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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.09.2014

Defne Sahin und Efrat Alony
Defne Sahin u. Efrat Alony

Die beiden Musikerinnen haben viel gemeinsam: Beide haben Jazz studiert, beide singen und komponieren, beide pendeln zwischen Berlin und anderen St├Ądten. Und im Gespr├Ąch in der AVIVA-Redaktion...



... stellten sich noch weitere Gemeinsamkeiten heraus.




"Ah ja, ist ja nett, dass du noch raus darfst"

Efrat Alony:

Du bist in Berlin geboren und aufgewachsen, hattest aber l├Ąngere Aufenthalte in Spanien und in Brasilien. Kannst du ein bisschen davon erz├Ąhlen?

Defne Sahin:
Im Studium war ich ein Semester in Barcelona und drei Monate in Brasilien. Da habe ich in einem Sozialkinderprojekt in einer Favela gearbeitet. Ich habe Musik unterrichtet, Percussion und Chor, und einen Schwesternchor geleitet.

Efrat Alony:
Ich sehe offensichtlich nicht deutsch aus und werde oft daraufhin angesprochen, werde auch oft als T├╝rkin wahrgenommen. Es gibt bestimmte Bezirke, wo ich mich wohlf├╝hle, wie in Kreuzberg, und andere Bezirke, wo ich heraussteche. F├╝hlst du dich in einem Land wie Brasilien besser, wo du nicht so auff├Ąllst? Oder ist das ├╝berhaupt kein Thema f├╝r dich?

Defne Sahin:
Das ist f├╝r mich ein gro├čes Thema. In Brasilien hatte ich rein optisch den Vorteil, dass ich nicht aufgefallen bin, bis ich gesprochen habe. In Berlin ÔÇŽ ich verstehe, was du sagst, dass man in verschiedenen Vierteln unterschiedlich wahrgenommen wird oder auch in verschiedenen sozialen Kreisen. Auch in der Musikszene. Als ich an der UDK angefangen habe, war da nur ein anderer T├╝rke. Mittlerweile ist es total international. Aber um auf den Punkt zu kommen, gerade weil ich auch T├╝rkin bin, werde ich auch mit allen Klischees konfrontiert, vor allem von Leuten, die nicht in Berlin gro├č geworden sind. Also aus Nord- oder S├╝ddeutschland. Die sagen dann: "Ah ja, ist ja nett, dass du noch raus darfst", oder ob ich denn auch Br├╝der h├Ątte. Das hatte ich schon mehrmals, Konversationen dar├╝ber, dass man als t├╝rkische Frau ja unterdr├╝ckt wird und wie ich damit zurechtkomme.

Efrat Alony:
Und wahrscheinlich denken sie, sie tun dir was Gutes, nicht?

Defne Sahin:
Genau! Ich bekomme auch oft mit, dass die Leute sagen: "Oh, T├╝rkin. Das h├Ątte ich jetzt bei dir ├╝berhaupt nicht gedacht." Dann ist das immer als Kompliment gemeint. Da muss ich mich freuen...

Efrat Alony:
Aber eigentlich ist es eine totale Beleidigung. Das kenne ich auch. Empfindest du das als reine Ignoranz, die du ignorieren kannst? Oder besch├Ąftigt dich das sehr?

Defne Sahin:
Ich kann mich weder ganz mit der T├╝rkei noch ganz mit Deutschland identifizieren. Und ich habe nie das Bed├╝rfnis danach gehabt. Deswegen trifft es mich pers├Ânlich nicht. Aber ich versuche in solchen Gespr├Ąchen schon zu erkl├Ąren, dass es auch Unterschiede zwischen t├╝rkischen Familien gibt. Dann erz├Ąhle ich einfach pers├Ânliche Dinge von mir, wei├č aber auch meistens, dass die Kommunikation mit der Person auch nicht weiter f├╝r mich interessant ist.

Efrat Alony:
Hast du w├Ąhrend deines Aufenthalts in New York auch solche Reaktionen bekommen?

Defne Sahin:
In New York gar nicht. Deswegen gef├Ąllt es mir dort auch so gut. Hier wird mir meistens so begegnet, dass die Leute fragen: "Ah, Defne. Ja, woher kommst du denn?" - "Aus Berlin." - "Ja und woher kommst du eigentlich? Was machst du hier? Wie lange bist du hier?" Diese ganzen Fragen: "Was willst du hier? Hast du eine Berechtigung hier zu sein?"
Das sind Sachen, die kommen in Amerika nicht vor. Wenn ich in Amerika Leute kennen lerne, dann hei├čt es immer: "Ah ja, super. Wie hei├čt du? Was machst du?" Oder dann ist vielleicht die vierte oder f├╝nfte Frage: "Woher kommst du?" Aber hier steht es immer gleich an erster oder zweiter Stelle...
Und wann bist du hier hergekommen? Erz├Ąhl mal ein bisschen von dir.

"Viele Leute wissen zwar, dass `was ganz Schlimmes` passiert ist, aber sie wissen nichts ├╝ber die j├╝dische Kultur."

Efrat Alony:

Ich habe in Israel und am Berklee College of Music in Boston studiert, dann bin ich um 1997 nach Berlin gekommen. Das war damals in Israel noch ein gro├čes Tabu, Berlin war eine absolute No-Go City. (lacht) Mittlerweile wohnen sehr viele Israelis hier, die Stadt wird durch die israelischen Medien total gehyped. Aber als ich kam, war hier wirklich niemand. Ich war die einzige Israelin an der ganzen Hochschule "Hanns Eisler". Und viele Deutsche hatten wahrscheinlich in ihrem Leben noch nie bewusst eine j├╝dische Person getroffen.

Im Gegensatz dazu sind die j├╝dische Kultur und j├╝dische Rituale in der amerikanischen Kultur sehr verankert. Hier in Deutschland, wo nach dem Krieg sehr wenige J├╝dinnen und Juden ├╝briggeblieben sind, ist es ├╝berhaupt nicht pr├Ąsent. Viele Leute wissen zwar, dass "was ganz Schlimmes" passiert ist, aber sie wissen nichts ├╝ber die j├╝dische Kultur. In New York kannst du sagen, ich komme heute nicht zur Arbeit, weil Rosch ha-Schana ist und jede_r wei├č, was das hei├čt.

Am Anfang habe ich wirklich nicht gedacht, dass ich hier so lange bleiben w├╝rde. Die Jazzabteilung der Hanns-Eisler-Hochschule war damals in der Wilhelmstra├če, in demselben Geb├Ąude, in dem G├Âring sa├č. Jeden Tag, wenn du zur Schule gingst, warst du mit dieser unfassbaren Geschichte der Stadt konfrontiert.

Du sagst, es gibt bei euch negative Vorurteile. Ich hab manchmal das Gef├╝hl, bei uns ist es umgekehrt, mit ├╝berpositiven Vorurteilen, wie zum Beispiel, dass alle Juden total klug sind oder so ein Quatsch, wo du dann auch mal kurz sagen musst: "Hey, stopp, lass uns mal kurz die Sache kl├Ąren."

Die Leute sind auch neugierig, sie wollen wissen, was es eigentlich bedeutet, J├╝din zu sein und wie ich dazu stehe, wie viele Leute ├╝berhaupt in Israel wirklich religi├Âs oder s├Ąkular sind. Denn hier bekommt man ├╝ber die Medien haupts├Ąchlich den Krieg mit und sehr wenig vom Alltag. Deswegen interessiert es mich wirklich, wie es f├╝r dich ist, als eine, die hier aufgewachsen ist. Ich kann als Ausl├Ąnderin wahrgenommen werden, aber ich bin es wirklich, und du bist es nicht, du bist hier geboren, und das ist dein Zuhause. Wie f├╝hlt es sich an, wenn das jemand hinterfragt? Und besch├Ąftigen dich diese Themen auch in der Musik?

"Wenn ich auf Hebr├Ąisch singe, klingt meine Stimme anders"

Defne Sahin:

Ja, das ist schon gemein.
Eigentlich ist das nicht der Plan gewesen, aber ich habe gerade mein erstes Album zu t├╝rkischer Lyrik gemacht. Dieser Prozess war eigentlich eher organisch und ungeplant. Es hat mir Spa├č gemacht, Lieder zu t├╝rkischen Texten zu komponieren, und es hat auch andere Kl├Ąnge hervorgerufen, einfach durch die Sprache, die ich aus meinem Elternhaus kannte.

Efrat Alony:
Wie alt waren deine Eltern, als sie nach Deutschland gekommen sind?

Defne Sahin:
So um die Zwanzig. Sie sind LehrerInnen und haben in der T├╝rkei Germanistik studiert. Meine Gro├čeltern sind als GastarbeiterInnen hier hergekommen. Sie haben ihre Kinder in der T├╝rkei die Schule zu Ende machen lassen, und die kamen dann nach. All meine Onkel und Tanten sind hier. Ich komme aus einer Gastarbeiterfamilie, nur dass meine Eltern studiert haben. Viele Gastarbeiterfamilien haben ihren Betrieb, ihre B├Ąckerei. Da wird dann damit assoziiert. "Okay, du kommst aus einer Gem├╝sefamilie." Hab ich auch schon geh├Ârt.

Efrat Alony:
Als ich nach Deutschland kam, hatte ich das Gef├╝hl, ich musste sehr repr├Ąsentativ sein, wie eine Botschafterin von Israel: Ein bisschen Geschichte erkl├Ąren, die politische Situation erkl├Ąren. Das sch├Âne Gesicht zeigen von etwas, was sie ├╝berhaupt nicht verstehen und nicht kennen. Hast du auch das Gef├╝hl, gerade in der Jazzszene, dass du etwas repr├Ąsentierst, was gr├Â├čer ist als du selber?

Defne Sahin:
Eigentlich nicht, weil das T├╝rkischsein in Deutschland nicht so fremd ist. Vielleicht auch deshalb nicht, weil ich eine Selbstverst├Ąndlichkeit daf├╝r habe, wer ich bin und das nicht erkl├Ąren will. Andererseits waren, als ich mit dem t├╝rkischen Projekt angefangen habe, alle Fragen der Presse dahin gerichtet, wie ich mich hier denn f├╝hle. Und das konnte ich dann auch nicht ├╝bel nehmen.

Efrat Alony:
Aber das ist ja auch ein Teil der Identit├Ąt. Das ist ja gerade in der Musik ein sehr wichtiges Thema. Die allererste Platte, die ich hier rausgebracht habe, hatte mehrere St├╝cke auf Hebr├Ąisch, was hier ziemlich unerh├Ârt war. Ich bin mit der Kultur und mit der Sprache aufgewachsen. Ich kann mich ja nicht zu einem wei├čen St├╝ck Papier machen, nur weil ich gerade woanders lebe. Gerade beim Gesang, der etwas sehr Assoziatives ist: Jedes Mal, wenn ich auf Hebr├Ąisch singe, er├Âffnen sich noch tausend andere Schichten, weil die Worte f├╝r mich viel aufgeladener sind. Wenn ich zum Beispiel Ima sage, was Mutter auf Hebr├Ąisch hei├čt, dann kommen tausende Assoziationen, weil ich meine ganze Kindheit so verbracht habe.
Wenn ich auf Hebr├Ąisch singe, klingt meine Stimme anders. Es ber├╝hrt mich mehr.

Defne Sahin:
Und schreibst du noch hebr├Ąische Texte?

Efrat Alony:
Ja, ich schreibe viele, und ich vertone auch Gedichte von israelischen DichterInnen. Am Sonntag spiele ich im J├╝dischen Museum. Auf Hebr├Ąisch im J├╝dischen Museum von Berlin zu singen, das ist schon etwas sehr Kraftvolles.

Defne Sahin:
Ich habe ├╝brigens dein "Silent Seekers" gesungen. Finde ich super sch├Ân. Das habe ich mit der Bigband gesungen.

Efrat Alony:
Ah, du warst das. (beide lachen)
Es ist sch├Ân, dass du das gesungen hast, das ist toll. Ich wei├č nicht, wie tief du in den Text eingetaucht bist. Der Refrain ist: "And all that I want now is you by my side". Eigentlich w├Ąre es alles so einfach. Aber die Menschen wollen sich an Kategorisierungen festhalten, statt sich gegenseitig zu verstehen.

Wie ist es f├╝r dich am besten, wenn man das Thema Religion anschneidet? Wie definierst du dich?

"Ich fand das irgendwie interessant, die Bibel zu lesen"

Defne Sahin:

Ich bin ├╝berhaupt nicht religi├Âs und bin auch gar nicht religi├Âs erzogen worden. Ich war auf einer deutschen Schule, da bin ich sogar in den Religionsunterricht gegangen, weil alle meine FreundInnen dort waren ... ich fand das irgendwie interessant, die Bibel zu lesen. An Weihnachten haben wir immer ein bisschen zu Hause gefeiert, Heiligabend gibt┬┤s bei uns.
Gerade f├╝r Kinder wird das oft einfach gemacht. Dann kauft man einen Baum oder einen Kranz und schenkt sich was. In der T├╝rkei ist eigentlich Silvester das richtig gro├če Fest, wo man sich auch beschenkt. Und mittlerweile stellen sich die T├╝rkInnen an Silvester auch einen Plastikbaum hin. Und nennen es dann "Christmas".

Efrat Alony:
Das gibt es ja auch in Amerika bei vielen j├╝dischen Familien. Wie nennen die das? Christnika, also Chanukka und Christmas oder ├Ąhnlich. Ich bin J├╝din und f├╝hle mich auch als J├╝din, aber ich bin Atheistin. Das ist f├╝r mich einfach ein kulturelles Erbe oder meine Identit├Ąt, ohne jetzt religi├Âs zu sein.
Und wie ist das, wenn du in der T├╝rkei bist, wie wird dann wahrgenommen, dass die Familie hier ist? Heute ist es nicht mehr so, aber in den achtziger Jahren wurden in Israel die Leute, die ausgewandert sind, als der letzte Dreck wahrgenommen. Das machte man einfach nicht.

Defne Sahin:
Es war wie ein Verrat.

Efrat Alony:
Ja wirklich. Man l├Ąsst sein Volk nicht h├Ąngen. Und jetzt ist das nat├╝rlich nicht mehr der Fall, aber wie wird das in der T├╝rkei wahrgenommen?

Berlin ist Heimat



Defne Sahin:

Es gibt einen Begriff daf├╝r, das bedeutet so viel wie "Deutschl├Ąnder". Es gibt eine riesige Community der R├╝ckkehrerInnen. ├ältere, aber auch junge Leute, die hier studiert haben und die dann zum Arbeiten in die T├╝rkei gehen. Aus pers├Ânlichen F├Ąllen wei├č ich, dass viele hier bei der Jobsuche Schwierigkeiten erfahren. Wir beide machen Kunst. Wir sind exotisch, das ist dann irgendwie cooler. Aber ich glaube, im Arbeitsleben ist es immer noch ein Hindernis, einen ausl├Ąndischen Namen zu haben. Das ist dann in der T├╝rkei, glaube ich, einfacher.
Und nat├╝rlich haben sie dann Schwierigkeiten, sich wieder in der t├╝rkischen Kultur und Sprache zurechtzufinden. Ich hatte das auch, ich bin ein Jahr lang zwischen Berlin und Istanbul gependelt. Sprachlich falle ich dort nat├╝rlich total auf, und es ist sozial nicht meine Heimat. Ich habe da ja nie gewohnt.

Efrat Alony:
Aber Deutschland ist auch keine Heimat?

Defne Sahin:
Berlin, ja. Zum Gl├╝ck.

Efrat Alony:
Ich finde es wirklich hart, dass man sich in der eigenen Heimat unwohl f├╝hlt. Ich glaube noch nicht einmal, dass man unwillkommen ist, jetzt mit der Ausnahme von Idioten. Ich glaube, dass es manche Menschen wirklich einfach nicht wissen, einfach Ignoranz.

Defne Sahin:
Aber ich meine, es gibt schon viele von den Idioten. Wenn ich nach Brandenburg fahre ÔÇŽ es ist nicht sch├Ân. Zum Beispiel hatten wir am Wochenende einen kleinen Ausflug, da ist nichts passiert, aber schon allein die Art, wie man angeschaut wird , wie jemand Fremdes. Man wird beobachtet, wie im Kino, ohne Scham. (lacht) So ein Gef├╝hl ist das dann, wo man denkt: "Einatmen."

Efrat Alony:
Ja, das geht mir auch so. Manchmal denke ich einfach, ich bin paranoid. Ich war neulich in der N├Ąhe von Dessau und bin ein bisschen an der Elbe spazieren gegangen. Da ist mir auch aufgefallen, wie wenig repr├Ąsentativ Berlin ist, vor allem Kreuzberg. Es war kurz vor einer Wahl, und es hingen nur NPD-Plakate und die f├╝r die Alternative f├╝r Deutschland. Dann denkt man: "Es ist gut, dass ich hier nicht wohne", weil man dort ein ganz anderes Leben f├╝hren w├╝rde, anders als in Berlin, wo man sich so wohl und frei f├╝hlt. Ich habe ja keine Angst meine Gedanken zu ├Ąu├čern und auch keine Angst, als Nicht-Deutsche wahrgenommen zu werden. Es manchmal nicht angenehm, aber ich habe keine existenzielle Angst, dass mir was passieren k├Ânnte. Und ich glaube, an anderen Orten in Deutschland ist das tats├Ąchlich anders.

Defne Sahin:
Und wie ist es in Bern?

Efrat Alony:
Als ich nach Bern kam, ich war zwei Jahre lang Gastprofessorin, bevor ich die Stelle fest bekommen habe, war ich bei sehr ├╝berrascht, wie viele AfrikanerInnen da waren. Das habe ich nicht so erwartet, und ich f├╝hlte mich automatisch weniger wie ein Alien.
In den letzten Jahren gab es aber ein paar Punkte, an denen ich mich direkt angegriffen gef├╝hlt habe, obwohl es mit mir nichts zu tun hatte. Du denkst dir: Once Ausl├Ąnder, always Ausl├Ąnder, wei├čt du?

Der eine Punkt ist das Minarettverbot. Ich glaube, es gab in der ganzen Schweiz vier Moscheen mit Minaretten, und trotzdem wollten sie ein Verbot aussprechen, weil es sie so gest├Ârt hat. Wenn etwas gegen Deutsch-T├╝rkInnen gesagt wird, ist es f├╝r mich genauso, als ob es gegen Israelis oder Nicht-Deutsche ausgesprochen w├╝rde. Da sehe ich keinen Unterschied.
Und dann gab es das Referendum darum, dass jeder Ausl├Ąnder, auch jemand, der mittlerweile schon einen Schweizer Pass bekommen hat, wenn er oder sie kriminell wird, den Schweizer Pass verlieren k├Ânnte und wieder zur├╝ck in das Ursprungsland geschickt werden k├Ânnte.

Wenn sie sich benehmen, dann d├╝rfen sie hier bleiben. Das hei├čt immer, eigentlich geh├Ârst du nicht hier hin. Ich sage immer: I'm gonna love you only when you behave like I want you to. Das sind Sachen, die mich nicht wirklich direkt betreffen, weil ich nicht da wohne. Und ich habe nach siebzehn Jahren in Deutschland immer noch meinen israelischen Pass. Ich m├╝sste meinen israelischen abgeben, um den deutschen zu bekommen. Weil ich das Gef├╝hl habe, ich bleibe hier trotzdem eine Ausl├Ąnderin, dann m├Âchte ich auch die ausl├Ąndischen Papiere behalten. Das ist genauso, wie du jetzt deinen Namen nicht zu Barbara M├╝ller ├Ąndern w├╝rdest, nur weil es dann vielleicht einfacher ist, einen Job zu bekommen.

Wie ist es bei dir, f├╝hlst du dich im Gro├čen und Ganzen in Berlin akzeptiert, oder wie du vorhin gesagt hast, in New York auf jeden Fall mehr?

Defne Sahin:
Im Grunde genommen akzeptiert mich ja New York auch nicht. Also vom Visum her. Da kann man, so nett wie man m├Âchte, miteinander umgehen in der Stadt, aber ich habe immer ein Visumsproblem, und das wissen auch die AmerikanerInnen. Die fragen dann auch: "Jetzt wo du nicht mehr studierst, was machst du? Heiratest du?" Solche Fragen.
Ich glaube, vom Lebensstil her geh├Âre ich eher nach Berlin. Aber im Moment finde ich es in New York spannender.
Ich habe das Gef├╝hl, dass die MusikerInnen in New York offener sind, verschiedene Kompositionen zu spielen und nicht sagen: "Ah, das ist nicht so ganz mein Ding".

Efrat Alony:
F├╝r mich hat es immer funktioniert, wenn ich in New York war und empfunden habe, dass sie es unheimlich sch├Ątzen, wenn man selber komponiert. Es gibt einen gro├čen Respekt davor, was es in Berlin gar nicht gibt, weil das hier alle machen.

Wer erlaubt, dass das Gras hier so gr├╝n ist?

Defne Sahin:

Hast du in Berklee auch Jazz studiert?

Efrat Alony:
Ja, genau. Mich hat es interessiert, andere Leute, andere Kulturen kennen zu lernen, eine andere Sprache und vor allem ├╝ber sich zu lernen, zu lernen, wie man sich in einer anderen Kultur verh├Ąlt und positioniert. Es ist sehr einfach, du selbst zu sein, wenn du da bist, wo du dich wohlf├╝hlst. Aber wenn du dich erst zurechtfinden musst, dich darstellen musst, da passieren ganz andere Sachen.

Als ich in Berklee war, war eine Sache f├╝r mich interessant: Es gibt da nat├╝rlich mehr Menschen mit j├╝discher Herkunft, aber trotzdem bist du eine Minderheit. Und da wollte ich pl├Âtzlich zur Synagoge gehen, was ich in meinem ganzen Leben zwei Mal gemacht habe. Man versucht sich irgendwie zu definieren, wenn man in einer ganz neuen Umgebung ist. Dann habe ich festgestellt, das interessiert mich zwar, aber ich bin trotzdem nicht religi├Âs, es ist f├╝r mich nicht die L├Âsung.

In Berklee habe ich Mark kennen gelernt, einen Pianisten, der hier in Berlin studiert hat. Und das war ein Grund nach Berlin zu kommen, aber das war mit sehr vielen Ber├╝hrungs├Ąngsten verbunden. Die Sprache hat bei mir keine guten Assoziationen hervorgerufen. Verst├Ąndlicherweise.
Ich wei├č auch noch, die ersten Besuche in Berlin waren ... es waren jedes Mal Kleinigkeiten. Wie kann es sein, dass das Gras so gr├╝n ist? Wer erlaubt, dass das Gras hier so gr├╝n ist? Es war so aufgeladen. Ein Ort, an dem so viel Schlimmes passiert ist, und dass es einfach nicht zu sehen ist. Es ist alles weg, verwischt. Es hat in der Natur keine Zeichen hinterlassen. Das fand ich am Anfang total krass.

Aber es sind tolle M├Âglichkeiten, die ich in Berlin habe. Ich habe wirklich das Privileg, mich mit etwas zu besch├Ąftigen, was mich interessiert, Wissen und Erfahrung an junge Leute, weiter zu geben, jeden Tag neue Sachen zu lernen.

Und es ist interessant zu merken, wie man durch Gespr├Ąche die Augen von Leuten ├Âffnen kann. Man hat die M├Âglichkeit, Menschen zum Denken anzuregen und mit Sachen zu konfrontieren, die nicht so angenehm sind, die sie dann zwingen, ein bisschen mehr zu ├╝berlegen, wie sie ihr Leben gestalten. Ich finde es eine tolle M├Âglichkeit, das zu machen, because they have to sit there and listen to what you have to tell.

Biografien

Efrat Alony wurde 1975 als Tochter irakisch-j├╝discher EinwanderInnen in Haifa geboren. Sie studierte in Israel, in den USA und in Deutschland Komposition, Arrangement, Jazz- und klassischen Gesang. Neben ihrer Gesangs- und Kompositionst├Ątigkeit arbeitete sie als musikalische Leiterin und Vokaltrainerin f├╝r verschiedene Theaterproduktionen (u.a. in Zusammenarbeit mit Robert Wilson) sowie als Gesangslehrerin und Chorleiterin. Seit 2009 unterrichtet sie Jazzgesang an der Hochschule der K├╝nste in Bern. 1998 gr├╝ndete sie das Efrat Alony Quartet. Aus dem "Efrat Alony Quartet" wurde 2005 in neuer Besetzung "alony". Ihr wurde der Musikautorenpreis 2014 der GEMA Stiftung in der Kategorie Jazz verliehen.



CDs

A Kit for Mending Thoughts
, (2012)



Dismantling Dreams, 2008


Efrat Alony im Netz: www.alony.de

Defne Sahin wuchs in Berlin auf und studierte an der Universit├Ąt der K├╝nste Berlin und der Escola Superior de Musica Barcelona Jazz-Gesang. Sie f├╝hlt sich in Jazz, Bossa Nova, Pop und in der mediterranen Volksmusik gleicherma├čen zu Hause. Ihr Deb├╝t-Album "Yasamak - to live with the words of N├óz├Żm Hikmet" wurde in der renommierten Reihe Jazz Thing Next Generation (Double Moon Records) und in der T├╝rkei (Kalan M├╝zik) ver├Âffentlicht. Sie lebt in New York und Berlin. Im Mai 2014 hat sie den Master of Vocal Jazz Performance an der Manhattan School of Music bei Theo Bleckmann, Gretchen Parlato und Phil Markowitz abgeschlossen. F├╝r dieses Studium erhielt sie Stipendien des DAAD, der Heinrich-B├Âll-Stiftung und der Manhattan School of Music.




CD
Yasamak ÔÇô to live with the words of Nazim Hikmet
, (2011)



Defne Sahin im Netz: www.defnesahin.com


Copyright Fotos von Defne Sahin und Efrat Alony: Sharon Adler






"Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf" wird gef├Ârdert durch:




Kooperationspartner




Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit Efrat Alony (2012)

Rezension zum Album "Dismantling Dreams"

Lokale Geschichte(n) Friedrichshain-Kreuzberg (2013)

"J├╝dische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" (2012)

Women + Work Beitrag vom 10.09.2014 AVIVA-Redaktion 





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