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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2022 - Beitrag vom 15.08.2022


Rebecca Clifford - Ich gehörte nirgendwohin. Kinderleben nach dem Holocaust
Silvy Pommerenke

Erst seit Ende der 1980er Jahre nimmt die Forschung Kinder als Shoa-Überlebende, Child Survivors, im Fokus. Welche tiefgreifenden Spuren das Erlebte und die Verluste der Eltern oder Familienangehöriger in den Leben der Kinder von damals hinterlassen hat, zeigt die kanadische Historikerin Rebecca Clifford in ihrem Buch auf.




Überlebende Kinder des Holocaust

Etwa 180.000 zwischen 1935 und 1944 geborene jüdische Kinder haben den Holocaust überlebt. Einige der Wege dieser Kinder waren "Überleben in einem Versteck, Flucht in ein neutrales oder von den Alliierten kontrolliertes Land, Überleben in Ghettos und Durchgangslagern und Überleben in Konzentrationslagern", schildert die Autorin. Manche waren noch so jung, dass ihnen keine bewusste Erinnerung aus dieser Zeit geblieben ist, andere können sich bruchstückhaft an das Grauen erinnern. Dies ist der Grund, weswegen sich die Forschung lange Zeit wenig bis gar nicht mit den überlebenden Kindern beschäftigt hat. Aber auch erwachsene Holocaust-Überlebende sprachen den Kindern deren Traumata ab, da sie "nicht das gleiche wie die Erwachsenen in den Konzentrationslagern erlebt hätten. Dies stimmt zwar einerseits, aber andererseits tun sich bei diesen Kindern ganz andere Probleme auf, denn wie kann eine Person eine Identität entwickeln, wenn sie keine Familie und Verwandten hat, die ihr durch deren eigene Vergangenheit bzw. durch ein gemeinsames Leben eine Geschichte geben können? Und wie können sie einen Sinn in ihrem Leben finden, wenn sie durch den Krieg und die Emigration in andere Länder gestrandet sind und dadurch ihre Muttersprache, ihre Kultur und ihre Heimat verloren haben? Der Soziologe Maurice Halbwachs, der als Sozialist und wegen "Sippenhaft" (seine beiden Söhne hatten sich der Résistance angeschlossen) am 23. Juli 1944 von der Gestapo in Paris verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert wurde, wo er am 16. März 1945 an einer Krankheit als Folge der Vernichtung durch Arbeit starb, erklärte vor seinem Tod:"Die Familie ist das ursprüngliche Kollektiv, in dem unsere früheren Erinnerungen geformt werden. In unserer Familie hören wir wieder und wieder Geschichten über unser frühes Selbst, welche die grundlegenden Bestandteile unserer Autobiographie werden. Sie helfen uns, die Geschehnisse chronologisch zu ordnen, ihre Bedeutung zu verstehen und ihnen einen Sinn zu geben. In der gemeinsamen Erinnerungsarbeit gestalten wir, wer wir als Familie und als Individuen sind. Das kollektive Gedächtnis einer Familie hat erheblichen Einfluss auf das Bild, das sich Einzelne von der Vergangenheit machen."

Hierarchie des Leidens

Rebecca Clifford hat für ihre Arbeit individuelle Erfahrungsberichte von einhundert Kindern erforscht, die im Jahr 1945 höchstens zehn Jahre alt waren und die langfristigen Auswirkungen einer gebrochenen Kindheit untersucht.

Der Umgang mit den Traumata verlief sehr unterschiedlich. Während die einen gar nicht über das erlebte Grauen erzählten, so hatten andere den Wunsch, darüber zu sprechen. Beides war für die Kinder unterschiedlich belastend. Denjenigen, den in allen Einzelheiten von den Verbrechen erzählt wurde, konnten dies mit ihren kleinen Kinderseelen kaum verarbeiten. Andererseits fühlten die Kinder, deren überlebende Eltern nichts von der Shoah erzählten, im Erwachsenenleben eine große Lücke zur Aufarbeitung und Verstehen ihrer eigenen Geschichte.

"Unbegleitete Kinder"

Diejenigen Kinder, deren Familien von den Nazis ermordet worden waren oder die für lange Jahre verschollen waren, galten als "unbegleitete Kinder". Institutionen wie der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) oder das Joint Distribution Committee (JDC) setzten sich dafür ein, die Kinder aus den Familien, die diese unter Gefahr für ihr eigenes Leben aufgenommen hatten, um sie vor den Nazis zu retten, oder aus den Displaced Persons Camps nach Palästina, bzw. später Israel, in die USA, nach Kanada oder Großbritannien zu bringen.

Psychoanalytikerinnen wie Anna Freud und Melanie Klein vertraten die Ansicht, dass die Rückkehr überlebender Kinder in die Umgebung der Kernfamilie die ideale Lösung sei. Dies sah in der Praxis aber oft ganz anders aus. Die Kinder hatten nach Jahren der Trennung zu den überlebenden Eltern oder Verwandten keinen Bezug mehr. Stellenweise sprachen sie noch nicht einmal mehr die gleiche Sprache. Außerdem waren oftmals die traumatisierten Eltern oder Verwandten aus gesundheitlichen, psychischen oder finanziellen Gründen nicht in der Lage, ihren Kindern ein liebevolles Heim zu bieten.

Erneutes Unrecht – der langwierige und entwürdigende Kampf mit den deutschen Behörden nach 1945

"Viele Überlebende, die oft in der Erwartung echten Entgegenkommens seitens der Bundesrepublik einen Entschädigungsantrag stellten, fanden sich zu ihrem Entsetzen in einer bedrückend vertrauten Machtbeziehung wieder, in der deutsche Behörden auf altbekannte antisemitische Stereotype zurückgriffen und Juden als Lügner und Betrüger darstellten". Aber selbst wenn die Überlebenden eine (lächerlich kleine) sogenannte "Entschädigungszahlung" für den ihnen geraubten Besitz erhielten, dann konnten sie niemals ein adäquater Ersatz für die zugefügten Leiden und den Verlust geliebter Menschen sein. Bei den Überlebenden hinterließ das mehr als nur ein schales Gefühl.

Aber nicht nur für die Beantragung der "Entschädigungszahlungen" mussten die Überlebenden nachweisen, dass sie jüdischer Herkunft sind, sondern auch wenn sie später jüdisch heiraten wollten. So mussten sie in der Synagoge die Geburtsurkunden der Eltern und die eigene einreichen, was ebenfalls in vielen Fällen nicht möglich war.

Spätfolgen und Traumata

Ebenso schwierig war es, die Spätfolgen durch die erlittenen Traumata anerkennen zu lassen. Was unter anderem daran lag, dass die Psychiater*innen und Psychoanalytiker*innen noch nicht den Kenntnisstand von heute hatten, und sie mehrheitlich davon ausgingen, dass diese nicht durch die Verfolgung oder die Grauen der Konzentrationslager ausgelöst wurden. Erst eine Gruppe progressiver Psychiater*innen und Psychonalytiker*innen begann Ende der 1960er Jahre damit, sich damit zu beschäftigen, was schließlich auch zu der Erkenntnis führte, dass die Traumata über Generationen weitergegeben werden. 1980 wurde erstmals die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) in das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) aufgenommen. Marguerite Marcus, jüdische Kinderärztin und Familientherapeutin in Berlin, bestätigt in einem Interview mit Sharon Adler, dass erst Ende der 1980er Jahre zu dem Thema geforscht wurde: "Die psychischen Spätfolgen nach der Traumatisierung durch die Verfolgung wurden gerade erst von den Betroffenen selbst, unter ihnen auch Therapeut_innen, thematisiert. Das Interesse der Wissenschaft an der Forschung zu diesem Thema stand weltweit noch am Anfang."

Späte Auseinandersetzung und Bestätigung

Bei zahlreichen Überlebenden kam erst im Erwachsenenalter ein großes Bedürfnis auf, sich mit dem Erlittenen und dem Verlust ihrer Familien Vergangenheit auseinanderzusetzen. "Einige begaben sich auf eine Erkundungsreise in ihre Innenwelt in der Hoffnung, in ihren eigenen Erinnerungen bis dahin übersehene Details zu finden, die ihnen helfen konnten, der Geschichte ihrer frühen Lebensjahre Gestalt zu geben. Andere reisten an die Orte, an denen sie zur Welt gekommen oder während des Kriegs gelebt hatten. Wieder andere wählten einen akademischen Zugang und vertieften sich in die wachsende Zahl an Veröffentlichungen über den Holocaust, um herauszufinden, was mit ihren Familien geschehen war."

Für viele waren deswegen Zusammenkünfte wie das Welttreffen jüdischer Holocaust-Überlebender in Jerusalem im Jahr 1981 oder das American Gathering of Jewish Holocaust Survivors von 1983 eine emotionale Befreiung, da sie durch den Austausch mit anderen endlich eine späte Anerkennung und Bestätigung ihrer traumatisierenden Erfahrungen erhielten.

AVIVA-Tipp: Die Historikerin Rebecca Clifford hat sich mit den Schicksalen von einhundert jüdischen Kindern befasst, die den Holocaust überlebt haben. Akribisch hat sie dazu Oral-History-Interviews (u.a. aus dem Archiv des United States Holocaust Memorial Museum) und Archivmaterial ausgewertet, darunter Briefe, Tagebücher, Fotos, Akten von jüdischen Fürsorgeeinrichtungen, psychiatrische Berichte und unveröffentlichte Erinnerungen, unter der Fragestellung, wie sich eine Identität ausbilden kann, wenn familiäre Strukturen und gemeinsam erlebte Erinnerungen fehlen.

Zur Autorin: Rebecca Clifford, geboren am 16. Juni 1974 in Kingston, Ontario, ist Historikerin und seit Herbst 2021 Professorin für europäische und transnationale Geschichte an der Durham University mit den Schwerpunkten zeitgenössische europäische Geschichte, mündliche Überlieferung, Gedächtnis und Holocaust-Geschichtsschreibung. Ihr Buch "Ich gehörte nirgendwohin. Kinderleben nach dem Holocaust" erschien 2020 unter dem Titel "Survivors" (Yale Press), stand im gleichen Jahr auf der Shortlist von The Wolfson History Prize und wurde mit dem Canadian Jewish Literary Award for Scholarship 2021 ausgezeichnet, sowie für eine Reihe von Preisen nominiert. Darunter der Cundill Prize, der Wingate Prize und der Baillie Gifford Prize for Non-Fiction.

Mehr unter: twitter.com/RebeccaCliffor4

Rebecca Clifford
Ich gehörte nirgendwohin. Kinderleben nach dem Holocaust

Originaltitel: Survivors. Children´s Lives After the Holocaust
Übersetzt von Stephan Gebauer
Suhrkamp Verlag, erschienen 03/2021
Gebunden, 447 Seiten mit SW-Photographien
ISBN 978-3-518-43051-4
Euro 28,00
Mehr zum Buch unter: www.suhrkamp.de

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