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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 25.10.2007


Gedanken zum Gedenken. Von Erica Fischer
Erica Fischer

Am 22. September 2007 wurde auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof in Berlin-Schöneberg ein Gedenkstein für die Frauenrechtlerin und feministische Publizistin Hedwig Dohm (1831-1919) enthüllt – AVIVA..




...hat darüber berichtet.

Die roten Luftballons mit Dohms berühmtem, noch lange nicht weltweit gültigem Zitat "Menschenrechte kennen kein Geschlecht" und die musikalischen Improvisationen der Saxophonistin Marion Schwan schufen eine stimmungsvolle Atmosphäre, die wunderbar mit dem sonnigen Herbsttag harmonierte.

In mehreren Reden war vom Verschwinden von Frauen in der patriarchalen Geschichtsschreibung die Rede. Und von einer Ansprache zur nächsten wurde mein Unbehagen größer. Denn keine nahm auf Hedwig Dohms jüdischen Hintergrund Bezug. Sie war die Tochter des Tabakfabrikanten Gustav Adolph Schlesinger, der die Mutter seiner Kinder, Wilhelmine Henriette Jülich, erst nach der Geburt ihres zehnten von insgesamt 18 Kindern 1838 heiratete. Nach der Eheschließung wurden die vorher geborenen Kinder, die bei ihrer Geburt den Mutternamen Jülich trugen, vom Vater anerkannt und hießen ab nun Schlesinger.

Warum haben Vater und Mutter erst so spät geheiratet? Ich kann nur mutmaßen, dass den jüdischen Eltern Adolph Schlesingers die unehelich geborene Wilhelmine Henriette als Schwiegertochter nicht recht war. Hedwigs Vater war allerdings schon lange vor ihrer Geburt zum Christentum übergetreten und änderte anlässlich der Eheschließung seinen jüdisch klingenden Namen auf Schleh.

"Alles was ich schreibe, steht im Dienste der Frauen" - so definierte sich Hedwig Dohm. Mir ist nur eine Erwähnung von Juden, wenn auch im negativen Zusammenhang, bekannt. "Siehst du", sagt ihre Protagonistin in "Feindliche Schwestern" (1914), "es gibt Juden, die sind noch antisemitischer als die christlichen Antisemiten; so gibt es auch Frauen, die sind noch antifeministischer als die männlichen Antis."

Hedwig Dohm scheint ihrer jüdischen Herkunft also keinen erkennbaren Stellenwert beigemessen zu haben. Und doch ist es vielleicht kein Zufall, dass auch ihr Ehemann, Wilhelm Friedrich Ernst Dohm, Sohn jüdischer Eltern war, die 1828 zum evangelischen Glauben konvertiert und ihren Namen von Levy auf Dohm geändert hatten.

All diese Übertritte und Namensänderungen waren für die damalige Zeit keine Seltenheit. Es war eben in Deutschland nicht ratsam, Jude zu sein.

Dass sich niemand um Hedwig Dohms Grabstätte auf dem Alten St. Matthäus Friedhof gekümmert hat, sodass es erst der Pionierarbeit von Reingard Jäkl von der Berliner Initiative "Hedwig Dohm sichtbar machen" bedurfte, um überhaupt die Stelle zu orten, an der die Asche der Frauenrechtlerin beigesetzt wurde, zeigt jedoch, dass ihre jüdische Herkunft dank der Nazis zumindest post mortem keineswegs eine Nebensache war.

Bei der Einweihung des Grabmals war es Reingard Jäkl als einziger zu verdanken, dass dieser Aspekt nicht unterging: Es gab nach dem Holocaust einfach niemanden mehr aus Dohms Verwandtschaft, der das Grab der Großmutter Katia Manns pflegen hätte können.

Falsch wäre es gewiss, Hedwig Dohm heute als Jüdin zu vereinnahmen, aber wenn es schon um Verschwinden geht, dann sollte dieser Teil ihrer Geschichte wenigstens nicht unerwähnt bleiben. Beides lässt sich durchaus zusammen denken.
Weiterlesen:

Lesen Sie auch das AVIVA-"Interview" mit Hedwig Dohm
.

Den Beitrag "Ganz im Zeichen von Hedwig Dohm" von Marlies Hesse.
Lesen Sie auch unsere Rezension zum ersten Band der kritischen Gesamtausgabe von Hedwig Dohm, "Ausgewählte Texte" erschienen zum 175. Geburtstag und herausgegeben von Nikola Müller und Isabel Rohner.

Weitere Infos unter:
www.journalistinnenbund.de und www.hedwigdohm.de


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Beitrag vom 25.10.2007

AVIVA-Redaktion 






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