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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 07.07.2017

Nicole Br├Âhan - K├╝nstlerkolonien. Ein F├╝hrer durch Deutschland, die Schweiz, Polen und Litauen
Tina Schreck

Die Kunsthistorikerin und Museumsshopbetreiberin des Br├Âhan-Museums. Berliner Landesmuseum f├╝r Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus, illustriert Leben und Werk der K├╝nstlerinnen und K├╝nstler im 19. und 20. Jahrhundert fernab der st├Ądtischen Ballungszentren und die Bedeutung der K├╝nstlerkolonien auf deren sch├Âpferische Freiheiten sowie ├Âkonomische Aspekte.



Von der Metropole in die Provinz

Als Reaktion auf den ab Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden wirtschaftlichen sowie sozialen Wandel und der damit einhergehenden Industrialisierung der St├Ądte folgten zahlreiche K├╝nstlerinnen und K├╝nstler ihrer Sehnsucht nach Einfachheit und Natur und zogen in den warmen Monaten des Jahres in die umliegenden l├Ąndlichen Gebiete. Abgesehen von den weitaus erschwinglicheren Lebenshaltungskosten lockte die F├╝lle der Bildmotive die Malerinnen und Maler vermehrt ins Gr├╝ne.

Die Freilichtmalerei als Wegbereiter der Moderne

Nicole Br├Âhan nimmt ihre Leser_innen mit auf eine Reise in die Kunstszene des 19. und 20. Jahrhunderts und die unterschiedlichen Stilrichtungen dieser Epoche. Die anf├Ąnglich noch naturgetreuen Abbildungen der freien Natur waren Grundlage f├╝r den Impressionismus sowie f├╝r die nachfolgend durch den Expressionismus eingeleitete Moderne. Akribisch zeigt die Autorin auf, wie aus der zumeist sommerlichen Stadtflucht etliche K├╝nstlerkolonien entstanden, in denen sich Gleichgesinnte f├╝r regen Austausch und selbstbestimmtes Arbeiten en plein air zusammenfanden.

Vom "Natur abmalen" zum Abstrahieren

Aus den kreativen Kollaborationen entstanden oftmals beachtliche Gruppenausstellungen wie die des im bayerischen Murnau angesiedelten K├╝nstler_innenkreises "Blauer Reiter". Das Kollektiv um Gabriele M├╝nter, Wassily Kandinsky und Frank Marc lie├č sich von der Farbpracht des "blauen Landes" inspirieren und reduzierte ihren Malstil auf die Grundformen, wodurch die Bilder nunmehr durch die Leuchtkraft der ungemischten miteinander kontrastierenden T├Âne wirkten. Auch das russische K├╝nstler_innenpaar Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky z├Ąhlten zum nahen Umfeld der Vereinigung und waren ma├čgeblich an der neuen expressionistischen Darstellungsart beteiligt.

Von Ahrenshoop bis nach Ascona

Die Halbinsel Ahrenshoop wurde 1889 aufgrund seiner unangetasteten Urspr├╝nglichkeit als Paradies f├╝r Landschaftsmalerei entdeckt. Drei Jahre sp├Ąter wurde die Ahrenshooper K├╝nstlerkolonie gegr├╝ndet. Anfang des 20. Jahrhunderts sorgten Malerinnen und Maler f├╝r den Einzug der Moderne in dem Fischerdorf. Marianne von Werefkin beispielsweise lie├č Meer, Str├Ąnde und die dahinterliegenden W├Ąlder in einer schillernd bunten Farbwelt und somit in ganz neuem Licht erstrahlen.

"Urpl├Âtzlich ergie├čen sich dann B├Ąche in den See, funkelnd wie Lamettaf├Ąden"

Als die russische K├╝nstlerin 1918 mit ihrer Familie die Gemeinde im Schweizer Kanton Tessin erreichte, war sie augenblicklich von dem zugleich mediterranen sowie alpinen Panorama fasziniert. Ziel der Neuank├Âmmlinge war das auf dem Monte Verit├á existierende "Kuriosit├Ąten-Kabinett" - eine Vereinigung Paradiessuchender mit alternativem Lebenskonzept. Angeregt von den dortigen Vereinigungen, die danach strebten, K├Ârper und Geist zu kurieren und das Individuum zu befreien, wollten sie Teil dieser Lebensreformbewegung werden. Der Leitsatz "Bleibet nicht Puppen, sondern werdet Menschen" ermunterte besonders Frauen dazu alle gesellschaftlichen Zw├Ąnge abzusch├╝tteln.

Der Durchbruch der Frauen

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts blieb den Frauen in Deutschland das Studium noch verwehrt. Ihre Kunst hatten sie in privatem Unterricht erlernt. Im Kaiserreich galt es als unanst├Ąndig, wenn Frauen k├╝nstlerischen Ehrgeiz entwickelten, Kreativit├Ąt war nur im h├Ąuslichen Bereich gern gesehen. Zwar gab es an der Stuttgarter Kunstakademie auch "Damenklassen", doch hierf├╝r ben├Âtigten die Frauen die schriftliche Erlaubnis der Eltern. Au├čerdem war f├╝r Malerinnen das Studium verk├╝rzter, eingeschr├Ąnkter, und finanziell ├╝berteuerter als das ihrer m├Ąnnlichen Kollegen. Aus dem Unterricht der Aktmodelle waren Malerinnen ausgeschlossen. Bis zum Jahr 1919 wurden die Malerinnen des kunstakademischen Lebens in den St├Ądten kaum wahrgenommen. Dies ├Ąnderte sich mit der Gr├╝ndung der K├╝nstlerkolonien schlagartig. Genau wie in Ascona wurde Frauen auch auf der Insel Hiddensee gro├če Bedeutung und Bewunderung beigemessen. Wohl auf Anregung der Malerin, Grafikerin und Bildhauerin K├Ąthe Kollwitz gr├╝ndeten ihre Kolleginnen Henni Lehmann (1887-1937) und Clara Arnheim (1865-1942) im Jahr 1922 den Hiddenseer K├╝nstlerinnenbund, dem weitere K├╝nstlerinnen wie die Malerin K├Ąthe L├Âwenthal (1877-1942) angeh├Ârten. Henni Lehmann, die einer wohlhabenden j├╝dischen Familie entstammte, ebnete K├╝nstlerinnen mit dem Erwerb der "Blauen Scheune", die sie als Atelier und Ausstellungshaus zur Verf├╝gung stellte, den Weg in die ├ľffentlichkeit. Mit Beginn des NS-Regimes kam die Unterdr├╝ckung des freien Geistes und der Hiddenseer K├╝nstlerinnenbund l├Âste sich auf. Henni Lehmann nahm sich 1937 das Leben. Die "Blaue Scheune" wird noch heute in den Sommermonaten als Galerie genutzt.

Worpswede, ein Wunderland

So beschrieb einst die Malerin und bedeutendste Wegbereiterin des Expressionismus Paula Modersohn-Becker - die es in Worpswede zu gro├čem Ruhm bringen sollte - das abgelegene Heidedorf nahe Bremen. Sie war eine der zahlreichen K├╝nstlerinnen, die sich um 1900 in das Teufelsmoor begaben. Denn gerade f├╝r Frauen ├╝bte der Ort dank seiner ungezwungenen Atmosph├Ąre, fernab von gesellschaftlichen sowie famili├Ąren Verpflichtungen einen besonderen Reiz aus.

Fl├╝chtige Verbindungen

Viele der damals geschlossenen tempor├Ąren B├╝ndnisse wurden im Zuge des Ersten doch sp├Ątestens mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zur Aufl├Âsung gezwungen. Mit Bedauern stellt die Autorin fest, dass die in der zweiten H├Ąlfte des 20. Jahrhunderts gegr├╝ndeten K├╝nstlerkolonien die damalige kunsthistorische Bedeutung nicht wieder gewinnen sollten. Durch die Recherche der Kunsthistorikerin und in diesem Band abgebildete Gem├Ąlde und Originalfotos der vorgestellten K├╝nstlerinnen und K├╝nstler ist die Welt dieser K├╝nstlerkolonien nun umfassend dokumentiert.

AVIVA-Tipp: Mit "K├╝nstlerkolonien. Ein F├╝hrer durch Deutschland, die Schweiz, Polen und Litauen" ist Nicole Br├Âhan ein ebenso informatives wie anschauliches Werk gelungen, das alle namhaften und auch weniger bekannten K├╝nstlerkolonien im deutschsprachigen Raum detailliert vorstellt.

Zur Autorin: Nicole Br├Âhan ist Kunsthistorikerin und betreibt den Museumsshop im Br├Âhan-Museum ÔÇô Berliner Landesmuseum f├╝r Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus. Sie hat Monografien ver├Âffentlicht, darunter ├╝ber Marlene Dietrich, Max Liebermann und Otto Dix, sowie einen Museumsf├╝hrer f├╝r Kinder. Zuletzt erschien von ihr der Band "Schweizer Kunstsammler und ihre Leidenschaft. 33 Portraits".


Nicole Br├Âhan
K├╝nstlerkolonien. Ein F├╝hrer durch Deutschland, die Schweiz, Polen und Litauen
Parthas Verlag, erschienen im Februar 2017
Klappenbroschur, ca. 240 Seiten, mit zahlreichen s/w- und farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-86964-093-8
24,80 Euro
www.parthasverlag.de

Weitere Informationen zur Gr├╝nderin des Hiddenseer K├╝nstlerinnenbundes, Henni Lehmann:
www.hiddensee-kultur.de

Weitere Informationen zur Kunstgeschichte von Ahrenshoop unter:
www.kunstmuseum-ahrenshoop.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Victoria Wolff ÔÇô Die Welt ist blau. Ein Sommer-Roman aus Ascona. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Der Roman der j├╝dischen Autorin ist nicht nur ein kurzweiliges Lesevergn├╝gen, sondern auch ein historisches Portrait ├╝ber Ascona, den "├Ąu├čersten Vorort Berlins" der zwanziger und drei├čiger Jahre. Der Roman erschien 1933 als Vorabdruck in der Neuen Z├╝rcher Zeitung und 1934 erstmals in Buchform. 2008 erschien das literarische Kleinod als gebundene Ausgabe im AvivA Verlag, der es nun als Taschenbuch herausgebracht hat. (2017)

Paula Modersohn-Becker - Der Weg in die Moderne
Die unangepasste und radikale Malerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) war eine Wegbereiterin der Moderne, und Vorreiterin des Expressionismus. Ein anl├Ąsslich der Ausstellung im Bucerius Kunst Forum Hamburg im Fr├╝hjahr 2017 erschienener Katalog er├Âffnet neue Blicke auf ihr Werk. (2017)

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"Ich nannte sie den adeligen Stra├čenjungen. Schelm der Russenstadt, im weiten Umkreis jeden Streich gepachtet" - mit diesen Worten hat die Lyrikerin Else Lasker-Sch├╝ler die Malerin in einem ihrer Gedichte gew├╝rdigt. (2013)

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Vertreterinnen der "Sturm-Gruppe" in einem Band. (2013)

Gudrun Schury - Ich Weltkind. Gabriele M├╝nter. Die Biografie
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Paris bezauberte mich. K├Ąthe Kollwitz und die franz├Âsische Moderne
K├Ąthe Kollwitz ist vorrangig f├╝r ihre sozialthematischen Graphiken und eindringlichen Milieustudien bekannt. Zu seinem 25. Jubil├Ąum beleuchtete das K├Ąthe Kollwitz Museum K├Âln einen bisher vernachl├Ąssigten Aspekt ihres umfangreichen Werkes: Zwei l├Ąngere Aufenthalte in Paris beeinflussten die Arbeiten der K├╝nstlerin nachhaltig in Motivik und Technik. Die Monographie zur K├Âlner Ausstellung enth├Ąlt Abbildungen von Kollwitz┬┤ Werken und denen verschiedener ZeitgenossInnen sowie wissenschaftliche Aufs├Ątze. (2011)

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42 Malerinnen-Portraits von Katja Behling und Anke Manigold
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Literatur > Art + Design Beitrag vom 07.07.2017 Tina Schreck 





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