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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 07.02.2018

Magda Albrecht - Fa(t)shonista. Rund und glücklich durchs Leben
Ahima Beerlage

"Mein Fett ist politisch" bringt es die Aktivistin, Journalistin und Bloggerin auf den Punkt. Im Blog "Mädchenmannschaft" meldet sie sich scharfzüngig und klar zu Fatshaming und fetter Selbstbestimmung zu Wort, hält Vorträge und gibt Workshops zu Queer-Feminismus und Körpernormen. Für AVIVA-Berlin hat sie 2015 die Studie bzw. das Buch von Eva Barlösius – "Dicksein. Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt" rezensiert. Jetzt durchleuchtet sie in ihrem Buch neben eigenen Erfahrungen auch Diätmythen, Gesundheitszwänge und Modewüsten, die den Alltag von Dicken verdüstern und bietet fette Lebenslust als Gegenrezept.



Ach du dickes Kind

´Fall nicht runter, sonst gibt es einen Fettfleck´ musste ich mir anhören, als ich im Sportunterricht eine Treppe hinaufgeklettert bin. Ich war 10 und kugelrund. Bis heute hat sich diese kleine Nebenbemerkung bei mir eingebrannt und damals dazu animiert, eine Sportkarriere zu starten. Ähnliche Erfahrungen hat Magda Albrecht als Kind gemacht. Darüber berichtet sie in ihrem ersten Kapitel "Das dicke Erwachen". Schon als Mädchen mag sie sich nicht gern im Spiegel betrachten. "Ich lebte so sehr in der Traumvorstellung eines schlanken Ichs, dass ich manchmal völlig vergaß, im Hier und Jetzt zu leben."

Wie so viele Mädchen, versucht sie, sich dem Schönheitsideal "schlank" anzupassen und probiert diverse Diäten aus – mit großen Gewichtsschwankungen. Doch was ist überhaupt dick? Gibt es Masse und Gewichte? Magda Albrecht folgt eher der Definition der Psychotherapeutin und Autorin Dr. Charlotte Cooper, die Erfahrungen, die Menschen machen, zum Indikator erklärt. Denn "Ob man dünn, dick oder fett wahrgenommen wird, kann sich je nach Religion, Klassenzugehörigkeit, Kultur oder Generation unterscheiden. Und die eigenen Erfahrungen haben maßgeblich mit der Umwelt zu tun, in der man aufwächst, sie beeinflussen den Blick auf den eigenen und auf andere Körper."

Und zu diesen Erfahrungen gehören physische und psychische Erlebnisse. Mal ist der Sitz im Flugzeug zu eng, mal wird Dicke_r für faul, phlegmatisch und willensarm gehalten. Das dicke Kind sitzt bei der Auswahl der Mitspielenden bis zuletzt auf der Bank, in der Beliebtheitsskala landet es auf den hinteren Plätzen. Das dicke Kind und die dicken Pubertierenden nehmen sich die Beschimpfungen und Herabsetzungen zu Herzen, versuchen ihrem dicken Dasein zu entfliehen, willigen ein in Kuren und Diäten. Sie meiden Schwimmbäder und Klassenfahrten. Es entsteht ein Konkurrenzproblem zwischen den vermeintlich schönen Schlanken und den Dicken.

Albrecht gibt zu: "Es sollte noch einige Jahre dauern, bis ich kapierte, dass die anderen Mädchen – weder die Schönen noch die Hungernden – nicht wirklich das Problem sind. Die Probleme sind: Schlankheitsnormen und Schönheitsideale. Doch Magda Albrecht lässt sich nicht unterkriegen. Es drängt sie ins Rampenlicht. Sie will auf die Bühne. Mit vierzehn gründet Albrecht mit anderen Mädchen die Band "Totally Stressed", der sie viele Jahre treu bleibt. Doch so leicht steht es sich nicht als dickes Mädchen auf der Bühne, denn Stimmvolumen und eingezogener Bauch, um nicht zu fett rüberzukommen, vertragen sich nicht. Im Musikbusiness werden sie als Mädchenband von den Macho-Technikern nicht ernst genommen.

que(e)rgestreift und sexy

Erst als sie die Mode für sich entdeckt, erwacht ihr Kampfgeist. In den Klamottenläden und Kaufhäusern gibt es nur wenig Auswahl in großen Größen – und die Kriterien sehen weniger nach Mode aus als nach "Tschuldigung-ich-bin-fett": gedeckt, zeltartig, erdfarben und Tarnkappe. Diesem Dasein als graue, dicke Maus hat sie schon bald den Krieg erklärt. Sie durchforstet das Netz und findet – Fatshionistas, die stolz und sexy auf Instagram posieren, bunte Mode an üppigen Körpern zeigen. Magda Albrecht ist begeistert. "´Fatshion´ ist ein Begriff, der die englischen Worte ´Fat´ (zu Deutsch "dick" und "fett") und Fashion (also: "Mode") kombiniert und etwas zusammenbringt, was nicht alle für logisch halten: dicke Körper und schöne Kleidung!"

Fatshionistas scheren sich einen feuchten Kehricht um die Modetabus für Dicke. Sie tragen große Muster, quergestreift, bunte Farben und enganliegende Kleider. Sie zeigen Oberschenkel und Oberarme. Selbst für die Autorin ist es nicht immer leicht, diesen neuen Mut zu Schönheits-Markte zu tragen. Erfahrungen und Verletzungen haben ihr Selbstbild geprägt. Zwar streitet sie ab, dass es eine eigene dicke Identität gibt, dennoch schreibt sie, "ich bin mutig und behaupte, dass Dicksein oder die Angst, dick zu werden, das eigene Erleben verändert oder zumindest beeinflussen kann."

Rohes Fleisch und Radieschen - Essgewohnheiten

Wie sehr unsere Gesellschaft durch den Körperkult vom schlanken Menschen geprägt ist, entlarvt Albrecht, wenn sie Tischgespräche wiedergibt, in der sich alle in der Runde gegenseitig reglementieren, wenn es um das geht, was auf dem Teller landen darf. Doch woher kommt diese Dominanz des Themas? Albrecht folgt den Spuren aus Gesundheitsmythen und Diäten durch Epochen, Gesellschaftsschichten und Medizin und stellt fest, "Geschichtlich gesehen, herrschten in den verschiedenen Epochen teils sich wiedersprechende Körper- und Gesundheitsideale, die aus heutiger Sicht mal mehr für Lust und mal mehr für Verzicht standen." Sie erläutert, dass die individuellen Bedürfnisse nichts mit normierten Diätplänen zu tun haben. Im Gegenteil. Hilft die eine Diät der einen Person, ist diese für andere durch Allergien oder andere Umstände unverträglich. Auch religiös geprägte Weltbilder – mal Lust am Genuss, mal Askese – beeinflussen das Körperideal.

Heute attestiert die Autorin manchen Menschen ein fast religiöses Verhältnis zu Nahrung und Ernährung. Ob Veganismus aus Tierliebe oder gesunde Lebensmittel als Lebensverlängerung – da sind starke Überzeugungen am Werk. Ganze Industrien leben vom Diktat der Gesundheit durch Ernährung, fit mit wenig Fett, Smoothies und Shakes. Falsches Essen wird für fast jede Krankheit verantwortlich gemacht. Stress, ungesunde Jobs und andere Faktoren scheinen kaum ins Gewicht zu fallen.
Genussvolles Essen und Gesundheit scheinen in zwei verschiedenen Welten zu leben. Magda Albrecht bestreitet das vehement. Sie sieht eher diese Einschätzungen als kapitalistischen Mechanismus, um medizinische Eingriffe, Medikamente und Diätprodukte absetzen zu können. Mit vermeintlich wissenschaftlichen Untermauerungen werden Körpermaße verkündet, die nur durch Chirurgie, Diät oder Tabletten erreicht werden können. Dabei werden dicke Menschen nicht von ihrem Fett gekillt, sondern von Nebenwirkungen der Crash-Diäten oder Komplikationen nach Magenverkleinerungen. Ein ganzer Markt stellt sich gegen Dicke auf. Werbung verkauft dünne Lebensfreude, Führungskräfte weigern sich, dicke Menschen einzustellen, Dicken wird der Beamt_innenstatus verweigert. Dicksein wird mit Willensschwäche und sozialen Defiziten gleichgesetzt, im TV kommen Dicke als dumme Krawall-Prolet_innen vor. Dicke Serien- und Filmfiguren sind lustig, dämlich und verfressen.

Gewichtiges Glück

Magda Albrecht malt aber kein düsteres Bild vom dicken Leben. Sie ruft vielmehr zu Lebensfreude, Genuss und Widerstand auf. Sie ermuntert die Lesenden, sich von Normen zu befreien und selbst auf die Suche nach dem Glück zu machen.
Nicht nur die Ratschläge sind in diesem Buch ein Genuss. Magda Albrecht ist durch und durch eine Genießerin. Sie beschreibt kulinarische Genüsse in den schönsten Farben, sie beleuchtet sich selbst mit Ironie und Humor. Ihr Schreibstil ist lässig, lustig und klug. Und ganz nebenbei lernen die Leser_innen alles, was nötig ist, um Schlankheitswahn zu durchschauen, Dicken den Rücken zu stärken und sich frei zu machen von Körperbildern, die nur einer ganzen Diätindustrie und -medizin dienen.

AVIVA-Tipp: Auch wenn der Untertitel des Buches Rund und glücklich durchs Leben eher an Lebensratgeber einer Fernsehmoderatorin erinnert, ist Magda Albrecht mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen. Unterhaltsam und kritisch durchleuchtet sie die Situation von dicken Menschen von der Kindheit bis ins Alter. Sie stellt uns wandelnde Körperbilder durch die Geschichte vor und deckt kapitalistische Marktmechanismen rund um den Schlankheitswahn auf. Ungewöhnlich mutig gibt sie dabei Einblicke in ihre eigenen Krisen und Korruptionen rund um dieses Thema. Sie schwelgt in kulinarischen Genüssen, schwärmt von Buttercreme, dass auf "schlank und gesund" abgerichtete Lesende es fast obszön finden könnten. Das Buch ist aufschlussreich, genussvoll und wunderbar geschrieben. In jeder Hinsicht ein Lichtblick zum Thema.

Zur Autorin: Magda Albrecht wurde 1986 in Stralsund geboren und ist in Berlin aufgewachsen. 2013 beendete sie ihr Amerikanistik-Studium und ist seitdem als politische Sprecherin und Journalistin tätig. Sie schreibt regelmäßig für den Blog "Mädchenmannschaft", forscht und hält Vorträge zu den Themen Queer-Feminismus sowie Körpernormierungen und Dicksein. Sie bringt ihr Engagement auf eine knappe Formel: Mein Fett ist politisch. (Quelle: Ullstein)
Mehr Infos zu Magda Albrecht www.magda-albrecht.de und maedchenmannschaft.net

Magda Albrecht
Fa(t)shionista
Rund und glücklich durchs Leben

Ullstein-Verlag, Erschienen: 02.01.2018
Hardcover, 336 Seiten
ISBN-13 9783864930539
Preis: € 16.00
Buch bestellen, Infos und Lesungstermine unter: www.ullstein-buchverlage.de


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Literatur Beitrag vom 07.02.2018 Ahima Beerlage 





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