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AVIVA-BERLIN.de im September 2019 - Beitrag vom 13.03.2019


Jagoda Marinić - SHEROES. Neue Held*innen braucht das Land
Anita Oberlin

Die Journalistin, Roman- und Theaterautorin Jagoda Marinić fordert in ihrem am 6. März 2019 erschienenen Buch zum Gespräch über Rollenbilder und Macht auf. Anstoß zu ihren Überlegungen gab der nach eigener Aussage "USA-affinen" Autorin die #MeToo-Debatte, deren Schlagkraft sie in Deutschland vermisst. Ein Appell zum Austausch zwischen den Geschlechtern.



Einen Tag vor dem Weltfrauentag, am 7. März, spricht Jagoda Marinić mit dem Bundesvorsitzenden der Grünen, Robert Habeck im Maschinenhaus der Berliner Kulturbrauerei über ihr Buch. Warum sie kein Binnen-I im Buch verwenden würde und das Gendersternchen nur im Titel, will der Politiker wissen. Als Schriftstellerin möchte sie sich diese Freiheit nehmen, sie verwende mal das Maskulinum und mal das Femininum, erwidert Jagoda Marinić. An die Macht der Zeichen glaubt sie jedoch schon: den 8. März als gesetzlichen Feiertag begrüßt sie: "wir brauchen mehr Symbolpolitik".

Jagoda Marinić Lesung Kulturbrauerei März 2019
© Anita Oberlin, AVIVA-Berlin. Jagoda Marinić während ihrer Lesung in der Kulturbrauerei im März 2019


"SHEROES" steht auf dem knalligen Buchumschlag. Die vier grafischen Portraits der Grafikdesignerin Simone Andjelkovic erinnern an Andy Warhols Minimal Art, im Stile des Color Field Painting bestehen die Gesichter aus reinen Farbflächen, ihnen fehlen Augen und Nase - gibt es die "Sheroes" vielleicht noch gar nicht?

Eine weitere Frage stellt sich Jagoda Marinić, die Theaterautorin und Essayistin, gleich im Vorwort: "Warum hat Feminismus so lange keine Rolle gespielt in meinem Reden und Denken?" Vor allem mit dem deutschen Feminismus habe sie nichts anfangen können, er habe sie "nicht abgeholt". Im Verlauf des Buchs klingt das dann anders: feministische Debatten wie #MeToo und die Gleichberechtigung überhaupt beschäftigen Jagoda Marinić nämlich doch. In "SHEROES" lässt sie die Leserin an ihren Überlegungen dazu teilhaben.

Auf der Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung

Jagoda Marinićs Eltern kamen aus Kroatien nach Deutschland. In Heidelberg studierte sie Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik. Es folgen Stationen in den USA, Kanada und Rumänien, Split und Zagreb. Dann Berlin und inzwischen wieder Heidelberg – die Schriftstellerin erkundet, wie auch ihre Romanfiguren, die Freiheit. Die Charaktere in ihren Romanen ("Restaurant Dalmatia" oder "Russische Bücher") bewegen sich zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, suchen nach ihrer Verortung in der Welt. In ihrem Band "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?" hinterfragt sie den deutschen Integrationsdiskurs der vergangenen Jahrzehnte und fordert ein neues Identitätskonzept, das alle im Land lebenden Menschen unabhängig ihrer Herkunft zusammenhält. Jagoda Marinić engagiert sich für Integrationsthemen und leitet das "Interkulturelle Zentrum" in Heidelberg.

Und wer sind jetzt die "Sheroes"? Mit der Hinwendung zu feministischen Themen erschließt sich die Autorin ein für sie neues Gebiet - aber auch hier geht es um die Ambivalenz zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. "Sheroes, das sind Heldinnen, die einen Kampf hinter sich haben. Für sich oder für andere. Jene, die sich etwas zu nehmen wussten, von dem andere dachten, dass es ihnen nicht zustünde." Sheroes sind die, die "werden die sie sind", und zwar trotz aller Widrigkeiten. Das Heldinnenhafte ist vor allem die Stärke, "einen Prozess zuzulassen". In Marinićs Argumentation handelt es sich bei diesem heldinnenhaften Prozess um das Reden und die Notwendigkeit, die eigene Geschichte zu erzählen. Vor dem Hintergrund der #MeToo-Debatte sind das zahlreiche "Sheroes". Frauen, die das Wort ergriffen haben und für sich selbst und andere eintreten. Zu ihnen gehört die Aktivistin und ehemalige Schauspielerin Rose McGowan: In ihrem 2018 veröffentlichten feministischen Manifest "MUTIG - How to be brave" und als Initiatorin der Online-Plattform ROSEARMY.

Ein Weg zur Gleichberechtigung im Privaten: Empathie und Selbstentfaltung

Marinić betont vor allem die Bedeutung des Dialogs zwischen den Geschlechtern. Dabei greift sie auch auf Analysen von Arno Gruen zurück. Der Psychoanalytiker, Neurologe und Therapeut arbeitete Empathie als Schlüssel für ein gleichberechtigtes Zusammenleben ohne Gewalt heraus.

Jagoda Marinić und Robert Habeck auf dem Podium im Maschinenhaus der Kulturbrauerei
© Anita Oberlin, AVIVA-Berlin. Jagoda Marinić und Robert Habeck auf dem Podium im Maschinenhaus der Kulturbrauerei


Mangelnder Empathie mit persönlichen Erzählungen beizukommen, ist eine respektable Forderung einer Schriftstellerin. Um gegen das Fortbestehen von Geschlechter-Ungleichheit und strukturellem Machtmissbrauch vorzugehen, bedarf es jedoch auch der Unterstützung seitens der Gesetzgebung. Der Grünen-Politiker Habeck liest konkrete politische Forderungen wie die Frauenquote oder Elternzeit für Männer aus "SHEROES" heraus. Im Gespräch mit Marinić auf dem Podium stellt er fest: "Trotzdem biegst du anders ab". Darauf die Autorin: "Ja, ich versuche das alles zu vermeiden." Zwar sei sie für einen Strukturwandel, erklärt aber weiter: "mein Weg ist ein individueller".

Warum brauchen wir Sheroes? "Weil jeder Mensch auch Vorbilder braucht, ein Außen, dem das Innere nachwachsen kann."

Die Autorin, die in ihrem Roman "Restaurant Dalmatia" herausarbeitet, wie fragil und widersprüchlich der Traum vom besseren Leben ist und deshalb nur die Erzählung der eigenen Geschichte aufrichtig sein kann, vermag es, in kurzen Sätzen viel zu vermitteln. Einwürfe von Debatten und Erwähnungen prominenter Namen machen das Lesen kurzweilig, nach nahezu jedem der prägnanten Statements könnte die Leserin das Buch absetzen und eigene Fragen, Gedanken oder Proteste einwerfen. Es scheint ganz so, als würde Marinićs Ansinnen Früchte tragen: die Leserin bekommt Lust, zu reden.

Nicht nur die Leserin wird durch die Reflexionen in "SHEROES" angeregt, zu diskutieren und sich selbst zu hinterfragen. Auch Marinić tut das: nachdem sie feministische Themen zwanzig Jahre lang umschifft habe, macht sie sich nun doch noch ausgiebig Gedanken. In einem Abschnitt erläutert sie ihre anfänglich skeptische Haltung zu #MeToo, um dann die eigene Position zu überdenken und zu revidieren. Hier wird sie ihrer Definition einer "Shero" gerecht, die mutig genug ist, einen Prozess zu durchlaufen und "die zu werden, die sie ist". An dieser Stelle erwähnt sie passenderweise "Becoming", die Memoiren von Michelle Obama: in Marinićs Augen auch eine Heldin.

Vorbild USA: US-amerikanische Sheroes

Dass es in "SHEROES" recht amerikanisch vor sich geht, lässt bereits die Umschlaggestaltung erahnen: auffällige Pop Art. Im Buch selbst fallen bekannte Namen wie Uma Thurman oder Beyoncé. Frauen, die im Zuge von #MeToo ihre Stimme gegen Missbrauch erhoben haben und ihre eigene Geschichte erzählt haben. Keine Alltagsheldinnen, sondern Celebrities, die aber, wie Jagoda Marinić sagt, "Bilder senden". Deutschland hingegen würde laut der Autorin "zu wenig aus der #MeToo-Debatte machen". Stattdessen sei ihrer Meinung nach eine Anklage zu oft gleichbedeutend mit dem Verharren in der Opferrolle. Dem setzt die Autorin, die in den USA und Kanada gelebt hat, die angelsächsische Tradition des "i confess" entgegen. Was ihr daran wichtig ist: "Dieses ´ich´ ist kein Argument, es ist der Beginn einer Geschichte". Es stimmt, nach Selbstermächtigung zu streben ist nichts, wodurch einer hierzulande automatisch Anerkennung zuteilwird.

"SHEROES" ist der persönliche Appell der Autorin, die gesellschaftliche Debatte über #MeToo nicht im Sande verlaufen zu lassen, sondern weiterzuführen: auch und vor allem im Privaten. Jagoda Marinić scheut sich nicht davor, sich von Held*innenverehrung, wie sie in den USA betrieben wird und in Deutschland gerne belächelt wird, inspirieren zu lassen. Im Anhang gibt die Autorin den LeserInnen noch fünfzig Fragen mit, Nummer fünfzig ist eine Hoffnungsvolle: "Würden Sie dem Satz zustimmen: Es gibt keine bessere Zeit, zu lieben und geliebt zu werden?"

Jagoda Marinić Lesung Kulturbrauerei im März 2019
© AVIVA-Berlin, Anita Oberlin. Jagoda Marinić während ihrer Lesung in der Kulturbrauerei


Die US-amerikanische Debattenkultur als Orientierung vorzuschlagen, mag plakativ klingen. Zum privaten und öffentlichen Gespräch zu animieren, um Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und deren Folgen in das alltägliche Bewusstsein aller Menschen zu rücken, liefert es jedoch eine durchweg positive Botschaft.

AVIVA-Tipp: Der Aufruf zum Reden über Rollenbilder und Macht ist richtig, auch wenn Jagoda Marinić vielleicht etwas zu sehr auf die Symbolkraft von Debatten und Namen aus dem US-amerikanischen Glamour vertraut. Jagoda Marinić, die in ihren bisherigen Werken selbst Geschichten erzählt hat, fordert in "SHEROES" ihr Publikum dazu auf, auch zu erzählen. Auch ohne harte politische Forderungen ist "SHEROES" eine inspirierende Lektüre.

Zur Autorin: Jagoda Marinić wurde 1977 im schwäbischen Waiblingen geboren und studierte Germanistik, Anglistik und Politikwissenschaften. Als deutsch-kroatische Schriftstellerin, Journalistin und Theaterautorin schreibt sie nicht nur, sondern engagiert sich auch politisch für das Thema Immigration und Integration. Nach ihren Erzählbänden "Russische Bücher" (2001) und "Eigentlich ein Heiratsantrag" (2005), erschien 2006 ihr für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominierter Debutroman "Die Namenlose" und 2013 sowohl ihre "Gebrauchsanweisung für Kroatien" als auch der Roman "Restaurant Dalmatia".
Seit 2012 leitet Jagoda Marinić das "Interkulturelle Zentrum" in Heidelberg. Als Auftakt der 3. Nürnberger Integrationskonferenz 2013 hielt sie die Rede "Was ist deutsch in Deutschland?" Die Rede ist online unter: www.youtube.com. 2016 erschien ihr Band "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?"
Nach Aufenthalten in den USA, Kanada, Rumänien, Zagreb, Split, New York und Berlin lebt und arbeitet Jagoda Marinić zur Zeit in Heidelberg.
Weitere Informationen über die Autorin: www.jagodamarinic.de

Jagoda Marinić
SHEROES. Neue Held*innen braucht das Land

S. Fischer Verlag, erschienen 6. März 2019
128 Seiten, gebunden
Umschlaggestaltung von Simone Andjelković
12 Euro
ISBN: 978-3-10-397453-9
Mehr zum Buch unter: www.fischerverlage.de
Lesungstermine unter: www.fischerverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jagoda Marinić – "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?"
Jagoda Marinić hinterfragt den deutschen Integrationsdiskurs der vergangenen Jahrzehnte und fordert ein neues Identitätskonzept, das alle im Land lebenden Menschen unabhängig ihrer Herkunft zusammenhält. (2016)

Jagoda Marinić – "Restaurant Dalmatia"
Feinfühlig wird die Verbunden- und Zerrissenheit einer sogenannten Gastarbeiterfamilie aus Ex-Jugoslawien in Berlin portraitiert, scheinbar im Vorbeigehen erzählt die Autorin dabei die Geschichte Europas der letzten zwei Jahrhunderte. (2014)

"Jagoda Marinić – "Russische Bücher"
In den drei Erzählungen geht es um Verlust, den Verlust von PartnerInnen, FreundInnen und Eltern. Die Schwierigkeit, Beziehungen aufzubauen und das eigene Leben zu meistern. (2005)

Mackenzi Lee – "Kick-Ass Women. 52 wahre Heldinnen"
Ob sie nun Heldinnen sind oder nicht, die Historikerin Mackenzi Lee wirft einen Blick auf die Geschichte von Frauen und stellt uns dabei zahlreiche eher unbekannte Frauen vor. In Kurzbiografien lernt die Leserin viel über die unterschiedlichsten Lebenssituationen von Frauen in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten. (2019)

The Future is female! Was Frauen über Feminismus denken. Herausgegeben von Scarlett Curtis
Was ist Feminismus? Und was heißt es, Feministin zu sein? Diese Fragen insbesondere jüngeren Frauen näher zu bringen, ist das erklärte Ziel der Herausgeberin Scarlett Curtis. In ihrem Buch "The Future is female!" versammelt sie Beiträge von – in erster Linie im englischen und amerikanischen Raum – bekannten Frauen. Die deutsche Ausgabe ist zwar punktuell um weitere Beiträge ergänzt, wirkt jedoch in Aufmachung, Übersetzung und Stil leider arg amerikanisch. (2018)

Sagte sie - 17 Erzählungen über Sex und Macht. Herausgegeben von Lina Muzur
Der vielschichtige Sammelband von Lina Muzur, stellvertretende Verlagsleiterin von Hanser Berlin und Teil des Redaktionskollektivs 10nach8 bei Zeit Online, zur #metoo-Debatte enthält Erzählungen von 17 zeitgenössischen Autorinnen von Nora Gomringer, Margarete Stokowski bis Helene Hegemann. (2018)

Angela Koch – Ir/reversible Bilder. Zur Visualisierung und Medialisierung von sexueller Gewalt
Wie wird sexuelle Gewalt medial dargestellt? Die Autorin, Professorin am Institut für Medien, Abteilung Medienkultur- und Kunsttheorien an der Kunstuniversität in Linz, widmet sich dem zutiefst verstörenden Thema anhand von Filmen wie "The Accused", die sie kulturhistorisch kontextualisiert. (2016)



Literatur > Sachbuch Beitrag vom 13.03.2019 AVIVA-Redaktion 





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