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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.01.2010

Charlotte Gainsbourg - IRM
Claire Horst

Mit keinem Geringeren als dem Indierock-Pionier Beck hat Charlotte Gainsbourg ihr neues Album aufgenommen. Und tatsÀchlich ist aus dieser Gemeinschaftsarbeit ein Werk entstanden, das sich durch ...



... seine Vielfalt und Experimentierfreude auszeichnet.

Von der Musikpresse wurde die 1971 geborene Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg bislang hĂ€ufig in die Schublade "niedliches Stimmchen" geschoben. Damit ist es spĂ€testens mit diesem Album vorbei. Sowohl textlich aus auch musikalisch stellt die SĂ€ngerin sich einigen Herausforderungen, die sie bravourös meistert. Nicht ohne Grund hat sie fĂŒr "IRM" statt Jarvis Cocker und Air (die das VorgĂ€ngeralbum produzierten) den fĂŒr seinen kreativen Wahnsinn bekannten Beck Hansen gewĂ€hlt.

Charlotte Gainsbourg, die auch als Hauptdarstellerin im preisgekrönten Drama "Antichrist" von Lars von Trier unlĂ€ngst Mut bewiesen hat, kann endlich beweisen, was in ihr steckt - und das ist viel mehr als ein hĂŒbsches Stimmchen. Zwar ist ihr zartes FlĂŒstern und Wispern, wie es auch auf ihrem Erstling "5:55" zu hören war, durchaus noch im Einsatz. Doch das Arrangement ihres dritten Albums sorgt dafĂŒr, dass Erwartungen durchgĂ€ngig unterlaufen werden. "Dandelion" etwa ist ein bluesiger Titel mit Anspielungen auf klassische Americana ("red river keep on rolling down"), in dem die SĂ€ngerin gegen die dominante Gitarre mit ihrer Stimme durchaus Akzente setzen kann.

Und selbst wenn es einige MusikkritikerInnen geben mag, die der SĂ€ngerin Verrat am von außen auferlegten MĂ€dchenimage vorwerfen, ist dieser Mut zum "Mund auf" ein großer Gewinn. Rauchig-kehlig und sehr ausdrucksvoll klingt Gainsbourg in "Trick", einem Song, aus dem auch die Gitarre von Beck Hansen deutlich herauszuhören ist. Großartig in seiner Reminiszenz an den guten alten Folkrock ist auch "Heaven Can Wait", ein Tambourin-gestĂŒtztes Duett der beiden SĂ€ngerInnen. Der Song ist auch auf dem Soundtrack zu Detlev Bucks neuem Film "Same Same But Different" zu hören.

"Greenwich Mean Time" dagegen erinnert, so unpassend das in diesem Zusammenhang klingen mag, stellenweise an Bands aus der Elektroszene wie Miss Kittin oder auch Fever Ray. Dieselbe Offenheit beweist Gainsbourg im Titelsong "IRM", der ebensolche elektronische Elemente aufweist. Mit seinen dĂŒsteren, verzerrten Melodien und TrommelklĂ€ngen wirkt er wie eine Symbiose aus afrikanischer Volksmusik und einer modernen Clubhymne - großartig! An solchen Stellen reicht Gainsbourgs dunkle Ausdruckskraft fast an die einer P.J. Harvey heran - um dann im nĂ€chsten Song, "Le Chat du CafĂ© des Artistes", einen alten Klassiker zu covern, was ihr ebenso meisterhaft von der Hand geht. Bei ihr wird der Titel zu einem dramatisch-lyrischen StĂŒck, das sich beinahe als Titelsong zu einem James-Bond-Film anbieten wĂŒrde.

Offenheit zeigen auch die Texte der Songs, die zum Teil sehr persönliche Interpretationen zulassen. Gainsbourg, die kĂŒrzlich eine Hirnblutung erlitten hat, singt in "MasterÂŽs Hands" "Drill my brains / All full of holes / and patch it up before it leaks". Im Titelsong, dessen Name sich auf die Kernspintomografie bezieht, heißt es: "Take a picture whatÂŽs inside / Ghost imaging my mind / Neural pattern like a spider".

All diese vermeintlich gegensĂ€tzlichen EinflĂŒsse und Themen verbindet Gainsbourg zu einem gelungenen Konzeptalbum. Statt angestrengt oder bemĂŒht klingt das Ergebnis nach viel Spaß, nach der Freude am Ausprobieren. Nicht zuletzt deshalb ist es ein Album, das sich erst beim mehrmaligen Anhören erschließt, so viele Anspielungen und Ideen sind darauf versteckt.

Ein deutlicher Einfluss, den Gainsbourg vielleicht nicht allzu gerne zugeben wĂŒrde, ist der ihres Vaters, fĂŒr den sie mit 13 Jahren ihren ersten Gesangspart ĂŒbernahm. Auch Serge Gainsbourg ließ sich von den unterschiedlichsten Traditionen inspirieren, wie bei seiner Tochter waren auch auf seinem Alben immer verschiedenste musikalische Linien von Amerika bis Afrika herauszuhören. Diese Ähnlichkeit ist keine Schande, schließlich gehört Serge Gainsbourg zu den ganz Großen - und seine Musik ist so vielfĂ€ltig, dass es kaum möglich ist, alles ganz anders zu machen als er.

Die Songs hat allesamt Beck geschrieben, doch sie wandelten sich in der Zusammenarbeit zu etwas Neuem: "Ich holte einen Stapel Songs hervor. Und dann schrieb ich ein paar neue, wĂ€hrend ich an Charlotte dachte. Aber nachdem wir eine gewisse Zeit miteinander verbracht hatten, verĂ€nderten sie sich vollstĂ€ndig, denn ich bekam ein GefĂŒhl dafĂŒr, in welche Richtung sie eigentlich gehen wollte. Wir gingen ins Studio und plötzlich erkannte ich all die Möglichkeiten, die sich boten." Auch bei der Textarbeit hat Charlotte Gainsbourg sich von Beck unterstĂŒtzen lassen - eine echte Kooperation statt eines reinen Masterings durch einen Unbeteiligten. Die MĂŒhe, die beide aufgewendet haben, ist dem Album anzuhören oder vielmehr nachzufĂŒhlen.

AVIVA-Tipp: Ein Album, das sich mit der Zeit erschließt und auch bei mehrmaligem Hören immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Großartig!

Charlotte Gainsbourg im Netz: www.charlottegainsbourg.com

Charlotte Gainsbourg
IRM

Because Music / Warner Music
VÖ 11. Dezember 2009

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Music Beitrag vom 27.01.2010 Claire Horst 





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