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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.02.2014

Hebammenwesen vor dem Aus. Ab Juli 2015 haben Hebammen in Deutschland keine Haftpflichtversicherung mehr
Philippa Schindler

Ändert sich nicht bald etwas am politischen Umgang mit freiberuflichen Hebammen, müssen Frauen schon bald auf ein wichtiges Recht ihrer Selbstbestimmung verzichten: der freien Wahl des Geburtsortes.



NEWS vom 18. 02. 2014Erste Verhandlungen liefen erfolgreich

Bei einem Treffen zwischen Bundesgesundheitsminister Hermann Gr├Âhe und den Hebammenverb├Ąnden ist es zu ersten Einigungen gekommen. In enger Zusammenarbeit sollen langfristige und strukturelle L├Âsungen f├╝r das Problem der Haftpflichtversicherung erarbeitet werden, akute Ma├čnahmen sollen hingegen bereits ab Sommer 2014 die Beitragskosten f├╝r alle betroffenen Hebammen ausgleichen. Martina Klenk, Pr├Ąsidentin des Deutschen Hebammenverbandes e.V. begr├╝├čte diese Entwicklung: "Unser Eindruck ist: Wir werden sehr ernst genommen mit unserem Anliegen. Herr Gr├Âhe hat nicht nur die Haftpflichtproblematik, sondern auch die Versorgungssituation mit Hebammenleistungen im Blick."



Die Situation freiberuflicher Hebammen hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. Mehrmals wurden ihre Beitr├Ąge zur Haftpflichtversicherung erh├Âht, mittlerweile sind die j├Ąhrlichen Versicherungskosten einer Hebamme auf rund 5.000 Euro angestiegen. Bei einem gleichbleibend niedrigen Stundenlohn von durchschnittlich gerade einmal 8 Euro lohnt es sich da kaum mehr, au├čerklinische Geburtshilfe anzubieten. Viele Hebammen haben sich aus diesem Grund bereits aus der Geburtshilfe verabschiedet. Diese Entwicklungen beklagt auch die erste Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes Susanna Rinne-Wolf. Bereits 2012 hatte sie im Interview mit AVIVA-Berlin die prek├Ąren Arbeitsverh├Ąltnisse von freiberuflichen Hebammen geschildert, doch verbessert hat sich seitdem nichts - im Gegenteil. "Es ist wirklich ein leidiges Thema", kommentiert Susanna Rinne-Wolf im Februar 2014 die erneute Versch├Ąrfung des Haftpflichtproblems.

Doch dem noch nicht genug: Ab Juli 2014 werden sich die Haftpflichtpr├Ąmien erneut um 20 Prozent erh├Âhen. Grund daf├╝r sind die drastisch steigenden Kosten pro Schadensfall und die damit verbundenen Regressforderungen gegen├╝ber Hebammen. Eine neuerliche Anhebung der ohnehin schon enorm hohen Versicherungsbeitr├Ąge k├Ânnen die meisten freiberuflichen Hebammen aber schlichtweg nicht finanzieren. F├╝r sie bedeutet dies das berufliche Aus.

Und auch die Versicherungsunternehmen ziehen sich nach und nach aus ihren Vertr├Ągen mit den Hebammen zur├╝ck. So wird auch das einzige verbliebene Konsortium aus drei Versicherungen nur noch ein weiteres Jahr fortbestehen. Kurz nach der Bekanntgabe der Beitragserh├Âhung hat die N├╝rnberger Versicherungen ihren Ausstieg zum 1. Juli 2015 angek├╝ndigt. Wer die Hebammen dann weiter versichert, ist offen. Denn laut dem Deutschen Hebammenverband e.V. (DHV) blieben zahlreiche Anfragen an alternative Unternehmen im In- und Ausland bislang erfolglos.

"Das ist eine absurde Situation.", sagt DHV-Pr├Ąsidentin Martina Klenk, "Die Lage auf dem Versicherungsmarkt f├╝hrt zum Zusammenbruch der Versorgung mit Geburtshilfe." Tats├Ąchlich k├Ânnte diese d├╝stere Zukunftsaussicht schon bald real werden. Denn ohne Haftpflichtversicherung d├╝rfen freiberufliche Hebammen keine Geburten begleiten, weder Geburten zu Hause, im Geburtshaus oder als 1:1-Beleghebamme in der Klinik.

Schon jetzt ist eine fl├Ąchendeckende Versorgung w├Ąhrend Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett in vielen Regionen Deutschlands nicht mehr gegeben. Von vornherein ausschlie├čen w├╝rde der Wegfall freiberuflicher Hebammen hingegen die Wahlfreiheit des Geburtsortes ÔÇô Kinder bek├Ąme frau dann ausschlie├člich in der Klinik. Keine guten Aussichten, denn auch dort sind die Krei├čs├Ąle im Zuge von Einsparma├čnahmen h├Ąufig unterbesetzt.

"Wir m├╝ssen jetzt laut werden und unsere Hebammen retten!" fordert deswegen Bianca Kasting, die auf der Internetplattform change.org eine Petition zur Verbesserung der Situation von Hebammen ins Leben gerufen hat. Darin fordert sie Bundesgesundheitsminister Hermann Gr├Âhe auf, Ma├čnahmen zu ergreifen, um das im Koalitionsvertrag festgeschriebene Ziel einer angemessenen Verg├╝tung von Hebammen umzusetzen. Mehr als 120.000 Unterst├╝tzerInnen unterzeichneten die Online-Petition bereits (Stand: 18.02.14).

Der Deutsche Hebammenverband fordert au├čerdem, schnellstm├Âglich eine L├Âsung f├╝r das Haftpflichtproblem zu finden. Vorschl├Ąge bestehen unter anderem in der Einrichtung eines staatlich gef├Ârderten Fonds, der besondere Haftungssituationen abdeckt, und der Einf├╝hrung einer Haftungsobergrenze f├╝r Hebammen. "Wir brauchen jetzt dringend eine politische L├Âsung!", fordert DHV-Pr├Ąsidentin Martina Klenk.

Weitere Informationen finden Sie unter:

Auf der Internetseite von Hebammen f├╝r Deutschland e.V. gibt es spannendes Hintergrundwissen zum Thema.

Die Internetseite des Hebammeneverbandes Deutschland informiert ├╝ber aktuelle Entwicklungen.

Auf change.org kann frau noch die Online-Petition zur Verbesserung der Situation von Hebammen unterschreiben.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit Susanna Rinne-Wolf, der Vorsitzenden des Berliner Hebammenverbandes

Annette Kerckhoff - Heilende Frauen. Ärztinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Pionierinnen der Naturheilkunde

Kriminalisierung von Hebammen in Ungarn - Agnes Gereb seit dem 5. Oktober 2010 in Haft

Who cares? Sorgeberufe ÔÇô Ausstellung des Deutschen Frauenrats nach einer Reportage durch AVIVA-Berlin

(Quellen: Deutscher Hebammenverband e.V., Hebammen f├╝r Deutschland e.V.)


Public Affairs Beitrag vom 18.02.2014 Philippa Schindler 





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