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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 29.04.2018

Alma M. Karlin - Ein Mensch wird. Auf dem Weg zur Weltreisenden. Lesung am 17. Juni 2018 in Potsdam
Bärbel Gerdes

Eine Frau, die mehr als zehn Sprachen spricht, eine Frau, die die ber√ľhmteste Reiseschriftstellerin zwischen den beiden Weltkriegen wird. Eine Frau, die halbseitig gel√§hmt auf die Welt kommt und ein Leben in Einsamkeit lernt. In ihrer schonungslosen Autobiographie ihrer ersten 30 Jahre nimmt uns Alma Karlin mit auf eine harte Lebensreise.



"Meine Kindheit (die wenigen spa√ühaften Erlebnisse abgerechnet, die komischer im R√ľckblick als im Erleben sind) war eine geschlossene Kette von Augenblende, Ohrenlatscherln, Salzb√§dern, Thymianreibungen, l√§stigem Nachmittagsschlaf, Arztbesuchen, aufgen√∂tigtem Schabefleisch und Berufungen auf den sagenhaften Herrn ¬īEs schickt sich nicht!¬ī"

So die Zusammenfassung einer Kindheit, die 1889 in Cilli (slowenisch Celtje) im damaligen √Ėsterreich-Ungarn begann. Mit einem Kind hatten die 45j√§hrige Lehrerin und der 60j√§hrige Major √ľberhaupt nicht mehr gerechnet. Als es dann zur Welt kam, war es halbseitig gel√§hmt und w√ľrde ‚Äď laut √§rztlicher Prognose ‚Äď wegen eines ¬īWasserkopfes" lebenslang geistig behindert bleiben.
W√§hrend sie in ihrem Vater zumindest eine gewisse Best√§tigung und positive Beachtung findet, liefert die Mutter ihrer Tochter zahlreicher Torturen aus: die Augen sollen gerichtet, die Ohren an den Kopf gedr√ľckt werden. Gerade soll sich das M√§dchen halten, weshalb sie t√§glich zu mehreren Stunden √úbungen gezwungen wird.
Das Kindermädchen Mimi berichtet ihr von ihren Liebesabenteuern und verdonnert das Kind zum Stillschweigen.

Die politische Situation macht das Leben nicht einfacher. Die Familien mutter- und väterlicherseits befinden sich auf unterschiedlichen Seiten: der deutschen und der slowenischen. Die Spannungen dieser beiden Volksgruppen nehmen im Zuge von Nationalismen stetig zu.

Alma selbst lernt vor allem Ausgrenzung aufgrund ihres Andersseins. Mimi ermahnt sie zu Bescheidenheit, weil ihre "Anspr√ľche an das Sein dieser Benachteiligung wegen angeblich geringere sein m√ľssten." Sie wird angestarrt und angesprochen, unversch√§mte Fragen werden in einem Ton gestellt, "in dem man einen Fuhrmann fragt, warum sein Pferd hinkt. T√§glich konfrontiert mit den ihrer Mutter, beginnt Alma f√ľr diese nur noch Abneigung zu empfinden. Sie droht mit Selbstmord, als ihre Mutter sie in eine orthop√§dische Klinik einliefern will.
Als ihr Vater pl√∂tzlich stirbt, ist dies f√ľr die Achtj√§hrige eine Katastrophe.

Alma fl√ľchtet sich in eine Welt der Literatur und der romantischen Tr√§ume. Sie sehnt sich nach einem M√§rchenprinzen, der sie von ihrem furchtbaren Dasein erl√∂st. Eines Tages erh√§lt sie einen Brief von einem unbekannten Mann, der ihre Bekanntschaft machen m√∂chte. Ein Treffen sei jedoch aufgrund eines strengen Haushofmeisters nicht m√∂glich. Schnell entwickelt sich eine rege Korrespondenz. Alma f√ľhlt sich beachtet, geliebt. "Ich wurde sanfter, gef√§lliger: ich hing mit mehr Geduld von Ringen und Leitern, lag klagloser auf dem harten Brett." F√ľnf Jahre besteht dieser Briefwechsel, bis Alma erkennt, dass Mimi dahinter steckt. Den Erl√∂serprinz gibt es nicht. "Als ich endlich sehend wurde, brach etwas in mir ‚Äď ein Glaube an die Menschen, eine Liebesf√§higkeit, ein Gl√ľcksverm√∂gen."

Wie dieses M√§dchen es schafft, sich daraus zu befreien, ist beeindruckend und erstaunlich. Sie legt mit achtzehn Jahren zwei Staatspr√ľfungen f√ľr das Lehramt ab und erlebt auf einer Reise mit ihrer Mutter Venedig, Paris und London. Sie entschlie√üt sich, in London zu leben, denn "der Himmel Gro√übritanniens hat etwas Tr√∂stendes f√ľr Menschen, in deren Innern grauenvolles Dunkel herrscht."

In einem √úbersetzungsb√ľro bekommt sie eine Anstellung. Fortan arbeitet sie dort bis zur Ersch√∂pfung. Im Winter ist das B√ľro eiskalt, so dass sie kaum an der Maschine schreiben kann. Nachts lernt sie neue Sprachen. Sie nimmt Privatstunden bei Indern, Chinesen, Japanern und besucht jeden Sonntag eine schwedische Seemannskirche, um diese Sprache zu lernen.

Doch ihr Leben ist gepr√§gt von einer tiefgehenden Einsamkeit, die sie versucht anzuerkennen, und einer strengen Selbstzucht. "Tag auf Tag die langen B√ľrostunden, wieder frierend, den Magen leer, alles zu weiteren Studien sparend und vom Leben dunkel etwas erwartend, das nie eintraf.

1914 legt sie erfolgreich Examina in Englisch, Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch ab, daneben lernte sie Sanskrit, Chinesisch und Japanisch.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird ihr Leben als ¬īfeindliche Ausl√§nderin" zunehmend schwierig. Sie lebt in Norwegen und Schweden, geht nach Celje zur√ľck und gr√ľndet dort eine Privatschule. Mit dem ersparten Geld beginnt sie ab 1919 die Welt zu bereisen. Acht Jahre ist sie unterwegs, und auch in dieser Zeit begegnen ihr Einsamkeit, Hunger, Krankheit und Gewalt. 1927 kehrt sie vollkommen ersch√∂pft zur√ľck nach Celtje. Dort beginnt sie mit dem Schreiben ihrer Reiseberichte, die sie zur erfolgreichsten Reiseschriftstellerin machen. "Die hochintelligente Frau begeistert mit Witz, Ironie und einer scharfsinnigen Beobachtungsgabe, wie es in dem √ľberaus informativen Nachwort von Jerneja Jezernik hei√üt.
1931 lernt sie die Malerin Thea Schreiber-Gammelin kennen, die 1934 zu ihr zieht und zu ihrer engen Freundin, Sekretärin, Literaturagentin und Illustratorin ihrer Werke wird. Die beiden sind im Bergdorf Svetina gemeinsam begraben.

1933 wird auch f√ľr Alma Karlin zur Z√§sur. W√§hrend sich viele ihrer Bekannten und Verwandten aus der deutschen Minderheit mit dem Nationalsozialismus identifizierten, half sie politischen Fl√ľchtlingen meist j√ľdischer Herkunft durch finanzielle Unterst√ľtzung und indem sie ihnen Unterschlupf in ihrem Haus gew√§hrte. Bei der Besetzung durch deutsche Truppen im Jahre 1941 ist Karlin eine der Ersten, die verhaftet wird.
1944 wird sie entlassen und schließt sich sofort dem slowenischen Widerstand an. Doch auch dies ist nicht ungebrochen: sie ist keine Kommunistin, so dass sie auch bei den PartisanInnen ihr Leben riskiert. Sie erkrankt an Brustkrebs, kämpft aber weiter.

Nach dem Kriegsende kann sie ihre Texte im deutschsprachigen Ausland nicht mehr vermarkten, weil ihr ein Reisepass verwehrt wird. Sie gerät in Vergessenheit und stirbt verarmt und ohne ärztliche Betreuung im Januar 1950.

AVIVA-Tipp: Trotz ihrer furchtbaren Kindheitserlebnisse ist Ein Mensch wird ein Mut machendes und fesselndes Buch. Ihr Kampfgeist zeigt sich auf jeder Seite gemeinsam mit ihrer Feststellung: "Der Unterordnungsknoten in meiner Sch√§delbildung war √ľberhaupt ein sehr zur√ľckgebliebener, wenn nicht ganz verk√ľmmerter."

Zur Autorin: Alma Maximiliana Karlin wurde am 12. Oktober 1889 im √∂sterreichisch-ungarischen Celje geboren. 1908 zog sie nach London, arbeitete in einem √úbersetzungsb√ľro und lernte mehr als zehn Fremdsprachen. 1914 legte sie Examina in acht Sprachen ab. 1919 begann ihre achtj√§hrige Weltreise. Die daraus resultierenden Reiseberichte machten sie zur bekanntesten Reiseschriftstellerin. Daneben schrieb sie Romane und Gedichte. Ihr Buch Windlichter des Todes (1933) beeindruckte die schwedische Schriftstellerin und Nobelpreistr√§gerin Selma Lagerl√∂f so sehr, dass sie Karlin f√ľr den Nobelpreis f√ľr Literatur nominierte. Ab 1933 half Alma Karlin politischen Fl√ľchtlingen meist j√ľdischer Herkunft durch finanzielle Unterst√ľtzung und indem sie ihnen Unterschlupf in ihrem Haus gew√§hrte. 1941 wurde sie verhaftet, ihre B√ľcher verboten. Nach der Haftentlassung 1944 schloss sie sich dem slowenischen Widerstand an. Alma Karlin starb am 14. Januar 1950.

Zur Herausgeberin: Jerneja Jezernik wurde 1970 in Celje/Slowenien geboren, studierte Deutsch und Slowenisch in Ljubljana und war mehrere Jahre in Deutschland und in √Ėsterreich als Sprachlehrerin, Redakteurin und Leiterin einer Slowenischen Studienbibliothek t√§tig. Jerneja Jezernik hat Alma M. Karlins Werke ins Slowenische √ľbersetzt und verfasste 2009 die erste Monografie √ľber Alma M. Karlin, auf die 2016 eine umfangreichere Biografie folgte. Sie lebt als freie Redakteurin und Lektorin, Schriftstellerin und √úbersetzerin in Ljubljana. (Verlagsinfo)

Alma M. Karlin: Ein Mensch wird. Auf dem Weg zur Weltreisenden
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jerneja Jezernik
AvivA Verlag, erschienen 2018
Gebunden, 320 Seiten, mit Leseband
ISBN 978-3-932338-69-4
20.00 Euro
Mehr zum Buch und zur Autorin unter. www.aviva-verlag.de

Lesung am 17. Juni 2018 in Potsdam
B√ľchermarkt im Rahmen der LIT:potsdam
15.05-15.35 Uhr auf der Leseb√ľhne: Lesung zu Alma M. Karlins Autobiografie
mit Britta J√ľrgs
Veranstaltungsort: Kunst- & Kulturquartier Schiffbauergasse
Schiffbauergasse, 14467 Potsdam
Eintritt Frei
Mehr Infos: www.litpotsdam.de

Mehr Informationen zu auf dem Webportal √ľber Alma M. Karlin:

www.almakarlin.si

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