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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.08.2013

Cibelle - Unbinding
Judith Wolff

Sie ist und bleibt unfassbar. Auch auf ihrem neuen Album beweist sich die brasilianische K√ľnstlerin als Formwandlerin. Mit elektronischen Klangschichten und vokalen Verzerrungen widmet sich die...



... Meisterin der Selbsterfindung antreibend-meditativ der Ruhe in der stetigen Veränderung.

Cibelles Arbeiten lie√üen sich noch nie von Genres und musikalischen Schubladendenken begrenzen. Wir k√∂nnen also ganz entspannt bleiben: Dass die in London lebende Cham√§leonita sich mit in ihrem neuesten Werk mehr als jemals zuvor der elektronischen Musik zuwendet, hei√üt nicht, dass uns hier vereinfachte Rhythmen eingebasst werden, die so gut wie geschmacksneutral sind. Mit dem versierten technischen K√∂nnen und musikalischen Feingef√ľhl des in Brighton arbeitenden Produzenten Klose stellt Cibelle vielmehr ihrem konzeptuellen Anliegen das passende H√∂rerlebnis zur Seite.

Mit dem Titel "Unbinding" formuliert Cibelle das, was sie bei den H√∂rerInnen evozieren m√∂chte: Loslassen und dabei zu sich selbst finden. Ziemlich einleuchtend ist die Entwicklung zu diesem lebensphilosophischen Ansatz, der das Album leitet. An ihren verschiedenen inszenierten Selbstbildern blieb Cibelle nie zu sehr verhaftet ‚Äď genausowenig wie an ihren brasilianischen Wurzeln oder ihrer Wahlheimat London. Immer lie√ü sie mit phantasievollen Spielereien und Umbr√ľchen neue Facetten aufblitzen. Anstatt sich wie noch in ihrem letzten Album "Las V√™nus Resort Palace Hotel" Kunstfiguren wie ihrem Alter Ego Sonja Khalecallon zu bedienen, scheint sich Cibelle nun in "Unbinding" vollst√§ndig zu transzendieren. Sie m√∂chte mit ihrer Musik zum Vehikel werden, das uns auf eine innere Reise schickt. Auf dieser sollen wir die Ruhe und Konstanz entdecken und lieben lernen, die sich durch die allt√§gliche Ver√§nderungen und das pers√∂nliche Auf-und-Ab zieht. Unser Leben, so Cibelle, beruhe immer auf zwischenmenschlichen Wahrnehmungen, Reaktionen und Gegenreaktionen. Wohin die Reise am Ende f√ľhrt? Ganz klar:

"To the place where we are all one."

Und weil wir Cibelles Ansicht nach ein All-Eins sind, schickt sich die K√ľnstlerin raffiniert dazu an, so viele Grunderfahrungen wie m√∂glich zu verk√∂rpern, ohne dabei in das Konkrete zu verfallen, das es ja zu √ľbersteigen gilt. Nach Covern, Gastauftritten anderer K√ľnstlerInnen oder Hinweisen auf die brasilianische Herkunft der S√§ngerin, die bei ihren vorigen Arbeiten noch zu finden waren, suchen die H√∂rerInnen vergeblich. Stattdessen tritt ihnen keine einzelne S√§ngerin entgegen, sondern ein polyphones Wesen, dessen verschiedene Stimmen aus allen erdenklichen Ecken des menschlichen Universums zu stammen scheinen.

"All you have to do is to let go. Then you know the truth."

Cibelle nutzt ihre Stimme in atemberaubender Weise als Instrument. Sie schwingt sich verlockend und soulig ins Divenhafte, dann wieder ins Distanzierte oder in eine an Beth Gibbons erinnernde Strangeness. Sie haucht, fl√ľstert, jauchzt, spricht und quietscht. Cibelle n√§hert sich an und zieht sich blitzschnell wieder zur√ľck. Ihre Stimme transformiert sich in Rhythmus, wird von Klose gepicht, verz√∂gert, geloopt und in Schichten √ľbereinandergelegt. So entsteht ein weiter Klangraum mit gestapelten ineinander verschr√§nkte Tonspuren und -schichten, in dem sich die Grenzen zwischen Klang und Wort tats√§chlich aufzul√∂sen scheinen.

Selbstentgrenzung im Flow

Es ist ein wahres Kunstst√ľck, dass bei diesen experimentellen Ausschweifungen der K√∂rper beim H√∂ren trotzdem ganz ungewollt in Bewegung ger√§t. "Dance music brings people together, to unbind means to let go. Let go of division: on the dancefloor and on the street, we move as one." Im Flow der Dance- und Housekl√§nge - die manchmal dunkel und tief, dann wieder leicht und flie√üend sind - und mit einem Kribbeln in der Stirn entsteht eine meditative Bewegung. An Modeselektor l√§sst sich dabei ebenso denken wie an Caribou, an eine einsame Autofahrt durch die sternenklare Nacht, genauso wie an das ekstatische Aufgehen in einer tanzenden Masse.

AVIVA-Tipp: Wieder einmal beweist Cibelle ihre Transformationsfähigkeit und erschafft dabei eine musikalische Perle. Ihr und dem Produzenten Klose gelingt es, die sie und uns alle bestimmenden Gegensätze von Veränderung und Konstanz, Stille und Ekstase musikalisch erlebbar zu machen.

Cibelle
Unbinding
Label: Crammed Disks
Vertrieb: Indigo (CD), PIAS (digital)
V√Ė: 30. September 2013


Mehr Infos:

Video zu "Breathin" auf youtube

www.cibelle.net

www.cibelle.tumblr.com

Cibelle bei "Crammed Disks"


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Cibelle - Las Vênus Resort Palace Hotel

Cibelle - The Shine Of Dried Electric Leaves




Music Beitrag vom 23.08.2013 AVIVA-Redaktion 





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