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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 06.12.2016

Annelie Ramsbrock - Korrigierte K├Ârper. Eine Geschichte k├╝nstlicher Sch├Ânheit in der Moderne
Hai-Hsin Lu

"Sch├Ânheit", ein Konzept, das ungemein gesellschaftlichen Einfluss nimmt ÔÇô die Wissenschaftlerin dekodiert das mystifizierte Konzept, indem sie die Herausbildung von "Kosmetik" historisch betrachtet.



Wann wird ein Mensch als sch├Ân angesehen? Die unz├Ąhligen Werbeplakate, die flackernden Bildschirme und leuchtenden Anzeigen aus unserem Alltag scheinen eine direkte Antwort parat zu haben: Symmetrie, Jugend, Muskeldefinition und Gesundheit. Manchen f├Ąllt es leicht, diese ├╝berw├Ąltigende Bilderflut als "nat├╝rlich" abzutun, unseren Sinn f├╝r Sch├Ânheit als etwas g├Ąnzlich Evolutionsbiologisches. Doch ist es wirklich so einfach? Annelie Ramsbrock widmet sich im Rahmen ihres Werkes der Frage nach Sch├Ânheit, indem sie aus einer kultur-historischen Perspektive die Geschichte der modernen Kosmetik skizziert.

Die Suche nach dem "Normalzustand"

Sch├Ânheitschirurgie, korrektive Eingriffe, die Entfernung von Narben, das Auftragen von Puder und Rouge ÔÇô keine von den Praktiken, die in der heutigen Zeit an Allt├Ąglichkeit gewonnen haben, k├Ânnen au├čerhalb des Narrativs der Normierung betrachtet werden. Ramsbrock schreibt ├╝ber den Anspruch der Medizin, bzw. der Naturwissenschaften, den "Normalzustand" eines menschlichen K├Ârpers zu erfassen. Diese normative Vorstellung von Gesundheit war und ist ausschlaggebend f├╝r die Ausrichtung von Kosmetik.

Sch├Ânheitsideale als Produkt von Gesellschaft

Die Autorin l├Ąsst schon auf den ersten Seiten des Buches keinen Zweifel aufkommen: Sowohl medizinische Normen, als auch Sch├Ânheitsideale und die ihr angepassten kosmetischen Praxen, entstehen aus gesellschaftlichen Zusammenh├Ąngen. So schreibt Ramsbrock ├╝ber "korrigierte K├Ârper": "[ÔÇŽ] stellen zudem ein gesellschaftliches Ordnungssystem dar und geben Auskunft ├╝ber soziale, kulturelle und politische Werte."

Das Zusammenspiel zwischen gesellschaftlichen Normen und Aus├╝bung von medizinischer Wissenschaft hat die jeweiligen Sch├Ânheitsideale als Ergebnis. Ramsbrock konstatiert daher, dass die Feststellung eines sch├Ânen K├Ârpers nicht wirklich "Geschmackssache" sei, sondern viel mehr ein "Erkenntnisurteil".

Eine Wissensreise durch die Jahrhunderte

Chronologisch vorgehend beginnt die Autorin im 18. Jahrhundert, um die wissenschaftlichen Voraussetzungen der Kosmetik zu skizzieren. Die enge Verflechtung zwischen Sch├Ânheit und Gesundheitspflege markierte den Beginn des "kosmetischen Verwissenschaftlichungsprozesses", den Ramsbrock im darauffolgenden Kapitel beleuchtet. Hygiene galt als Leitbild der Kosmetik des 19. Jahrhunderts und das Wissen ├╝ber Reinlichkeit und Sch├Ânheit wurden durch Sch├Ânheitsratgeber popularisiert.

Ramsbrock stellt ohne Weiteres fest, dass diese Ratgeber gleichsam einer "Verhaltensanleitung" glichen, die Vorgaben zum idealtypischen Lebensstil auflisteten. Dies ist auch Frauen heutzutage nicht fremd ÔÇô gen├╝gend Magazine, Blogs und Werbeplakate geben vor, wie ein gesundes Leben auszusehen hat. Beispielsweise kann reine, glatte Haut und eine schlanke Figur als Indikator von sowohl Gesundheit als auch Sch├Ânheit fungieren. Beides ist in der Darstellung unabdingbar miteinander verflochten und voneinander abh├Ąngig.

"K├Ârper als Tr├Ąger sozialer Symbole"

Daraufhin wendet sich Ramsbrock der Entstehung der professionellen, medizinischen Kosmetik zu, die Eingriffe in den K├Ârper erm├Âglichten, die nicht mehr strikt im Namen der physischen Gesundheit geschahen. Mit der wachsenden M├Âglichkeit, Kosmetik zu konsumieren, verschoben sich auch die Grenzen des Akzeptablen: In den 1920er Jahren wurden beispielsweise "Entstellungen", das hei├čt, physische Makel, als ein soziales Problem der unteren Klassen identifiziert, das es mit "sozialer Kosmetik" zu beheben galt.

An dieser Stelle wird deutlicher denn je, dass Sch├Ânheit zutiefst mit Gesellschaft, Macht und Normierung verbunden ist und auf keinster Weise unver├Ąnderbaren Fakten unterliegt. Annelie Ramsbrock hat mit ihrem fundierten Werk unsere K├Ârper, die tagt├Ąglich "Korrekturen" erfahren, gesellschaftlich und kulturell eingebettet. Ihr gesch├Ąrfter Blick auf die historische Entstehung von Kosmetik und den daraus folgenden sozialen Implikationen gibt dem Buch kritische Tiefe, die auf den Werbeplakaten und Magazinumschl├Ągen so sehr fehlen.

AVIVA-Tipp: Annelie Ramsbrock meistert die klischeefreie Erz├Ąhlung von Sch├Ânheitsidealen und Kosmetik und verliert zu keinem Moment ihr kritisches, gesellschaftanalytisches Objektiv aus den Augen.

Zur Autorin: Annelie Ramsbrock studierte Geschichte, Germanistik, Evangelische Theologie und Kunstgeschichte an der Universit├Ąt Bielefeld und der Johns Hopkins University. Sie promovierte an der Freien Universit├Ąt Berin in Neuerer Geschichte und lehrt seit 2013 am Institut f├╝r Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universit├Ąt Berlin als Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seit 2009 ist sie Mitarbeiterin am Zentrum f├╝r Zeithistorische Forschung Potsdam, wo sie u.a. das Projekt "Geschlossene Gesellschaft. Eine Geschichte der Resozialisierung in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1990)" mitgestaltete. Ihre Forschungsschwerpunkte beinhalten die Kultur- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, K├Ârper- und Wissenschaftsgeschichte. "Korrigierte K├Ârper" erschien 2015 in Englischer ├ťbersetzung beim Verlag Palgrave-Macmillan unter dem Titel "The Science of Beauty. Culture and Cosmetics in Modern Germany, 1750-1930ÔÇŁ. Ebenfalls im Wallstein Verlag von Annelie Ramsbrock erschienen ist das Buch "Fotografien im 20. Jahrhundert. Verbreitung und Vermittlung".
Weitere Informationen zur Autorin unter: www.zzf-pdm.de

Annelie Ramsbrock
Korrigierte K├Ârper. Eine Geschichte k├╝nstlicher Sch├Ânheit in der Moderne

Wallstein Verlag, erschienen 2011
Hardcover, 309 Seiten, 29 Abbildungen
ISBN 978-3-8353-0833-6
29,90 Euro
www.wallstein-verlag.de

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Literatur > Sachbuch Beitrag vom 06.12.2016 AVIVA-Redaktion 





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