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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.07.2009

Gisela Elsner - Fliegeralarm
Silvy Pommerenke

Drei Jahre vor ihrem Tod schrieb die "Humoristin des Monströsen" diesen radikalen Roman, der aus kindlicher Perspektive das Grauen der Nazizeit thematisiert. Das Besondere daran: Die Kinder sind ...



... in diesem Fall nicht die Opfer, sondern die T√§ter. Zwar wurde Elsner von der damaligen Literaturkritik daf√ľr verrissen, aber dennoch ist es einer ihrer besten Romane!

Protagonistin in "Fliegeralarm" ist die f√ľnfj√§hrige Lisa Welsner, ihr vierj√§hriger Bruder Kicki, Gaby Glotterthal (Tochter des Obermedizinalrates), Wolfgang W√§tz (Sohn des Lebensmittelh√§ndlers), und noch f√ľnf anderen Jungen. Sie vertreiben sich in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs in den Ruinen ihrer Stadt N√ľrnberg die Zeit, sammeln Bombensplitter, Gewehrkugeln und alles andere, was von den Soldaten als Andenken bei Fliegerangriffen hinterlassen wird. Die Nazipropaganda ist tief in die Kinderwelt eingedrungen, und was w√§ren die Nazis ohne Pogrome? So bildet sich aus der anf√§nglich harmlosen Kindergang eine SS-Truppe mit dem noch nicht schulpflichtigen "Oberscharf√ľhrer" Wolfgang und seiner Braut Lisa, die ihm "in aller F√∂rmlichkeit [ihr] Jawort gegeben" hat. Lisa und ihre kleinen Freunde sind in ihrem Naziwahn gefangen und ben√∂tigen dringend ein Opfer, da sie die Erwachsenenwelt aufs Grausamste kopieren, sogar √ľbertreffen wollen. Da kommt ihnen Rudi Tr√ľndel gerade recht, der als Sohn eines Kommunisten in den Augen der Kinder gleichzeitig auch ein Jude ist ...

Die Denkmuster der Kinder sind nicht nachvollziehbar, genau so wenig, wie es die Nazi-Ideologie war. Aber gerade dadurch, dass Elsner diese Form gew√§hlt hat, erf√§hrt der Roman eine unglaublich Aussagekraft. Die absurde √úbertragung der nationalsozialistischen Gr√§uelwelt auf eine Kinderwelt l√§sst das Geschehen noch f√ľrchterlicher erscheinen, das Lachen im Halse stecken bleiben und erzeugt ein extremes Gef√ľhl des Unwohlseins, weil die kindlichen ProtagonistInnen ihr Handeln √ľberhaupt nicht reflektieren, erst recht nicht hinterfragen. F√ľr manch eine Leserin mag das zu harter Lesestoff sein, dennoch geh√∂rt dieser Roman zu den leider viel zu stark vergessenen Werken Elsners. Dank dem Berliner Verbrecher Verlag sind einige B√ľcher der Autorin wieder herausgegeben und sogar bislang nicht ver√∂ffentlichte Romane gedruckt wurden. Was bleibt, ist die Erkenntnis dar√ľber, dass die Autorin viel zu fr√ľh aus dem Leben gegangen ist und die Literaturszene dadurch eine gro√üartige Schriftstellerin verloren hat, die den LeserInnen mit Sicherheit noch viele bitterb√∂se Werke beschert h√§tte.

Zur Autorin: Gisela Elsner stellte 1962 Ausz√ľge von "Die Riesenzwerge" in der Gruppe 47 vor, erhielt 1964 daf√ľr den "Prix Formentor" und war seitdem st√§ndiges Enfant terrible auf der deutschen Literaturb√ľhne. Trotzdem sie Erz√§hlungen, Romane und Aufs√§tze ver√∂ffentlichte, sie daf√ľr auch eine au√üergew√∂hnliche Resonanz in der √Ėffentlichkeit erhielt, so wurde jedoch immer kontrovers √ľber sie berichtet. Gegen Ende ihres Schaffens und Lebens (1992 beging sie Suizid) war sie zu einer Verbannten der Literatur geworden. Gisela Elsner h√§tte am 2. Mai 2007 ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert.

Weiterlesen: "Heilig Blut" und "Das Ber√ľhrungsverbot" und "Otto der Gro√üaktion√§r" von Gisela Elsner

AVIVA-Tipp: Einer der besten und gleichzeitig b√∂sesten Romane Elsners d√ľrfte manch einer das Lachen im Hals stecken bleiben lassen. Der Rassenwahn √ľbertragen auf eine kindliche Welt erf√§hrt dadurch nachhaltigen Leseeindruck, der sich auf schmerzliche Weise ins Bewusstsein frisst. Mit ihrem offiziell letzten Roman "Fliegeralarm" von 1989 l√§sst Elsner ihre alten St√§rken aufleben, sowohl was die Besetzung ihrer ProtagonistInnen, als auch was die kunstfertige Gestaltung ihrer S√§tze betrifft. Ein bitter-b√∂ses Buch, das eine Schar neuer Elsner-Fans generieren d√ľrfte.

Gisela Elsner
Fliegeralarm

Mit einem Nachwort von Kai Köhler
Verlag: Verbrecher Verlag, April 2009
ISBN: 978-3940426239
14,00 ‚ā¨
Broschiert, 282 Seiten

Literatur Beitrag vom 20.07.2009 Silvy Pommerenke 





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