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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.03.2013

Von Content-Mafia und Reputations├Âkonomie - UrheberInnenrecht 2.0 auf dem Pr├╝fstand. Podiumsdiskussion zum Thema am 12. Juni 2013 in Berlin
AVIVA-Redaktion

Der sensiblen und kontroversen Problematik "Geistiges Eigentum und Urheberrecht im Internetzeitalter" widmeten sich die B├╝cherFrauen e.V. in einer Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse 2013.



Mit seinem aktuellen Jahresthema hat sich das Branchennetzwerk B├╝cherFrauen e.V. f├╝r das Jahr 2013 einiges vorgenommen: diese komplexe Materie treibt derzeit die gesamte Branche um und ist konstitutiv f├╝r die Zukunft. Zur Auftaktveranstaltung, in der sich die B├╝cherFrauen erstmals ├Âffentlich mit dem Thema auseinandersetzten, lud Moderatorin Katharina Gerhardt drei hochkar├Ątige Expertinnen zur Podiumsdiskussion nach Leipzig: Prof. Dr. Gabriele Beger, Direktorin der Staats- und Universit├Ątsbibliothek Hamburg ├Ąu├čerte sich zur Interessenlage von VerwerterInnen, Bibliotheken, wissenschaftlichen und bildungsorientierten NutzerInnen, w├Ąhrend Isabell Serauky, Berliner Anw├Ąltin f├╝r Medien- und UrheberInnenrecht, kompetent die Belange der UrheberInnen vertrat. Die dritte Fachfrau, Valie Djordjevic ist selbst Urheberin und Redakteurin bei iRights.info und ├Ąu├čerte sich differenziert und undogmatisch zur neuen "Kultur des Teilens" im Internet.

Katharina Gerhardt, freie Lektorin, Dozentin und Hamburger B├╝cherFrau er├Âffnete die Diskussion mit einem Zitat aus dem 2012 bei Rowohlt erschienenen Buch von Kathrin Passig und Sascha Lobo "Internet. Segen oder Fluch": "Mit der Emp├Ârungsenergie der Einzeldiskussionen zum UrheberInnenrecht in Blogs, Foren und Kommentarspalten lie├čen sich die Polarkappen drei Winter lang eisfrei halten." Trotz dieser und etlicher anderer provokanter Thesen schaffte sie es an diesem Abend im Leipziger CCL nicht, die gleiche Emp├Ârungsenergie bei Podiumsteilnehmerinnen oder Publikum freizusetzen. Stattdessen verdeutlichten alle Redebeitr├Ąge, wie vielschichtig und kompliziert die Thematik ist, wie unterschiedlich die Interessen, die gegeneinander abgewogen und ausgeglichen werden m├╝ssen, und dass es in diesem Zusammenhang mit Sicherheit keine einfachen L├Âsungen geben kann.

UrheberInnen brauchen Einkommen

Isabell Serauky, die u.a. bei der IHK Berlin stellvertretende Vorsitzende der Einigungsstelle f├╝r Wettbewerbsstreitigkeiten ist, betonte, wie wichtig es sei, dass AutorInnen und andere UrheberInnen von ihrer Arbeit leben k├Ânnen. Es sei nicht in Ordnung, wenn Kreative durch hemmungsloses "copy & paste" um die Fr├╝chte ihrer Arbeit gebracht w├╝rden. An diesem Punkt konstatierte Valie Djordjevic, dass schon in Zeiten vor Internet und neuen Medien die meisten Kreativschaffenden nicht von ihren Honoraren leben konnten - trotz UrheberInnenrecht. F├╝r diese "prek├Ąren" UrheberInnen stellten die digitalen Medien vielleicht sogar eine Chance dar, ihre Werke selbst zu publizieren und zu vermarkten. Aktuelles Beispiel f├╝r den Erfolg solcher Selbstvermarktung: die Romantrilogie "Fifty Shades of Grey", die im Internet als kostenlose Fan-Fiction ihren Anfang nahm. Prof. Dr. Beger unterst├╝tzte diese Auffassung und nannte weitere Beispiele aus der Musikbranche. Sie vertrat au├čerdem die Position, dass kein Werk im luftleeren Raum entstehen k├Ânne. "Jeder Kulturschaffende bezieht sich auf das, was vorher war, holt sich Anregungen und Inspiration von anderen." Dies sei so auch v├Âllig in Ordnung: "Wenn jemand etwas schafft, dann soll er oder sie auch dar├╝ber bestimmen, was damit geschieht. Aber wenn ein Werk erstmal der ├ľffentlichkeit ├╝bergeben wurde, dann wird es automatisch zum Allgemeingut."

Rechtsbewusstsein und Fairness

In diesem Zusammenhang fiel schlie├člich das Stichwort "Reputations├Âkonomie". Auch sei die Nutzung und Verbreitung von Werken z.B. durch Fans h├Ąufig im Interesse der UrheberInnen oder auch der kommerziellen VerwerterInnen, da es sich hierbei um eine Art "Empfehlungsmarketing" bzw. "Mund-zu-Mund-Propaganda" handle. Die digitale Community reagiere jedoch durchaus sensibel, wenn es um echten Diebstahl geistigen Eigentums und die Unterschlagung von Quellenangaben geht, so Valie Djordjevic. "Und das gilt nicht nur f├╝r Doktorarbeiten!" wie Moderatorin Katharina Gerhardt zur allgemeinen Erheiterung einwarf. Als prominentes Beispiel wurde der Erstlingsroman von Helene Hegemann genannt, der vor einigen Jahren viel Staub aufwirbelte, als bekannt wurde, dass einige Passagen ohne Quellenangabe aus einem Blog ├╝bernommen worden waren.

Auch Fachanw├Ąltin Isabell Serauky versicherte, die meisten NutzerInnen h├Ątten sehr wohl ein Unrechtsbewusstsein und keineswegs die Absicht, UrheberInnen bewusst zu sch├Ądigen oder auf kriminelle Weise um ihren Verdienst zu prellen. Au├čerdem vertrat sie die Ansicht, das bestehende UrheberInnenrecht sei durchaus nicht so reformbed├╝rftig, wie oft behauptet werde. Viel wichtiger sei es, dass breiteres Rechtsbewusstsein geschaffen werde - daf├╝r gen├╝ge meistens schon eine bessere Aufkl├Ąrung und Information der NutzerInnen.

Sie betonte, dass insbesondere f├╝r die Nutzung im Bildungsbereich juristisch noch einiges zu regeln sei - es k├Ânne nicht angehen, dass Schulen und andere ├Âffentliche Bildungseinrichtungen ihre Budgets mit der Finanzierung von Lizenzen ├╝berstrapazieren. Auch stellte sie in Frage, ob es wirklich notwendig sei, dass das geltende UrheberInnenrecht Werke bis zu siebzig Jahre nach Tod des Urhebers/der Urheberin sch├╝tzt. Hier sei eine Reform weitaus sinnvoller als in manch anderen Bereichen.

Praxisorientierter Interessenausgleich

"F├╝r Bibliotheken und Wissenschaftsbetrieb stellen die neuen Medien einen wahren Segen dar", so Bibliotheksdirektorin Gabriele Beger. "Archivierung, Verf├╝gbarkeit, Auffindbarkeit - alles ist einfacher dadurch geworden." Was hat sich durch "Lizenzen" ge├Ąndert? Werke geistigen Eigentums werden dem/der NutzerIn/K├ĄuferIn heute nicht mehr zwangsl├Ąufig physikalisch zur Verf├╝gung gestellt, sondern h├Ąufig regelt lediglich ein Link den Zugang zum Werk. Was geschieht mit einer solchen Lizenz/Nutzungserlaubnis, wenn der/die NutzerIn beispielsweise sein/ihr Konto bei amazon.de schlie├čt? Ist die Lizenz f├╝r immer weg und wenn ja, warum?

Am Ende der sachlichen und inhaltlich konstruktiven Debatte waren sich alle Podiumsteilnehmerinnen in dem Punkt einig, dass es keine leichte Aufgabe sein wird, im digitalen Zeitalter einen fairen Interessenausgleich zwischen UrheberInnen, VerwerterInnen und NutzerInnen herzustellen - sie alle haben ihre Funktion, ihren Nutzen und ihre Daseinsberechtigung.

Mehr zum Jahresthema "Geistiges Eigentum und UrheberInnenrecht im Internetzeitalter" gibt es auf der Jahrestagung der B├╝cherFrauen in Hamburg, die vom 15. bis 17. November 2013 in der Bucerius Law School stattfindet, unter der Schirmherrschaft der Hamburger Senatorin f├╝r Justiz und Gleichstellung.

Am Mittwoch, 12. Juni 2013 findet eine Podiumsdiskussion zum Thema "UrheberInnenrecht im digitalen Zeitalter" am Jahrestag der B├╝cherFrauen statt.
Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20.30 Uhr
Veranstaltungsort: Gr├╝ner Salon, Volksb├╝hne
Linienstra├če 227
10178 Berlin

Weitere Informationen finden Sie unter www.buecherfrauen.de

Auch die Herausgeberin von AVIVA-Berlin, Sharon Adler, ├Ąu├čerte sich 2012 zum Thema "UrheberInnenrecht" und positionierte sich zu den zw├Âlf Thesen der SPD-Fraktion, die offene Streitpunkte der Debatte behandeln. Das Interview finden Sie unter: www.spdfraktion.de.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit Valeska Henze, Politikwissenschaftlerin & ├ťbersetzerin. 1. Vorsitzende der B├╝cherFrauen e.V.

B├╝cherFrauen gr├╝nden eAkademie

Urheber-, Medien- und Werberecht (2004)

Creative Commons Lizenzen f├╝r Deutschland - Werke ver├Âffentlichen und einige Rechte reservieren (2004)

Helene Hegemann - Axolotl Roadkill



(Quelle: B├╝cherFrauen e.V.)




Public Affairs Beitrag vom 27.03.2013 AVIVA-Redaktion 





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