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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.12.2016

Julius H. Schoeps, Begegnungen
Yvonne de Andr├ęs

Der Historiker und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrum f├╝r europ├Ąisch-j├╝dische Studien in Potsdam, Julius H. Schoeps, trifft in seinem Buch zwanzig Menschen, die entscheidend seinen Lebensweg kreuzten. In den Portraits beleuchtet Schoeps die deutsch-j├╝dische Beziehungsgeschichte...



... und erz├Ąhlt vom Zusammentreffen mit ganz unterschiedlichen Intellektuellen und deren Ringen um das Verh├Ąltnis zwischen Deutschen und Juden.

Es handelt sich bei seinen Gespr├ĄchspartnerInnen meist um ├╝berlebende und gefl├╝chtete Juden. F├╝nf Themenfelder greift Schoeps auf: "Der (Nicht)Anfang nach dem Ende", "Das Nachdenken ├╝ber die Katastrophe", "Das Antisemitische Vorurteil", "Im Schatten der Vergangenheit" und "Dem Leben einen Sinn geben".

Mit dem Publizisten, Ideengeber und Mahner Ernst J. Cramer, der hinter den Kulissen des Axel-Springer-Konzerns wirkte, beleuchtet Schoeps die Zeit nach 1945 und fragt danach, warum Cramer sich entschied, in Deutschland zu bleiben und am demokratischen Wiederaufbau mitzuwirken. Schoeps schreibt: "Ernst Cramer begriff sich Zeit seines Lebens als ein deutscher Jude, dem allerdings bewusst war, dass das deutsche Judentum von ehedem nicht mehr existiert." "Das alte deutsche Judentum" schrieb Cramer am 04.10.2007 an Schoeps, "das Leute wie Sie und ich noch repr├Ąsentieren, ist wahrlich tot. Es wurde von Adolf Hitler und seinen Kumpanen ┬┤ausgel├Âscht┬┤". Auch Schoeps ist der Meinung, dass das deutsche Judentum, das in der Tradition von Heine und B├Ârne stand, nicht mehr existiert. Das heutige Judentum in Deutschland ist stark durch Zuwanderung gepr├Ągt und nicht der Fokus dieses Buches.

In dem Kapitel ├╝ber Saul Friedl├Ąnder besch├Ąftigt sich Schoeps vor allem damit, wie Friedl├Ąnder den Holocaust schildert. Er legt dessen Motive frei und dechiffriert damit das "Faszinosum" des Nationalsozialismus. Das Portrait ├╝ber Alphons Silbermann, den Soziologen und Publizisten aus K├Âln, der durch seine genauen Beobachtungen und seinen feinem Humor in seinen Untersuchungen des deutschen Alltags bekannt wurde, geht der Autor vor allem den Fragen nach dem "Milieu" antisemitischer Vorurteile nach. Aufkl├Ąrung, Aufkl├Ąrung und noch einmal Aufkl├Ąrung sind seine Antworten. Die Formen des Antisemitismus┬┤ ├Ąndern sich zwar, aber im Kern geht es immer um die Feindschaft gegen Juden. Es m├╝ssen weiterhin Wege gefunden werden, diesem Hass entgegengetreten.

Mit der Historikerin und Judaistin Marianne Awerbuch, der einzigen weiblichen Intellektuellen die in den "Begegnungen" vorkommt, vertieft Schoeps die Frage: "Wer f├╝r die Juden und deren Erfahrung der Shoah sprechen darf und wer nicht?" Beide kennen sich seit den 70er Jahren, als Marianne Awerbuch als Hilfskraft am von Jacob Taubes geleiteten Institut f├╝r Judaistik begann. Viele ├Âffentliche Auseinandersetzungen, Tagungen und Debatten haben die beiden seither gemeinsam bestritten. "Marianne Awerbuch hielt es f├╝r einen perversen Gedanken, im Land der T├Ąter ein Denk- oder Mahnmal zu errichten" so Schoeps. "Wer, so fragte sie, wer gedenkt hier eigentlich wessen ÔÇô und weiter: wer gedenkt wessen zu welchem Zweck? Sie war der Ansicht, das Trauma der Shoah m├╝sse von den Juden selbst aufgearbeitet werden. Das Trauern d├╝rfe man den Juden nicht abnehmen, sondern es solle diesen allein ├╝berlassen bleiben." Mit dieser Position konnte sich Awerbuch im politischen Berlin nicht durchsetzen.

Nicht immer teilt Schoeps die Ansichten der von ihm vorgestellten Personen. So verh├Ąlt es sich auch im Fall von Ignatz Bubis, den er zwar als "moralische Instanz" anerkannt hat, doch mit dem er sich nicht gut verstand. Schoeps hat ihm sein Bekenntnis zum Leben im Nach-Hitler-Deutschland nicht richtig abgenommen und seine Distanzierung und Vorbehalte gegen├╝ber denjenigen, die sich dem deutschen Judentum zugeh├Ârig f├╝hlten, nicht geteilt.

Zum Autor: Julius H. Schoeps, geboren am 1. Juni 1942 in Djursholm, Schweden, ist Historiker und Politikwissenschaftler, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums f├╝r europ├Ąisch-j├╝dische Studien an der Universit├Ąt Potsdam und Vorstandsvorsitzender der Moses Mendelssohn Stiftung. 1969 betreute Julius H. Schoeps anl├Ąsslich der Herausgabe ihrer Tageb├╝cher Ana├»s Nin auf der Frankfurter Buchmesse. Ihn beeindruckte ein Zitat aus den Tageb├╝chern: "Eine echte Begegnung kann in einem einzigen Augenblick geschehen."
Schoeps war der erste Direktor und Mitgr├╝nder des Salomon Ludwig Steinheim-Institutes in Essen. Eine Auswahl seiner Publikationen: "├ťber Juden und Deutsche. Historisch-politische Betrachtungen" (1986), "Leiden an Deutschland. Vom antisemitischen Wahn und der Last der Erinnerung", (1990), "Deutsch-j├╝dische Symbiose oder die missgl├╝ckte Emanzipation" (1996), "Preu├čen. Geschichte eines Mythos" (2000), "Mein Weg als deutscher Jude. Autobiographische Notizen" (2003), "Das Erbe der Mendelssohns. Biographie einer Familie" (2009), "Deutsch-j├╝dische Geschichte durch drei Jahrhunderte: Ausgew├Ąhlte Schriften" (2010ÔÇô2013), "Der K├Ânig von Midian. Paul Friedmann und sein Traum von einem Judenstaat auf der arabischen Halbinsel" (2014), "Feindbild Judentum ÔÇô Antisemitismus in Europa" (2014), "Eine Debatte ohne Ende - Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum".
Weitere Infos unter:
Interview mit Julius H. Schoeps vom 26.04.2008 ÔÇô Was bedeutet Zionismus heute? auf n-tv
Homepage des Moses Mendelssohn Zentrums, Universit├Ąt Potsdam

AVIVA-Tipp: Deutlich wird, wie wichtig Julius H. Schoeps die deutsch-j├╝dische Beziehungsgeschichte ist, die heute - seiner Meinung nach - nicht mehr existiert. Er l├Ądt k├╝nftige Generationen zur Erinnerung an die 20 Intellektuellen ein, die in der Tradition des Erbes stehen, und m├Âchte sie mit "Begegnungen" seinen Leser_innen nochmals vor Augen f├╝hren.

Julius H. Schoeps
Begegnungen

J├╝discher Verlag im Suhrkamp Verlag, Gebunden, 422 Seiten
22,95 Euro [D] / 23,60 Euro [A]
SuhrkampVerlag, erschienen 11.04.2016
ISBN: 978-3-633-54278-9
www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Julius H. Schoeps - Der K├Ânig von Midian. Paul Friedmann und sein Traum von einem Judenstaat auf der arabischen Halbinsel
Idealist oder Phantast? Spekulationen, Faszinationen und Ger├╝chte um ein Projekt, das Leben retten sollte. Visionen von der Errichtung eines nationalen j├╝dischen Zentrums hat es in einzelnen Kreisen der Diaspora bereits seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert und damit lange vor Herzls "Judenstaat" gegeben. (2014)

Feindbild Judentum ÔÇô Antisemitismus in Europa, herausgegeben von Lars Rensmann und Julius H. Schoeps
Dieser Sammelband mit Studien und Analysen aus vielen europ├Ąischen L├Ąndern zeigt, dass aus der Geschichte nur wenig gelernt wurde: Antisemitismus ist auch 63 Jahre nach Kriegsende ein Thema. (2008)

"Eine Debatte ohne Ende - Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum", herausgegeben von Anna-Dorothea Ludewig und Julius H. Schoeps
Die immer wieder aufflammende und stets sehr emotional diskutierte Restitution von Beutekunst war im April 2007 das zentrale Thema einer Konferenz, deren Vortr├Ąge jetzt in Buchform erschienen. (2007)

Juden in Berlin - Hg. von Andreas Nachama, Julius H. Schoeps und Hermann Simon
Dieses Buch ist f├╝r alle da. Juden k├Ânnen sich der Berliner-j├╝dischen Geschichte vergewissern, und Nichtjuden k├Ânnen das Buch als Mahnung daf├╝r nehmen dass die j├╝dische Geschichte Teil ihrer eigenen Geschichte ist. (2002)

Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 27.12.2016 Yvonne de Andr├ęs 





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