr f├╝r ihn, und so beschreibt diese Liebesgeschichte das ersch├╝tternde Schicksal ungarischer Juden im zweiten Weltkrieg.

Ein neuer Anfang. Der junge Ungar Andras L├ęvi sitzt aufgeregt im Zug nach Paris. Voll Vorfreude auf sein Studium und doch nicht gl├╝cklich, ist der Preis doch gro├č, den er f├╝r sein Stipendium zahlt. In Ungarn l├Ąsst er alles zur├╝ck, was ihm in seinen zwanzig Lebensjahren wichtig war. Seine liebevolle Familie, seine sich immer sorgende Mutter, den Vater, der nicht nur ihm, sondern als Rabbiner auch seiner Gemeinde stets als ein Vorbild dient, seinen kleinen Bruder Matyas, und vor allem seinen ├Ąlteren Bruder und besten Freund Tibor. Doch in Ungarn gibt es f├╝r die Br├╝der keine M├Âglichkeiten zu studieren und die ├ťbernahme des kleinen v├Ąterlichen S├Ągewerks erscheint auch nicht als eine reizvolle Zukunft. W├Ąhrend Tibor noch auf einen Medizinstudiumsplatz in Italien hofft, ergreift Andras die erste Chance, um nach wenig lukrativen T├Ątigkeiten das zu tun, von dem er seit Kindestagen tr├Ąumte: Architektur studieren.

Leben im Paris der Boh├ęme

Paris ist voll von Unbekanntem: Andras leidet unter Einsamkeit, Heimweh, Geldnot und mangelnden Franz├Âsischkenntnissen, und doch gelingt es ihm durch harte Arbeit und viel Gl├╝ck, sich bald zurecht zu finden. Er lernt die franz├Âsische Hauptstadt zu sch├Ątzen, begeistert sich f├╝r ihre Architektur und das Studentenleben. Doch bald ist es das Leben abseits der "├ëcole Sp├ęciale" welches ihm den Schlaf raubt: Andras lernt die neun Jahre ├Ąltere Claire Morgenstern kennen. Schwierige Umst├Ąnde begleiten die Liebesbeziehung zwischen dem Studenten und der sch├Ânen Ballettlehrerin von Anfang an, doch sind der Altersunterschied und Andras┬┤ Mittellosigkeit nur geringe Probleme angesichts des Geheimnisses, welches Claire h├╝tet. Als einem gl├╝cklichen Zusammensein nichts mehr im Wege zu stehen scheint, wird der vielversprechende Architekturstudent, wie so viele Andere auch, Zeuge und Leidtragender der antisemitischen Gesetze des Vichy-Regimes. Er wird zur R├╝ckkehr nach Ungarn gezwungen, doch diesmal reist er nicht alleinÔÇŽ

Claire und Andras sind unzertrennlich, doch auch in ihrer Heimat k├Ânnen sie nicht in Ruhe leben. Bald schon werden die drei L├ęvi - Br├╝der, so wie 50.000 andere ungarische Juden und J├╝dinnen, als Zwangsarbeiter verpflichtet. Was n├╝tzt die Liebe, wenn Europa in schnellen Schritten auf die Katastrophe des 20. Jahrhunderts zusteuert?
Weit entfernt erscheint Andras das Pariser Leben w├Ąhrend er bis zur Ersch├Âpfung im Arbeitslager arbeitet. Langsam verblassen die von der Autorin Julie Orringer kunstvoll beschriebenen Bilder der ber├╝hmten franz├Âsischen Bauwerke, der raffinierten Fassaden, verwinkelten Gassen, die Faszination der Kunst. Und auch die Stunden sorgloser Zweisamkeit mit Claire und das Feiern der j├╝dischen Feste, die Andras in Paris ein Gef├╝hl der Vertrautheit und Geborgenheit gaben, selbst die Sorge um das schreckliche Geheimnis seiner Frau erscheinen wie Fragmente eines fr├╝heren Lebens.

Jedes zehnte Opfer der Shoah war UngarIn

Auch Budapest ist nicht mehr so wie es mal war, das Leben wird hier ebenso wie im Rest Europas f├╝r Juden immer unsicherer. Wurden bei Andras Abreise nach Frankreich Juden in Ungarn noch diskriminiert und schikaniert, so ist es nun fast unm├Âglich, ├╝berhaupt zu ├╝berleben. Ungarn war seit 1941 Deutschlands Verb├╝ndeter, und auch hier war das Ausschalten der j├╝dischen Bev├Âlkerung aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben, das Tragen des Judensterns und schlie├člich die Deportation in die Vernichtungslager grausame Realit├Ąt. Der Historiker Randolph L. Braham setzte sich intensiv mit dem ungarischen Holocaust auseinander. Er recherchierte, dass von den rund 825.000 Juden Ungarns 565.000 umgebracht wurden. 260.000 ├╝berlebten - davon allein in der Hauptstadt Budapest 119.000. Anfang Juli 1944 liess Ungarns Staatschef Horthy die Deportationen einstellen, kurz bevor die j├╝dische Bev├Âlkerung Budapests abtransportiert werden sollte. In weniger als zwei Monaten waren zu diesem Zeitpunkt allerdings schon ungef├Ąhr 430.000 Menschen in Z├╝gen nach Auschwitz verschleppt worden.

Br├╝cken verbinden, schaffen Wege ├╝ber Hindernisse hinweg, doch dienen sie auch als Metapher f├╝r den ├ťbergang vom Leben zum Tod. Keine der symboltr├Ąchtigen, die Stadtteile Buda und Pest vereinenden Br├╝cken hielt dem zweiten Weltkrieg unbeschadet stand. Es l├Ąsst sich nur erahnen, welches Grauen noch auf die L├ęvi-Br├╝der und ihre Familie wartet. Orringer beendet den Roman mit dem Gedicht "Alle F├Ąlle" der 1923 geborenen Nobelpreistr├Ągerin Wislawa Szymborska: Du ├╝berlebtest, denn du warst der Erste. Du ├╝berlebtest, denn du warst der Letzte. Weil allein. Weil unter Leuten. Weil links. Weil rechts. Weil Regen fiel. Weil Schatten fiel. Weil die Sonne schien" (Auszug).

AVIVA-Tipp: "Die unsichtbare Br├╝cke" sorgte in den USA f├╝r durchweg positive Resonanz. So schrieb die New York Times "Bewegend. Bet├Ârend. Mitrei├čend wie ┬┤Doktor Schiwago┬┤." Auch die Entertainment Weekly wagte den Vergleich mit gro├čen SchriftstellerInnen: "Umwerfend. Wie Tolstoi und Stendhal schildert Orringer die Umbr├╝che in der europ├Ąischen Geschichte, episch und pers├Ânlich zugleich.". Tats├Ąchlich ist es der jungen Schriftstellerin gelungen, in ihrem lang erwarteten historischen Roman gro├če Emotionen lebendig werden zu lassen. Orringer l├Ąsst das Arbeitslager, den Schrecken an der Front und die Qual der Hinterbliebenen ebenso real wirken wie das Gef├╝hlschaos eines unsterblich verliebten jungen Mannes.

Zur Autorin: Julie Orringer, 1973 in Miami, Florida, geboren, deb├╝tierte 2003 mit dem Erz├Ąhlungsband "Unter Wasser atmen" (2005), der in zehn Sprachen ├╝bersetzt, mit mehreren Preisen ausgezeichnet und von der Kritik enthusiastisch empfangen wurde. Ihr Roman "Die unsichtbare Br├╝cke" stand auf der Bestsellerliste der New York Times und wird international gefeiert. (Quelle: KiWi-Verlag)
Weitere Infos und Kontakt unter: www.julieorringer.com

Julie Orringer
Die unsichtbare Br├╝cke

Originaltitel: The Invisible Bridge
├ťbersetzerin: Andrea Fischer
Kiepenheuer und Witsch Verlag, erschienen am 24.02.2011
Gebunden, 816 Seiten, mit Leseb├Ąndchen
ISBN: 978-3-462-04300-6
24,95 Euro
www.kiwi-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die Kinder von Paris" ein Film von Rose Bosch

"Eine exklusive Liebe" von Johanna Adorján

"Gesch├Ąfte mit dem Teufel" von Ladislaus L├Âb

"Ich muss erz├Ąhlen. Mein Tagebuch 1941-1945" von Mascha Rolnikaite

"Die Hunde und die W├Âlfe" von Ir├Ęne N├ęmirovsky

"Allein unter allen" von Miriam Katin

"Licht und Schatten. Schauspielerin und Regisseurin auf vier Kontinenten" von Leontine Sagan

Weitere Informationen zum V├Âlkermord an Ungarns Juden:

www.holocaust-chronologie.de

www.holocaust-history.org

www.ushmm.org

www.talmud.de

Literatur Beitrag vom 16.03.2011 AVIVA-Redaktion 





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