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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 01.05.2006

Ute Wieland im Interview
Tatjana Zilg

Mit FC Venus schickt die Regisseurin eine provokante Kom├Âdie ├╝ber Fu├čball und Beziehungskonflikte in die deutschen Kinos. Mit AVIVA-Berlin sprach sie ├╝ber Hintergr├╝nde und neue Projekte.



Beim Filmfestival in Cannes 2004 bekam der Produzent Ralph Schwingel ein Drehbuch vorgelegt, dessen Plot ihn sofort neugierig machte. Urspr├╝nglich wollte sein finnischer Kollege Jarkko Hentula ihn f├╝r eine Co-Produktion gewinnen, aber der W├ťSTE Film-Mitbegr├╝nder zog eine eigene Adaption des Drehbuchs vor: So wurde "FC Venus" zum ersten und bisher einzigen "Instant Remake" der Filmgeschichte.

Als Regisseurin gewann er Ute Wieland. Sie studierte an der Ludwig-Maximilians-Universit├Ąt in M├╝nchen Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaften, und absolvierte anschlie├čend ein Regiestudium an der HFF M├╝nchen. Seit 1986 ist sie als Regisseurin und Autorin t├Ątig. F├╝r ihr Kinodeb├╝t "Im Jahr der Schildkr├Âte" wurde sie 1989 f├╝r den Bundesfilmpreis nominiert.

AVIVA-Berlin: Was waren Ihre Gedanken, als Sie das Drehbuch zu FC Venus zum ersten Mal in den H├Ąnden hielten? Hat Sie die Story sofort gepackt?
Ute Wieland: Ich fand die Story sofort ganz toll. Ich bin selbst ein Fu├čballfan und habe mir schon lange gew├╝nscht, dass ich dar├╝ber einen Film machen darf. Ich finde, dass jeder gute Sportfilm nicht nur ├╝ber den Sport erz├Ąhlt, sondern ein Ausdruck f├╝r einen anderen menschlichen Konflikt ist. Bei uns ist es der Kampf der Geschlechter ├╝bertragen auf das Fu├čballfeld.

AVIVA-Berlin: Wie w├╝rden Sie die Beziehung zwischen Anna und Paul beschreiben? Sie wirken ja einerseits sehr modern, als g├Ąbe es keine Schwierigkeiten mehr wegen der Geschlechterrollen und dann ├╝berrumpelt Paul Anna mit seiner R├╝ckkehr zu Eintracht Imma 95.
Ute Wieland: Am Anfang scheint es eine typische Beziehung zwischen einem jungen Paar zu sein. Beide haben einen Beruf, in dem sie zufrieden sind: Er ist Steuerberater, sie angehende Bauingenieurin. Aber dann lockt er sie auf das Land in die Kleinstadt, aus der er urspr├╝nglich stammt. Sie tut das ihm zuliebe, in der Hoffnung, dass sie dort auch als Bauingenieurin arbeiten kann. Dann stellt sich heraus, dass sein Grund kein beruflicher war: Er hat nur vorget├Ąuscht, dass er eine einmalige Chance darin sah, sich mit seinem Freund als Steuerberaterb├╝ro selbstst├Ąndig zu machen. In Wirklichkeit wollte er der Fu├čball-Amateurmannschaft zur Hilfe eilen, weil dort ein Mann ausgefallen ist. Das ist der Grundkonflikt, der in der Beziehung aufbricht, die am Anfang so gl├╝cklich und harmonisch schien, die aber auf Illusion und L├╝gen aufgebaut ist. Jeder zeigte sich dem Partner so, wie er gesehen werden wollte. Ganz wichtige Dinge wurden verschwiegen. Als er sie kennen lernte, spielte Fu├čball eine gro├če Rolle in seinem Leben. Er hat es ihr verheimlicht, weil er mitbekommen hat, dass sie Fu├čball hasst. Und sie hat ihn verschwiegen, welche gro├če Rolle Fu├čball in ihrer Kindheit und Jugend gespielt hat. Sie hat ihm nie erz├Ąhlt, warum sie Fu├čball so hasst, hat ihm L├╝gen ├╝ber ihre Eltern erz├Ąhlt. Das bricht alles hervor. Am Ende des Filmes finden sie einen Weg, ehrlicher miteinander umzugehen.

AVIVA-Berlin: Die Beziehungen der Frauen, die schon lange in Imma leben, sind weniger gleichberechtigt. Erst durch die Eroberung des Lieblingssports der M├Ąnner gelingt ihnen ein selbstbewussteres Auftreten. Besonders Steffen f├Ąllt es schwer, die Ver├Ąnderung von Katja zu akzeptieren.
Ute Wieland: Katja und Steffen sind ein klassisches P├Ąrchen, gepr├Ągt von ihrer l├Ąndlichen Umgebung. Er ist Steuerberater, sie ist sehr sch├╝chtern. Er m├Âchte nicht, dass sie arbeitet, denn er findet, sie haben das nicht n├Âtig. Im Laufe der Geschichte bekommt sie immer mehr Selbstbewusstsein und findet einen Weg aus ihrer Sch├╝chternheit.

AVIVA-Berlin: Wie ver├Ąndert der Fu├čball das Alltagsleben der Frauen im Film?
Ute Wieland: Am Anfang haben die Frauen nicht viel gemeinsam. Einmal die Woche treffen sie sich mehr oder weniger gezwungenerma├čen, wenn die M├Ąnner ein Spiel mit einer anderen Mannschaft austragen. In dem Moment, wo die Frauen die Wette eingehen, dass sie ein Spiel gegen die M├Ąnner gewinnen werden, wachsen sie selbst als Mannschaft zusammen. Es entstehen Freundschaften und sie finden zu Inhalten, die nicht nur ├╝ber die M├Ąnner definiert werden. Sie entdecken nicht nur das Spiel f├╝r sich, sondern auch die Freundschaft und den Teamgeist.

AVIVA-Berlin: Haben Sie den finnischen "FC Venus" bereits gesehen? Was haben die Finnen anders gemacht?
Ute Wieland: Der finnische Film ist fertig, ich habe ihn noch nicht gesehen, weil ich bis vor zwei Wochen in der Produktion von meinen Film steckte. Ich wollte gedanklich frei sein und mich nicht vergleichen. Ich werde ihn mir aber sicher anschauen. Ich kenne das Drehbuch. Die Finnen haben mehr Gewicht auf die romantische Liebesgeschichte gelegt, weil sie gesagt haben, Fu├čball ist bei uns nicht Volkssport Nummer Eins. Es geht dort mehr um eine Dreiecksbeziehung, eine Frau zwischen zwei M├Ąnnern.
Unser Ansatz war zu erz├Ąhlen, wie die Frauen gemeinsam ein Begeisterung f├╝r das Spiel entwickeln und dadurch zu einer Freundschaft finden. Daneben gibt es auch die romantische Liebesgeschichte zwischen den beiden HauptprotagonistInnen, die aber nicht im Mittelpunkt steht.

AVIVA-Berlin: Der Film ist gepr├Ągt von einem sehr lebendigen Humor und messerscharfen Pointen. Was hat Sie besonders am Kom├Âdien-Genre gereizt?
Ute Wieland: Ich finde, in der Kom├Âdie kann man sich viel mehr trauen als in Dramen, wenn man an die Grenzen gehen m├Âchte. Billy Wilder hat gesagt, wenn du den Leuten die Wahrheit sagen willst, musst du sie zum Lachen bringen.
Der Film konfrontiert Frauen und M├Ąnner mit den eigenen Schw├Ąchen. Das wird besser angenommen, wenn es mit einer komischen Situation verbunden ist.
Wenn das in einem Drama oder in einem anderen Genre passiert, f├╝hlen sich die Zuschauer leicht belehrt. Wenn ├╝ber den eigenen Konflikt oder ein Verhalten, in dem man sich wiedererkennt, gelacht werden kann, wirkt das viel charmanter.

AVIVA-Berlin: Sind Sie selbst ein sportlicher Typ? W├╝rden Sie privat ins Fu├čballstadion gehen?
Ute Wieland: Ich habe mich schon immer f├╝r Fu├čball interessiert. Mit den Jahren ist das weiter gewachsen. ├ähnlich wie mit Filmen habe ich mich auch mit Fu├čball besch├Ąftigt: Fu├čball ist auch immer ein Ensemble-St├╝ck. Manchmal ist er sogar spannender als ein Spielfilm, dessen Ende oft erahnbar ist, aber beim Sport ist alles m├Âglich. Es gibt so viele Fu├čballspiele, bei denen sich in der 90. Minute alles noch mal dreht, weil die Spieler ├╝ber sich hinauswachsen. Unter diesem Aspekt wurde mein Interesse f├╝r Fu├čball immer gr├Â├čer und je mehr ich dar├╝ber erfuhr, um so interessanter wurde es. Ich komme aus Schwaben und habe von daher immer den VFB beobachtet. In Berlin hat mich ein Freund zu einem Spiel von FC Union mitgenommen und der kleine Verein aus K├Âpenick eroberte mein Herz. Seitdem bin ich Union Fan.

AVIVA-Berlin: Freuen Sie sich auf die WM?
Ute Wieland: Ja, ich habe auch kein Filmprojekt in der Zeit. Nat├╝rlich werde ich das alles verfolgen, mit Freunden gemeinsam ansehen und auch das eine oder andere Fu├čballfest veranstalten. Ich freue mich schon sehr darauf.

AVIVA-Berlin: Haben Sie schon ein n├Ąchstes Projekt ins Auge gefasst?
Ute Wieland: Mit der selben Produktionsfirma wie bei "FC Venus", W├╝STE Film, habe ich ein Projekt in Entwicklung. Etwas ganz anderes, einen Psychothriller. Da geht es um die Psychose einer Frau, die in eine Krimi-Handlung verstrickt wird.

AVIVA-Berlin: Gibt es ein Wunschprojekt, welches Sie irgendwann gern umsetzen w├╝rden?
Ute Wieland: Ja, es gibt ein Projekt, das ich vielleicht als ├╝bern├Ąchsten Film verwirklichen kann. Es ist ein relativ teures Projekt, da es historisch angelegt ist. Das Drehbuch ist angelehnt an die Lebensgeschichte meiner Mutter. Sie stammt von einem ehemals deutschen Ort am schwarzen Meer. Wenn das gelingen w├╝rde, k├Ânnte es ein europ├Ąisches "Vom Winde verweht" werden: Es werden Kriegswirren, politische Hintergr├╝nde und eine Liebesgeschichte erz├Ąhlt.

AVIVA-Berlin: Was schauen Sie sich zur Zeit im Kino an? Gibt es einen Lieblingsfilm?
Ute Wieland: Ich sehe mir die meisten deutschen Filme an. Ich finde, dass sie beim Publikum absolut untersch├Ątzt werden. In den letzten Jahren sind sie sehr interessant geworden. Ich bin ein gro├čer Fan von Andreas Dresen`s "Sommer vorm Balkon" und von Marc Rothemund`s "Sophie Scholl". Es gibt sehr viele gute Regisseure.
Aber ich gehe auch gerne in Filme wie "Ice Age 2", das habe ich mir neulich mit meiner Nichte angesehen. Da hatten wir sehr viel Spa├č.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg f├╝r alle zuk├╝nftigen Projekte!

Lesen Sie auch die Filmrezension zu "FC Venus".

Women + Work Beitrag vom 01.05.2006 AVIVA-Redaktion 





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