Fantastische Frauen – Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Herausgegeben von Ingrid Pfeiffer - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Art + Design



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 24.05.2020


Fantastische Frauen – Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Herausgegeben von Ingrid Pfeiffer
Bärbel Gerdes

Mit einem opulenten Bildband begleitet der Hirmer Verlag die Ausstellung surrealistischer Künstlerinnen in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. 36 fantastische Frauen aus elf Ländern mit ihren fantasievollen, anregenden und faszinierenden Werken werden hier vorgestellt und ausgeleuchtet – eine großzügige Einladung in den weiblichen Surrealismus.




Vom 13. Februar bis zum 24. Mai 2020 sollte die große Ausstellung von Surrealistinnen in der Frankfurter Schirn stattfinden. Dann begann die Corona-Pandemie, deren Lockdown genau in diese Zeit fiel. Mittels umfangreicher digitaler Angebote wie Podcasts, Videos, Rundgänge, ermöglichte die Schirn zumindest virtuell einen Besuch. Nach der erneuten Öffnung der Kunsthalle, wurde die Ausstellung bis zum 5. Juli 2020 verlängert. Es ist also noch Gelegenheit, diese einzigartige Ausstellung zu besuchen – es gibt aber auch die Möglichkeit, in einem Bildband zu schwelgen, der mit seinen umfangreichen und hervorragend wiedergegebenen Abbildungen, mit seinen informativen und sehr zum Verständnis beitragenden Texten und den Kurzbiographien der Künstlerinnen, die Leserin und Betrachterin andauernd in seinen Bann schlägt.

Herausgegeben von der Kunsthistorikerin und Kuratorin Ingrid Pfeiffer können wir hier eintauchen in eine Welt, die inspiriert, anregt, auch aufregt – jedenfalls: uns nicht gleichgültig lässt. Dabei galt der von Frauen erschaffene Surrealismus lange Zeit als kaum existent. Zwar leuchteten die Namen einiger Künstlerinnen hervor – Meret Oppenheim und Frida Kahlo natürlich, vielleicht noch Leonora Carrington und Dorothea Tanning - , doch viele blieben unbekannt. Von ihnen gab es kaum Einzelausstellungen.
Selbst in der großen surrealistischen Ausstellung des MoMA in New York 1967 war lediglich ein Werk einer Künstlerin zu sehen.

Auch die männlichen Künstlerkollegen hatten eine durchaus ambivalente Einstellung Frauen und auch ihren Kolleginnen gegenüber. Einerseits lehnten sie das Patriarchat ab und feierten und idealisierten das Weibliche, wie es im einführenden Beitrag von Ingrid Pfeiffer heißt. Andererseits aber wurden Frauen oft als passive Kindfrau, Fetisch, Muse dargestellt. Trotz ihrer antirassistischen und antieurozentristischen Haltung, trotz ihrer Fortschrittlichkeit und Rebellion gegen alles Autoritäre und Militärische, war der Blick der männlichen Surrealisten auf die surrealistischen Künstlerinnen von Achtung und gleichzeitiger Abwertung geprägt. Und so sorgte der große Erfolg, den Meret Oppenheim mit ihrer Pelztasse hatte – ein Werk, das viele Grundprinzipien und Ideen der gesamten surrealen Bewegung vereinte – für Irritation bei den Künstlern.

Bereits Simone de Beauvoir kritisierte in ihrem 1949 erschienenen Werk Das andere Geschlecht André Breton, der als Urheber des Surrealismus gilt. … es wird nicht gesagt, dass sie [die Frau] auch für sich selbst ist. Breton spricht nicht von der Frau als Subjekt.

Dabei haben Frauen in kaum einer anderen Bewegung seit der Romantik eine solch revolutionäre Rolle gespielt. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte unterscheiden sich dabei von denen der Männer. Während männliche Surrealisten beispielsweise kaum Selbstporträts schufen, kommen sie bei den Künstlerinnen häufig vor. Während männliche Surrealisten in ihren Werken eine obsessive und auch optisch explizite Auseinandersetzung mit Sexualität austrugen, war dies für die Frauen kein zentrales Thema ihrer Arbeit. Es gibt durchaus noch andere Verlangen, die sich nennen lassen, wird Dorothea Tanning zitiert, das nach Ruhm, für etwas zu brennen, das nach Liebe und Wissen.

Die Vielseitigkeit dieser Werke, aber auch ihre Persönlichkeiten werden in diesem Buch dargestellt, ebenso wie die komplexen Freundinnen-Netzwerke, die die Künstlerinnen aufbauten.

Von Anfang an setzten sie sich mit Mythen und Mythologien auseinander. So befasste sich der Künstlerinnen- und Freundinnenkreis in Mexiko, dem unter anderem Remedios Varo, Leonora Carrington, Bridget Tichenor und Kati Horna angehörten, mit Alchemie, der Kabbala, Magie, Buddhismus und Gothic Novels. Diese Auseinandersetzungen führten zu Bildern mit fantastischen Wesen, Bilder auch, mit denen sie Frauen als Erbinnen und Ausübende von Magie verehrten, die sowohl miteinander als auch mit Tieren, Pflanzen und dem Planeten verbunden sind.
Die gebürtige Französin Bridget Tichenor zeigt in ihren Werken Wesen, die an weise Vögel erinnern, weibliche Sphinxe, Vogel-Frauen, in Wissenschaft und Denken vertieft.
Alice Rahon feiert in ihrem Balada de Frida Kahlo ihre Freundinnenschaft mit der Künstlerin auf einem Gemälde, das dem Sehen eines Sternenhimmels gleicht: erst allmählich sind auf dem blauen Grund Figuren, Tiere, Jahrmärkte, Pyramiden zu sehen – Reminiszenzen an gemeinsame Momente.
Leonora Carrington wiederum setzte diesen Freundinnenschaften in ihrem Roman La trompetilla acústica (Das Hörrohr) ein Denkmal.

Jede fand ihren eigen Stil und ihr eigenes Material. Unica Zürn verband in ihren Werken Dichtung und Malerei. In ihren Anagrammen suchte sie nach Sätzen, die wie von allein immer neue Bedeutungen annahmen und sich zu Strophen formten.
Die Bildhauerin Louise Bourgeois indes verstand ihre Skulpturen als Monumente für die verheerende Wirkung der Emotionen, die durchgestanden werden müssen. In ihren phallischen Darstellungen gehe es um Verwundbarkeit und Schutz. Der Phallus ist Gegenstand meiner zärtlichen Aufmerksamkeit., sagt sie.

Für alle bot der Surrealismus eine Möglichkeit der Grenzüberschreitung, des aus den begrenzten Raum Tretens und der Befreiung. Dorothea Tannings Werk Birthday zeigt dies besonders deutlich: eine Frau mit nackten Brüsten steht in fantastischer Kleidung inmitten geöffneter Türen – ein großes Versprechen, eine spannende Einladung.
Gerade auch festgefügte Gender-Zuschreibungen lösten sich auf. In der Verschmelzung mit einer Tier-Persönlichkeit entzog [Leonora Carrington] sich allen moralischen und geschlechtsbezogenen Normen.

Claude Cahun wiederum erfindet sich selbst in ihren zahlreichen fotografischen Selbstporträts, während Germaine Dulac mit ihrem Stummfilm La Coquille et le clergyman 1927 das erste surrealistische Werk der Filmgeschichte erschuf.

AVIVA-Tipp Der Bildband Fantastische Frauen ist mit seinen rund 260 Werken weitaus mehr als eine Werkschau. Jedes Bild lädt zum Entdecken ein, regt an, spült Assoziationen herauf, verwundert und erstaunt. Die Betrachterin wird, um mit den Worten Leonora Carringtons zu sprechen, zu einer Forschungsreisenden.

Zur Herausgeberin: Ingrid Pfeiffer, 1966 in Weilburg geboren, studierte Kunstgeschichte und Medienwissenschaft in Marburg. 1997 promovierte sie über den Maler Erich Buchholz. Nach einer Tätigkeit als Wissenschaftlich Mitarbeiterin am Museum Wiesbaden, folgten Forschungsaufenthalte in New York. Seit 2001 arbeitet sie als Kuratorin für die Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main. Sie kuratierte u.a. Ausstellungen von Yoko Ono, Matisse, Impressionistinnen und Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin. Sie lebt in Darmstadt.

Fantastische Frauen – Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo
Herausgegeben von Ingrid Pfeiffer
Mit Beiträgen von P. Allmer, T. Arcq, H. Eipeldauer, A. Görgen-Lammers, K. Hille, S. Levy, A. Mahon, C. Meyer-Thoss, L. Neve, I. Pfeiffer, G. Weisz
Hirmer Verlag, erschienen im Februar 2020
420 S., 350 farbige Abbildungen, gebunden
ISBN 978-3-7774-3413-1
49,90 €
Mehr zum Buch: www.hirmerverlag.de

Künstlerinnenliste:
EILEEN AGAR | LOLA ÁLVAREZ BRAVO | RACHEL BAES | LOUISE BOURGEOIS | EMMY BRIDGWATER | CLAUDE CAHUN | LEONORA CARRINGTON | ITHELL COLQUHOUN | MAYA DEREN | GERMAINE DULAC | NUSCH ÉLUARD | LEONOR FINI | JANE GRAVEROL | VALENTINE HUGO | FRIDA KAHLO | RITA KERNNLARSEN | GRETA KNUTSON | JACQUELINE LAMBA | SHEILA LEGGE | DORA MAAR | EMILA MEDKOVÁ | LEE MILLER | SUZANNE MUZARD | MERET OPPENHEIM | VALENTINE PENROSE | ALICE RAHON | EDITH RIMMINGTON | KAY SAGE | SOPHIE TAEUBER-ARP | JEANNETTE TANGUY | DOROTHEA TANNING | ELSA THORESEN | BRIDGET TICHENOR | TOYEN | REMEDIOS VARO | UNICA ZÜRN

Veranstaltungen/Ausstellung

Frankfurt | SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
13.02.2020 - 05.07.2020
www.schirn.de

Humlebæk | Louisiana Museum of modern art
18.06.2020 - 27.09.2020
www.louisiana.dk

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Bildbiographie über Frida Kahlo von Andrea Kettenmann und weitere spannende Bücher und Ausstellungen über die mexikanische Künstlerin
Die "Kleine Reihe" des Taschen-Verlags hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kunstbücher für den schmalen Geldbeutel herauszubringen. Anlässlich des 30. Geburtstags der Serie wurde die "Kleine Reihe 2.0" veröffentlicht, die nun als Hardcover-Ausgabe erscheint. Kunsthistorikerin Andrea Kettenmann brachte in der aktualisierten Ausgabe die Biographie über Frida Kahlo auf den neuesten Stand. (2019)

Judith Mackrell – Der unvollendete Palazzo – Liebe, Leidenschaft und Kunst in Venedig
Beleuchtet wird die Geschichte des sagenumwobenen Gebäudes, das Peggy Guggenheim Mitte des letzten Jahrhunderts zum Museum ausbaute, und das in den 1910er Jahren von der Millionenerbin und Mode-Ikone Luisa Casati und von der Kurtisane Doris Castlerosse zu einem Treffpunkt der internationalen Künstler*innen und der High Society (daruntergemacht wurde. Zudem leistete Peggy Guggenheim Pionierarbeit, indem sie eine ganze Ausstellung nur mit Werken von Frauen präsentierte, zu denen Leonora Carrington, Meret Oppenheim und Frida Kahlo gehörten. Eine Spurensuche auf AVIVA-Berlin. (2019)

Louise Bourgeois - The Empty House
Die Ausstellung vom 21. April – 29. Juli 2018 im Schinkel Pavillon zeigte einige der komplexesten Werke der Künstlerin, darunter Skulpturen und Aquarelle, oder die "sack forms", die Bourgeois seit 1991 anfertigte. Louise Bourgeois war Pionierin der Installation, Wegbereiterin einer feministischen Kunst, Vorbild für Generationen von KünstlerInnen – eine der mutigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

Künstlerinnen schreiben - Ausgewählte Beiträge zur Kunsttheorie aus drei Jahrhunderten. Herausgegeben von Renate Kroll und Susanne Gramatzki
Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Erinnerungen, Manifeste, Essays vom Ancien Régime bis ins 21. Jahrhundert von sechzehn Künstlerinnen, darunter von der französischen Künstlerin und Bildhauerin Louise Bourgeois. Fundiert und informativ kommentiert wurden diese schriftlichen Aufzeichnungen von Literaturwissenschaftler*innen und Kunsthistoriker*innen. (2018)

Lee Miller – Krieg. Reportagen und Fotos. Ein AVIVA-Beitrag zur Ausstellung ihrer Arbeiten ( 19. März bis 12. Juni 2016) im Martin-Gropius-Bau, Berlin
Als sie 1944 als Kriegskorrespondentin für die Vogue nach Europa ging, war sie bereits eine Größe im New Yorker Jetset. Miller war Top-Model, Partylöwin, Künstlerin und Meisterfotografin. Ihre Fotos und Reportagen über die "Krauts" machten sie zum neuen Star des Journalismus.

Ulrike Halbe-Bauer und Brigitta Neumeister-Taroni - Bedeutende Künstlerinnen - Ich mach es auf meine Art
Bedeutsam und doch in Vergessenheit geraten ist der Großteil der 12 Künstlerinnen (darunter Sophie Taeuber-Arp und Louise Bourgeois), die von einer Historikerin und einer Redakteurin in diesem reich bebilderten Portrait wiederentdeckt werden. (2014)

Meret Oppenheim – Ein AVIVA-Beitrag zur Retrospektive (16. August 2013 – bis zum 6. Januar 2014) im Martin Gropius Bau
Erstmals ist Meret Oppenheim eine große Werkschau in ihrer Geburtsstadt Berlin gewidmet. Am 6. Oktober 2013 wäre die jüdisch-deutsche Ausnahmekünstlerin einhundert Jahre alt geworden.

Die AVIVA-Werkschau: 100 Jahre Meret Oppenheim - Zeit für einen Perspektivenwechsel.
Malereien, Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, Objekte, Modeentwürfe, Gedichte, Traumaufzeichnungen – das Gesamtwerk der deutsch-schweizerischen Künstlerin ist nicht nur sehr umfangreich, sondern auch sehr vielfältig. Und doch scheint dieses Werk bis heute – wie auch die starke und außergewöhnliche Persönlichkeit Oppenheims – hinter ihrer zum Symbol der surrealistischen Kunst stilisierten "Pelztasse" (eine Tasse überzogen mit dem Fell einer chinesischen Gazelle) zu verschwinden. Alle kannten das Objekt, kaum aber eine_r den Namen seiner Schöpferin. (2013)

Karoline Hille - Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus Zehn Künstlerinnenportraits, die einen neuen Zugang zum Surrealismus ermöglichen.
"Wie bei den berühmten Lilien auf dem Felde bestand ihr Daseinsrecht allein darin, die Fantasie ihrer Gebieter zu beflügeln." Die Frau im Surrealismus war ausschließlich eine Projektion, ein männliches Gedankenkonstrukt, entweder ein vergöttertes Blumenwesen oder ein gefährliches böses Raubtier. Sie selbst, als Frau, ja sogar als Künstlerin, gab es in den Augen der Surrealisten nicht. (2010)





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Beitrag vom 24.05.2020

Bärbel Gerdes 






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