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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 29.06.2021


Isabel Rohner – Gretchens Rache
Katarina Struik

Isabel Rohner hat das Genre des "feministischen Kicher-Krimis" erfunden, um zu beweisen, wie wunderbar Feminismus und humorvolle Aufklärung zusammenpassen. In ihrem neuesten Mordfall offenbart sie ´feministisch kichernd´ die patriarchalen Schlagschatten der Literaturkritik: Im dunklen Reich zwischen Buchkritikkult und medialer Verwurstung …




… kommt ein Mann zu Tode.

Diesen Männermord orchestriert aber ein massenhafter medialer Femizid, der weitgehend unbeachtet und ungeahndet tagtäglich vor sich geht: Das Feuilleton bringt Frauen um (ihre kulturelle Bedeutung). Es nichtet sie. Päpste des Literaturvatikan wie Zuhälter im Schmökerpuff verachten und verkennen schreibende Frauen, achten sie also nicht und wollen sie nicht kennen. Kritische Kritiker und kommerzielle Buchpromoter erweisen ihre männliche Deutungshoheit, indem sie Männern Wert zubilligen. Das schreit längst nach Rache … Fack ju, Göhte, ruft nun endlich Gretchen!

Zur Sichtung von "Gretchens Rache" schickt Rohner ihr originelles Ermittlerinnenduo in den verträumten Spreewald, wo Linn Kegel (Exil-Schweizerin und Krimi-Bestsellerautorin mit feuerroten Haaren) von ihrem Verleger Jo Hartmann zu einem Presse-Wochenende mit Alphatieren des Feuilletons verdonnert worden ist. (Linn darf aber nur mit, weil Starautor Martin Walshof nicht kann.) Hartmann will Zugpferde seines Verlages mit führenden Buchredaktionen und Literaturkritikastern zusammenführen, damit seine Schreiberlinge die Presse für sich einnehmen und zu Besprechungshymnen animieren. Ein schreckliches Wochenende wird das, ahnt Linn, die mansplainende Literaturfuzzis mindestens so hasst wie Wichtigtuerei ihrer eigenen schreibenden Zunft – und nun soll ihr im Brandenburgischen nicht nur der große Giovanni Faber, Autor von Altmännerphantasien ("Neue Triebe, starker Ast") begegnen, sondern obendrein ihre Erzrivalin, Krimi-Bestsellerautorin Loretta Coppelia … Aber es kommt noch schlimmer. Das Zusammentreffen der schriftstellerischen Edelfedern mit den Speerspitzen des Blätterwalds entwickelt sich, nun ja, mörderisch. "

Trost und Verstärkung für Linn bringt das überraschende Auftauchen ihrer besten Freundin Bettina Heidenreich (barockfigurige Inhaberin einer Kölner Schauspielagentur), die überraschend, aber nicht zufällig im selben Tagungshotel aufschlägt. Bettina soll im Auftrag von Hartmann den Buch-trifft-Presse-Event beim Dinner durch Theaterspiel auflockern und ist dazu mit einem Schmierendarsteller und einer pfiffigen Mimin angereist. Im Zuge der Ereignisse stellt Bettina jedoch nicht nur ihre Regiekunst unter Beweis, sondern zudem, dass sich Mörder auch im Hello Kitty-Pyjama jagen lassen.

Gretchens Rache ist genial

Mit viel Witz und Humor zeichnet Isabel Rohner die im Spreewald versammelte Schar der Schreibkoryphäen und führt in ihren Figuren zugleich Prototypen des Feuilletons und der Schriftstellerei vor, wobei die Genderglöckchen nur so klingeln. Da ist der geltungssüchtige Autor Faber, der sich an den führenden Kopf der "Hamburger Allgemeinen Tageszeitung" (Hatz) heranwanzt, den in avantgardistisches Schwarz gehüllten Caspar Brimborius. Da ist der einflussreiche Kritiker von "Literatur Heute", welcher wohlwollende Offenheit für Autorinnenportraits signalisiert: "Wissen Sie, alle zwei Jahre widmen wir eine Ausgabe von vorn bis hinten den Frauen. Da besprechen wir kein einziges Buch von einem Mann." Geht doch. Das ist schließlich schon was, wo andere Blätter, denen man feministisch kommt, abblocken: "Dafür haben wir leider kein Ressort." Und wir begegnen auf Seiten des Feuilletons sogar einer Literaturpäpstin! Allerdings schreibt sie nur über solche Bücher, die maximalen Profit versprechen. So gesehen hat sie gar nichts gegen einen "fröhlichen, feschen Feminismus", mit dem Geld zu machen ist, richtig scharf ist sie aber auf frischgepresste Memoiren irgendeines jungen Fußballstars. Und da wäre presseseits noch die klassische kleine Praktikantin, diesmal vom örtlichen "Spreewalder Boten", wie war noch ihr Name …?

Mit dem Figureninventar der "anderen Seite", also der schriftstellernden Fraktion, demonstriert Isabel Rohner höchst verschiedene Wege zum Erfolg, aber auch Umwege oder Abkürzungen, insbesondere bei den Frauen. Der Bestsellerautorin Loretta Coppelia etwa helfen die einschlägigen Einflüsse ihres süditalienischen Familienclans nachdrücklich weiter. Die am stärksten beeindruckende Autorin am Set ist aber gewiss Dr. Waltraud Dampf, Madampf genannt, intellektuelle Sexbombe und Verfasserin einer siebzehnbändigen "Philosophiegeschichte des Penis von der Antike bis heute" …

Nicht nur die Personnage dieses Krimis, auch der Handlungsort hat es in sich. Das idyllisch gelegene Tagungshotel "Prince of Spreewald" überrascht mit abwaschbarer Modernität und digitalaffinen Abläufen. Gleich dahinter jedoch eröffnet sich der volle Reiz der sagenumwobenen Natur, die zu Kanufahrten und der Entdeckung von Nutrias einlädt, worunter man sich possierliche Beutelratten vorzustellen hat. Im Kahn wird die Teilnehmergruppe gemächlich über mäandernde Fließe gestakt, bei Käsestullen, Spreewaldgurken und Schnaps kommt man sich nicht nur geistig näher … und näher, bis schließlich der Mord geschieht, über den nichts gespoilert werden soll, außer dass es ein nahezu perfekter ist. Inszeniert wird er von der theatererfahrenen Isabel Rohner unter Einsatz von Goethes Faust. Die Inszenierung ist sehr modern. Regelrecht avantgardistisch aber denkt der Faust-Darsteller, zu dem man nicht Berti sagen darf und der das Stück künftig selbst, und zwar genderrevolutionär inszenieren will: "Ich finde das Geschlecht unwichtig. Darum werden in meiner Inszenierung alle Frauen von Männern gespielt."

Auf den von Isabel Rohner intelligent und witzig ausgelegten Spuren folgen wir der klassischen Frage nach dem Whodunit, lassen uns überraschen, wenn die Handlung Haken schlägt und mit ihr unser Verdacht. Als promovierte Literaturwissenschaftlerin kennt und beherzigt die Rohnerin das Krimieinmaleins (etwa die goldene Regel, dass die erste Leiche nicht erst im letzten Drittel auftauchen darf, oder dass man auf literarische Anspielungen, womöglich auf Klassiker, zu verzichten hat) auf ihre Weise. Sie weiß, wie Spannungsbögen konzipiert und Charaktere gestaltet werden, um dabei auch Beziehungsstrukturen auf die Schippe nehmen zu können und mit ihnen Strukturen - etwa die von Macht, Kultur und Geschlecht.

Ist der 200-Seiten-Krimi dann leider ausgelesen, gibt es zum Glück schon zwei weitere mit den Ermittlerinnen Linn Kegel und Bettina Heidenreich. Wenn die wunderbar "barocke" Bettina loslegt und die herrlich schrullige Linn alles und jeden trocken kommentiert, ist das einfach ein Genuss. Das Bedürfnis nach mehr kann einstweilig mit dem Erstling "Schöner morden" (2019) und dem Old-school-Folgefall "Taugenixen" (2020) gestillt werden, der – als Pluspunkt in Coronazeiten – an die Nordküste Spaniens entführt.

AVIVA-Tipp: "Gretchens Rache" ist ungewöhnliche Spannungsliteratur aus der von Isabel Rohner eigens erdachten Rubrik "feministischer Kicher-Krimi". Hier recherchiert ein schrulliges Frauen- und Freundinnenduo mit Humor und Hintersinn. Als goldener Faden ist in die Handlung eine kritisch-feministische Auseinandersetzung mit dem männerlastigen Literaturmarkt und frauenfeindlichen Feuilleton eingewoben. Angesiedelt hat die Autorin "Gretchens Rache" in der historischen Kulturlandschaft Brandenburgs und kulinarisch veredelt mit massenweise Spreewaldgurken. Die Aufklärung eines nahezu perfekten Mordes offenbart tiefe Abgründe … Kurzweilige Lektüre mit äußerst pfiffigen Dialogen, schrägen Figuren und literarischen Anspielungen, die einen zweiten, durchaus ernsthaften Blick lohnen.

Zur Autorin: Isabel Rohner, geboren 1979 in St. Gallen, studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik. Nach ihrer Promotion arbeitete sie an der Fern-Universität Hagen. Seit 2013 ist sie Fachreferentin für Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Wenn sie keine Krimis schreibt ("Schöner morden" von 2019 und "Taugenixen" von 2020), konzipiert sie politische Sachbücher wie "100 Jahre Frauenwahlrecht" (2017, Helmer), "50 Jahre Frauenstimmrecht - 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung" (herausgegeben zusammen mit der Journalistin Irène Schäppi, 2021, Limmat) oder Bände mit Zitaten berühmter Frauen. Einen besonderen Namen hat Isabel Rohner sich als Mitherausgeberin von Hedwig Dohms Gesamtwerk und Expertin für die Geschichte der Frauenbewegungen gemacht. Sie ist zudem Verfasserin der Dohm-Biografie "Spuren ins Jetzt" (Helmer) und steht als Teil des "Hedwig Dohm Trios" auf der Bühne, um die feministische Pionierin zu neuem Leben zu erwecken. Auch mit ihrem Podcast "Die Podcastin" verschafft sie sich Gehör (zusammen mit der Politphilosophin Regula Stämpfli). Isabel Rohner ist verheiratet und lebt in Berlin.

Isabel Rohner im Netz: www.isabelrohner.com und www.diepodcastin.de

Isabel Rohner
Gretchens Rache

Ulrike Helmer Verlag, Erscheinungstermin 03/2021
Paperback, 200 Seiten
ISBN ISBN 978-3-89741-451-8
Euro 13,00
Mehr zum Buch unter: www.ulrike-helmer-verlag.de

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1873 forderte Hedwig Dohm das Stimmrecht für Frauen und setzte sich in ihrem umfangreichen Gesamtwerk Zeit ihres Lebens für die politische, soziale und ökonomische Gleichstellung von Männern und Frauen ein: Brillante Texte, die bis heute nichts von ihrer Frische und Aktualität verloren haben. (2016)

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Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm - Eine Biografie von Isabel Rohner
Die Frauenrechtlerin, Journalistin, Autorin und Publizistin Hedwig Dohm (1831- 1919) hatte vier Geburtsurkunden, wurde an einem Dienstag geboren und war mit 17 Geschwistern in der Friedrichstraße 235 groß geworden. Pünktlich zum Hedwig-Dohm-Jahr 2011 erschien im November 2010 im Ulrike-Helmer-Verlag eine sachlich-kurzweilige Biografie der Jubilarin Hedwig Dohm, geborene Schlesinger. (2010)



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Beitrag vom 29.06.2021

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