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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.07.2005

Auslaufmodell ICH-AG? - E-Interview mit Dr. Andreas Lutz (Teil 1)
Ilka Fleischer

Die CDU/CSU will die ICH-AG abschaffen, denn sie unterstellt den Gef├Ârderten, "staatliche Zusch├╝sse abzugreifen". Was w├╝rde das f├╝r die Gr├╝nderinnenlandschaft bedeuten, fragten wir ExpertInnen...




Falls es im September zu einem Regierungswechsel kommt, steht die ICH-AG vor dem Aus. In ihrem Regierungsprogramm "Deutschlands Chancen nutzen. Arbeit. Wachstum. Sicherheit." k├╝ndigt die CDU/CSU an:
"Wir f├Ârdern f├╝r Arbeitslose den Schritt in die Selbstst├Ąndigkeit, schaffen aber die Ich-AG ab. F├╝r bereits genehmigte Ich-AG┬┤s gilt Bestandsschutz. Die Ich-AG hat sich als ineffektives Arbeitsmarktinstrument erwiesen. Zu viele Unternehmensgr├╝ndungen zielen nur darauf ab, staatliche Zusch├╝sse abzugreifen, statt sich mit Erfolg versprechenden Gesch├Ąftsideen am Markt zu etablieren."

Frauen, die den Sprung in die Selbst├Ąndigkeit bislang st├Ąrker gescheut haben als M├Ąnner, haben durch die ICH-AG-F├Ârderung in den letzten Jahren Mut gefasst: ├ťber 47,9 Prozent der Ich-AG`s wurden von Frauen gegr├╝ndet, w├Ąhrend 71,4 Prozent der ├ťberbr├╝ckungsgeldempf├ĄngerInnen m├Ąnnlichen Geschlechts sind.

In einer Interviewreihe mit politischen Entscheidungstr├ĄgerInnen, WissenschaftlerInnen, Gr├╝nderInnen, VertreterInnen der Bundesagentur f├╝r Arbeit und ExpertInnen aus der Praxis beleuchtet AVIVA-Berlin die m├Âglichen Folgen der ICH-AG-Abschaffung f├╝r die Gr├╝nderinnenlandschaft in Deutschland.

In unserem ersten Interview steht Dr. Andreas Lutz Rede und Antwort. Er ist Betreiber von www.ueberbrueckungsgeld.de, einer Webseite f├╝r Ich-AG-, ├ťberbr├╝ckungsgeld- und Einstiegsgeldgr├╝nderInnen, die mit einer beachtlichen Informationsf├╝lle aufwartet. Zugleich bietet Herr Dr. Lutz Workshops und Beratungen f├╝r Gr├╝nderInnen an und ist Autor von "Ich-AG und ├ťberbr├╝ckungsgeld" sowie des "STERN-Ratgeber Businessplan". Im September erscheint sein "Praxisbuch Networking".


ICH-AG-Gr├╝nderin seit September 2003

Karin Huber (39) geh├Ârt zur "1. Generation" ICH-AGlerInnen. In Partnerschaft mit dem ├ťbersetzungsb├╝ro Doolittle-Translations gr├╝ndete Sie eine Internet-Agentur, die Webdesign und Informationsmanagement kombiniert. Sie h├Ątte auch ohne die ICH-AG-F├Ârderung gegr├╝ndet, w├Ąre am liebsten aber angestellt geblieben.

Warum haben Sie die ICH-AG-Variante - und nicht die ├ťberbr├╝ckungsgeld-F├Ârderung - gew├Ąhlt?
Eigentlich war das keine schwere Entscheidung in meinem Fall: Mein Arbeitslosengeld und demzufolge das ├ťberbr├╝ckungsgeld war nicht so hoch. Hohe Anfangskosten entfielen, weil ich bereits ├╝ber die n├Âtige Ausstattung verf├╝gte. Da ich bereits vor der Gewerbeanmeldung Auftr├Ąge akquiriert hatte, konnte ich gerade f├╝r das erste Jahr ganz gut kalkulieren, daf├╝r kaum vorhersehen, wie es sich dann weiter entwickeln w├╝rde. So hatte die Aussicht auf den stufenweisen Abbau einer - wenn auch sehr niedrigen - F├Ârderung ├╝ber 3 Jahre hinweg f├╝r mich einfach einen "beruhigenderen" Charakter, als eine Planung, bei der nur die ersten 6-12 Monate tats├Ąchlich kalkulierbar waren...

H├Ątten Sie den Sprung in die Selbstst├Ąndigkeit auch ohne finanzielle staatliche F├Ârderung gewagt?
Aus der Situation der Arbeitslosigkeit heraus in jedem Fall, vielleicht eher sp├Ąter als fr├╝her, lieber w├Ąre mir gewesen, mein fr├╝herer Arbeitgeber h├Ątte sich rechtzeitig erholt oder es h├Ątte sich eine andere Anstellung ergeben.

Welche F├Ârderung haben Sie - neben der finanziellen - durch die Bundesagentur f├╝r Arbeit in Anspruch genommen? Welche w├╝rden Sie sich w├╝nschen bzw. h├Ątten Sie sich gew├╝nscht?
Beim Arbeitsamt in Eberswalde sind um die 20% Arbeitssuchende gemeldet, meiner Erfahrung nach ist neben der finanziellen F├Ârderung von der Agentur f├╝r Arbeit nichts Gro├čartiges zu erwarten.
Ich habe einen Existenzgr├╝nderkurs besucht, den Erfolg m├Âchte ich stark anzweifeln, ein 2t├Ągiges Seminar ├╝berhaupt so zu nennen, halte ich f├╝r recht ├╝bertrieben. Leider war der Anbieter in meinem Fall auch der einzige Coaching-Partner der mir von der Agentur empfohlen wurde, was ich mir nach meinen Erfahrungen dort lieber erspart habe. Den Coaching-Ansatz halte ich allerdings als sehr wichtig, schade, dass es das Angebot nur f├╝r das erste Jahr gibt...
Ilka Fleischer: Der j├╝ngste Global Entrepreneurship Monitor legt nahe, dass der Konjunktur-Pessimismus in Deutschland Firmengr├╝ndungen bremst. W├Ąhrend Deutschland bei den staatlichen F├Ârderinstrumenten Rang eins erreichte, bildete es bei der Bewertung der Chancen f├╝r Neugr├╝ndungen das Schlusslicht der untersuchten 34 L├Ąnder. Die Kluft zwischen objektiver Lage und subjektiver Bewertung sei enorm. (Wie) macht sich diese Stimmung in Ihren Workshops und Beratungen bemerkbar?
Dr. Andreas Lutz: Wer sich durchgerungen hat, sich aktiv zu informieren, Workshops zu besuchen oder Beratung in Anspruch zu nehmen, hat den l├Ąhmenden Pessimismus in Deutschland schon ein St├╝ck weit hinter sich gelassen. Es geht dann um ganz praktische Fragen: Habe ich Anspruch auf F├Ârderung? Welche Fallstricke gibt es? Was ist das beste Timing f├╝r die Gr├╝ndung? Wie schreibe ich einen tragf├Ąhigen Businessplan?
Leider wird das alles oft viel komplizierter dargestellt als es wirklich ist. Ich m├Âchte mit meinen B├╝chern und Workshops den Gr├╝ndern Mut machen und zeigen, wie sie auf direktem Weg gr├╝nden und die bestehenden Risiken durch gute Vorbereitung minimieren k├Ânnen.
Angestellte m├╝ssen sich klar machen: "Jobsicherheit" ist heute eine Fiktion. Selbst├Ąndige mit solider Kundenbasis genie├čen inzwischen mehr Sicherheit als die meisten Angestellten. Wer mit Ich-AG oder ├ťberbr├╝ckungsgeld gr├╝ndet, kann zudem vier Jahre lang in die Arbeitslosigkeit zur├╝ckkehren, falls die Gr├╝ndung scheitert - das gibt zus├Ątzliche Sicherheit und ist f├╝r viele ein wichtiger Aspekt der F├Ârderung.

Ilka Fleischer: Rund 1,07 Millionen der insgesamt 3,74 Millionen Selbst├Ąndigen in Deutschland sind Frauen. Zwischen 1993 und 2003 ist die Zahl der Unternehmerinnen um 28,9 Prozent angestiegen, w├Ąhrend der Anteil der selbst├Ąndigen M├Ąnner nur um 14,1 Prozent wuchs. Trotz des deutlichen Zuwachses ist die Selbst├Ąndigenquote bei Frauen mit 6,6 Prozent nur halb so hoch wie die der M├Ąnner und im internationalen Vergleich am niedrigsten. Worauf f├╝hren Sie das im wesentlichen zur├╝ck?
Dr. Andreas Lutz: Der konventionelle Weg in die Selbst├Ąndigkeit ist es, Berufserfahrung zu sammeln, Startkapital zu sparen und dann zu gr├╝nden. Vielen Frauen steht dieser klassische Weg nicht offen. Sie unterbrechen familienbedingt ihre Karriere und sind anschlie├čend aus beruflichen Netzwerken herausgerissen, konnten kein Eigenkapital aufbauen, sind h├Ąufig finanziell von ihren M├Ąnnern abh├Ąngig und m├╝ssen weiterhin den Hauptteil der Familienarbeit leisten.
Der Wiedereinstieg ins Berufsleben wird gerade in Deutschland auch dadurch erschwert, dass die Betreuungsangebote f├╝r Kinder v├Âllig unzureichend sind und an der beruflichen Realit├Ąt vorbeigehen. Nicht selten m├╝ssen attraktive Jobs abgelehnt werden, weil keine Tagesmutter verf├╝gbar ist. Das sieht in anderen L├Ąndern - zum Beispiel in Frankreich! - ganz anders aus.
F├╝r Frauen ist die Selbst├Ąndigkeit oft der einzige Weg, Familienarbeit und Beruf vereinbaren zu k├Ânnen. Von daher sollte die F├Ârderung der Selbst├Ąndigkeit bei Frauen ein besonderes politisches Anliegen sein.

Ilka Fleischer: Auf Ihrer Website prognostizieren Sie, dass im Jahre 2005 ca. 90.000 Gr├╝nder/innen mit ICH-AG F├Ârderung ausscheiden werden. Die hohe Abbrecherquote von ├╝ber 50% bei der ICH-AG in Relation zu ca. 30% bei den ├ťberbr├╝ckungsgeld-Gef├Ârderten f├╝hren Sie vor allem auf die geringeren Auflagen f├╝r die Vorbereitung der ICH-AG-Gr├╝nder/innen zur├╝ck. Im Hinblick auf unterschiedliche Gr├╝ndungsmentalit├Ąten von Frauen und M├Ąnnern wird betont, dass sich Frauen grunds├Ątzlich besser vorbereiten und dezidiertere Konzepte entwickeln als M├Ąnner. Haben Sie vor diesem Hintergrund auch eine geschlechtsspezifische Prognose entwickelt?
Dr. Andreas Lutz: Leider stellt die Bundesagentur in Hinblick auf die Existenzgr├╝ndungsf├Ârderung keine geschlechtsspezifischen Daten zur Verf├╝gung, so dass wir den Effekt besserer Vorbereitung bei Frauen nicht empirisch nachweisen k├Ânnen.
Ich halte es aber f├╝r plausibel, dass Frauen eine signifikant h├Âhere Erfolgsquote aufweisen. Neben der Erstellung eines soliden Businessplans spielt dabei auch eine wichtige Rolle, dass Frauen sich zunehmend untereinander vernetzen und sich so von den m├Ąnnerdominierten klassischen Netzwerken ein St├╝ck weit unabh├Ąngig machen. Der Aufbau eines pers├Ânlichen Unterst├╝tzungsnetzwerks ist ein nicht zu untersch├Ątzender Erfolgsfaktor.



Ilka Fleischer: 59,1 Prozent der Gr├╝nderinnen geben an, ohne F├Ârdermittel nicht gegr├╝ndet zu haben. Die Entscheidung zwischen ICH-AG- und ├ťberbr├╝ckungsgeldf├Ârderung h├Ąngt dabei vor allem von der H├Âhe des Arbeitslosengeldes ab. Die ├ťberbr├╝ckungsgeldf├Ârderung lohnt sich in der Regel nur bei einem relativ hohen Arbeitslosengeld. Da Frauen im Durchschnitt ein rund 29 Prozent niedrigeres Arbeitslosengeld erhalten, gibt es f├╝r viele keine lange Qual der Wahl: Fast jede zweite ICH-AG wird von einer Frau gegr├╝ndet, w├Ąhrend bei den ├ťberbr├╝ckungsgeldempf├Ąngern M├Ąnner mit 71,4 Prozent klar dominieren. Die CDU hat angek├╝ndigt, im Falle der Regierungs├╝bernahme die ICH-AG zu streichen. L├Ąuft die f├╝r Frauen in Deutschland ohnehin seichtere Gr├╝ndungswelle dadurch Gefahr zu verebben?


Hier geht┬┤s zum 2. Teil des E-Interviews...

Women + Work Beitrag vom 14.07.2005 Ilka Fleischer 





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