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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 15.05.2018

Nitsan Bernstein - Hebrew Accent
Sharon Adler, Lisa Goldberg

Mit ihrem ersten Soloalbum schenkt uns die in Israel geborene Singer-Songwriterin, Schauspielerin und Performancek√ľnstlerin Nitsan Bernstein ein facettenreiches und trilinguales Konglomerat aus Elementen des Jazz, Soul und Cabaret, darunter "The 3rd Generation Cabaret".



Kreativ, phantasievoll und stark formuliert die geb√ľrtige Jerusalemerin Nitsan Bernstein elementare Fragen zu Identit√§t, Heimat, Ursprung: "Why do I have a Hebrew accent? Why was I born in Israel? I want to be international!"

"Ein neues Leben in Berlin ‚Äď ◊ú◊ě◊¶◊ē◊ź ◊ó◊ô◊ô◊Ě ◊ó◊ď◊©◊ô◊Ě ◊Ď◊Ď◊®◊ú◊ô◊ü"

"Worte des Abschieds ‚Äď Hamilim al ha¬īaziva" lautet der Titel des dritten Songs auf dem Debutalbum der unverwechselbaren und vielseitig talentierten Israeli, die 2013 ihre Koffer packte, um nach Berlin zu ziehen. Die Stadt galt damals schon als eine pulsierende und g√ľnstige Metropole und war bzw. ist damit noch immer attraktiv f√ľr eine aufstrebende Israelische Boheme: Tausende junge Israelis zogen in den vergangenen Jahren nach Berlin. F√ľr Nitsan waren sicher weniger die 19cent billigen Puddings der ausschlaggebende Grund zum Herziehen, sondern vielmehr die k√ľnstlerischen M√∂glichkeiten, die in vielerlei Hinsicht Tel Aviv √§hneln, in Verbindung mit dem historischen Erbe Berlins: eine florierenden Geschichte des Cabarets des fr√ľhen 19. Jahrhunderts.

"Why was I born in Israel?"

Nitsan Bernstein bezeichnet sich selbst als "Hebrew-Gypsy cabaret singer, song-writer and performer". 1984 geboren und in einem kosmopolitischen Raum und kulturellen Schmelztiegel aufgewachsen, wurde sie von den verschiedensten Ger√ľchen, Ger√§uschen und Geschichten von Ost und West umgeben und beeinflusst. Und so √ľberrascht es wenig, dass es Nitsan m√ľhelos gelingt, in ihrer Musik politische, ideologische und manifestierte Grenzen zu √ľberwinden und in ihren St√ľcken, wie in der israelischen K√ľche, eine authentische Fusion aus Zeit, Raum und Gef√ľhlen zu kreieren.

Ein Stil aus Vielen oder: ein Spiel mit Stilen

Die Musikrichtung Bernsteins ist schwer einer Kategorie zuzuordnen. Gepr√§gt von den osteurop√§ischen Wurzeln ihrer Familie auf der einen und der musikalischen Landschaft ihrer Kindheit auf der anderen Seite, in der vor allem die sephardische Musik dominierte, legt Nitsan sich nicht auf ein Genre fest. Ihre (biografische) Vielfalt wird in der Musik zum Leben erweckt und durch die englische, deutsche, hebr√§ische und jiddische Sprache in ihren Lyrics ausgedr√ľckt. Von Blues √ľber Klezmer: Das ohnehin schon breite Repertoire hat Nitsan Bernstein im Verlauf ihrer musikalischen Entwicklung zus√§tzlich durch Rock- und Jazzgesang erg√§nzt.

Die technischen Grundlagen hat sich die Virtuosin in ihrem Bachelor-Studium "Jazz Singing Studies" an der Jerusalem Academy of Music and Dance angeeignet. Regelm√§√üig reist sie nach Israel, um als Dozentin Kurse zu geben. So bot Nitsan beispielweise 2016 an der Jerusalem Academy of Music and Dance ‚Äď High School den Kurs "Cabaret and Performance" an oder wirkte als Schauspielerin an israelischen Theaterproduktionen wie in dem "Hasimta Theater" in Tel Aviv-Jaffa und dem "Hazira HaBenTchumit" in Jerusalem mit.

Diva? Oh Jazz!

"Nitsan¬īs undeniable need for drama and attention were apparent since childhood, and so were her attraction to a diversity of art forms", schreibt die K√ľnstlerin √ľber sich selbst auf ihrer Website. Dieses Bed√ľrfnis nach Aufmerksamkeit wei√ü Nitsan produktiv und eindrucksvoll in ihrem extravaganten bis provokanten Werk umzusetzen. In dem Song "Looking for love" rollt sie voller Selbstironie und einer m√§chtigen Prise Humor teils frustrierende (Beziehungs-)Erfahrungen auf und bettet sie auf Soul und groovige Jazzkl√§nge. Sie singt darin unter anderem von Resignation und Sehnsucht nach Leidenschaft: "I¬īm looking for drama and you¬īre watching T.V. I¬īm looking for trouble and you¬īre cooking for me". Doch auch Fragen zu Identit√§t und Zugeh√∂rigkeit widmet sich die S√§ngerin, etwa in "Medina hi kmo adam (Motherland)" oder dem titelgebenden Song "Hebrew Accent", der satirisch und vor allem pers√∂nlich daherkommt.

"The 3rd Generation Cabaret" in Berlin...

‚Ķverk√∂rpert und repr√§sentiert gleichzeitig die Geschichten und die Situation einer Gruppe junger kreativer Berliner Israelis. 2015 von Nitsan Bernstein mit Hilfe von Indre Bogdan gemeinsam mit Ittai Rosenbaum am Piano und dem Cellisten Anton Peisakhov gegr√ľndet, knistert und schimmert die Band "The Third Generation Cabaret" heiter zwischen Tr√§umerei und Ironie gegen√ľber j√ľdisch-deutschen und j√ľdisch-/israelischen Traditionen. Auf ihrem Album und bei ihren Konzerten performt die Band (heute mit der Schauspielerin Yael Sch√ľler) eine Mischung aus klassischen und l√§ngst vergessenen Diamanten aus diesem und dem vorigen Jahrhundert in Englisch, Deutsch, Hebr√§isch und Jiddisch wie zum Beispiel "Oyfn weg shteyt a boim" von Shmuel Fischer und Itzik Manger oder der "Ballad of the soldier¬īs wife" von Kurt Weill und Bertolt Brecht aus dem Jahr 1942.
Dar√ľber hinaus zeigt diese Band mit ihren selbstgeschriebenen Songs humorvoll die Ratlosigkeit und die Absurdit√§t der Konfrontation mit stets bestehenden Vorurteilen auf, dem sich bis heute viele junge Israelis in Deutschland ausgesetzt sehen ‚Äď ein empfehlenswertes Beispiel (auf Hebr√§isch mit Englischen Untertiteln) bietet das YouTube Video "Anti Semites".

Das Album "Hebrew Accent"

Bereits 2014 begann die K√ľnstlerin mit Hilfe ihres langj√§hrigen Freundes und Musikpartners Gil Assayas und dem Produzenten Roland Satterwhite, den sie ebenfalls in Berlin kennenlernte, ihr Debutalbum aufzunehmen.
Die meisten Songs auf dem Album hat Nitsan Bernstein vor, nach und w√§hrend ihres Umzugs und Einlebens in Berlin selbst geschrieben bzw. neu interpretiert. Inspiriert wurde sie dabei von Berlin als Melting pot, eine Stadt, die seit Jahrhunderten K√ľnstlerInnen und Kulturschaffende aus aller Welt anzieht.

Die Arrangements f√ľr ihr erstes Album wurden zum gr√∂√üten Teil mit Musikerinnen und Musikern koproduziert, die Nitsan schon viele Jahre begleitet haben. Einige wiederum lernte sie erst w√§hrend der Arbeit an dem Album kennen, welches schlie√ülich im Sommer 2017 in Zusammenarbeit mit Jonathan Jacobi (Tonproduktion bzw. Audio-Mastering) ver√∂ffentlicht wurde.

"Hebrew Accent" vermittelt ganz im Nitsan-Stil zeit√ľbergreifend Einblicke in das j√ľdische Leben Berlins damals und heute. Der Song "Circumcision" handelt beispielsweise davon, dass die Interpretin nur einen beschnittenen Mann heiraten k√∂nne, egal wie wunderbar er sei: ansonsten w√ľrde ihre Familie ihn nie anerkennen k√∂nnen. Oder der Klassiker "An allem sind die Juden Schuld" von Friedrich Hollaender, in dem die Absurdit√§t hinter dem Antisemitismus der 1930er Jahre demonstriert wird. Uraufgef√ľhrt wurde dieses St√ľck im September 1931 in der Revue Spuk in der Villa Stern in Hollaenders Berliner Kabarett Tingel-Tangel-Theater.

Visuelle Aspekte

Doch nicht nur musikalisch legte sich Nitsan f√ľr ihr erstes Solo-Album m√§chtig ins Zeug. Sie entschloss sich mutig, neue Pfade zu gehen und musikalische Elemente mit visuellen zu verkn√ľpfen. Schlie√ülich baue sich in jeder Inszenierung vor ihrem geistigen Auge eine Welt voller Bilder auf ‚Äď die sich auf der B√ľhne leicht zum Leben erwecken lassen. Doch in der Produktion ihres Albums stellte sich Nitsan Bernstein die Frage: Wie soll ihr das mit den Aufnahmen gelingen?
Die Antwort fand sie zum einen in der Zusammenarbeit mit der befreundeten Grafikdesignerin Yael Zilberfeld. Diese erstellte das grafische Konzept des Albums und die Website, die durch Aufnahmen der Fotografin Zoe Grindea und dem Fotografen Ariel Efron ergänzt wurden.

AVIVA-Tipp: Die israelische K√ľnstlerin setzt die H√∂rerin in ein musikalisches Karussell von Zeit, Stil und Sprache. Dabei ist es anspruchsvoll und vielleicht nicht unmittelbar eing√§ngig ‚Äď darin liegt aber gerade die St√§rke des Albums. Nitsan Bernstein versucht nicht, zu gefallen. L√§sst sich die H√∂rerin jedoch auf die vielf√§ltigen Kl√§nge und provokanten Texte ein, er√∂ffnet sich ihr eine authentische, individuelle, kreative und hochqualitative Klangwelt.

Aktuelle Informationen zur K√ľnstlerin finden Sie auf ihrer Facebookseite oder auf der Website von Nitsan Bernstein.

Nitsan Bernsteins Deb√ľtalbum "Hebrew Accent" wurde am 25. Juli 2017 ver√∂ffentlicht und ist abrufbar unter www.nitsanbernstein.bandcamp.com

Weitere und aktuelle Informationen zu "The Third Generation Cabaret" in Berlin:
3rdgenerationcabaret oder auf www.nitsanbernstein.com

Weiterhören auf AVIVA-Berlin:

JEWISH MONKEYS - High Words
Ende April 2017 erschien das neue Album der ber√ľhmt-ber√ľchtigten Kultband mit den grandiosen satirischen Texten und den mitrei√üenden Beats. Die Alten Kacker, slicha, obercoolen Jungs sind: Assaf Pariente (Vocals), Jossi Reich (Vocals), Gael Zaidner (Vocals), Ran Bagno (Akkordeon), Omer Hershman (Gitarre), Moran Baron (Posaune), Yoli Baum (Bass) und Henry Vered (Schlagzeug). (2017)

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Ein nahezu vergessenes Goldenes Zeitalter f√ľr j√ľdische Musiker und Komponisten - daf√ľr stehen die Lieder, die Hirsch Lewin mit seinem Semer Label in den Drei√üigerjahren des 20. Jahrhunderts in Berlin einspielte. (2016)

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Dass im Kabarett des fr√ľhen 20. Jahrhunderts Frauen als S√§ngerinnen und T√§nzerinnen eine gro√üe Rolle gespielt haben, steht au√üer Frage. Claire Waldoff, Marlene Dietrich, Therese Giehse und Valeska Gert kennt jede/r. Dass Frauen aber auch als Komponistinnen und Texterinnen gewirkt haben, wei√ü kaum jemand. Die Berliner S√§ngerin Evelin F√∂rster forscht nach diesen vergessenen K√ľnstlerinnen. (2009)

Popul√§re j√ľdische K√ľnstler. Musik & Entertainment 1903-1933. Berlin Hamburg M√ľnchen
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Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Efrat Gal-Ed - Niemandssprache. Itzik Manger- Ein europ√§ischer Dichter und Itzik Manger ‚Äď Dunkelgold
Efrat Gal-Ed legt mit dieser inhaltlich wie formal au√üergew√∂hnlich aufwendig gestalteten Biographie nicht nur ein umfangreiches und vielschichtiges, sondern auch ein kritisches Portrait von Itzik Manger vor. Anhand der bewegenden Lebensgeschichte eines der gr√∂√üten Stars der jiddischen Dichtung zeichnet die Autorin gleichzeitig die letzte gro√üe √Ąra der jiddischen Kultur Osteuropas ‚Äď Jiddischland ‚Äď nach und f√ľhrt in den faszinierenden transnationalen Denk- und Lebensmodus dieser Welt ein, die durch die Shoah fast g√§nzlich zerst√∂rt wurde. (2016)

Music Beitrag vom 15.05.2018 AVIVA-Redaktion 





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