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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 16.03.2011


Julie Orringer - Die unsichtbare Brücke
Ricarda Ameling

In ihrem mitreißenden Debütroman erzählt die US-amerikanische Schriftstellerin von Andras Lévi, der im Jahr 1937 in Paris sein Architekturstudium beginnt. Schnell verliebt er sich nicht nur in ...




... die Stadt, sondern auch in eine Frau. Doch Europa ist kein sicherer Platz mehr für ihn, und so beschreibt diese Liebesgeschichte das erschütternde Schicksal ungarischer Juden im zweiten Weltkrieg.

Ein neuer Anfang. Der junge Ungar Andras Lévi sitzt aufgeregt im Zug nach Paris. Voll Vorfreude auf sein Studium und doch nicht glücklich, ist der Preis doch groß, den er für sein Stipendium zahlt. In Ungarn lässt er alles zurück, was ihm in seinen zwanzig Lebensjahren wichtig war. Seine liebevolle Familie, seine sich immer sorgende Mutter, den Vater, der nicht nur ihm, sondern als Rabbiner auch seiner Gemeinde stets als ein Vorbild dient, seinen kleinen Bruder Matyas, und vor allem seinen älteren Bruder und besten Freund Tibor. Doch in Ungarn gibt es für die Brüder keine Möglichkeiten zu studieren und die Übernahme des kleinen väterlichen Sägewerks erscheint auch nicht als eine reizvolle Zukunft. Während Tibor noch auf einen Medizinstudiumsplatz in Italien hofft, ergreift Andras die erste Chance, um nach wenig lukrativen Tätigkeiten das zu tun, von dem er seit Kindestagen träumte: Architektur studieren.

Leben im Paris der Bohéme

Paris ist voll von Unbekanntem: Andras leidet unter Einsamkeit, Heimweh, Geldnot und mangelnden Französischkenntnissen, und doch gelingt es ihm durch harte Arbeit und viel Glück, sich bald zurecht zu finden. Er lernt die französische Hauptstadt zu schätzen, begeistert sich für ihre Architektur und das Studentenleben. Doch bald ist es das Leben abseits der "École Spéciale" welches ihm den Schlaf raubt: Andras lernt die neun Jahre ältere Claire Morgenstern kennen. Schwierige Umstände begleiten die Liebesbeziehung zwischen dem Studenten und der schönen Ballettlehrerin von Anfang an, doch sind der Altersunterschied und Andras´ Mittellosigkeit nur geringe Probleme angesichts des Geheimnisses, welches Claire hütet. Als einem glücklichen Zusammensein nichts mehr im Wege zu stehen scheint, wird der vielversprechende Architekturstudent, wie so viele Andere auch, Zeuge und Leidtragender der antisemitischen Gesetze des Vichy-Regimes. Er wird zur Rückkehr nach Ungarn gezwungen, doch diesmal reist er nicht allein…

Claire und Andras sind unzertrennlich, doch auch in ihrer Heimat können sie nicht in Ruhe leben. Bald schon werden die drei Lévi - Brüder, so wie 50.000 andere ungarische Juden und Jüdinnen, als Zwangsarbeiter verpflichtet. Was nützt die Liebe, wenn Europa in schnellen Schritten auf die Katastrophe des 20. Jahrhunderts zusteuert?
Weit entfernt erscheint Andras das Pariser Leben während er bis zur Erschöpfung im Arbeitslager arbeitet. Langsam verblassen die von der Autorin Julie Orringer kunstvoll beschriebenen Bilder der berühmten französischen Bauwerke, der raffinierten Fassaden, verwinkelten Gassen, die Faszination der Kunst. Und auch die Stunden sorgloser Zweisamkeit mit Claire und das Feiern der jüdischen Feste, die Andras in Paris ein Gefühl der Vertrautheit und Geborgenheit gaben, selbst die Sorge um das schreckliche Geheimnis seiner Frau erscheinen wie Fragmente eines früheren Lebens.

Jedes zehnte Opfer der Shoah war UngarIn

Auch Budapest ist nicht mehr so wie es mal war, das Leben wird hier ebenso wie im Rest Europas für Juden immer unsicherer. Wurden bei Andras Abreise nach Frankreich Juden in Ungarn noch diskriminiert und schikaniert, so ist es nun fast unmöglich, überhaupt zu überleben. Ungarn war seit 1941 Deutschlands Verbündeter, und auch hier war das Ausschalten der jüdischen Bevölkerung aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben, das Tragen des Judensterns und schließlich die Deportation in die Vernichtungslager grausame Realität. Der Historiker Randolph L. Braham setzte sich intensiv mit dem ungarischen Holocaust auseinander. Er recherchierte, dass von den rund 825.000 Juden Ungarns 565.000 umgebracht wurden. 260.000 überlebten - davon allein in der Hauptstadt Budapest 119.000. Anfang Juli 1944 liess Ungarns Staatschef Horthy die Deportationen einstellen, kurz bevor die jüdische Bevölkerung Budapests abtransportiert werden sollte. In weniger als zwei Monaten waren zu diesem Zeitpunkt allerdings schon ungefähr 430.000 Menschen in Zügen nach Auschwitz verschleppt worden.

Brücken verbinden, schaffen Wege über Hindernisse hinweg, doch dienen sie auch als Metapher für den Übergang vom Leben zum Tod. Keine der symbolträchtigen, die Stadtteile Buda und Pest vereinenden Brücken hielt dem zweiten Weltkrieg unbeschadet stand. Es lässt sich nur erahnen, welches Grauen noch auf die Lévi-Brüder und ihre Familie wartet. Orringer beendet den Roman mit dem Gedicht "Alle Fälle" der 1923 geborenen Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska: Du überlebtest, denn du warst der Erste. Du überlebtest, denn du warst der Letzte. Weil allein. Weil unter Leuten. Weil links. Weil rechts. Weil Regen fiel. Weil Schatten fiel. Weil die Sonne schien" (Auszug).

AVIVA-Tipp: "Die unsichtbare Brücke" sorgte in den USA für durchweg positive Resonanz. So schrieb die New York Times "Bewegend. Betörend. Mitreißend wie ´Doktor Schiwago´." Auch die Entertainment Weekly wagte den Vergleich mit großen SchriftstellerInnen: "Umwerfend. Wie Tolstoi und Stendhal schildert Orringer die Umbrüche in der europäischen Geschichte, episch und persönlich zugleich.". Tatsächlich ist es der jungen Schriftstellerin gelungen, in ihrem lang erwarteten historischen Roman große Emotionen lebendig werden zu lassen. Orringer lässt das Arbeitslager, den Schrecken an der Front und die Qual der Hinterbliebenen ebenso real wirken wie das Gefühlschaos eines unsterblich verliebten jungen Mannes.

Zur Autorin: Julie Orringer, 1973 in Miami, Florida, geboren, debütierte 2003 mit dem Erzählungsband "Unter Wasser atmen" (2005), der in zehn Sprachen übersetzt, mit mehreren Preisen ausgezeichnet und von der Kritik enthusiastisch empfangen wurde. Ihr Roman "Die unsichtbare Brücke" stand auf der Bestsellerliste der New York Times und wird international gefeiert. (Quelle: KiWi-Verlag)
Weitere Infos und Kontakt unter: www.julieorringer.com

Julie Orringer
Die unsichtbare Brücke

Originaltitel: The Invisible Bridge
Übersetzerin: Andrea Fischer
Kiepenheuer und Witsch Verlag, erschienen am 24.02.2011
Gebunden, 816 Seiten, mit Lesebändchen
ISBN: 978-3-462-04300-6
24,95 Euro
www.kiwi-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die Kinder von Paris" ein Film von Rose Bosch

"Eine exklusive Liebe" von Johanna Adorján

"Geschäfte mit dem Teufel" von Ladislaus Löb

"Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945" von Mascha Rolnikaite

"Die Hunde und die Wölfe" von Irène Némirovsky

"Allein unter allen" von Miriam Katin

"Licht und Schatten. Schauspielerin und Regisseurin auf vier Kontinenten" von Leontine Sagan

Weitere Informationen zum Völkermord an Ungarns Juden:

www.holocaust-chronologie.de

www.holocaust-history.org

www.ushmm.org

www.talmud.de


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 16.03.2011

AVIVA-Redaktion 






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