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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.05.2007

Nach einer Wunde suchen f├╝r den Schmerz...
Clarissa Lempp

Die K├╝nstlerin Gisela Weimann ist eine der Hauptakteurinnen der Ausstellung "FRIDA A LOS 100 A├ĹOS". Mit AVIVA-Berlin sprach sie ├╝ber ihre Erfahrungen in Mexico und den Mythos Frida Kahlo



AVIVA-Berlin: Frida Kahlos 100. Geburtstag ist der Anlass, alte und neue Geschichten ├╝ber die faszinierende und au├čergew├Âhnliche K├╝nstlerin zu erz├Ąhlen. Der "Frida-Kult" hat sie zum Popstar gemacht. Was interessiert Sie pers├Ânlich und als K├╝nstlerin am Mythos und am Mensch Frida?
Gisela Weimann: Die Besuche in Frida Kahlos casa az├║l waren 1976 das inspirierendste Erlebnis meines ersten Aufenthaltes in Mexiko. Ihr ausgepr├Ągter Sinn f├╝r Sch├Ânheit und Poesie, ihre Bilder, ihre Tageb├╝cher, ihre Sammlung mexikanischer Volkskunst und ihr Leben, das gleichzeitig wie ein rauschendes Fest und von gro├čer Tragik war, ber├╝hrten mich tief und sch├Ąrften meine Sinne f├╝r die Wahrnehmung der einzigartigen Kultur und dramatischen Geschichte Mexikos. Daher widme ich ihr zu ihrem 100. Geburtstag mein "Tepoztlaner Tagebuch". Der "Popstar", zu dem eine so tiefgr├╝ndige und ernsthafte K├╝nstlerin wie sie gemacht wurde, erlebe ich als kulturpolitisch bewusste Kollegin heute als ein ersch├╝tterndes Beispiel f├╝r die Gnadenlosigkeit des Kunstmarktes und nachgeborener Nutzer. Die Frauenforschung arbeitet vorrangig ├╝ber Verschollenes, Verstecktes, Verlorenes. In der Regel schreiben Kunstwissenschaftlerinnen und Kunstwissenschaftler ├╝ber tote K├╝nstlerinnen. Sind diese durch Lebens- und Zeitumst├Ąnde nicht ins Blickfeld der ├ľffentlichkeit geraten oder vergessen worden, bleibt das Werk h├Ąufig nur rudiment├Ąr oder gar nicht erhalten. Ein anderer Aspekt ist die posthume Vermarktung von K├╝nstlerinnen, die ├Âffentliche Beachtung errungen haben. Die Ausstellung zur Rezeption von Frida Kahlos Werk, die wir gegenw├Ąrtig anl├Ąsslich ihres 100. Geburtstages am 6. Juli 2007 f├╝r das Haus am Kleistpark in Berlin vorbereiten, zeigt einige dieser Aspekte auf. Die Werke der K├╝nstlerin, die zu ihren Lebzeiten in Mexiko kaum ausgestellt und verkauft wurden (in ihre erste gro├če Einzelausstellung in Mexiko-Stadt wurde sie, schon halbtot, in ihrem Bett gebracht), und ihre tragischen Lebensumst├Ąnde sind zum Ausgangspunkt f├╝r eine gewinntr├Ąchtige Frida-Industrie geworden, die vor keinem privaten Detail und keiner Geschmacklosigkeit Halt macht.

AVIVA-Berlin: Das bereits erw├Ąhnte "Tepoztlaner Tagebuch" entstand w├Ąhrend Ihres Studienaufenthalts von 1979 bis 1980 in Tepoztl├ín, Mexiko. Gab es bestimmte Ereignisse oder Situationen, die besonders starken Einflu├č auf Ihre Arbeit hatten?
Gisela Weimann: Ich lebte ├╝ber ein Jahr allein mit zeitweilig 10 Katzen in einem gro├čen Haus mit vielen Zimmern, Treppen, Terrassen und einem Garten mit Avocado-, Orangen- und Zitronenb├Ąumen und exotischen Pflanzen, das zum Verkauf stand. Ich hatte lange Zeit kein Licht und kein Gas. Wenn die pl├Âtzliche tropische Nacht vom Himmel fiel, verlie├čen neugierige Nachbarn fluchtartig das Haus, und auch mir war es unheimlich, wenn ich von der oberen Terrasse mit einer flackernden, Schatten werfenden Kerze zu meinem Schlafraum ging. In den ersten N├Ąchten hatte ich unheimliche Tr├Ąume, f├╝hlte mich beobachtet und gepr├╝ft und schlie├člich akzeptiert, aufgenommen in das Geheimnis. Mexiko ist ein magisches Land, voller Fantasie, Genialit├Ąt, Sinnlichkeit und Lebensfreude bei gleichzeitiger, immer pr├Ąsenter Todesn├Ąhe. ÔÇÜBrujas' und ÔÇÜbrujos' (Hexerinnen/Heilerinnen und Hexer/Heiler) sind im Kontakt mit den ÔÇÜinvisibles' (den Unsichtbaren/den Geistern) und einem ├╝berlieferten Wissen, das sie bei ÔÇÜlimpias' (Reinigungszeremonien) und bei heidnisch-christlichen Ritualen vermitteln. Die besondere Atmosph├Ąre eines Ortes wie Tepoztl├ín und diese Begegnungen, unterst├╝tzt von ÔÇÜhongas' (halluzinogenen Pilzen), schafften einen weit ge├Âffneten, rezeptiven Bewusstseinzustand, der Tr├Ąume, Empfindungen und Bilder entstehen lie├č, die mich selber ├╝berraschten. Nach meiner R├╝ckkehr nach Berlin wurden die leuchtenden Farben immer d├╝sterer, nur der Tod blieb pr├Ąsent, als Bedrohung und nicht als Teil des Lebens.

tepoztlaner tagebuch, 29. 10. 1979 ÔÇŽ eingeh├╝llt unter dem fr├╝hen, rosig verschleierten morgen sitzen - in weichen grauen h├╝gelwellen abgestufte ferne - eine landschaft wie von turner, caspar david friedrich oder auf chinesischen tuschzeichnungen und japanischen holzschnitten, vertraut und neu - in meinem verwunschenen palast kein strom und kein gas - bedauerter verzicht auf ein hei├čes getr├Ąnk - endlich flammt die sonne auf, seit tagen vermisst, und zerrei├čt die schleier vor meinen augenÔÇŽ // ├╝ber den tempelbergen weit oben quellen dicke, schneewei├če wolken hervor, so als w├╝rde dahinter etwas zubereitet - so seltsam sch├Ân dieses land aber nicht sanft - jos├ę antonio zeigte mir gestern einen schweren rundgeschliffenen stein und sagte, damit h├Ątten die priester die rippen der opfer zerschlagen bevor sie das herz herausschnitten

AVIVA-Berlin: Der Titel, unter dem die Bilder gezeigt werden, entstammt dem Tagebuch von Frida Kahlo: "Wozu brauche ich F├╝├če, wenn ich Fl├╝gel zum Fliegen habe?". Sie schrieb es kurz nach ihrer Fu├čamputation unter eine Zeichnung. In welcher Verbindung sehen Sie dieses Zitat zu ihren Arbeiten?
Gisela Weimann: Nach meinem ersten Aufenthalt 1976 kehrte ich im August 1979 nach Mexiko zur├╝ck und lebte ├╝ber ein Jahr in dem beschriebenen Haus in Tepoztl├ín, diesem magischen Ort, der, ├╝berragt von der Pyramide Tepozteco und umgeben von geheimnisvoll modellierten Bergen (nach der Sage waren Riesen am Werk) in einem der alten, heiligen T├Ąler Mexikos liegt. Der Traum vom Fliegen geh├Ârt zu den Archetypen menschlicher Sehns├╝chte und der Wunsch, die Erdgebundenheit und meinen K├Ârper in anderer Form zu verlassen, taucht schon vor meinem ersten Mexikoaufenthalt in meinen Tageb├╝chern auf. Zwei danach, 1977 entstandene Radierungen tragen die Titel: "Daphne verwandelt sich vor Zeugen in eine Wolke" und "Ikarus verwandelt sich vor Zeugen in einen Vogel". Aber erst in Tepoztl├ín verlor ich den Boden unter den F├╝├čen ohne zu fallen. Auf meinen Aquarellen erschienen anf├Ąnglich bedrohliche Mischwesen aus Mensch und Vogel, w├Ąhrend meine Tagebuchtexte ├ängste vor der Nacht und ihren fremden Geistern beschrieben. Langsam jedoch wurde das ÔÇÜSchweben ├╝ber dem Tal' selbstverst├Ąndlich, l├Âsten sich die Figuren auf meinen Aquarellen schwerelos vom Boden. Zu Beginn der Regenzeit trieben sie gr├╝ne Bl├Ątter und Fl├╝gel, gingen himmelan und flogen, begleitet von Palmen und der gefiederten Schlange indianischer Mythen, durch eine leuchtende, helle Welt. Eine weitere Affinit├Ąt zu Frida Kahlo ist ihre Bew├Ąltigung der Schmerzen, die sie, wie bei einer Beschw├Ârung, in Bilder bannte. In meinen Tageb├╝chern der 60er Jahre findet sich der Satz: "nach einer wunde suchen f├╝r den schmerz". F├╝r diesen stark empfundenen seelischen Schmerz, der mit der Wunde zusammen h├Ąngen mag, die ich durch das Erschrecken ├╝ber die Menschen und die Welt durch die Enth├╝llungen der grauenvollen Ereignisse w├Ąhrend des Zweiten Weltkrieges erlitt, suchte auch ich nach Bildern und Worten, wie Aquarelle von blutigen, verletzten K├Ârpern und Titel zeigen: "dornen im fleisch". Mexiko selbst erscheint mir ein Land mit einer tiefen Wunde zu sein, ein Land mit einem tief empfundenen Gef├╝hl f├╝r Schmerzen und Leiden, hervorgerufen durch seine traumatische koloniale Geschichte, aber auch durch die blutigen Rituale der pr├Ąhistorischen Religion. Ich sehe das als eine Erkl├Ąrung daf├╝r an, dass die christliche Religion mit der stellvertretenden grausamen Kreuzigung ihres Gottes in Mexiko so erfolgreich eine Verbindung mit eigenen Traditionen eingehen konnte und weiter daf├╝r, dass Frida Kahlo durch ihre Identifizierung mit ├╝berlieferten Mythen und ihre Leidensgeschichte ein mexikanisches Grundgef├╝hl reflektiert und fast zu einem Teil mexikanischer Identit├Ąt geworden ist.

AVIVA-Berlin: Eine weitere Verbindung zwischen Ihrer Arbeit und Kahlos Werk ist die direkte Einbeziehung der eigenen Person durch Selbstportraits. Was birgt diese Darstellungsform f├╝r Sie?
Gisela Weimann: Es gibt kaum K├╝nstlerInnen, die sich nicht in verschiedenen Lebensphasen selbst dargestellt haben: stolz oder fragend, zweifelnd oder verzweifelt oder den Prozess der eigenen Verg├Ąnglichkeit festhaltend, wie die Retrospektive der finnischen K├╝nstlerin Helene Schjerfbeck in Hamburg uns gerade vorgef├╝hrt hat. Das Selbstportr├Ąt ist eine direkte Form der Selbstbefragung, das neugierige Forschen nach existentiellen Antworten in den Linien und dem Ausdruck des eigenen Gesichtes. Die eigene Person steht als Modell und Dialogpartner jederzeit und kostenlos zur Verf├╝gung und hilft, die Einsamkeit zu ├╝berwinden. Durch ihre Krankengeschichte, die sie ├╝ber lange Zeitspannen an das Bett fesselte, war Frida Kahlo auf sich selbst zur├╝ck geworfen und angewiesen. In ihre komplexen Selbstportr├Ąts flie├čen sowohl Zeitgeschichte als auch koloniale Geschichte und mexikanische Mythen, Ereignisse ihres privaten Lebens, eigene Tr├Ąume, Leiden und ├ängste, Identifizierung mit verletzten Kreaturen und dem kosmischen Kreislauf des Lebens ein. Fast ihr gesamtes Werk kann als Selbstportr├Ąt bezeichnet werden. Ich selbst habe ├╝ber viele Jahre in einer doppelten Spiegelung meine Mutter und mich selbst gezeichnet.

Berlin, 1986: Seit 1964 zeichne ich in Abst├Ąnden meine Mutter und mich selber. Die Zeichnungen sind ein Dialog, an dem wir beide kritisch beobachtend, vergleichend und mit unseren Gef├╝hlen teilhaben. Seit 1982 wird unser Gespr├Ąch zunehmend bewusster gef├╝hrt - als dritter Gespr├Ąchspartner ist der Tod hinzugekommen. Dadurch ausgel├Âst besch├Ąftige ich mich seit 1982 in meiner gesamten k├╝nstlerischen Arbeit vorrangig mit dem Tod - er hat f├╝r mich zwei Gesichter: Das eine geh├Ârt dem vertrauten Tod, wie er mir in Mexiko begegnet ist - er ist lebendig, st├Ąndig neben mir, isst mit, tanzt mit, tr├Ągt eine Narrenkappe und setzt sie mir auf, wenn ich ihn vergesse. Dieser Tod ist physischer Natur im Sinne von ├ťberwindung und psychischer Erneuerung und betrifft mich pers├Ânlich. Der andere Tod ist anonym, fremd und macht das pers├Ânliche Schicksal l├Ącherlich. Er ist ÔÇÜcool' geplant, durchkalkuliert und manipuliert, seine Beziehung zum Leben und den Menschen wird verdr├Ąngt. Dieser unfassbare Tod bedroht mich existentiell seit meiner R├╝ckkehr nach Europa.

In meinem 2002 erschienenen Werkverzeichnis meiner Arbeiten mit Spiegeln beschreibt Carola Muysers diese Arbeitsserie in einer Weise, die sich auch auf Frida Kahlo ├╝bertragen l├Ąsst, die viele ÔÇÜSpiegelungen' in ihre Selbstportr├Ąts integriert: "Die Portr├Ąts kommunizieren miteinander - so scheint ein dreistimmiges Gespr├Ąch zwischen der K├╝nstlerin, ihrem Spiegelbild und ihrer Mutter zu entstehen.Denken wir an das klassische K├╝nstlerselbstbildnis, so ist hier das Verh├Ąltnis der K├╝nstlerin/Autorin zu ihrem eigenen Abbild gleich mehrfach gebrochen. Denn Gisela Weimann gibt sich keineswegs mit einem narzisstischen Bild ihrer selbst zufrieden. Im Gegenteil scheint sie das Gegen├╝ber der Mutter zu befragen und ihre eigene Reaktion auf diese Situation widerzuspiegeln. Zugleich dient ihr das m├╝tterliche Pendant ebenso als Spiegel wie ihr eigenes gezeichnetes Spiegelbild - ein Verwirrspiel zwischen Selbst und Anderem, aus dem sich das Selbstbild der K├╝nstlerin zusammenf├╝gt. Eine Fotografie ÔÇŽ zeigt das gro├če Atelier von Gisela Weimann, in dem ein ovaler Spiegel die Perspektive verstellt. Wie zuf├Ąllig steht er auf einer Staffelei der K├╝nstlerin gegen├╝ber, so dass ihre ernsthaften Z├╝ge darin reflektiert werden. Am Fensterfl├╝gel im Hintergrund des Spiegelbildes h├Ąngt eine spinnenartige (mexikanische) Maske, und rechts davon sind Papierbahnen mit aufgemalten Skeletten angebracht - Motive, die aufmerken lassen. F├╝r Traumbilder und Visionen aus einer anderen Welt haben sie eine zu reale Pr├Ąsenz. Wie ein Insekt sitzt die Maske am Fenster, w├Ąhrend die Skelette in ihrer gro├čfl├Ąchigen Konturierung fast wie eine verspielte Dekoration wirken. Obwohl diese Bilder fremd und r├Ątselhaft sind, vermitteln sie auch Vertrautes. Sie entstammen der Welt der K├╝nstlerin und sind zugleich eigenst├Ąndige Wesen. So gesehen kann man ihre Anwesenheit vollends begreifen: Die Skelette, die dort fr├Âhlich mit den Knochen zu klappern scheinen, und die Maske, die aufmerksam und scharf die Umgebung beobachtet, sind die Garde der K├╝nstlerin, sind ihre Gef├Ąhrten und ihre Besch├╝tzer, die ihr beim Abtauchen in die kreativen Tiefen nicht von der Seite weichen".

AVIVA-Berlin: Tepoztlan liegt s├╝dlich von Mexico Stadt, im Bundesstaat Morelos, der als Wiege des Revolution├Ąrs Emiliano Zapata gilt. F├╝r Frida Kahlo war die Revolution ein wichtiges Ereignis, das sie als ihre Geburtsstunde bezeichnete (obwohl sie tats├Ąchlich 3 Jahre zuvor geboren wurde). Die Politik ging in dieser Zeit in die Kunst ├╝ber, wie das Beispiel der Muralisten zeigt, zu denen ja auch Diego Rivera geh├Ârte. Wurde Ihr eigenes Verh├Ąltnis zu Politik in der Kunst durch den Mexico Aufenthalt beeinflusst?
Gisela Weimann: Ich habe von 1965 bis 1971 in Berlin studiert, d. h., dass ich in meinem Denken und meinem sozialen Bewusstsein von der kritischen Studentenbewegung gepr├Ągt war. Entsprechend haben mich die Kunst der mexikanischen Revolution und die gro├čen Muralisten fasziniert und begeistert. Ich hatte bald Kontakt zu linksgerichteten K├╝nstler/-innen, wie dem kritischen Zeichner Rojelio Naranjo, der Schauspielerin Ana Ofelia Murgia, die viele Jahre mit dem "teatro campesino" gearbeitet hat (einer sozialkritischen, von Agosto Boal entwickelten Form des "unsichtbaren Theaters", bei dem Konflikte und Probleme mit den betroffenen ÔÇÜcampesinos' in den D├Ârfern aufgearbeitet, nachgespielt und so bewusst gemacht werden), zu den Theoretikerinnen Raquel Tibol, Alaide Foppa und zu Eli Bartra von der feministischen Gruppe "La Revuelta" (der Umbruch). Seit 1976 hatte sich mein politisches Engagement und mein ausgepr├Ągter Sinn f├╝r Gerechtigkeit auf die Gleichberechtigung der Frauen und auf kulturelle Bildung konzentriert, in der Hoffnung, dass kreative Menschen unabh├Ąngiger denken und nicht so leicht zu manipulieren sind. Dass dies durchaus von politischer Brisanz ist, haben meine Erfahrungen in Mexiko zwischen 1979 bis 1980 best├Ątigt.

berliner tagebuch, 11. 1. 1981 ... wir sind so umgeben von gewalt, dass man sich gar nicht mehr davon trennen kann - reale gewalt, verherrlichte historische gewalt, unterschwellige gewalt - ...jula dech rief an und erz├Ąhlte mir, dass alaide foppa am 19. 12. 1980 auf offener stra├če in guatemala entf├╝hrt worden ist (ihr mann war vorher "t├Âdlich verungl├╝ckt"!) - verschiedene ger├╝chte grassieren: entf├╝hrung durch eine todesschwadron oder zum versuch der erpressung - ich denke an alaide, unseren ersten abend in meinem haus in tepoztl├ín, wo sie mir das "du" anbot, unser zusammenstehen unter dem hohen sternenhimmel in der stille auf meiner terrasse - sie sagt, wie sehr sie die stille und den himmel hier liebt - bis zum juli 1980 waren mehrere hefte von "fem"* zum thema der rolle der frau im befreiungskampf lateinamerikas erschienen - ich sehe sie vor mir auf dem podium des goethe institutes, h├╝bsch geschminkt und in einer spitzenbluse die einf├╝hrung f├╝r die ausstellung der mexikanischen kolleginnen haltend; eine etwas hausbacken wirkende ├Ąltere dame // ...bevor ich aus mexiko abfuhr, schrieb ich ein paar abschiedszeilen an alaide, und nun! - es gibt keine sicherheit, wenn man mit moral und verantwortung sein leben verfolgt...

*Das feministische Journal "fem" wurde 1975 von Margarita Garc├şa Flores und Alaide Foppa ger├╝ndet.

AVIVA-Berlin: Zum Abschluss, was wird die Besucher/-innen der "Frida a los 100 a├▒os"-Ausstellung an Neuem erwarten?
Gisela Weimann: Der vielf├Ąltige Blick auf die Rezeptionsgeschichte: Anne Jud's Collage auf dem Einladungs-Faltblatt, mit den 2002 ausgegebenen amerikanischen Frida-Briefmarken im Dollarrahmen, verdeutlicht zum einen ihre weltumspannende Ber├╝hmtheit und setzt zum anderen einen kritischen Akzent, der mit dem umfangreichen Begleitprogramm mexikanischer und deutscher WissenschaftlerIinnen weiter ausgelotet und diskutiert werden wird. Renate Reichert's 100 Objektk├Ąsten aus ihrer schon seit 10 Jahren kontinuierlich fortgesetzten Arbeitsserie "Frida mi vida" ("Frida mein Leben", z├Ąrtliche Form der Anrede f├╝r vertraute und geliebte Menschen) sind erstmals in Berlin zu sehen und zeigen in der manisch-magischen Verbindung der K├╝nstlerin mit ihrem Idol Frida den Einfluss auf, den deren Leben und Werk auf sie aus├╝ben. Renate Reichert bezieht dabei sowohl biografische Details aus Frida Kahlo's Leben als auch eigene Erfahrungen und tagespolitische Ereignisse ein, denen sie in der Frida Kahlo's Bildtexten nachgeahmten kindlichen Handschrift Kommentare beif├╝gt. Ihr gro├čer Traum war es, ihre 100 pers├Ânlichen Variationen des ber├╝hmten Bildes "Die beiden Fridas" zum 100. Geburtstag von Frida Kahlo in Berlin zu zeigen. Diesen Traum hat sie mit Z├Ąhigkeit und Briefen an viele Kulturinstitutionen und an mich verfolgt und damit den Ansto├č zu diesem Ausstellungsprojekt des HAUS am KLEISTPARK gegeben. Die Auswahl von 100 Aquarellen aus meinem "Tepoztlaner Tagebuch" ist noch nie gezeigt worden. Der ganz besondere Aspekt unserer Ausstellung besteht jedoch darin, dass wir die gro├če Magierin Frida Kahlo in den Fotos von Gis├Ęle Freund auferstehen lassen k├Ânnen (die bis zu ihrer Emigration ÔÇÜum die Ecke' im Bayrischen Viertel gelebt hat) und dass sie ihren 100. Geburtstag umgeben von fotografischen Werken von 3 Generationen ihrer kreativen Familie feiern kann. Das verdanken wir unserem Kooperationspartner Ibero-Amerikanisches Institut in Berlin, in dessen Archiv sich eine Sammlung von Fotos von Frida Kahlo's Vater Wilhelm (Guillermo) befindet und vor allem den Organisatorinnen des gro├čartigen j├Ąhrlichen Festivals "Frauenperspektiven: neue Welt - Neue Welten" in Karlsruhe mit dem Schwerpunkt "Identidades in Movimiento" (Identit├Ąten in Bewegung), Guatemala, Mexiko und Kuba im M├Ąrz/April 2007. Elisabeth Schraut, im Kulturamt der Stadt verantwortlich f├╝r internationale Beziehungen, stellte die Verbindung zu Sylvette Str├Ânstad vom franz├Âsischen Kulturinstitut und zu Dorothee Bode von der Galerie Bode her. Sylvette Str├Ânstad war es gelungen, in ihrem Institut eine Ausstellung mit den wundervollen Fotos von Gis├Ęle Freund zu organisieren, die sie zwischen 1950-1952 von Frida Kahlo und ihrer Umgebung gemacht hat, und die Galerie Bode zeigte die Fotoserie "Noviembre Dos" (der 2. November, Tag der Toten, wird in Mexiko mit Verkleidungen der Kinder und opulenten Festen auf den Gr├Ąbern begangen) der Fotografin Cristina Kahlo. Auf diese Weise kamen wir in Kontakt mit dem Gis├Ęle Freund-Archiv in Paris und mit Cristina Kahlo und konnten mit Sylvette Str├Ânstad und Dorothee Bode vereinbaren, dass wir einen Teil der von ihnen mit hohem k├╝nstlerischem Niveau und viel Arbeit zusammen gestellten Ausstellungen ├╝bernehmen konnten. Wir bedanken uns herzlich f├╝r die Vorarbeit und gro├čz├╝gige Weitergabe. Cristina Kahlo wiederum ist die Tochter des Fotografen Antonio Kahlo, eines Neffen von Frida, und konnte uns deshalb 3 Fotos zur Verf├╝gung stellen, die ihr Vater von Frida Kahlo gemacht hat.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Alle Fotos und Bilder von GiselaWeimann:
Gisela Weimann: "Selbstportr├Ąt mit Calavera-Maske", vor dem Bild "der Tod befl├╝gelt", 1987
Gisela Weimann: "die schlange in der hand halten und abfliegen", 21X 29,5 cm, Tepoztlaner Tagebuch, 3. 8. 1980
Gisela Weimann: "Rückenansicht von mir in Tepoztlán", 1979

Lesen Sie auch die Informationen zur
Ausstellung "Frida a los 100 a├▒os" im Haus am Kleistpark.

Women + Work Beitrag vom 09.05.2007 Clarissa Lempp 





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