Die weibliche Seite Gottes / The Female Side of God. Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt, 20. Oktober 2020 –14. Februar 2021 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 23.12.2020


Die weibliche Seite Gottes / The Female Side of God. Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt, 20. Oktober 2020 –14. Februar 2021
Sharon Adler

Archäologische Objekte, zeremonielle Gegenstände, religiöse Schriftstücke und zeitgenössische Kunstwerke spannen einen kulturhistorischen Bogen von den Göttinnen des Alten Orients über die Arbeiten feministischer Künstlerinnen der 1970er Jahre bis zur Gegenwart. Der deutsch-englische Begleitband zur Ausstellung wurde herausgegeben von den Kuratorinnen der Ausstellung, Dr. Eva Atlan, Michaela Feurstein-Prasser, Dr. Felicitas Heimann-Jelinek, Mirjam Wenzel.




Mit "Die weibliche Seite Gottes" plante das Jüdische Museum Frankfurt seine erste Wechselausstellung im Rahmen der Neueröffnung nach fünfjähriger Umbauzeit am 22. Oktober 2020. Infolge der Beschlüsse zur Eindämmung der Corona-Pandemie musste das Jüdische Museum Frankfurt nur elf Tage nach seiner weithin wahrgenommenen Eröffnung seine Ausstellungen schließen und seine Bildungsangebote vor Ort absagen. In diesen elf Tagen jedoch hatte das Museum bereits über 4.500 Besucherinnen und Besucher.

Bis zur erneuten Öffnung des Museums steht eine umfangreich konzipierte Website (www.juedischesmuseum.de) und der großartig gestaltete Begleitband quasi als adäquater Ersatz zur Verfügung.

Die weibliche Seite Gottes / The Female Side of God. Die Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt (20. Oktober 2020 –14. Februar 2021)

Bei der Ausstellung handelt sich um eine Weiterentwicklung und Erweiterung der gleichnamigen Ausstellung, die 2017 im Jüdischen Museum Hohenems zu sehen war. Die Frankfurter Version dieser Ausstellung rückt die Visualität des Themas in den Vordergrund und verbindet die kulturhistorischen Spuren von weiblichen Elementen in den Gottesvorstellungen der drei monotheistischen Religionen mit Darstellungen in der Bildenden Kunst. Sie schlägt damit einen bislang noch nicht unternommenen, kulturgeschichtlichen Bogen von antiken archäologischen Figurinen über mittelalterliche hebräische Bibelillustrationen, Madonnenbildern der Renaissance bis hin zu Interpretationen und Neugestaltungen renommierter zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

Den Ausgangspunkt der Ausstellung bilden archäologische Artefakte aus dem antiken Israel, in denen weibliche Gottheitsvorstellungen und die ihnen zugeschriebenen Kräfte, Eigenschaften und Wünsche zum Ausdruck kommen. In der Hebräischen Bibel werden diese weiblichen Gottheiten vor allem als Götzenkult erwähnt. Zugleich umfasst sie Passagen, in denen göttliche Fähigkeiten personifiziert und als weiblich dargestellt werden. Als unmittelbar göttlich gilt dabei vor allem die "Schechina", die im rabbinischen Judentum als "Einwohnung Gottes auf Erden" verstanden und von der jüdischen Mystik als eine schöpferische Facette des einen Gottes beschrieben wird.

Diese Vorstellung bildet das Zentrum der Ausstellung, die im Spiegel der zeitgenössischen Kunst die Wiederentdeckung der weithin unbekannten Tradition weiblicher Gottesvorstellungen thematisiert.

"In der polytheistischen Welt des Alten Orients waren Darstellungen von weiblichen Gottheiten weitverbreitet. Auch bei der Herausbildung des biblischen Monotheismus spielten sie noch eine gewisse Rolle − allerdings eher als Spiegel dessen, was zu überwinden oder abzuwehren sei," so Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt. In der Zeit nach dem sogenannten Babylonischen Exil wurden weibliche Gottheiten mehr und mehr verdrängt. Dem einzigen Gott in der hebräischen Bibel sowie in den rabbinischen Auslegungsschriften wurde fortan weniger eine Partnerin zur Seite gestellt, als vielmehr eine weibliche Seite zugesprochen.

"[...] When she and he meet
When they behold each other face to face
when they become naked and not ashamed
On that day will our God be One
and their name One [...]"


A Prayer to the Shekhinah, Alicia Ostriker

Die Ausstellung präsentiert archäologische Funde, religiöse Zeugnisse und Schriften, Werke der Bildenden Kunst sowie zeremonielle Gegenstände und Textilien aus drei Jahrtausenden, die einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang aufweisen. Dazu setzt sie zeitgenössische Kunstwerke als darauf bezugnehmenden Kommentar ebenso wie auch eine persönliche Form der Reflexion über diesen Zusammenhang in Szene.

Dies verdeutlicht etwa die Gegenüberstellung einer Aschera-Figurine mit der Skulptur "Bronze Goddess" von Judy Chicago (Bronze auf Marmor, 2017).
Die Künstlerin, Autorin, Erzieherin und Feministin gründete in den siebziger Jahren gemeinsam mit Miriam Schapiro das CalArts Feminist Art Program und organisierte mit Womanhouse eine der ersten feministischen Kunstausstellungen. Mit ihrer Installation The Dinner Party wurde sie international bekannt. Ihr Projekt The Holocaust Project: From Darkness Into Light thematisiert den Völkermord an den europäischen Jüdinnen/Juden im 20. Jahrhundert. Chicago wurde 2005 vom Magazin der Union for Reform Judaism zu einer der Eight Jewish Women Who Changed the World gewählt.

Die rituellen wie auch spirituellen Aspekte des Themas der Ausstellung greift unter anderem Jacqueline Nicholls mit ihrer Skulptur "Maternal Torah" auf (Sinamay, Matallösen, genäht, genietet, 2000). Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet die großflächige Wandarbeit "Schechina" von Anselm Kiefer (Öl, Tempera, Acryl, Blei und Aluminiumdraht auf Leinwand, 1999). Das Motiv dieser Arbeit wird am Ende des Rundgangs von dem Gemälde "Kabbalist and Shekhina" von R.B. Kitaj (Öl auf Leinwand, 2003) wieder aufgegriffen.

In einem historischen Exkurs belegt die Ausstellung nach heutigem Forschungsstand, dass und inwiefern Frauen in den religiösen Praktiken der Spätantike, des Mittelalters und der Neuzeit eine aktive Rolle einnahmen. Dies verdeutlicht etwa der Grabstein einer Synagogenvorsteherin mit griechischer Inschrift aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert oder eine der ältesten bekannten Esther-Rollen aus dem Jahr 1564, die von einer Frau geschrieben wurde.

Auch Hildegard von Bingen, eine charismatische Universalgelehrte des 12. Jahrhunderts, begründete mit ihren Visionen und ihrer asketischen Lebensart eine eigene Glaubenslehre. Die Künstlerin Ofri Cnaani erinnert in ihrem illustrierten Buch "The Virgin of Ludmir" (Tinte auf Papier, 2014) an die Geschichte einer frühen chassidischen Rebellin des 19. Jahrhunderts, die 1805 als Hannah Rachel Werbermacher in der Ukraine geboren wurde und die von ihren Anhänger:innen "heilige Rabbinerin Hannah Rachel" genannt wurde. Die 1975 in Israel geborene Künstlerin Ofri Cnaani beschäftigt sich wie in ihren anderen Arbeiten auch hier mit einer historischen Frauenfigur.

Im 20. Jahrhundert setzte sich die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim für eine Reform des orthodoxen Gottesdienstes ein und verfasste eigene Gebete. Wenig später wurde mit Regina Jonas die weltweit erste Rabbinerin in Offenbach am Main ordiniert.
Als 1972 in den USA Sally Priesand als Rabbinerin ordiniert wurde, feierte die Presse den "weltweit ersten weiblichen Rabbiner". Das war Konsens bis in die 1990er Jahre, denn Regina Jonas war vergessen. Erst nach der Öffnung der Mauer wurden in den staatlichen Archiven in Ost-Berlin Dokumente entdeckt, die von ihrer Existenz und von ihrem Wirken erzählten. 2020 jährt sich die Ordination von Regina Jonas zum 85. Mal. Nach dem Holocaust trat am 1. August 1995 als erste Frau Bea Wyler (geb. 1951) das Amt einer Rabbinerin in Deutschland an. Heute gibt es weltweit etwa 1.000 Rabbinerinnen, in Deutschland amtieren acht Rabbinerinnen.


In einem virtuellen Rundgang (www.juedischesmuseum.de) sind ausgewählte Exponate der ersten Wechselausstellung im neuen Jüdischen Museum einsehbar, während im Blogbeitrag die Themen vertieft werden. (www.juedischesmuseum.de/blog)

Das Team

Die Ausstellung wurde von Dr. Felicitas Heimann-Jelinek und Dr. Michaela Feurstein-Prasser in Zusammenarbeit mit Dr. Eva Atlan und Prof. Dr. Mirjam Wenzel kuratiert. Die Ausstellungsarchitektur entwarf Martin Kohlbauer. Der Rundgang wird durch einen separaten Vermittlungsraum ergänzt, der das Ausstellungsthema auf anschauliche Art und Weise mit Plakaten, einer Selfie-Station und interaktiven Elementen zugänglich macht. Er wurde von Kathrin Schön und Fenja Fröhberg konzipiert und von der Designagentur formfellows gestaltet.

Begleitband

Zur Ausstellung erscheint ein deutsch-englischer Begleitband "Die weibliche Seite Gottes. Kunst und Ritual / The Female Side of God. Art and Ritual", (Hrsg. Eva Atlan, Michaela Feurstein-Prasser, Felicitas Heimann-Jelinek, Mirjam Wenzel), der im Kerber-Verlag erscheint und von der Georg und Franziska von Speyer´schen Hochschulstiftung gefördert wird.

Der Begleitband umfasst fünf Essays ("Göttinnen im Alten Israel", Frau Weisheit und Gottes Gegenwart", "Bedrohung: Frau", "Glaubensmütter", "Selbstermächtigung", "Mystische Verbindungen") die in weiten Teilen auf Vorträgen des wissenschaftlichen Symposiums basieren, das im Januar 2020 im Rahmen des Forschungsverbunds "Religiöse Positionierungen" an der Goethe Universität Frankfurt stattgefunden hat. Darüber hinaus geht der Begleitband ausführlich auf die in der Ausstellung gezeigten Kunstwerke ein und stellt diese mit Bildern und Texten von namhaften Kunsthistoriker:innen vor.

AVIVA-Tipp: Die (viel zu selten gezeigten) prächtigen Exponate und der sorgfältig konzipierte zweisprachige Bildband mit den klugen Essays renommierter Kunsthistorikerinnen macht deutlich und sichtbar, wie sehr Frauen seit Jahrtausenden (mit-)beteiligt, aber auch ausgegrenzt wurden in der Geschichtsschreibung. Durch die Sichtbarmachung der Werke und Thesen der feministischen Denkerinnen, Künstlerinnen und Gelehrten wird das Narrativ widerlegt, dass diese Frauen bestenfalls nur Zuschauerinnen waren. Geschichtsschreibung neu und weiblich und lange überfällig.

Die weibliche Seite Gottes / Kunst und Ritual
The Female Side of God / Art and Ritual


Herausgeberinnen
Eva Atlan, Michaela Feurstein-Prasser, Felicitas Heimann-Jelinek, Mirjam Wenzel (Jüdisches Museum Frankfurt)

Texte von
Eva Atlan, Ruth Direktor, Michaela Feurstein-Prasser, Eckart J. Gillen, Felicitas Heimann-Jelinek, Amelia Jones, Moshe Idel, Angelika Neuwirth, Jochen Sander, Sara Soussan, David Sperber, Debra Wacks, Kathleen Wentrack, Mirjam Wenzel

Gestaltung von
Formfellows, Regina Schauerte / Thomas Klöß, Frankfurt am Main
Kerber Verlag, 2020
ISBN 978-3-7356-0651-8
23,5 × 29 cm, 320 Seiten, 113 farbige und 9 s/w Abbildungen, Hardcover
Sprachen: Deutsch, Englisch
48,00 €
Mehr zum Buch unter: www.kerberverlag.com

Ausstellung
20. Oktober 2020 –14. Februar 2021
Die weibliche Seite Gottes / The Female Side of God
Jüdisches Museum Frankfurt
Mehr zu Ausstellung unter: www.juedischesmuseum.de

Alles hat seine Zeit. Rituale gegen das Vergessen. Herausgegeben von Felicitas Heimann-Jelinek und Bernhard Purin
Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 18. Oktober 2013 bis 9. Februar 2014 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen war, befasst sich mit Form und Herkunft jüdischer Übergangsriten und Passagen, sowie mit deren individuellen und kollektiven Bedeutung gegen das Vergessen.



Jüdisches Museum Frankfurt, Kerber Verlag, AVIVA-Berlin


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 23.12.2020

Sharon Adler 






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