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AVIVA-BERLIN.de im Februar 2021 - Beitrag vom 26.08.2014


Madeleine Thien - Flüchtige Seelen
Helga Egetenmeier

Erst nach ausführlichen Recherchen in Kambodscha wagte sich die Autorin für ihren Roman an das komplexe Thema von Kindern in Kriegsgebieten und ihrer Emigration. Sie musste tief in die...




... Vergangenheit schauen, um die Komplexität und die Herausforderungen der Gegenwart zu verstehen, erklärte sie in einem Interview die für ihre literarische Umsetzung notwendigen langen Aufenthalte.

Gekonnt setzt Madeleine Thien ihre klare und zugleich poetische Sprache ein, um sich der Sozialisation und dem Missbrauch von Kindern in Krisenregionen zu nähern.. "Ich dachte, die verschiedenen Geschichten könnten sich gegenseitig beeinflussen.", beschreibt sie ihre generations- und nationenübergreifende Ausgestaltung der Figuren.

Ihre Protagonistin und Ich-Erzählerin Janie, in Kambodscha geboren, arbeitet gern als Elektrophysiologin mit ihrem Kollegen Hiroji im Hirnforschungszentrum in Montreal. Doch als dieser verschwindet, entgleitet ihr zusehends ihr Leben, da sie den Grund dafür erahnt. Um ihren kleinen Sohn Kiri durch ihr Verhalten nicht zu gefährden, verlässt sie ihn und ihren Mann Navin, und versucht, ihre Vergangenheit zu klären, damit sie in der Gegenwart ihr Leben führen kann.

"Ich lauf los, unsicher, wohin. Ich rieche Kaffee aus einer nahen Bäckerei, ich sehe meinen kleinen Bruder und mich selbst, und der Geruch nach Brot durchdringt die Luft. Wir sind draußen, als die Luftschutzsirenen ertönen. Ich versuche, ihn wegzuziehen." In wenigen Sätzen wechselt die Autorin den Ort ihrer Protagonistin vom kalten Montreal zu deren Kindheitserinnerungen in Phnom Penh. Und so wie der erwachsenen Wissenschaftlerin Janie Zeit und Raum verrutschen, wird die LeserIn durch das bruchlos geschriebene Präsens in die gegenwärtig erscheinende Vergangenheit des Mädchens Mei geführt, die diesen Namen von ihrem jugendlichen Bewacher der Roten Khmer erhielt.

Liebe, Trauer und Sehnsucht

Als die Roten Khmer Kambodschas Hauptstadt einnehmen, wird Janie, ihr Bruder Sopham und die Mutter vom Vater getrennt und gezwungen, die Stadt zu verlassen. "Mein Vater verschwand. Ich aber stelle mir immer noch vor, sogar jetzt, dass ich ihn wiedersehe. In meinen Träumen erklärt er mir, die Zeit wäre ihm davongelaufen. Zeit, nur Zeit. Mit einem Augenzwinkern waren dreißig Jahre gekommen und gegangen." Janie erfährt nie, was mit ihrem Vater geschah, nachdem er mit anderen Männern auf einen Lastwagen verladen wurde. Mit diesen literarischen Auslassungen, die mit realen Merkmalen von Folterungen übereinstimmen und ein prägender Teil von Kriegstraumata sind, nähert sich die Autorin den verdrängten Gründen für Janies Wunsch nach Vergessen.

So wie Janie/Mei langsam die Geschichte ihrer Familie und ihres Bruders Sopham, der sich bei den Roten Khmer Rithy nannte, Preis gibt, erfährt sie auch von dem Schicksal ihres Freundes Hiroji und dem von ihm seit langem gesuchten Bruder James. "Namen waren leere Silben, die nichts bezeichneten, die ebenso leicht verloren gingen wie ein Anzug, ein Bruder oder eine Schwester, eine ganze Welt." beschreibt er seine Suche nach Ichiro, der sich erst in Kanada James nannte und als Arzt des Roten Kreuzes in das Krisengebiet Kambodscha ging, wo er verschwand.

Der Genozid in Kambodscha

Während der Diktatur der Roten Khmer von April 1975 bis Januar 1979, wurden in Kambodscha etwa zwei Millionen Menschen ermordet. Regierungschef Pol Pot strebte eine "Umerziehung" der Bevölkerung in eine kommunistische Bauernschaft an, für dieses Ziel wurde gefoltert und Menschen jeden Alters auf den "Killing Fields" getötet und vergraben. Mit der Thematisierung dieser Schreckensherrschaft in Nachfolge der französischen Kolonialpolitik in Indochina und geprägt vom Kalten Krieg, greift Madeleine Thien ein nationales Trauma auf, das die kambodschanische Gesellschaft langsam aufzuarbeiten beginnt, wie es auch die Kambodscha-Reihe der Berlinale 2012 zeigte.

Thiens Protagonistin erinnert sich an Geschichten ihrer Mutter, die ihr heute helfen, ihre Vergangenheit anzunehmen "Wir seien nicht als Einzelne zur Welt gekommen, sagte mir meine Mutter. Von Anfang an beherbergten wir viele Leben in uns." Mit dieser buddhistisch, wie auch postmodern klingenden Weisheit, kann Janie wieder zu ihrer heutigen Familie finden und trotzdem als Waise um das vergangene Leben trauern.

AVIVA-Tipp: Einfühlsam und bewegend, sich gleichzeitig der Magie von Worten und Sätzen bewusst, gestaltet Madeleine Thien mit ihrem Roman eine literarische Forschung um Emigration und traumatische Erfahrungen. Trotz der inhaltlichen Schwere bezaubert sie mit einer global verständlichen Eltern-Kind-Ebene, die sich in dem feinen Satz "Die beiden sind im Abstand von nur wenigen Wochen zur Welt gekommen, aber inzwischen ist er sieben, und sie ist vierundvierzig." widerspiegelt und die LeserIn mit dem Gefühl hinterlässt, beschenkt worden zu sein.

Zur Autorin: Madeleine Thien wurde 1974 in Vancouver, British Columbia, geboren. Ihre Eltern stammen aus Malaysia und China und emigrierten kurz vor ihrer Geburt nach Kanada. Als Kind begann Thien mit Ballett, Stepptanz und Akrobatik, später studierte sie Tanz und wechselte 1994 über zur Literatur. Nach ihrer Kurzgeschichtensammlung "Einfache Rezepte" veröffentlichte sie gemeinsam mit dem Animationszeichner Joe Chang das Kinderbuch "The Chinese Violin" (dt. 2002, "Die chinesische Violine"). Ihr Debütroman "Jene Sehnsucht nach Gewissheit" ("Certainity", 2006) wurde in sechzehn Sprachen übersetzt. Beinahe fertig ist ihr drittes Buch über den Ideen- und Kulturaustausch zwischen Ost und West anhand von StudentInnen der Musikhochschule Shanghai in den 60er Jahren. Madeleine Thien lebt in Montreal.
Die Autorin bei twitter

Zur Übersetzerin: Almuth Carstens wurde 1948 in Kiel geboren, hat u.a. Soziologie studiert und lebte längere Zeit in Amerika. Sie ist Übersetzerin von u. a. Kathy Acker, Jane Rogers, Alice Sebold und Jeff Talarigo. Sie lebt heute in Berlin.

Nominierungen und Preise
Auszeichnung mit vier kanadischen Literaturpreisen für Madeleine Thiens erstes Buch "Einfache Rezepte" ("Simple Recipes", 2001), einer Sammlung von Kurzgeschichten
2010: Verleihung des "Ovid Festival Prize" für junge Talente
2014: mit "Flüchtige Seelen" auf der Shortlist für den "Internationaler Literaturpreis - Haus der Kulturen der Welt"

Madeleine Thien
Flüchtige Seelen

Originaltitel: Dogs at the Perimeter
Deutsche Erstausgabe
Aus dem kanadischen Englisch von Almuth Carstens
Luchterhand Literaturverlag, erschienen im Mai 2014
Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten
ISBN-13: 978-3630873848
19,99 Euro
www.randomhouse.de

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Weitere Infos unter:

Interview mit Madeleine Thien

"Internationaler Literaturpreis - Haus der Kulturen der Welt 2014: Lesung und Gespräch mit Madeleine Thien, ihrer Übersetzerin Almuth Carstens und Juror Egon Amman

DC-Cam: Dokumentations- und Forschungszentrum zum kambodschanischen Genozid und der Zeit der Roten Khmer




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Beitrag vom 26.08.2014

Helga Egetenmeier 






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