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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.06.2008

Letzter Runder Tisch zum Berliner Aktionsplan gegen hÀusliche Gewalt
Andrea Petzenhammer

Die Zusammenarbeit von Polizei, Gesetzgeber und Organisationen ermöglicht Opfern von Gewalttaten, sich aus ihrer Situation zu befreien. Opfern, TÀtern und Kindern wird Hilfe und Beratung angeboten.



Der "Runde Tisch zum Berlin Aktionsplan gegen hĂ€usliche Gewalt" erarbeitete in Kooperation von Gesetzgeber, Justiz, Polizei und Organisationen Vorgehensweisen, wie hĂ€usliche Gewalt gegen Frauen am effektivsten bekĂ€mpft werden kann. Auf einer Pressekonferenz am 5. Juni 2008 stellte der "Runde Tisch" im Berliner Rathaus die Ergebnisse des Jahres 2007 vor. FĂŒr Harald Wolf, Senator fĂŒr Wirtschaft, Technologie und Frauen, Gisela von der Aue, Senatorin fĂŒr Justiz, Dieter Glietsch, PolizeiprĂ€sident von Berlin und Patricia Schneider, Koordinatorin bei der Interventionszentrale gegen Gewalt an Frauen ("BIG") stehen Opfer und TĂ€ter gleichermaßen im Mittelpunkt. Über das PrĂ€ventionsprojekt der Zentrale werden auch Kinder fĂŒr das Thema sensibilisiert.

2007 wurden 13.222 FĂ€lle hĂ€uslicher Gewalt der Polizei gemeldet. Das bedeutet eine Steigerung um 700 Taten im Vergleich zu 2006. Seit 2001 hat sich die Zahl der bekannt gewordenen FĂ€lle mehr als verdoppelt. Harald Wolf, Senator fĂŒr Wirtschaft, Technologie und Frauen, sieht darin aber keinen Anstieg der GewaltvorfĂ€lle sondern eine verkleinerte Dunkelziffer. "Wir konnten die Öffentlichkeit sensibilisieren und dadurch hĂ€usliche Gewalt stĂ€rker kriminalisieren. In Kombination mit den vielfĂ€ltigen Hilfsangeboten schaffen es immer mehr Frauen, sich gegen eine Gewaltsituation zu wehren. Trotzdem braucht es durchschnittlich sieben Versuche, um sich endgĂŒltig zu befreien."

TĂ€ter-Therapie wegen zu vieler zurĂŒckgezogener Anzeigen

Auffallend viele Strafverfahren werden aus Mangel an Beweisen eingestellt - das bedeutet normalerweise, dass die Betroffene ihre Strafanzeige zurĂŒckgezogen hat. Gisela von der Aue, Senatorin fĂŒr Justiz, sieht hier vor allem Scham als Grund. "Den Frauen ist die Situation vor ihren Nachbarn und Bekannten peinlich. Oft zeigt der Partner direkt nach der Anzeige, wenn auch nur kurzfristig, eine gewisse Reue. Dann hoffen die Frauen, dass die Beziehung doch noch zu retten ist." Da viele Frauen sich trotz emotionaler und körperlicher Gewalt hĂ€ufig nicht von ihren Partner trennen - meistens ist der TĂ€ter der Beziehungspartner - konzentrierten sich die BemĂŒhungen des Runden Tisches auch auf die "tĂ€terorientierte Intervention". Die MĂ€nner werden in wöchentlichen Sitzungen mit den Geschehnissen konfrontiert und ĂŒber die GrĂŒnde fĂŒr ihr Verhalten aufgeklĂ€rt. Außerdem lernen die TĂ€ter, ihre Wut anders zu kanalisieren. Die Kurse dauern 26 Wochen und orientieren sich am Vorbild von amerikanischen Anti-Gewaltkursen, normalerweise werden sie von Gerichten angeordnet. Zahlen zur Effizienz dieser Kurse werden im Bericht 2008 veröffentlicht.

Beamte sind jetzt auf hÀusliche Gewalt sensibilisiert

Auch in der Arbeit der Polizei hat sich einiges geĂ€ndert. PolizeiprĂ€sident Dieter Glietsch sieht im RĂŒckgang der Dunkelziffer vor allem ein höheres Vertrauen der Opfer in die Arbeit der Beamten. Bereits in der Ausbildung werden Polizisten inzwischen auf den Umgang mit dem Thema hĂ€usliche Gewalt geschult, sie wird nicht mehr als Privatsache oder als "schlichtbar" abgetan. Mit der Möglichkeit der "Wegweisung" kann dem TĂ€ter seit dem 1. Januar 2002 bis zu 14 Tage der Zugang zur Wohnung und die AnnĂ€herung an Familienmitglieder oder die Partnerin verboten werden. WĂ€hrend dieser Zeit greift die Zusammenarbeit von Polizei und Organisationen. Die Polizei gibt nach EinverstĂ€ndniserklĂ€rung der Betroffenen die Telefonnummer an eine beratende Organisation weiter, die dann mit dem Opfer Kontakt aufnimmt. Dank dieser sogenannten "proaktiven Intervention" konnten 70 Prozent der Angesprochenen, die sich sonst keine Hilfe geholt hĂ€tten, unterstĂŒtzt werden.

Kinder mit Gewalterfahrung brauchen Hilfe

"Jedes fĂŒnfte Kind berichtet von Gewalt, entweder zu Hause oder auf dem Schulweg", so Patricia Schneider von BIG, der Berliner Intervention gegen Gewalt an Frauen. "Wer als Kind nicht lernt, Probleme ohne Gewalt zu lösen, wird spĂ€ter oft selbst zum TĂ€ter." Die Initiative hat sich hier ein umfangreiches Paket ĂŒberlegt. Sie bietet fĂŒr Schule Workshops, Kindersprechstunden und Ausstellungen an. "Wir zeigen Kindern, wie sie ihren Eltern helfen können und dass das nicht schwer sein muss." Außerdem organisiert BIG mehrsprachige Elternabende und Fortbildungen fĂŒr LehrerInnen und ErzieherInnen zur FrĂŒherkennung.

Runder Tisch beschließt Fachkommission, um die Arbeit fortzufĂŒhren

Der "Berliner Aktionsplan gegen Gewalt" wurde 2002 zunĂ€chst mit einer Laufzeit bis MĂ€rz 2006 geplant, die enthaltenen Maßnahmen konnten fast komplett umgesetzt werden. Eine VerlĂ€ngerung bis 2008 kam dann vor allem Migrantinnen und behinderten Frauen sowie der tĂ€terorientierten Intervention und dem Jugendbereich zugute. Die Arbeit des "Runden Tisches" wird jetzt unter dem Dach des "Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramms" weitergefĂŒhrt. HierfĂŒr wurde die Einrichtung einer Fachkommission "HĂ€usliche Gewalt" beschlossen.

Was ist "hÀusliche Gewalt"?

Der Fachbegriff umfasst unterschiedlichste Formen von ZwangsausĂŒbungen. Die gelĂ€ufigste Assoziation ist Körperliche Gewalt, also sĂ€mtliche Handlungen, die Schmerz erzeugen, z. B. Schlagen, WĂŒrgen, Schubsen oder Werfen von GegenstĂ€nden. Seit 1988 auch in der Ehe als Straftat geĂ€chtet ist die Sexualisierte Gewalt, also jede Form von Nötigung zu sexuellen Handlungen. Oft zuwenig beachtet wird die Psychische Gewalt, die sich in Form von Beleidigungen, Bedrohungen und DemĂŒtigungen Ă€ußert. Oft werden vom TĂ€ter die Kinder fĂŒr eine Erpressung genutzt, die dem Opfer "weggenommen" wĂŒrden. Nach der Trennungssituation kĂ€mpfen die Betroffenen hĂ€ufig mit "Stalking", also stĂ€ndigen BelĂ€stigungen, Kontrollanrufen und Auflauern durch den/die Ex-PartnerIn. Zu selten wird auch die Ökonomische Gewalt als solche wahrgenommen. Eine finanzielle AbhĂ€ngigkeit, wenn z. B. der/dem Betroffene/m ein eigenes Geld oder eine eigene ErwerbstĂ€tigkeit verboten wird, zĂ€hlt zur AusĂŒbung von Gewalt.

Hilfe per Telefon, SMS und Chat

Hilfe erhalten Betroffene inzwischen in vielen FrauenhĂ€usern und beratenden Organisationen. Die Berliner Interventionszentrale bei hĂ€uslicher Gewalt (BIG) hilft bei der Befreiung aus einem GewaltverhĂ€ltnis und berĂ€t bei juristischen und organisatorischen Fragen, bei Bedarf auch zu Hause. Die Hotline ist telefonisch unter 030/611 03 00 tĂ€glich von 9:00 - 24:00 Uhr erreichbar. Außerdem bietet die BIG-Website www.big-hotline.de inzwischen eine umfangreiche Online-Auswahl. Barrierefreie Hilfsmöglichkeiten wie SMS oder Chat mit Beraterinnen helfen beispielsweise HörgeschĂ€digten oder auch Menschen, die zunĂ€chst anonym bleiben möchten.

Weitere Informationen unter:
www.berlin.de
www.big-hotline.de
www.berlin.de/polizei

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Public Affairs Beitrag vom 04.06.2008 AVIVA-Redaktion 





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