Ayelet Gundar-Goshen - Lügnerin - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD Der Theaterverlag
AVIVA-Berlin > Literatur > Jüdisches Leben AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im September 2018 - Beitrag vom 03.09.2018

Ayelet Gundar-Goshen - Lügnerin
Sigrid Brinkmann

Nach "Löwen wecken" (2015) und "Eine Nacht, Markowitz" (2013) legt die 1982 geborene israelische Autorin und Psychologin nach. Mit ihrem dritten Roman hat sie einen Fall konstruiert, in dem ein einziges Wort das Leben zweier Menschen schlagartig verändert.



Als die junge Nuphar von einem älteren Mann beleidigt und bedrängt wird, eilen ihr Soldatinnen zu Hilfe und glauben, der Mann habe das Mädchen sexuell bedrängt. Nuphar bejaht dies und bereut ihre Lüge nicht, denn sie beschert ihr die lang ersehnte Aufmerksamkeit.

In ihrem Beruf als Psychologin macht Ayelet Gundar-Goshen immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, die durch beleidigende Worte herabgesetzt oder lächerlich gemacht wurden, diese noch Jahre später exakt wiedergeben können. Es stört die 35 Jahre alte Autorin erheblich, dass die israelische Gesellschaft verbale Grobheiten leichtfertig als Ausdruck unverstellter Direktheit toleriert. Deshalb hat sie einen Fall konstruiert, in dem ein einziges Wort das Leben zweier Menschen schlagartig verändert.

Die Protagonistin ihres Romans ist Nuphar, ein junges Mädchen, das in einer Tel Aviver Eisdiele jobbt. Fehlende Anmut macht es geradezu unsichtbar. Als der gehemmte, einsame Teenager die nachlässig formulierte Bestellung eines alternden Schlagerstars korrigiert, stößt dieser Worte aus, "die ins Fleisch schneiden" sollen. Er rät Nuphar, sich gefälligst die Augenbrauen zu zupfen, bevor sie unter Menschen gehe.

Und einen vernichtenden Schlag versetzt er ihr, als er lauthals bezweifelt, dass überhaupt jemand Lust habe, "ein Kalbsauge wie sie zu ficken". Das Mädchen rennt vom Tresen weg, der eitle Sänger setzt ihm nach. In einem Hinterhof stößt Nuphar einen gellenden Schrei des Abscheus und der Wut aus.

Endlich Aufmerksamkeit - dank einer Lüge

Passantinnen und Passanten eilen herbei, mitfühlende junge Soldatinnen – gewohnt, in einem immer wieder als äußerst sexistisch beschriebenen Umfeld zu dienen – sind zur Stelle und reden dem Mädchen ein, was sie zu sehen glauben. Der Sänger muss versucht haben, die Minderjährige sexuell zu belästigen.

Nuphars geflüstertes "Ja" bringt den pöbelnden Mann in Untersuchungshaft und beschert ihr jene Aufmerksamkeit, die sie bis dahin im Alltag entbehrt hatte.

Es geht in diesem Roman um die Macht der Worte, um Anklagen und Geständnisse, um die Versuchung, zu lügen und die Schwierigkeit, zur Wahrheit zurück zu finden. Ayelet Gundar-Goshen besitzt eine geschulte, scharfe Beobachtungsgabe. Sie schildert, wie der neue Status als "Medienprinzessin" die sozialen Beziehungen des Teenagers neu definiert, und sie erspürt, wie ihre Protagonistin Geschmack an der Manipulation der Wirklichkeit findet.

Die Geschichte wirft zwangsläufig moralische Fragen auf: Müssen Eltern, die an der Glaubwürdigkeit eines behaupteten Vorfalls zu zweifeln beginnen, ihr Kind verpflichten, die Wahrheit zu sagen? Kann man es zu einem Geständnis zwingen? Wo beginnt die Mitschuld?

Ayelet Gundar-Goshens Erzählhaltung ist von einem tiefen Wissen um menschliche Verletzbarkeiten geprägt. Mit jeder Schwäche entdeckt sie auch Stärken ihrer Figuren. Klug war es, einen weiteren Fall zu konstruieren, in dem eine alte Frau wegen einer erfundenen Zeitzeugenschaft Gewissenskonflikte durchlebt.

Am Erfinden von Geschichten reifen

Ihr Geständnis stößt auf taube Ohren. Das Gegenüber will sich von der Wahrheit nicht erschüttern lassen, weil es entschieden hat, der Gegenwart zu vertrauen und Menschen zu verzeihen, bevor diese darum bitten.

AVIVA-Tipp: Dass die Autorin ihren Roman mit einer Eloge auf das "wahrlügende" Potential von Fiktionen beschließt, hat etwas Vorhersehbares. Sie ist aber deshalb nicht minder passend oder gar unwahr.
Die junge, zur Wahrheit gezwungene Lügnerin reift am Erfinden von Geschichten. Und der Autorin Gundar-Goshen bereitet das Schreiben von Romanen ganz offensichtlich großes Vergnügen.

Zur Autorin: Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, studierte Psychologie in Tel Aviv, später Film und Drehbuch in Jerusalem. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, "Eine Nacht, Markowitz" (Kein & Aber, 2013) erhielt den renommierten Sapir-Preis für das beste Debüt Israels. Ihr zweiter Roman, "Löwen wecken", erschien 2015 ebenfalls bei Kein & Aber. Ayelet Gundar-Goshen lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv.
Mehr zu Ayelet Gundar-Goshen im Interview unter: keinundaber.ch/de/interview

Ayelet Gundar-Goshen
Lügnerin

Original: Ha-Schakranit we ha-Ir
Aus dem Hebräischen von Helene Seidler
Kein & Aber, erschienen 2017
Hardcover, Format: 11,6 x 18,5 cm, 336 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5766-1
24,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.keinundaber.ch

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ayelet Gundar-Goshen - Löwen wecken
Nach "Eine Nacht, Markowitz" (Kein & Aber, 2013) legt die israelische Autorin und Psychologin mit ihrem zweiten Roman das Psychogramm eines Mannes vor, dessen Leben eine radikale Wende erfährt und trifft damit den Nerv der Leserin bis ins Innerste, denn das Kafkaeske der Handlung ist es, was jeder und jedem genau so passieren könnte. (2015)

Shani Boianjiu - Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst
Das aufregende Romandebüt der erst 26 Jahre alten Autorin erzählt die Geschichte von drei Freundinnen vor, während und nach ihrem zweijährigen Militärdienst in Israel. Neben dem explosiven Cocktail aus Brutalität und Langeweile beschreibt der Roman vor allem die desorientierende Wirkung ihrer Ängste. (2014)

"Das Mädchenschiff" von Michal Zamir
Die 1964 in Tel Aviv geborene Tochter von Zvi Zamir, der zur Zeit des Münchner Attentats von 1972 den Mossad führte, zeichnet mit "Das Mädchenschiff" ein schonungsloses Bild der israelischen Armee. (2007)



Der Beitrag ist zuerst erschienen auf Deutschlandfunk Kultur: www.deutschlandfunkkultur.de

Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 03.09.2018 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken