Mariëtte Boon / Liesbeth van Rossum: Fett - Das geheime Organ. Körperfett verstehen, gesund und schlank leben - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im April 2021 - Beitrag vom 27.03.2021


Mariëtte Boon / Liesbeth van Rossum: Fett - Das geheime Organ. Körperfett verstehen, gesund und schlank leben
Silvy Pommerenke

Lunge, Herz und Haut sind Organe. Aber Fett? Ja, auch Fett ist ein menschliches Organ, und hat lebenswichtige Funktionen. Die beiden Medizinerinnen Mariëtte Boon und Liesbeth van Rossum erläutern Sinn und Zweck von Fett, indem sie nicht nur Grundlagenwissen vermitteln, sondern ihm - den meisten Menschen ungeliebten Körperanhängsel - zu einem positiven Image verhelfen.




Das Sachbuch, das auch ohne spezifischen naturwissenschaftlichen oder medizinischen Hintergrund verständlich dargestellt ist, beginnt mit der medizinhistorischen Geschichte des Fetts, anhand von medizinischen und gesellschaftlichen Aspekten. Während in früheren Jahrhunderten oder Jahrtausenden wohlgenährte Menschen als Ideal galten, ist der Trend in den letzten Jahrzehnten gegenläufig geworden. Die medizinische Erforschung des Fettes als Speicherorgan und Hormonfabrik setzt mehr oder weniger mit den ersten Mikroskopen ein, wodurch die Fettzellen in ihren einzelnen Bestandteilen analysiert werden konnten. Das Beziehungsgeflecht des Körpers ist vielschichtig und alles hängt mit allem zusammen.

Die beiden Medizinerinnen weisen immer wieder darauf hin, dass übergewichtige oder adipöse Menschen nicht unbedingt undisziplinierte Esser*innen sind, sondern dass hier vielfach Störungen im Körperhaushalt vorliegen können, u.a. auf genetischer Ebene. Aber auch der Hypothalamus spielt eine wichtige Rolle bei der Ernährung, denn er ist für das Hunger- bzw. Sättigungsgefühl zuständig. Wenn hier eine Störung vorliegt, dann hilft die größte Disziplin nicht, um dem Körper nur die notwendige Nahrungsmenge zuzuführen. Hormone spielen bei der Ernährung ebenfalls eine große Rolle. Diese werden unter anderem im Körperfett produziert, wie beispielsweise das Leptin.
Es geht bei diesem Sachbuch also nicht nur um Fett, sondern allgemein um die Ernährung, und die vielfachen Einflüsse, die durch Hormone, Gene, Stress, die Psyche, Schlafmangel oder die biologische Uhr bedingt, auf unseren Körper auswirken. Die beiden niederländischen Ärztinnen erklären in anschaulicher Weise, wie die einzelnen Bausteine in unserem Körper zusammenspielen, und somit - im günstigsten Fall - die Homöostase herstellen, also das körperliche Gleichgewicht. Es ist ein Zusammenspiel zwischen den einzelnen Organen, dem Stoffwechsel, den Hormonen und dem Gehirn, das sehr fein justiert ist und eine faszinierende Wirkung in unserem Körper auslöst.

Mariëtte Boon und Liesbeth van Rossum berichten von Patient*innen, bei denen dieses Gleichgewicht durcheinander geraten ist und zu Adipositas (starkes Übergewicht, bei dem der BMI über 30 liegt), Diabetes und anderen Krankheiten geführt hat, und welche Behandlungsmethoden bei ihnen erfolgreich waren. Sie berichten außerdem von Patient*innen mit unerklärlicher Gewichtszunahme, der sie auf den Grund gegangen sind. Dort wurde beispielsweise eine Kortikoid-Behandlung vorgenommen, die Auswirkungen auf die Nieren hatte, was wiederum Auswirkungen auf den Gewichtsverlauf hatte. Oder aber bei der Einnahme von Antidepressiva, neuropathischen Schmerzmitteln, Antihistaminika oder Neuroleptika, die in vielen Fällen den Leptin- und Ghrelin-Spiegel beeinflussen, die Hormone, die für das Hunger- und Sättigungsgefühl verantwortlich sind. Somit häufig auch zu Übergewicht führen.

Bei allem wird deutlich, wie wichtig es ist, das körpereigene Gleichgewicht in der Waage zu halten. Und es wird ebenfalls deutlich, dass wir durch die richtige Ernährungsweise und körperliche Betätigung zwar Einfluss darauf nehmen können, aber dass es eben auch physische und psychische Erkrankungen gibt, bei denen nur Ärzt*innen helfen können. Außerdem wird deutlich, dass Bodyshaming ein Vorurteil ist, das den betroffenen Menschen auf gar keinen Fall gerecht wird. Die beiden Autorinnen fassen das folgendermaßen zusammen: "Wichtig ist auch, ein Verständnis für das Übergewicht der anderen zu entwickeln. Es wäre schön, wenn wir adipöse Menschen aufgrund ihres Übergewichts nicht mehr vorschnell verurteilen würden, sondern versuchen würden, mit Ihnen gemeinsam durch dick und dünn zu gehen."
Um diese geballten Informationen leichter verdauen zu können, finden sich zu den jeweiligen Kapiteln Infokästen, die eine kurze Zusammenfassung und Zuspitzung beinhalten. Zum schnellen Nachschlagen ist zudem ein Sachregister angefügt, und zusätzlich noch ein Glossar mit den wichtigsten Fremdwörtern und umfangreichen Quellennachweisen angehängt.

AVIVA-Tipp: Das Buch hilft, den eigenen Körper besser zu verstehen, und ist für alle gedacht, die sich mit Ernährung auseinandersetzen und einen bewussten Lebensstil führen oder führen möchten. Die beiden Medizinerinnen gehen voll in ihrer Thematik auf, und bringen diese Begeisterung für das Organ Fett der Leser*in in anschaulicher Art und Weise rüber, ohne dass medizinische Vorkenntnisse nötig wären.

Zur Autorin: Mariëtte Boon: geboren 1988, studierte Medizin und Biomedizin und promovierte 2014 cum laude an der Universität Leiden zum Thema "Braunes Fett" und erhielt u.a. 2016 den Heineken Young Scientists Award für Medizin. Derzeit kombiniert sie ihre Forschung mit einer klinischen Ausbildung zur Spezialisierung auf Innere Medizin im Medizinischen Zentrum der Leids Universität.
Mariëtte Boon im Netz: www.einthovenlaboratory.com

Zur Autorin: Liesbeth van Rossum: geboren 1975, ist Professorin sowie Internistin und Endokrinologin am Erasmus University Medical Center in Rotterdam. Nach ihrer Forschung auf dem Gebiet der Adipositas in Baltimore in den USA legte sie im Jahr 2000 eine medizinische Prüfung (cum laude) an der Erasmus-Universität Rotterdam ab und promovierte 2005 während ihrer Ausbildung zur Internistin (cum laude) auf dem Gebiet der Adipositas Kortikosteroide, Fettleibigkeit und andere stressbedingte Krankheiten. Sie erhielt verschiedene Forschungsstipendien (einschließlich Veni- und Vidi-Stipendien) und (internationale) Preise für ihre Forschung. Sie ist Mitbegründerin des "Zentrums für gesundes Gewicht", an dem die Ursachen von Fettleibigkeit untersucht und individuelle Behandlungen ausgearbeitet werden. Zudem übt sie verschiedene (inter)nationale Verwaltungspositionen aus, darunter bei der Dutch Endocrinology Association, dem STRESS-NL Board, dem National Adipositas Guideline Committee und sie wurde zum Mitglied der Young Academy der KNAW ernannt.
Liesbeth van Rossum im Netz: Auf www.linkedin.com/in/liesbeth-van-rossum

Mariëtte Boon / Liesbeth van Rossum
Fett - Das geheime Organ - Körperfett verstehen, gesund und schlank leben

Heyne Verlag, Erscheinungstermin 02/2021
Originaltitel: VET belangrijk
Übersetzerin: Annette Löffelholz
Klappenbroschur, 304 Seiten
ISBN 978-3453207356
Euro 18,00
Mehr zum Buch unter: www.penguinrandomhouse.de

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Magda Albrecht - Fa(t)shonista. Rund und glücklich durchs Leben
"Mein Fett ist politisch" bringt es die Aktivistin, Journalistin und Bloggerin auf den Punkt. Im Blog "Mädchenmannschaft" meldet sie sich scharfzüngig und klar zu Fatshaming und fetter Selbstbestimmung zu Wort, hält Vorträge und gibt Workshops zu Queer-Feminismus und Körpernormen. Für AVIVA-Berlin hat sie 2015 die Studie bzw. das Buch von Eva Barlösius – "Dicksein. Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt" rezensiert. Jetzt durchleuchtet sie in ihrem Buch neben eigenen Erfahrungen auch Diätmythen, Gesundheitszwänge und Modewüsten, die den Alltag von Dicken verdüstern und bietet fette Lebenslust als Gegenrezept. (2018)

Annelie Ramsbrock - Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne
"Schönheit", ein Konzept, das ungemein gesellschaftlichen Einfluss nimmt – die Wissenschaftlerin dekodiert das mystifizierte Konzept, indem sie die Herausbildung von "Kosmetik" historisch betrachtet. (2016)

Eva Barlösius - Dicksein. Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt
Ein Gastbeitrag von Magda Albrecht, Aktivistin und politische Bildnerin, die sich freut, dass für diese Studie endlich mal "mit" dicken Jugendlichen gesprochen wird – anstatt nur über sie. (2015)

Wir Schönheits-Junkies. Von Christiane Zschirnt
Drei Jahrzehnte nach der Frauenbewegung lastet der Schönheitszwang auf Frauen stärker als je zuvor. Die Autorin analysiert das Konzept der Schönheit und plädiert für eine ´gelassene Weiblichkeit´! (2008)

Jessica Weiner - Sehe ich dick darin aus
"Dein Leben beginnt nicht erst, wenn du fünf Pfund weniger wiegst" – so der Untertitel zu dem hilfreichen und informativen Ratgeber der amerikanischen Expertin für das weibliche Selbstwertgefühl. (2008)

Bodytalk - Der riskante Kult um Körper und Schönheit
Für das Selbstwertgefühl wird heute investiert und riskiert. Andrea Hauner und Elke Reichart geben eine Bestandaufnahme der Situation und weisen Wege durch das Labyrinth der Körperinszenierung. (2005)


Literatur > Sachbuch

Beitrag vom 27.03.2021

Silvy Pommerenke 






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